Agnes-Miegel-Straße

Die Straße liegt in der Nähe der evangelischen integrierten Gesamtschule (IGS), zwischen Westaue und Baggersee, ganz im Norden der Kernstadt. Die auf der Bundesstraße nach Klein Heidorn oder Steinhude Vorbeifahrenden bekommen sie nicht zu Gesicht, erst wenn man auf die Gerhart-Hauptmann-Straße abbiegt, würde man sie entdecken. Dort bildet die Agnes-Miegel-Straße eine Seitenstraße in einer ungewöhnlichen Y‑Form, führt also gleich in zwei Sackgassen. Sie ist eine reine Anwohnerstraße, hier stehen Einfamilienhäuser mit Gärten.

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Per­sön­lich­kei­ten im Stra­ßen­bild zu ehren ist seit jeher gän­gi­ge Pra­xis, dabei wird mitt­ler­wei­le aber auch dar­auf geach­tet, auch in die­sem Bereich für Gleich­be­rech­ti­gung zu sor­gen. Auf die Schil­der sol­len pri­mär die Namen von zu ehren­den Frau­en. So fin­det sich mitt­ler­wei­le auch im Wunstor­fer Stra­ßen­schil­der­wald die ein oder ande­re berühm­te Frau der Zeit­ge­schich­te mit beson­de­rer Bedeu­tung für Kul­tur oder Wis­sen­schaft. In Erman­ge­lung regio­nal bedeut­sa­mer weib­li­cher Per­sön­lich­kei­ten auch inter­na­tio­nal bekann­te Frau­en. So gibt es im Indus­trie­ge­biet neben der Lise-Meit­ner- auch eine Marie-Curie-Stra­ße. Doch tat­säch­lich exis­tiert in Wunstorf mit der Agnes-Mie­gel-Stra­ße auch eine Stra­ße, die nach einer Kul­tur­schaf­fen­den benannt ist, die nicht nur in Deutsch­land gro­ße Bekannt­heit erlang­te, son­dern auch einen unmit­tel­ba­ren regio­na­len Bezug zu Wunstorf und der Regi­on auf­weist.

Benannt ist sie nach einer Per­son, die vor allem auch in unse­rer Regi­on auch 42 Jah­re nach ihrem Tod umstrit­ten ist wie kaum eine ande­re: der Erzie­he­rin, Jour­na­lis­tin, Schrift­stel­le­rin und Dich­te­rin Agnes Mie­gel, die sich als ost­preu­ßi­sche Hei­mat- und Bal­la­den­dich­te­rin einen Namen mach­te. Die Poe­tin ist regio­nal vor allem in Bad Nenn­dorf ein The­ma, hier fand Mie­gel eine neue Hei­mat und hier leb­te sie bis zu ihrem Tod 1964, nach­dem sie bei Kriegs­en­de 1945 aus Ost­preu­ßen geflüch­tet war. Euro­pa­weit wird sie als ost­preu­ßi­sche Lyri­ke­rin geschätzt, in Deutsch­land ist sie zudem eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur der Hei­mat­ver­trie­be­nen. Der Grund für die Kon­tro­ver­se ist Mie­gels Nähe zum Natio­nal­so­zia­lis­mus.

Nazi-Dichterin? Heimat-Poetin? Begnadete Lyrikerin?

Mie­gel gilt unge­ach­tet des Streits um ihr Wir­ken in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus als eine der größ­ten Bal­la­den­dich­te­rin­nen der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur, in der Tra­di­ti­on von Goe­the und Schil­ler. Mie­gels Werk umfasst zahl­rei­che Bal­la­den, Gedich­te und Erzäh­lun­gen, die sich bevor­zugt mit hei­mat­li­chen und Natur-Moti­ven beschäf­ti­gen, aber auch his­to­ri­sche und mytho­lo­gi­sche Moti­ve auf­grei­fen. Mit den „Frau­en von Nid­den“ etwa gelang Mie­gel ein Meis­ter­werk.

Ihr Zen­trum lag dabei jedoch stets in ihrer Hei­mat Ost­preu­ßen, sie war Ost­preußin mit Haut und Haa­ren. Gro­ße Aner­ken­nung, Aus­zeich­nun­gen und Bekannt­heit errang sie bereits als jun­ge Frau in der Wei­ma­rer Repu­blik. Nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­de ihr gelieb­tes Ost­preu­ßen zur Insel, abge­trennt vom Deut­schen Reich. Ihre Gedich­te stan­den nun in einem neu­en Kon­text, tra­fen in beson­de­rer Wei­se einen Nerv der Men­schen – nicht nur in der öst­lichs­ten Pro­vinz. Infol­ge­des­sen wur­den ihre Tex­te tat­säch­lich auch ein Stück weit poli­ti­scher. In Ost­preu­ßen, das sei­nen Ein­woh­nern ohne­hin oft viel abver­lang­te, fühl­te man sich noch bedroh­ter. In die­ser Zeit begann das, was ihr spä­ter den inof­fi­zi­el­len Ehren­ti­tel „Mut­ter Ost­preu­ßen“ ein­brin­gen wür­de.

(…) ich wen­de mich täg­lich mehr die­ser neu­en Zeit zu. Sie ist für Deutsch­land, am aller­meis­ten aber für uns im Ost­land nicht nur der neue Weg – son­dern der ein­zi­ge Weg (…)

aus einem Brief Mie­gels an eine Freun­din

Mie­gel war kein Kind des Natio­nal­so­zia­lis­mus, Anfang des 20. Jahr­hun­derts war sie bereits eine Berühmt­heit. Aber sie war ein Kind ihrer Zeit, emp­fäng­lich für die Ver­spre­chun­gen, die wie eine Lösung für die Pro­ble­me gera­de der Ost­preu­ßen wir­ken muss­ten.

Mie­gel wur­de mit den poli­ti­schen Umbrü­chen in den 30er Jah­ren zuneh­mend poli­ti­siert, ihre Tex­te wur­den auf ein­mal in einem neu­en Licht gese­hen. Ihre ehr­lich-roman­ti­sche Hei­mat­ver­bun­den­heit füg­te sich wie dafür gemacht ein in die neu­en natio­na­lis­ti­schen Töne und die naiv-roman­ti­sie­ren­de Vor­stel­lung der Natio­nal­so­zia­lis­ten vom völ­ki­schen Bau­ern auf sei­ner Schol­le.

Doch es war nicht nur ein Neh­men. Hit­ler erschien wie die Ret­tung in der Not – und als in Fol­ge des Polen­feld­zugs das Deut­sche Reich wie­der­ver­ei­nigt wur­de, hat­te er nicht nur die Bewun­de­rung Mie­gels sicher. Unbe­streit­bar nahm Mie­gel eine deutsch-kon­ser­va­ti­ve Hal­tung ein. Vor die­sem Hin­ter­grund sind ihre dama­li­gen Ver­se zu betrach­ten.

Miegel im Dritten Reich

Wäh­rend des Drit­ten Reichs bekann­te sie sich zum Natio­nal­so­zia­lis­mus, schrieb an Hit­ler gerich­te­te Gedich­te, war in staat­lich-kul­tu­rell hoher Posi­ti­on, NS-Frau­en­schafts- sowie NSDAP-Mit­glied und ließ sich von NS-Orga­ni­sa­tio­nen aus­zeich­nen – ob aus Pflicht­ge­fühl, Hei­mat­lie­be, Oppor­tu­nis­mus oder tat­säch­li­cher Über­zeu­gung, ist bis heu­te Gegen­stand des wis­sen­schaft­li­chen und poli­ti­schen Dis­kur­ses.

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Die einen sehen sie als eine Art Hof­dich­te­rin der Natio­nal­so­zia­lis­ten, als Weg­be­rei­ter der NS-Ideo­lo­gie, die das völ­ki­sche Den­ken des Drit­ten Rei­ches in Vers­form trans­por­tier­te und kul­tu­rell unter­mau­er­te. Die ande­ren erbli­cken in Mie­gel eine pflicht­be­wuss­te Hei­mat­dich­te­rin zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort, die sich im Drit­ten Reich instru­men­ta­li­sie­ren ließ und wie vie­le ande­re nicht sah, was da auf die Deut­schen zukam.

Wer sich mit Mie­gels Gesamt­werk befasst und den his­to­ri­schen Kon­text kennt, wird sie schwer­lich als einen „Weg­be­rei­ter“ der NS-Zeit ein­stu­fen, doch hat sie das Regime im Ergeb­nis aktiv unter­stützt, stell­te sich in den Dienst der Sache. Sei es durch man­che Wer­ke, ob nun Auf­trags­wer­ke oder nicht (was eben­falls unge­klärt ist), durch ihre Posi­ti­on im NS-Kul­tur­be­trieb oder sei es etwa durch Unter­zeich­nung des „Gelöb­nis­ses treus­ter Gefolg­schaft“ im Fahr­was­ser der Gleich­schal­tung der Pres­se.

Rechts ste­hen mei­ne nächs­ten Bluts­ver­wand­ten, stehn die Men­schen, die ich hier am höchs­ten ach­te, stehn Vor­ge­setz­te und Men­schen, die zu mir hiel­ten – und ich ste­he inner­lich nicht zu ihrer Sache, wie sie sich aus­wuchs – so kon­ser­va­tiv wie mein Wesen auch ist (…)

aus einem Brief Mie­gels an eine Freun­din

Sieht man sich allein die „Hit­ler-Gedich­te“ an, scheint sich ein ein­deu­ti­ges Bild von Mie­gel zu erge­ben. Anhand pri­va­ter Äuße­run­gen ergibt sich hin­ge­gen schon eher der Ein­druck einer Frau, die den Umstän­den ent­spre­chend han­del­te, weni­ger das einer über­zeug­ten Anhän­ge­rin. Mie­gel war kei­ne natio­na­lis­ti­sche Het­ze­rin, ihre Hei­mat­ver­bun­den­heit mün­de­te aller­dings fata­ler­wei­se im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Habi­tus der dama­li­gen Zeit. Nach dem Krieg distan­zier­te sie sich nie von ihrer Hal­tung, son­dern erklär­te dies zur Pri­vat­an­ge­le­gen­heit. In der Nach­kriegs­zeit ließ sie jedoch Taten spre­chen: sie dich­te­te für Frie­den und Aus­söh­nung.

Nach 1945: „Mutter Ostpreußen“

Nach dem Krieg schrieb sie auch über ihre Flucht, über Ver­trei­bung und Elend, wei­ter­hin stets mit Blick auf Ost­preu­ßen, nun jedoch in unend­li­cher Trau­rig­keit. Für ihre Lands­leu­te wur­de sie, die wie sie die Hei­mat ver­lo­ren hat­ten, jetzt erst recht zu einer Art Iko­ne, die die Erin­ne­rung an die eige­ne Kul­tur nicht nur wach­hielt, son­dern ein­fühl­sam in bewe­gen­de Wor­te fass­te, den Schmerz ver­ar­bei­tend. Aber Mie­gel beschäf­tig­te sich lite­ra­risch auch mit ihrer neu­en nie­der­säch­si­schen Hei­mat – und fand hier­in auch Ver­bin­den­des zu Ost­preu­ßen.

Auch für Wunstorf hat Mie­gel eine beson­de­re Bedeu­tung: Mit dem Gedicht „Alte Kir­che im Feld“ setz­te sie der Sig­ward­s­kir­che in Idensen ein wort­ge­wal­ti­ges Denk­mal.

Vor allem die Neu­bür­ger aus dem Osten waren es dann auch, die Mie­gel in der Bun­des­re­pu­blik zahl­rei­che Ehrun­gen erwie­sen. Schu­len, Stra­ßen und Plät­ze wur­den nach ihrem Tod nach ihr benannt. So fin­det sich auch in Wunstorf nicht nur die Ost­preu­ßen- oder Sude­ten­stra­ße, son­dern eben auch eine Agnes-Mie­gel-Stra­ße. Mie­gels Bezü­ge zum Drit­ten Reich tra­ten dabei in den Hin­ter­grund oder wur­den aus­ge­blen­det.

Nach dem Krieg wur­de Mie­gel als „unbe­las­tet“ ent­na­zi­fi­ziert, doch das kann kaum der Maß­stab sein, an dem man Mie­gel zu mes­sen hat. Dass sie sich nach 1945 nicht öffent­lich­keits­wirk­sam kri­tisch mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus aus­ein­an­der­setz­te und sich nicht deut­lich distan­zier­te, wird ihr heu­te zum Ver­häng­nis.

Im pri­va­ten Krei­se soll sie eine dif­fe­ren­zier­te­re, ableh­nen­de Hal­tung in Bezug auf ihr Wir­ken im Drit­ten Reich geäu­ßert haben, doch sie mach­te es nie öffent­lich. Das wirkt in heu­ti­ger Zeit ver­hee­rend: Die Mie­gel bis­wei­len zuge­spro­che­nen pro­phe­ti­schen Züge haben das jeden­falls nicht vor­her­ge­se­hen. Wel­che Beweg­grün­de sie hat­te, die­sen Teil ihrer Ver­gan­gen­heit zu ihrer höchst­per­sön­li­chen Pri­vat­sa­che zu machen, bleibt ihr Geheim­nis – mit allen Kon­se­quen­zen.

Lehr­test mich täg­lich neue
nichts als den Haß zu has­sen

Spruch“, 1952

Von der einen Sei­te wird sie somit auf ihre Rol­le als „Nazi-Dich­te­rin“ redu­ziert und ent­schie­den bekämpft, von der ande­ren im kras­sen Gegen­satz dazu als „auf­rech­te Unbeug­sa­me“ ver­ehrt, nicht für ihr Werk, son­dern für ihr ver­meint­li­ches Fest­hal­ten an einer völ­ki­schen Gesin­nung.

Dazwi­schen die Lite­ra­tur­be­geis­ter­ten oder die­je­ni­gen mit ost­preu­ßi­schen Wur­zeln, die einen Bezug zu Mie­gels Werk haben – und der über­wie­gen­de Teil, der mit Mie­gel noch gar nicht in Kon­takt kam – und sich viel­leicht tat­säch­lich nur als Anwoh­ner einer ihren Namen tra­gen­den Stra­ße mit ihr kon­fron­tiert sieht.

Entwicklung in Hannover und Wunstorf

In Han­no­ver ist der Umbe­nen­nungs­pro­zess des dor­ti­gen „Mie­gel­weg“ die­ser Tage in Gan­ge, nach­dem sich ein wis­sen­schaft­li­cher Bei­rat der Stadt für eine Umbe­nen­nung aus­ge­spro­chen hat­te. In Wunstorf gab es bis­lang kei­ner­lei Bestre­bun­gen für eine Umbe­nen­nung. Auch ande­re Städ­te pla­nen nichts Der­ar­ti­ges, haben eine Umbe­nen­nung abge­lehnt oder spre­chen sich gar für den Erhalt der Erin­ne­rung an Mie­gel aus.

In Wunstorf ist seit knapp einem Jahr jedoch der Agnes-Mie­gel-Gedenk­stein demon­tiert, der sich am Blu­men­au­er Kirch­weg befand. Er wird der­zeit restau­riert, nach­dem er zum wie­der­hol­ten Male stark beschä­digt wor­den war. Außer­dem wird nach Infor­ma­tio­nen der Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen ein neu­er, geeig­ne­te­rer Auf­stell­ort gesucht. Ob ein sol­cher Platz gefun­den wird, bleibt abzu­war­ten.

Entwicklung in Bad Nenndorf

Bad Nenn­dorf war drauf und dran, zur Lite­ra­tur­stadt, zur Agnes-Mie­gel-Stadt zu wer­den. In unse­rer Nach­bar-Kur­stadt, wo Mie­gel auch zur Ehren­bür­ge­rin ernannt wur­de, wo sie bestat­tet ist und die Agnes-Mie­gel-Gesell­schaft ein klei­nes Lite­ra­tur­mu­se­um samt Erin­ne­rungs­stät­te unter­hält, ging es in der Ver­gan­gen­heit in Sachen Mie­gel immer wie­der hoch her.

agnes-miegel-hausSchon 1969 gab es Wider­stand, als die Poli­tik ver­such­te, das dor­ti­ge Gym­na­si­um nach Agnes Mie­gel zu benen­nen, was letzt­lich am Wider­stand der Leh­rer- und Schü­ler­schaft schei­ter­te. Das im Kur­park auf­ge­stell­te Agnes-Mie­gel-Denk­mal war in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit Streit­ge­gen­stand. Dies­mal auf Betrei­ben der Poli­tik soll­te es ent­fernt wer­den, wäh­rend eine Bür­ger­initia­ti­ve die wohl berühm­tes­te Toch­ter der Stadt wei­ter­hin öffent­lich ehren woll­te. Der Streit führ­te bis zum Bür­ger­ent­scheid – bei dem sich die Mehr­heit der abstim­men­den Bad Nenn­dor­fer Anfang 2015 für den Erhalt der Sta­tue im Kur­park aus­sprach – der jedoch man­gels aus­rei­chen­der Betei­li­gung nicht das not­wen­di­ge Quo­rum erreich­te. Die Sta­tue wur­de abge­baut und der Agnes-Mie­gel-Gesell­schaft über­las­sen. Nun steht die Skulp­tur statt­des­sen ein paar hun­dert Meter wei­ter im Gar­ten des Mie­gel-Hau­ses, für den sie ursprüng­lich auch ange­fer­tigt wor­den war, und wird nur noch von dem gese­hen, der danach sucht.

Schwindende Erinnerung

Zu Leb­zei­ten und auch danach von vie­len ver­ehrt, holt sie ihre Ver­gan­gen­heit im Drit­ten Reich in heu­ti­ger Zeit, Jahr­zehn­te nach ihrem Tod, immer öfter ein. Die Rol­le, die ihr die Natio­nal­so­zia­lis­ten zuer­kann­ten, und die sie offen­sicht­lich auch aus­füll­te, über­la­gert ihr übri­ges Schaf­fen. Die Unter­stüt­zung durch die ost­preu­ßi­schen Bewun­de­rer schwin­det, und die Mehr­heits­ge­sell­schaft sieht sich heu­te oft nicht mehr davon über­zeugt, dass sich lite­ra­ri­sche Bedeu­tung und die Rol­le im Drit­ten Reich in Form einer öffent­li­chen Wür­di­gung ver­ein­ba­ren las­sen. For­schung und Poli­tik spre­chen sich mal für die eine, mal für die ande­re Betrach­tungs­wei­se aus. Die Debat­te um mög­li­che Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen flammt im Fal­le von Agnes Mie­gel daher immer wie­der auf. In eini­gen Städ­ten sind Mie­gel-Stra­ßen daher inzwi­schen ver­schwun­den, in ande­ren Gemein­den blei­ben sie erhal­ten – bis­wei­len auch aus prag­ma­ti­schen Grün­den.

Ob man Mie­gel ihr poli­ti­sches Han­deln ver­zei­hen kann oder aber ihre nach außen getra­ge­ne Hal­tung in der NS-Zeit über­wiegt, war, ist und bleibt Gegen­stand der wis­sen­schaft­li­chen, poli­ti­schen und per­sön­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung. Die Per­son Mie­gel jeden­falls ist, unab­hän­gig von ihrer lite­ra­ri­schen Bedeu­tung, viel­schich­ti­ger und facet­ten­rei­cher, als ein Blick zu erken­nen gestat­tet, der nur auf die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus fokus­siert.

Stra­ßen­neu­be­nen­nun­gen nach Mie­gel – obwohl zu ehren­de Frau­en im män­ner­do­mi­nier­ten Über­ge­wicht des Stra­ßen­bil­des meist hän­de­rin­gend gesucht wer­den – sind mit Sicher­heit nicht mehr zu erwar­ten. Wunstorf zählt damit zu den knapp hun­dert Städ­ten, die eine der sel­te­ner wer­den­den Agnes-Mie­gel-Stra­ßen haben.


Wei­ter­füh­ren­des zum Hören:

Plä­doy­er gegen die Erin­ne­rung an Mie­gel in Wunstorf bei Radio Flo­ra
„Die wenigs­ten ihrer Kri­ti­ker ken­nen sie wirk­lich“: Ver­ständ­nis­vol­le Kri­tik emp­fiehlt das WDR-Zeit­zei­chen

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4 Kommentare
  1. […] die ost­preu­ßi­sche Hei­mat­dich­te­rin Agnes Mie­gel, wegen ihrer Rol­le im Drit­ten Reich nicht unum­strit­ten, in der Nach­kriegs­zeit auch ihrer neu­en Hei­mat Nie­der­sach­sen lite­ra­ri­sche Denk­ma­le setz­te, etwa mit […]

  2. […] Agnes Mie­gel wird als Toch­ter einer ost­preu­ßi­schen Kauf­manns­fa­mi­lie 1879 in Königs­berg, heu­te Kali­nin­grad, gebo­ren. Gläu­big, kon­ser­va­tiv, welt­of­fen, aus gut­bür­ger­li­chem Hau­se. Sie lernt Kin­der­kran­ken­schwes­ter, arbei­tet als Erzie­he­rin und will Leh­re­rin wer­den. Ers­te Gedich­te schreibt sie schon als Jugend­li­che, reist durch Euro­pa, fin­det Zugang zu adli­gen Krei­sen, ver­liebt sich unglück­lich. Anfang des 20. Jahr­hun­derts wird sie durch ihre Bal­la­den zur jun­gen Berühmt­heit, ihre hei­mat­lie­ben­den Wer­ke über Ost­preu­ßen suchen ihres­glei­chen. Wäh­rend der NS-Zeit sym­pa­thi­siert sie offen mit dem Regime und macht wei­ter Kar­rie­re. […]

  3. […] Agnes-Mie­gel-Stra­ße […]

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