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Wenn der Krebs das Leben auf den Kopf stellt

20.04.2021 • Mirko Baschetti • Aufrufe: 180

Die schleichende Veränderung in ihrer Brust hat Janine nicht wahrgenommen. Doch an einem kalten Morgen im Januar 2019 fühlt sie nach dem Duschen eine walnussgroße Erhärtung. Zwei Wochen später bekommt sie Gewissheit: Brustkrebs.

20.04.2021
Mirko Baschetti
Aufrufe: 180

Die schleichende Veränderung in ihrer Brust hat Janine nicht wahrgenommen. Doch an einem kalten Morgen im Januar 2019 fühlt sie nach dem Duschen eine walnussgroße Erhärtung. Zwei Wochen später bekommt sie Gewissheit: Brustkrebs. „Der Krebs kam leise und still, doch plötzlich war er da und Teil meines Körpers“, erzählt die junge Mutter.

Janine Schmidt trotzte dem Krebs und folgte ihrer Leidenschaft

Janine Schmidt trotzte dem Krebs und folgte ihrer Leidenschaft | Foto: privat

Janine Schmidt ist 37 Jahre alt, verheiratet, hat ein dreijähriges und ein vier Monate altes Kind. Um regelmäßige Tastbefunde oder Vorsorgeuntersuchungen hat sie sich bisher keine großen Gedanken gemacht. Zwei Monate zuvor ergab eine Routineuntersuchung mit Ultraschall keinen auffälligen Befund. „Ich bin aufgestanden, habe geduscht, und dann war da etwas Hartes“, erzählt Janine. Die Veränderung in ihrer Brust nimmt sie nicht wahr, hat weder Beschwerden noch Schmerzen. Noch denkt sie, dass es aufgrund der Hormonumstellung in der Schwangerschaft nur eine Entzündung sei – und wird beim Frauenarzt vorstellig. „Ich dachte, ich gehe dahin, nehme ein Antibiotikum – und dann ist gut.“ Der Arzt teilt ihre Einschätzung nicht und ordnet eine Gewebeentnahme an. „Eine klare Diagnose gab es nicht, er konnte nur eine Entzündung ausschließen“, erzählt Janine.

Ich war geschockt und weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin

Wenig später geht sie zur Mammografie. Als sie aus dem Untersuchungszimmer zurückkehrt, um das Ergebnis zu besprechen, wundert sich Janine. „Die anderen Patienten verschwanden nach und nach aus dem Wartezimmer. Ich kam als Letzte dran.“ Auch wenn der histologische Befund noch nicht vorliegt, diagnostiziert der Arzt, dass sie einen Tumor in der Brust hat. Er legt ein Lineal an das Bild und bestimmt die Größe: 7 × 5 Zentimeter. Eine Stunde sitzt Janine beim Arzt und kann nicht glauben, wie ihr geschieht. „Ich war geschockt und weiß nicht mehr, wie ich danach eigentlich nach Hause gekommen bin.“ Als sie ihrem Mann abends die Diagnose mitteilt, ist auch er fassungslos. „Aber alles musste weitergehen, das Rad des Lebens bewegte sich unentwegt“, erzählt Janine. Ihr Mann steht ihr zur Seite und unterstützt, wo er kann.

In den kommenden Wochen wechseln sich Beratungen, Untersuchungen und Besprechungen ab. „Mein Leben stoppte abrupt und wendete sich um 180 Grad.“

Eine Prognose wird nicht gestellt und ist lange kein Gesprächsthema. „Der Arzt offenbarte mir, dass mein Leben im nächsten Jahr furchtbar werden wird.“ Aufgrund der Dramatik in Größe und Gefährlichkeit werden Untersuchungen, die normalerweise sechs Wochen dauern, binnen ein bis zwei Wochen vorgenommen. „Gefühlt hatte ich jeden Tag einen Arzttermin bei Spezialisten mit speziellen Diagnosegeräten“, erzählt Janine. „MRT, Kernspin, Knochenszintigrafie, Herzschall, Lunge röntgen, Besprechungen zur Chemotherapie usw. Da war alles dabei.“

Die Ärzte geben sich größte Mühe, doch „Vorhersagen gab es keine“, erzählt Janine. „Über das Sterben spricht man ja nicht, und der Arzt hat mir Mut zugesprochen, dass schon alles gut werden wird.“ Der Behandlungsplan sieht Chemotherapie, Brustoperation, Bestrahlung und Hormonbehandlung vor.

„Es sollte aus vollen Rohren geschossen werden, kein Larifari. Mir war jedes Mittel recht, schließlich ging es um mein Leben“, sagt Janine. Sie hat keine Angst, aber eine junge Familie. „Es war ja bereits fünf vor zwölf und noch gar nicht klar, ob sich bereits Metastasen gebildet hatten.“

Ich wusste, dass es um Leben oder Tod geht

Als eine Ärztin mit Janine die anstehende Brustoperation bespricht, wird ihr klar: „Die verstümmeln mich.“ Noch ist sie optimistisch und glaubt, Einfluss auf die Operation nehmen zu können. „Kann man das vielleicht auch anders machen und nicht so viel herausoperieren?“, fragt Janine. Doch die Ärztin macht ihr unmissverständlich klar: „Frau Schmidt, wir reden hier nicht über Ästhetik, wir reden hier darüber, dass Sie in den nächsten Monaten noch atmen.“ Ihr wird bewusst, dass die Prognose nicht gut steht. „Das war der Zeitpunkt, wo klar wurde, dass es um Leben oder Tod geht. Und gleichzeitig war es surreal.“

Mittels Zytostatika soll der Tumor so stark verkleinert werden, dass er operabel wird. „Sonst hätten die Ärzte mir den halben Brustkorb entfernen müssen.“ Janine bekommt eine sehr komprimierte Chemotherapie über einen permanenten Zugang, der die Chemikalien in den Körper befördert. Dieser Port liegt dabei am Schlüsselbein, der Katheter führt direkt zum Herzen, um den Medikamenten-Mix zu verteilen.

Ab Februar 2019 erhält Janine die Chemotherapie, 14-tägig, sechs Monate lang, zwölf Dosen. Die Therapie wirkt, auch wenn sie nach einer erneuten hochdosierten Mischung einen anaphylaktischen Schock erleidet und zusammenbricht. Sie lässt sich nicht unterkriegen, und letztlich steht einer Operation nichts mehr im Wege. „Es war kein Tumorklumpen mehr sichtbar und nur noch zwei von neun Lymphknoten befallen.“

Mein Mann rasiert mir eine Glatze, während ich Sekt trinke

Von den schulterlangen Haaren bleibt ihr nichts mehr. Janine lässt sich noch vor der Chemotherapie einen Kurzhaarschnitt machen, doch zehn Tage nach der ersten Dosis fallen die Haare aus. „Büschelweise“, sagt sie. „Am Morgen lagen sie auf dem Kopfkissen und beim Duschen zwischen meinen Fingern.“ Am Tag, als Janine sich den Port einsetzen lassen soll, denkt sie nur: „Mist, jetzt musst du dir auch noch schnell die Haare rasieren. Ich kann doch nicht auf dem OP-Tisch liegen und Haare verlieren.“ Sie nimmt den Bartschneider ihres Mannes und rasiert sich notdürftig den Kopf. Als Janine nach dem Eingriff abends heimkehrt, soll der Ehemann ihre Frisur ausbessern. Während er ihr eine Glatze rasiert, trinkt sie ein Glas Sekt. „Wir wollten unseren Humor bewahren. Und Würde.“ Sie bekommt Perückenrezepte. Einlösen wird Janine sie nicht. „Es war kalt, und Mützen reichten mir.“ Im Sommer legt sie diese ab und zeigt ihren Kopf, wie er ist – nackt und ohne Haar.

Sie geht offen mit ihrer Erkrankung um. „Wenn ich gefragt wurde, was denn los sei, habe ich nur geantwortet ‚Ja, Krebs. Mache gerade Chemo‘.“ Die Menschen reagieren unterschiedlich. „Manche redeten drumherum und wollten nichts Genaues wissen, andere wiederum, ob ich denn in einem halben Jahr noch lebe“, erzählt Janine. „Aber es gab auch diejenigen, die sich gerne mit mir darüber austauschen und teilnehmen wollten an meinem Leben“, fährt sie fort. „Mein Umfeld war großartig und lebenswichtig für mich!“

Noch am Tag der Operation schaut sie nach, wie viel der Brust die Ärzt:innen ihr genommen haben. „Ein Brustaufbau ist Thema, aber ich bin noch unentschlossen“, sagt Janine. Der Körper muss sich nach der Behandlung erholen, und „es gibt medizinische Gründe, nicht sofort etwas zu unternehmen“. Das Selbstbild ihrer Weiblichkeit leidet. Noch immer. „Ich kann es gut ertragen, wenn ich aufgrund der Behandlung die Haare verliere, und bin auch im Reinen mit meinen Entscheidungen, aber die Mastektomie macht mir schon zu schaffen.“

Ich fühlte mich ein wenig dement

Janine muss während der Chemotherapie immunaufbauende Präparate einnehmen, auch weil ihr großer Sohn bereits in der Kita ist und viele Keime und Viren mit nach Hause bringt. Ihr wird nicht so oft übel, wie befürchtet, aber „Nerven- und Knochenschmerzen zerrten an mir, dort, wo klassische Schmerzmittel nicht mehr halfen“, erzählt Janine. „Wenn ich die Immunsuppressiva einnahm, konnte ich zwei Tage später die Treppe nur auf allen vieren hochklettern.“ Hinzu kommen kognitive Einschränkungen. Janine kann keine zwei Seiten eines Buches lesen, ohne die Konzentration zu verlieren, Autofahren fällt ihr schwer, und das Kurzzeitgedächtnis leidet. „Ich fühlte mich ein wenig dement.“

Janine bekommt Unterstützung im Haushalt und beim Babysitting. Aber auch der Hund will versorgt sein, und so läuft sie unter Schmerzen mit Vierbeiner und Kind jeden Tag etwa acht Kilometer. „Die innere Einstellung bestimmt den Umgang mit der Erkrankung und Genesung“, sagt Janine. „Aber auch wie man mit dem Ertragen von Schmerzen umgeht.“

Nach der Brustoperation muss der Körper sechs Wochen heilen. Ende Oktober 2019 beginnt die Bestrahlung. Etwa sechs Wochen lang liegt sie jeden Werktag auf dem Bestrahlungstisch. Fünf Minuten dauert eine Sitzung. „Die Haut verbrennt, ähnlich einem Sonnenbrand“, erzählt Janine.

Der Alltag fordert sie sehr. „Ich hatte Verantwortung gegenüber der Familie mit Mann, zwei Kindern und Hund. Es war kraft- und nervenzehrend, aber Routine und das Wissen, funktionieren zu müssen, gaben mir auch Kraft“, erzählt Janine. „Es gab keinen Tag, wo ich mich auf dem Sofa ausruhen konnte, sondern den Alltag wie vorher weiter zu bewältigen versuchte. Ich ging abends, wenn die Kinder schliefen, durch den Garten, um die Schmerzen wegzulaufen. Ich wollte in Schwung bleiben und nicht in ein Loch fallen.“

Ich habe ein Testament gemacht

Alle bisherigen Maßnahmen, den Krebs zu besiegen, sind erfolgreich, und so sind auch die Ärzt:innen stets positiver Stimmung. Dennoch macht sich Janine frühzeitig Gedanken. „Das Erste, was ich tat, war, ein Testament aufzusetzen. Und eine Patientenverfügung.“

Es gibt dunkle Momente, die sie zweifeln lassen. „Ich dachte manchmal, dass ich das alles nicht schaffe, dass ich aufhören wollte, zu kämpfen, und die Behandlung abbreche“, erzählt Janine. Sie stellt sich vor, dass sie nicht überlebt. „Was, wenn etwas schiefgeht? Was geschieht mit den Kleinen und mit meinem Mann?“ Doch im nächsten Moment steht Janine vor ihren Kindern, die in ihre müden Augen blicken. „Da wusste ich, dass ich durchhalten muss. Ich wollte stark sein und nicht nur die kranke Mutter. Ich wollte nicht, dass meine Kinder mich müde und gebrechlich auf dem Sofa sehen.“

Durch die Art des Tumors erhält Janine für die nächsten zehn Jahre eine Hormonbehandlung, um ein bestimmtes Zellwachstum zu unterbinden. Dadurch kommt sie künstlich in die Wechseljahre. Alle drei Monate erfolgt eine Nachsorge. Der Krebs sei besiegt, signalisieren die Ärzt:innen, doch als offiziell geheilt gilt sie erst nach fünf Jahren ohne Nachweis von Tumoren. Für Janine gab es keine alternative Behandlungsmethoden. „Ich habe alles getan, was die Ärzte mir geraten haben, und bin sehr gut damit gefahren“, sagt sie. „Ich musste zusehen, dass ich funktioniere, und habe mich bewusst nicht über Google informiert.“

Janine versucht ihr Leben seit der Erkrankung bewusster wahrzunehmen. „Ich habe gespürt, wie zerbrechlich es sein kann, und möchte meine Lebenszeit besser nutzen.“ Schon seit einer Weile hat sie die Leidenschaft zur Fotografie entdeckt und baut sich unter www.kreativnusschmidt.de gerade ein neues Standbein auf.

[box type=“info“ align=““ class=““ width=““]Brustkrebs (Mammakarzinom) ist der häufigste bösartige Tumor der Brustdrüse des Menschen. Er kommt hauptsächlich bei Frauen vor, nur etwa jede hundertste dieser Krebserkrankung tritt bei Männern auf. An Brustkrebs sterben mehr Frauen als an irgendeiner anderen Krebserkrankung. Die meisten Erkrankungen treten zufällig auf, es gibt aber sowohl erbliche als auch erworbene Risikofaktoren. Neben der Heilung sind der Erhalt der betreffenden Brust und vor allem der Lebensqualität erklärtes Ziel der medizinischen Behandlung. Die Therapie besteht in der Regel in einer an das Erkrankungsstadium angepassten Kombination aus Operation sowie Zytostatika-, Hormon- und Strahlentherapie. Quelle: Wikipedia[/box]

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #17 (03/2021).

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