Das Ende von Sig­munds­hall: Mein Licht für euch und euer Licht für mich!

Heu­te früh um 7 Uhr hat der ver­sam­mel­te Vor­stand des Kon­zerns K+S den Berg­leu­ten der Nacht- und Früh­schicht auf Sig­munds­hall ver­kün­det, dass die Pro­duk­ti­on zum 31.12.2018 ein­ge­stellt wird. Die Spät­schicht wur­de, wie in dem Schicht­be­trieb üblich, gegen Mit­tag offi­zi­ell infor­miert. Etwas mehr als ein Jahr noch. Schö­ne Weih­nach­ten! Der Letz­te macht das Licht aus!

Ganz so war es natür­lich nicht, aber als Berg­manns­frau sei mir etwas Gal­gen­hu­mor gegönnt und auch, dass ich sehr kri­tisch auf die Ver­spre­chen der Kon­zern­lei­tung bli­cke, mög­lichst alle Mit­ar­bei­ter wei­ter­be­schäf­ti­gen zu wol­len. Denn selbst wenn sie die ca. 730 Män­ner und Frau­en irgend­wo unter­brin­gen kön­nen, was bis­lang ja ein heh­rer Wunsch und kei­ne ver­bind­li­che Zusa­ge ist, dürf­te auch dem unin­for­mier­tes­ten Leser klar sein, dass es hier nicht alle drei Ort­schaf­ten ein Berg­werk gibt. Stand­or­te von K+S in Deutsch­land fin­den wir zum Bei­spiel bei Mag­de­burg und, wie auch den Fir­men­haupt­sitz, in der Nähe von Kas­sel. Ein biss­chen weit, um nach sie­ben Stun­den Nacht­schicht unter Tage noch zu pen­deln, oder? Wer nicht „noch ein biss­chen” auf Sig­munds­hall für den Rück­bau unter­kommt, wird sich frü­her oder spä­ter der Fra­ge stel­len müs­sen, ob er den Job oder sein Zuhau­se auf­ge­ben will. Und das sind dann eben nicht „nur” 730 Mann, son­dern auch ihre Frauen/Lebenspartner(innen) und Kin­der. Dann steht auch der zwei­te Job in der Fami­lie gege­be­nen­falls zur Dis­po­si­ti­on oder das Fami­li­en­ein­kom­men. Was ist mit denen, die im Eigen­tum woh­nen? Die, deren Kin­der hier bei der Ex leben, die wahr­schein­lich eher nicht mit umzie­hen wol­len wird? Was wird mit denen, die Ange­hö­ri­ge, wie z. B. Eltern, unter­stüt­zen?

Natür­lich erwar­te ich kei­ne Ant­wor­ten von Ihnen zu die­sen gan­zen Fra­gen. Ich schil­de­re Ihnen nur die Trag­wei­te der Kon­zern­ent­schei­dung in mei­ner aktu­el­len und ganz sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung. Und wenn ich Ihnen die­se schil­de­re, dann ist es auch unaus­weich­lich, dass ich Ihnen sage, dass sehr vie­le von den Men­schen dort unter Tage in Bokel­oh schlicht und ein­fach aus tiefs­tem Her­zen ger­ne Berg­leu­te sind. Nicht weil sie Hit­ze und Staub lie­ben, son­dern die Gemein­schaft, den Zusam­men­halt, die­ses ganz Beson­de­re im Arbeits­le­ben eines Berg­manns. Ver­las­sen sie das Arbeits­feld Berg­bau, ver­lie­ren sie das. Kaum ein ande­rer Arbeit­ge­ber wird ihnen dies erset­zen kön­nen.

Auch wich­tig: Vie­le die­ser Berg­män­ner sind qua­li­fi­zier­te Fach­leu­te in Sachen Berg­tech­nik und mit die­sen fach­spe­zi­fi­schen Kennt­nis­sen qua­si kaum bis gar nicht adäquat ver­mit­tel­bar. Ihnen blüht zum Teil, wenn sie sich nicht für Kali und Salz an einem ande­ren Stand­ort ent­schei­den, eine Wei­ter­be­schäf­ti­gung als „unge­lern­ter Arbei­ter”, was für einen Stei­ger, der Jahr­zehn­te in der Gru­be geschuf­tet und sich dar­über hin­aus noch wei­ter­qua­li­fi­ziert hat, wohl ein her­ber Schlag sein dürf­te. Adieu, Ent­loh­nung auf Fach­kraft­ni­veau! Adieu, hart erar­bei­te­te Berufs­er­fah­rung! Adieu, Knapp­schafts­ren­te!

Sie sehen also, auch wenn die Kon­zern­lei­tung offen­bar ihr Mög­lichs­tes tut, ist es für die Men­schen vom Schacht Sig­munds­hall trotz­dem noch lan­ge nicht gut. Und wenn ein Unter­neh­mens­stand­ort schließt, sind es die­se Men­schen und ihre Fami­li­en, an die wir den­ken und über die wir spre­chen soll­ten. Und das mei­ne ich nicht nur, weil ich eben auch betrof­fen bin.

Wie geht es mir denn jetzt damit, dass wir anstatt Weih­nachts­kar­ten zu schrei­ben einen Fra­ge­bo­gen bezüg­lich des Sozi­al­plans für den Betriebs­rat aus­fül­len? Ich weiß es nicht. Alles in allem bin ich ein biss­chen froh, dass die Bom­be, die schon so lan­ge in unse­rer Mit­te lag, end­lich geplatzt ist. Die dro­hen­de Schlie­ßung ist in den letz­ten Jah­ren immer mehr zur Belas­tung gewor­den. Bei jeder grö­ße­ren fami­liä­ren Ent­schei­dung gab es immer zuerst „Was ist, wenn der Schacht dann dicht macht?” Das war so, weil eben nie­mals Klar­text gespro­chen wur­de. Bis jetzt. Der Zeit­punkt ist viel­leicht nicht der schöns­te, aber hät­te es einen bes­se­ren gege­ben außer nie? Wohl nicht. Trotz­dem sind wir natür­lich alles ande­re als glück­lich damit. Die nächs­ten Wochen wer­den zei­gen, was das Aus für Sig­munds­hall für Aus­wir­kun­gen auf unse­re Fami­lie hat. Man muss sich neu sor­tie­ren und gemein­sam Wege fin­den. So wie es vie­le Men­schen und Fami­li­en jetzt tun müs­sen. Was mir bleibt und mir eben auch sehr wich­tig ist, ist es, allen ande­ren Berg­leu­ten und ihren Fami­li­en, die von der Schlie­ßung betrof­fen sind, viel Kraft, Geduld, Mut, Glück und Hoff­nung für die kom­men­den Wochen und Mona­te zu wün­schen.

Wenn Sie Soli­da­ri­tät zei­gen und sich mei­nen Wün­schen anschlie­ßen wol­len, dann las­sen Sie uns gemein­sam ein Zei­chen set­zen und stel­len Sie am 4.12., dem Tag der hei­li­gen Bar­ba­ra (Schutz­pa­tro­nin der Berg­leu­te), eine Ker­ze gut sicht­bar in Ihr Fens­ter und zei­gen Sie damit den betrof­fe­nen Fami­li­en, die ganz sicher zu Ihren Nach­barn, Bekann­ten, Freun­den und viel­leicht auch Ver­wand­ten gehö­ren, dass Sie Ihnen das Bes­te für die Zukunft wün­schen. Ich wür­de mich freu­en. Für alle und für uns.

Glück auf!


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Andreas Balleier Fotografie
1 Kommentar
  1. Nicole meint

    Pas­sen­de Wor­te und super geschrie­ben. Bes­ser kann man es nicht aus­drü­cken. Glück Auf!.… von einer auch betrof­fe­nen Berg­manns­frau

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