Wenn der Kopf­sprung zur Quer­schnitt­läh­mung führt

Gera­de in Wunstorf, mit sei­nen vie­len Flüs­sen, Seen, Kanä­len und natür­lich dem Stein­hu­der Meer, lau­ert die unter­schätz­te Gefahr bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren: der Kopf­sprung ins Was­ser. Denn die meis­ten schwe­ren Unfäl­le pas­sie­ren in Bin­nen­ge­wäs­sern. Die deut­sche Lebens­ret­tungs­ge­sell­schaft warnt beson­ders vor dem kom­men­den Monat.

Der unbe­dach­te Kopf­sprung von einem sol­chen Steg kann dra­ma­tisch enden | Foto: Dani­el Schnei­der

Bad Nenn­dorf (red). Es soll­te ein Rie­sen­spaß wer­den, der ulti­ma­ti­ve Kick: ein ele­gan­ter Kopf­sprung ins Was­ser von einer Brü­cke in den Fluss, von einem Ast in den Bade­see oder mit Anlauf vom Ufer ins Meer bzw. in den See. Für vie­le jun­ge Men­schen wur­de es ein Sprung in den Roll­stuhl – lebens­lang. Das Was­ser war zu flach.

Vor allem jun­ge Män­ner sind unvor­sich­tig

Weit mehr als 1.800 hohe Quer­schnitt­läh­mun­gen – vom Hals abwärts – durch Bade­un­fäl­le regis­trier­te Prof. Dr. Hans Jür­gen Ger­ner, eme­ri­tier­ter Direk­tor der Hei­del­ber­ger Uni­ver­si­täts­kli­nik für Ortho­pä­die II, seit dem Jahr 1976. Allein seit 2012 sind es 203 Fäl­le aku­ter hoher Quer­schnitt­läh­mun­gen infol­ge von Stür­zen oder Sprün­gen ins Was­ser.

„Nahe­zu 100 Pro­zent der Unfall­op­fer waren jun­ge Män­ner im Alter zwi­schen 16 und 25 Jah­ren, als es pas­sier­te“Prof. Dr. Ger­ner

Er sei besorgt über die hohe Zahl der Pati­en­ten, die durch einen Kopf­sprung in unbe­kann­tes Gewäs­ser ver­un­glück­ten. Den Über­mut der jun­gen Men­schen fasst Ger­ner zusam­men: „Die Jungs sind offen­bar der Auf­fas­sung, eine soge­nann­te Arsch­bom­be sei doch Mäd­chen­sa­che, es muss schon der ele­gan­te Köp­per sein.“ In 40 Pro­zent der Fäl­le spie­le zudem Alko­hol eine gro­ße Rol­le.

Das ist nur die Spit­ze des Eis­ber­ges. „Durch Ertrin­ken infol­ge von Stür­zen ins Was­ser sind nach Anga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes in einem Zeit­raum von sechs Jah­ren rund 400 Men­schen ums Leben gekom­men. 80 Pro­zent aller Todes­fäl­le und Quer­schnitt­läh­mun­gen hät­ten ver­hin­dert wer­den kön­nen“, sagt Achim Haag, Vize­prä­si­dent der Deut­schen Lebens-Ret­tungs-Gesell­schaft (DLRG).

80 Pro­zent aller Todes­fäl­le und Quer­schnitt­läh­mun­gen hät­ten ver­hin­dert wer­den kön­nen“DLRG-Vizen­prä­si­dent Haag

Ursäch­lich für hohe Quer­schnitt­läh­mun­gen (Tetra­ple­gie) bei Stür­zen und Sprün­gen ins Was­ser ist in den meis­ten Fäl­len eine Frak­tur der Hals­wir­bel, die das Rücken­mark ver­letzt, zer­rei­ßen lässt. Die meis­ten Pati­en­ten ver­un­glück­ten in einem Bin­nen­ge­wäs­ser. Der unfall­träch­tigs­te Monat ist der August, gefolgt von Juli und Juni.

Das Ein­zi­ge, was hilft, ist eine breit ange­leg­te Auf­klä­rungs­kam­pa­gne, die die jun­gen Men­schen von die­sem ris­kan­ten Tun abhält und ihnen die Lebens­per­spek­ti­ven erhält“, sind sich der Ortho­pä­die­pro­fes­sor und der DLRG-Vize­prä­si­dent einig. Auch bei hei­ßem Wet­ter hie­ße es, einen küh­len Kopf zu bewah­ren und Risi­ken zu ver­mei­den

Kei­ne Mut­pro­ben

Die Exper­ten raten, nie in unbe­kann­te Gewäs­ser zu sprin­gen, auf Kopf­sprün­ge zu ver­zich­ten und immer erst zu prü­fen, wie tief das Was­ser ist. Man soll­te sich nicht auf Mut­pro­ben ein­las­sen und beim Baden auf Alko­hol ganz ver­zich­ten. Quer­schnitt­läh­mun­gen ver­än­dern die Lebens­pla­nung gan­zer Fami­li­en grund­le­gend und dau­er­haft. Schmerz­be­hand­lung, Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men, Betreu­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on und Betreu­ungs­kos­ten, Umzug in eine behin­der­ten­ge­rech­te Woh­nung oder kost­spie­li­ger Umbau, Unter­stüt­zung durch Pfle­ge­diens­te und psy­chi­sche Betreu­ung sind nur eini­ge Fol­gen eines unbe­dach­ten Sprungs ins Was­ser.

Eine Lang­zeit­stu­die der Deut­schen Quer­schnitt­zen­tren seit 1976 zeigt, dass die Zahl der durch Bade­un­fäl­le ver­ur­sach­ten Quer­schnitt­läh­mun­gen über meh­re­re Jahr­zehn­te nahe­zu gleich geblie­ben ist, wäh­rend sie als Fol­ge von Ver­kehrs­un­fäl­len deut­lich abge­nom­men hat.

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Andreas Balleier Fotografie

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