
Wunstorf (as). Berlin 1978. Ein fast endloser politischer Raum. Spontis, K-Gruppen, Autonome, Gewerkschafter, Öko-Unternehmer und Genossenschaften in Hinterhöfen, Kiezgruppen, eine unüberschaubare Menge von Initiativen. Mittendrin: Christoph Heinrich. Der 22-jährige ist unter den 3.500 Linken, die in der „Neuen Welt“ am Rand der Hasenheide die Alternative Liste gründen. Jetzt, 48 Jahre später, bringt er in Wunstorf das Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft (BSW) an den Start.
Die Neue Welt hat viel erlebt, seit der „Bierpalast“ 1867 eröffnet wurde. Jimi Hendrix ist dort aufgetreten und viele andere Größen der Musikszene, ein Volksverhetzer namens Goebbels hat dort getönt, Dutschke seine Stimme erhoben. Die Geschichte der Location ist so bunt wie die der Stadt. 1978 wird sie zum Schauplatz einer Parteigründung.
Berlins Linke will einen starken Gegenpol zum Establishment formieren. In der bunten Schar von Aktivisten sind auch zwei bekannte Anwälte: Otto Schily und Christian Ströbele. Die Gründungsversammlung ist turbulent. Die Diskussion dreht sich vor allem um die Frage, welchen Einfluss die dogmatischen K-Gruppen haben dürfen.
Heinrich erinnert sich, dass es den meisten an der Hasenheide „um eine politische Neufindung“ ging. Die revolutionären Parolen hatten sich aus seiner Sicht als nostalgische Träumereien erwiesen. Nach seiner zweimaligen Wahl zum studentischen Vertreter im Fachbereichsrat der Germanistischen Fakultät der FU Berlin habe er nicht das Bedürfnis gehabt, sich erneut politisch zu binden, erzählt er im Gespräch mit der Auepost. Sein Wahlspruch eher: „Das Einzige, das immer Daseinsberechtigung genießt, ist der Zweifel.“ Heinrich heute: „Darauf, ein Querdenker gewesen und noch zu sein, bin ich stolz.“
Schily – der Groß- und Bildungsbürger aus dem Westen der Republik, Sympathisant des Sozialistischen Studentenbundes, Anwalt von RAF-Terroristen – geht die Abgrenzung gegenüber Kommunisten nicht weit genug. Er verlässt den Saal und macht sich auf den Weg in eine andere Richtung. 1980 gründet er mit anderen die Partei Die Grünen.
Sein Werdegang bleibt voller Wendungen: Er kommt für die Grünen in den Bundestag und wechselt später enttäuscht zur SPD. Von 1998 bis 2005 ist er Bundesinnenminister. Ströbele bleibt 1978 im Saal in der Neuen Welt und in der Alternative Liste. Auch, als daraus die Berliner Grünen entstehen. Auch er wird Anwalt von RAF-Mitgliedern, gründet mit Gleichgesinnten die Tageszeitung taz, findet später auch den Weg zu den Grünen. Manche nennen ihn den König von Kreuzberg, andere das „Gewissen der Linken“.
Christoph Heinrich bleibt der Alternativen Linken zunächst treu, orientiert sich aber bald ganz neu. Er lernt seine spätere Frau kennen und folgt ihr nach Niedersachsen. Seine neue Welt ist bald Klein Heidorn. Dort hilft er seiner Partnerin, eine Praxis für Kleintiere mit Tierpension aufzubauen.
Später kommen Ämter hinzu, die etwas über Heinrichs Persönlichkeitsstruktur offenbaren: Er ist ein Macher, ein Motor, ein Motivator. So wird er Vorsitzender des Fördervereins Düendorf, der Jahre zuvor von Günther Wollenzien und Mitstreitern auf dem Gut gegründet worden war. Aus kleinen Anfängen in einer Scheune der Familie Tofahrn ist längst die Wildtier- und Artenschutzstation in Sachsenhagen entstanden. Als der TSV einen Vorsitzenden sucht, ist Heinrich zur Stelle. Bald – nach 26 Jahren – gibt er dieses Amt ab.
Heinrich ist inzwischen 70 Jahre alt und fängt noch einmal etwas Neues an: Er ist in den Ortsrat von Klein Heidorn gewählt worden und in den Stadtrat. Sein Motto laut Wahlplakat: „Zu Wort melden, nicht schweigen“. In den Jahren der beiden Vereinsvorsitze habe er erfahren dürfen, dass „die politische Überzeugung hinter den gemeinsamen Anstrengungen für Naturschutz oder auch einen Sportverein zurückstehen muss“.
Das Einstehen für ein Gemeinwohl schaffe Vertrauen. „Wenn wir wieder an der Sache um eine gute Lösung streiten, darf es nicht entscheidend sein, wer den guten Vorschlag gemacht hat“, sagt Heinrich. Sowohl im Ortsrat als auch im Stadtrat sei er ein Anfänger. „Mit einem Sitz und somit einer Stimme“ werde er nicht „richtungsentscheidend“ sein. Welche Entscheidungen überhaupt auf ihn zukommen, sei noch nicht absehbar.
Die „BSW-nahe Gruppe aus Neustädtern und Wunstorfern“ werde das entscheidende Gremium sein. Als erstes Thema will sie die Situation am Klinikum, dem früheren Landeskrankenhaus, genauer betrachten. Auch die Themen Schwimmbadplanung und Radweggestaltung habe die Gruppe bereits im Blick.
Schreibe einen Kommentar