
Wunstorf (as). Mit dem 72-jährigen Heidorn sind auch Axel Eberhardt, Frank Ludowig, Jan Weber und Jörn Knop wiedergewählt worden. Alle waren im Februar 2024 gemeinsam angetreten, die seit gut 50 Jahren existierende Interessenvertretung der Geschäftsleute in die Zukunft und aus dem Zwist mit der Verwaltung und Teilen des Rates herauszuführen. Von den Auseinandersetzungen um Parkplätze und Parkgebühren, Parkdeck und die finanzielle Unterstützung der Stadt zermürbt, hatte sich der damalige Vorsitzende Christoph Rüther zurückgezogen.
Die Arbeit für Mitgliedsgeschäfte, für Innenstadt und ein attraktives Veranstaltungsprogramm sei vom Vorstand nicht mehr ehrenamtlich zu leisten, hieß es Ende 2023. Eine Agentur sollte eingeschaltet werden. Zur Finanzierung hätte ein städtischer Zuschuss beitragen sollen. Der Antrag scheiterte, und der Graben zwischen Stadtspitze und Teilen der Politik auf der einen Seite und der Werbegemeinschaft auf der anderen wurde tiefer.
Die frühere Zusammenarbeit wurde de facto beendet, und die Stadt setzt mehr und mehr auf ihr eigenes „City-Management“. 2009 war der Händlerverein vom Ortsrat Wunstorf für seine Bemühungen um die Innenstadt mit dem Ortspreis ausgezeichnet worden – 2023 bestimmten gegenseitige Vorwürfe das Bild. Das Vertrauen war auf beiden Seiten am Nullpunkt, und der Werbegemeinschaft drohte das Aus.
In letzter Minute gelang eine überraschende Lösung, die den Verein aus der Misere befreite, in der Stadt aber nicht nur Beifall fand. In aller Stille hatte Michael Schaer zuvor an einer Paketlösung gearbeitet, die er den Mitgliedern Anfang 2024 präsentierte: Heidorn und Eberhardt sollten im Vorstand aktiv werden, bisherige Vorstandsmitglieder als Beisitzer weiter mitwirken.
„Das ist die Kröte“
„Das ist die Kröte, die Sie schlucken müssen!“, hatte Schaer damals gesagt. Zu seinem Vorschlag gebe es keine Alternative außer der Auflösung. Der neue Vorstand war binnen einer halben Stunde installiert und erklärte umgehend, das Verhältnis zur Stadt in Ordnung bringen zu wollen. Heidorn kündigte an, erst einmal das „Eis lösen“ und „auf Reset drücken“ zu wollen.
Das ist dem Vorstand offenbar gelungen. Der öffentliche Streit ist beigelegt, auch wenn Differenzen bleiben. Deutliches Zeichen für die Entspannung: Mit Tanja Berg von der Wirtschaftsförderung und Innenstadtkoordinator Alexander Stockum nahmen zwei Vertreter der Stadtverwaltung an der jüngsten Zusammenkunft teil. Auch die Kritik daran, dass mit Heidorn und dem früheren Bürgermeister Eberhardt zwei CDU-Mitglieder im fortgeschrittenen Alter im Vorstand sitzen, ist verstummt.
Im Fall von Heidorn könnte sie jetzt wieder aufflammen: Der gelernte Bankkaufmann und Logistikspezialist hat angekündigt, Ortsbürgermeister in Wunstorf werden zu wollen. Die CDU hat ihre Kandidatenlisten für die Ortsräte noch nicht aufgestellt, und eine regelrechte Kandidatur für das Amt des Ortsbürgermeisters gibt es nicht. Es gilt die Regel: Wer die Liste anführt, ist auch Bewerber für das Amt.
Wie Schaer 2024 ging Heidorn jetzt in seinem ausführlichen Rechenschaftsbericht auf Reibereien und Zwist mit dem Rathaus nicht ein. Seine kritischen Anmerkungen waren knapp dosiert. Es sei nach wie vor „sehr schwierig“ mit Verwaltung und Politik, aber die Werbegemeinschaft werde wieder gehört. Er habe sicher nicht immer den richtigen Weg gefunden, sich aber stets darum bemüht. Die interne Zusammenarbeit beschrieb er als effektiv und sachorientiert, auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gebe. Heidorn: „Das Dickschiff Werbegemeinschaft ist wieder auf Kurs!“
Zu diesem Kurs gehöre, dass der Vorstand „Fehlentwicklungen in der Innenstadt“ ansprechen werde. Heidorn forderte dazu auf, die Prioritäten zu überdenken, ging aber auf die heftige gemeinsame Kritik von Werbegemeinschaft, Heimatverein und Bürgerinitiative an den Plänen zur Umgestaltung der Fußgängerzone nicht ein. Die Gemeinschaft stehe ausdrücklich zu den Zielen des ISEK-Verfahrens, mit dem die gesamte Innenstadt saniert werden soll.
Das ändere nichts an der Ablehnung der Ergebnisse des Wettbewerbs für die Fußgängerzone. Als Sachpreisrichter habe er keinem der Entwürfe zugestimmt. Diese Position vertrete er nach wie vor. Heidorn teilte mit, auf Bitten der Stadtverwaltung habe eine Arbeitsgruppe der Werbegemeinschaft ein zweiseitiges Papier mit Vorschlägen erarbeitet, die in die Ausschreibung des Wettbewerbs aufgenommen werden sollten. Das sei nicht geschehen, und eine Begründung habe der Verein trotz Nachfrage nicht erhalten.
„Niemand kommt für eine Kugel Eis“
Zu Beginn seines Berichts hatte Heidorn die gesamtwirtschaftliche Lage und das Geschäftsklima beschrieben. Die Insolvenzen haben danach einen Höchststand erreicht, die Perspektiven seien nicht positiv. Auf die lokale Situation eingehend, sagte er, es seien die Sortimente des Einzelhandels, die die „Strahlkraft“ von Städten wie Wunstorf ausmachten. Niemand komme wegen einer Kugel Eis oder eines Cappuccino. Das erkenne die Stadtverwaltung seiner Meinung nach ebenso wenig wie Teile der Politik.
Das Aktionsprogramm in der Innenstadt ist gegenüber Vorjahren abgespeckt. Es bleiben: Maibaum mit den Pfundskerlen, Flohmarkt, Grillmeisterschaft, langer Donnerstag und verkaufsoffener Sonntag mit Auto-, Oldtimer- und Trecker-Schau, Late-Night-Shopping und Weihnachtsmarkt sind die markanten Veranstaltungen.
Der weihnachtliche Markt an der Stadtkirche stellt die Gemeinschaft 2026 vor besondere Herausforderungen: Nach 42 Jahren als Mit-Organisator zieht sich Michael Schaer endgültig zurück. Auch Christoph Rüther ist nicht mehr dabei. Ein neues Team muss gefunden werden. Schaer: „Weihnachten kommt schneller, als man denkt!“
„Die Werbegemeinschaft hat wieder Gehör.“
Wenn das auf die Investitionen in der Innenstadt bezogen sein soll, dann gute Nacht.
Bei den führenden Akteuren der Werbegemeinschaft hat wohl noch niemand was von der Disruptions-Theorie (Innovator’s Dilemma) gehört. Dass gerade Unternehmer derartige Investitionen ablehnen ist erschreckend. Es erklärt aber auch, warum manche Geschäfte die Grätsche machen, denn: „Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.“
Man möge es mir nachsehen, wenn ich sage:
Das Ding kommt zurück, wenn einige der Akteure nicht mehr im Amt sind. Ihre Nachfolger werden rufen „Wie konnte man sich nur jahrelang so ausruhen?! Jetzt haben wir hier ’nen Riesen-Investitionsstau!“