Der Wunstorfer Schiedsmann

Friedlies trifft … Andreas Varnholt

Andreas Varnholt wurde mir als Gesprächspartner empfohlen – und er hat sofort zugesagt, sich mit mir auf einen Kaffee zu treffen. Doch vor unserem Gespräch habe ich erst einmal die „Schwarmintelligenz“ befragt, was denn ein Schiedsmann überhaupt so macht …

Andreas Varnholt
Der frühere Baureferatsleiter der Stadtverwaltung Andreas Varnholt ist nun Schiedsmann für den Bereich der Kernstadt. | Foto: Friedlies Reschke

Bereits seit 1827 gibt es ehrenamtliche Schiedsmänner und -frauen in Deutschland (nur Baden-Württemberg, Bayern und Bremen haben keine, dort übernehmen andere Institutionen die Streitschlichtung). Die Aufgfabe der Schiedsleute ist es, kleinere Streitigkeiten beizulegen. Als typische Fälle gelten Hausfriedensbruch, Beleidigung, Verletzung des Briefgeheimnisses, Körperverletzung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Vollrausch.

Heckenscheren in den Augen

Ich war also sehr gespannt, welche „bösen“ Geschichten Andreas Varnholt mir aus dem Wunstorfer Alltag erzählen würde. Denn obwohl er erst seit acht Wochen im Amt ist, hat er bereits sieben Fälle auf dem Tisch gehabt. Meist geht es dabei tatsächlich um Hecken, die grünen Begrenzungen – voll und ganz dem Klischee der typischen Nachbarschaftsstreitigkeiten entsprechend. Die Hecken sind den Nachbarn mal zu hoch, mal zu dicht, oder sie werfen vielleicht auch mal Blätter ab. Und Blätter, so sind einige der Meinung, sind Dreck und Unrat. Also keine Geschichten zu Wunstorfern im Vollrausch. Schade, aber vielleicht auch besser so.

„Die Menschen reden nicht mehr miteinander“Andreas Varnholt

Varnholt selbst vergleicht seine Aufgabe mit einer Paartherapie. „Die Menschen reden nicht mehr miteinander“, so sein Fazit nach der kurzen Zeit. Nachbarn leben nebeneinander, ohne sich zu kennen. Kleinere Unstimmigkeiten, die bei einer Tasse Kaffee oder einem Bier am Gartenzaun eigentlich schnell geklärt werden könnten, werden dann irgendwann zu einem echten Problem. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem eine der beiden Parteien den Schiedsmann anruft. Varnholts erster Tipp ist immer: „Reden Sie miteinander.“ Der Wunstorfer Schiedsmann recherchiert dann die Lage und lädt alle Beteiligten an einen Tisch. Idealerweise wird dann eine einfache Lösung gefunden. Das Ideal ist jedoch nicht der Regelfall. Von seinen Kollegen weiß Varnholt, dass die Erfolgsquote bei rund 50 Prozent liegt. Wenn letztendlich keine Einigung erzielt werden konnte, geht es anschließend oft zum Gericht. Bei Beleidigungen – und auch bei Heckenproblemen – muss jedoch immer erst ein Schiedsmann eingeschaltet werden, bevor ein Richter aktiv wird.

Vielseitiger Schiedsmann

Aber wie ist er überhaupt auf die Idee gekommen, das Amt zu übernehmen? Seit drei Jahren ist der 66-jährige ehemalige Bauamtsleiter im Ruhestand. Und zwei seiner ehrenamtlichen Projekte laufen jetzt aus – dann wollte er die Lücke füllen (drei Wunstorfer Stadtrundgangs-Broschüren des Heimatvereins sind ausreichend und auch sein Beitrag zur Ausstellung „100 Jahre Weimar“ in der Stadtkirche ist fertig – dazu unten mehr). Seine Unterstützung in der Kleiderkammer des Flüchtlingsheimes am Luther Weg, sein Engagement im Forum Stadtkirche (er hat ein Faible für die Umnutzung von Kirchen), dem Englischkurs-Refresher für Senioren, Sport und auch seine wiederbelebten Kochkünste ließen noch Zeit für Neues. Im Winter hat er sich mit seiner Vorgängerin Gabriele Rödel-Wieck, wie er selbst sagt, „zielführend unterhalten“ – und sofort gesagt „das ist was für mich“. Sein Ziel ist es nun, Menschen dazu zu bewegen, miteinander zu reden und Frieden zu stiften.

Im „braunen Haus“

Jetzt, neugierig geworden, wollte ich aber noch mehr wissen zum Beitrag „100 Jahre Weimar“: Denn Andreas Varnholt und seine Familie wohnen in einem geschichtsträchtigem Haus an der Hindenburgstraße 31. Das Haus gehörte dem jüdischem Pferdehändler Alex Schönfeld, der 1930 aufgrund der Wirtschaftskrise sein Haus aufgeben musste. Die Stadt Wunstorf erwarb das Haus dann mit Höchstgebot in der Zwangsversteigerung und vermietete es später an die NSDAP. Daher war es auch lange als „das braune Haus“ bekannt. Varnholt hat 2005 die Nachfahren von Schönfeld aus den USA kennengelernt, aus dem ein langer, freundschaftlicher Kontakt entstand. Der ist dann leider irgendwann eingeschlafen.

Was ist Wunstorf für Andreas Varnholt?

W – Wohlfühlen
U – unaufgeregt
N – nette Leute
S – Stadtkirche – ein besonderes Haus
T – tolle Gegend, toller Ort
O – offen für Neues
R – Radfahren macht Spaß
F – freundlich

Sollte jemand einen Schiedsmann in der Kernstadt benötigen: Andreas Varnholt ist telefonisch unter 05031 – 14860 erreichbar. Weitere Ansprechpartner finden Sie hier.

Sie kennen auch jemanden, den ich mal vorstellen sollte? Der oder die in Wunstorf aktiv ist? Dann bitte eine E-Mail an mich: reschke@auepost.de

 

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