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Auf der anderen Seite der Maske

Einst war sie selbst im Gesundheitssektor tätig, doch dann erkrankte sie an Endometriose. Nun näht Susanne Borchers in der Corona-Krise Mund-Nasen-Behelfsmasken für ihre Ex-Kollegen.

Susanne Borchers näht während der Corona-Krise Schutzmasken | Foto: privat
Susanne Borchers näht während der Corona-Krise Schutzmasken | Foto: privat

Bis vor wenigen Jahren war sie noch selbst „auf der anderen Seite“. Als medizinische Podologin hat sie oft mit Patienten zu tun gehabt, die an Keimen litten und daher mit besonderer Vorsicht in ihrer Praxis in Luthe behandelt werden mussten. Die Praxis, die sie nach ihrer Ausbildung eröffnete, hatte unverschuldet keinen guten Start: Kurz nach der Eröffnung raste ein Auto in das Haus, in der sie sich Praxisräume gemietet hatte, und kam an der Wand eines Behandlungsraumes zum Stehen.

Der Unfall selbst dauerte nur wenige Sekunden, doch die reichten aus, um die folgenden Jahre stark zu beeinflussen. Die eingedrückte Wand zog eine erneute Renovierung nach sich. Etwas, was schon für Bestandspraxen ein großes Ärgernis ist, stellt neu eröffnete Betriebe vor ganz eigene Probleme. Der Verdienstausfall war nur schwer zu belegen. Zähe Auseinandersetzungen mit der Versicherung rissen ein tiefes Loch ins Budget. Dennoch entwickelte sich die podologische Praxis zunächst gut. Borchers teilte nun das Schicksal vieler medizinischer Berufe – die Abrechnungen mit den Krankenkassen. Anders als beispielsweise im Supermarkt, wo man für Waren sofort zahlt, bringen die Verordnungen, mit denen medizinische Leistungen abgerechnet werden, erst nach Wochen oder Monaten Geld aufs Konto. Das war weiteres Gift für eine ohnehin belastete Liquidität. Doch am Ende war es nicht vorrangig ein wirtschaftliches Problem, sondern ein medizinisches, das das Ende für ihre Praxis bedeutete. Borchers erkrankte an Endometriose.

Die sehr schmerzhafte Erkrankung, bei der ein der Gebärmutterschleimhaut ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle entsteht, machte mehrere Operationen notwendig. Dennoch war der Befall weiterer innerer Organe nicht zu verhindern, was weitere langwierige Behandlungen nach sich zog. Die Krankheit ließ einen regulären Praxisbetrieb nicht mehr zu, und das erst recht nicht in einer Selbständigkeit, in der man mit einer Erkrankung weitaus mehr auf sich allein gestellt ist als ein Arbeitnehmer.

Alltag mit der Krankheit

Was nach Aufgabe der beruflichen Tätigkeit geblieben ist, ist ein von der Krankheit geprägter Alltag und das Angehen zahlreicher bürokratischer Hürden. Durch ihren eigenen Krankheitsverlauf ist Susanne auf Gehhilfen und Rollstuhl angewiesen, kann auch ganz alltägliche Arbeiten nur unter Mühen verrichten. Dinge, die man Menschen in hohem Alter zuschreiben würde und nicht einer Frau von Anfang vierzig. Den Mangel an Pflegekräften kennt sie dabei auch aus ihrer persönlichen Sicht, denn obwohl sie Anspruch auf Unterstützung hätte, ist keine Hilfe zu bekommen. Der Markt für Unterstützungsleistungen ist leergefegt, ein Pflegedienst, der zuletzt mit einigen Stunden am Tag ein wenig Normalität ins Haus brachte, hat gekündigt. Selbst dabei musste die Familie sich mit dem Dienstleister noch um die Kündigungsfrist streiten. Die Reha-Maßnahme, die auf einen Krankenhausaufenthalt folgen sollte, ist auf unbestimmte Zeit verschoben und die Verordnungen von Hilfsmitteln bedeuten auch immer Angst, die Krankenkasse könne die Mittel doch als unnötig erachten. Auf wirkliche Hilfe kann sie sich hauptsächlich bei ihren Kindern und vor allem ihrem Mann verlassen, die mit ihr gemeinsam nicht nur den Alltag, sondern auch ein Stück normales Leben meistern.

Mit Masken kennt sich die Lutherin aus

Als aufgrund der Gefahr von Corona-Infektionen Schutzmasken zur Mangelware wurden und es einen Aufruf der Landfrauen gab, Masken in Heimarbeit zu nähen, war Susanne Borchers sofort klar: Es ist dringend und wichtig, hier mitzumachen. Sie beteiligt sich, so gut es geht. Die fünffache Mutter weiß dabei genau, dass die Masken nur ein Notbehelf sind und lediglich ein Minimum an Schutz bieten. Zudem werfen sie auch ganz andere Probleme auf als die sonst üblichen Einwegmasken, denn in den Hygieneplänen von Pflegediensten oder Praxen ist das Waschen und Aufbereiten von Stoffmasken normalerweise nicht vorgesehen – und das Mitnehmen und Zu-Hause-Waschen erst recht nicht. Solange es keine behördlichen Übergangsvorschriften gibt, bewegen sich die Betriebe mit der Nutzung der in guter Absicht genähten Masken in einer Grauzone.

Susanne Borchers kennt allerdings auch noch ganz andere Dinge, mit denen die in dieser Krisenzeit so oft erwähnten medizinischen Berufe konfrontiert werden. Das umfasst die weitere Schutzausstattung, die ebenfalls knapp ist, die damit verbundene Befürchtung, sich selbst zu infizieren, bis hin zu recht alltäglich anmutenden Problemen wie Einkauf, Kinderbetreuung und die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz.

Das Nähen nimmt in ihrem Tagesablauf einen therapeutischen Stellenwert ein und bedeutet Zeit, in der sie sich von vielen ihrer eigenen Probleme ablenken kann. Denn bei allem Ungemach dreht sich die Welt der Familie nicht nur darum, Unterstützung zu empfangen, sondern auch selbst zu geben. Und sei es eben, Masken zu nähen.

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #8 (Mai 2020)

1 Kommentar

  1. Ich ziehe meinen Hut vor Frau Borchers, die sich auch nach so vielen Schicksalsschlägen immer wieder nach vorne schaut. Hinter den Masken, die sie näht, steckt die wirklich erzählungswerte Geschichte einer in meinen Augen starken Frau. Lass dich nicht unterkriegen, liebe Susanne!

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