
Wenn eine Polizeibeamtin oder ein Polizeibeamter in Zukunft das Handy herausholt und aufs Auto hält, dann darf man nicht mehr davon ausgehen, dass die Ordnungshüter heimliche Fans des Fahrzeuges sind – sondern dass man selbst Beteiligter eines Verkehrsunfalles geworden ist.
Denn in ganz Niedersachsen ändert sich nun die Art und Weise, wie die Polizei bei Unfallaufnahmen zur Tat schreitet: Der klassische Unfallerfassungsbogen hat ausgedient, die Verkehrsunfälle werden nun elektronisch aufgenommen.
Dazu hat das Land Niedersachsen 9.500 neue Smartphones beschafft. Das neue System wird nun schrittweise in den Polizeidirektionen des Landes ausgerollt, ist stellenweise schon im Einsatz – aber in Wunstorf sorgte man nun dafür, dass das Thema auch größer in die Medien kommt.
Vollen Einsatz zeigten dabei Polizeibeamtinnen und -beamten am heutigen Montagmorgen, als sie zur Demonstration des neuen Systems vor Presse, Funk und Fernsehen sogar eine Karambolage am Kommissariat nachstellten. Wunstorfs Kommissariatsleiterin Britta Schwarz persönlich mimte die Unfallfahrerin, die ihrem Kriminalermittlungsleiter in die Seite gefahren war – natürlich mitten auf dem Polizeiparkplatz.

Die Kollegen durften dann testweise einmal den Unfall im neuen System protokollieren. Und das dauerte trotz App-Unterstützung eine ganze Weile: Nach rund 10 Minuten war das digitale Unfallprotokoll fertig erstellt und bereit zur Weiterverarbeitung, beispielsweise von der zuständigen Bußgeldstelle.
Und dass für die Erste Kriminalhauptkommissarin keine sonstigen Verstöße im System hinterlegt waren, wurde dabei auch noch gleich sichtbar.
Innenministerin Daniela Behrens (SPD), die gemeinsam mit Polizeipräsident Axel Brockmann zur Vorstellung des Systems gekommen war, rief der lachenden Schwarz lächelnd zu: „Na, da haben Sie aber Glück gehabt!“

Für die Polizeibeamten sind Unfallaufnahmen Alltag – vom kleinen Rempler auf dem Parkplatz bis zum Zusammenstoß auf der Kreuzung muss alles dokumentiert werden. „Positive Bürokratie“, nennt das Ministerin Behrens.
Polizeibeamtin Jasmin Schumacher, die das System gemeinsam mit ihrem Kollegen Björn Huwald vorführte, sagte, dass man mit entsprechender Übung dann noch schneller werde. Es sei schon „eine große Arbeitserleichterung“, mit der App zu arbeiten. Denn spätere Übertragungen ins System auf dem Kommissariat entfallen – und damit ebenso weitere diverse Arbeitsschritte.


Die Arbeitsbelastung der Beamten lässt sich nachvollziehen, wenn man die vielen Einzelschritte und Angaben, die auch die App erfordert, zusammenzählt. Dass es auf Papier noch viel länger dauert, verwundert nicht. Die Digitalisierung bedeutet Zeitersparnis – für die Beamten selbst und damit auch für die Bürger, die bei Verkehrsunfällen auf die Dienste der Polizei warten.
Das neue System hat dabei einige Rafinessen: So kann man direkt mit der App beispielsweise einen Personalausweis scannen, so dass die Daten automatisch erfasst werden – oder auch das Kennzeichen. Mögliche Schreibfehler werden damit von vornherein eliminiert.
Auf den Datenschutz wird darüber hinaus geachtet: Auch wenn es so wirkt, werden die Ausweisdokumente nicht abfotografiert und Abbildungen gespeichert, sondern nur gescannt und die daraus gewonnenen relevanten Daten weiterverarbeitet. Auch Unfallskizzen lassen sich direkt anfertigen oder Standorte auf Karten automatisiert ergänzen. Auch die zuständige Bußgeldstelle kann direkt voreingetragen werden.


Die neuen Geräte sind bereits die dritte Generation von Smartphones für die Polizei, Beamte im Einsatz- und Streifendienst werden damit ausgestattet – und haben bei sogenannten Bagatellunfällen dann auch die entsprechende Unfallaufnahme-App an Bord. Für den Betrieb der Geräte stehen seit diesem Jahr jährlich zusätzlich 7 Millionen Euro im niedersächsischen Polizeietat zur Verfügung.
Zeugen des heutigen „Unfalls“ vor dem Kommissariat werden diesmal nicht gebeten, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Und auch Britta Schwarz wird weiterhin ohne Bußgeldbescheid in den Akten Auto fahren können.
Es ist auch kein Wunder, dass das Ganze 10 Minuten dauert.
Einen A4-Unfall-Erfassungsbogen jetzt mit winzigen Handy-Displays auszufüllen, zeigt schon mal einen Grundfehler der Herangehensweise. Für Ausfüllen von Formularen braucht es Tablets und keine Handys. Jeder Versicherungsvertreter und selbst der Datenerfasser für meine Terrassenüberdachung hatte zur Datenaufnahme ein iPad dabei und keine fuzzeliges Handy.
Darüber hinaus könnte ich wetten, dass bei der Eingabe der Hergangsdaten keine Spracheingabe-Erkennung zur Verfügung steht.
Na ja – wenigstens müssen die arme Polizei den Papier-Erfassungsbogen nun nicht mehr in der Zentrale nochmal abtippen. Das ist ja schon mal ein Anfang.
„Auf den Datenschutz wird darüber hinaus geachtet: Auch wenn es so wirkt, werden die Ausweisdokumente nicht abfotografiert und Abbildungen gespeichert, sondern nur gescannt und die daraus gewonnenen relevanten Daten weiterverarbeitet.“
Eine sehr schöne intellektuelle Minderleistung:
Worin bitte besteht der Unterschied, zwischen dem Abfotografieren und der Zuordnung der Bilder zu einer Person und dem Scannen und der daraus gewonnenen relevanten Daten? Das ist genau das Gleiche, denn es gibt immer ein Bild, welches einer Person zugeordnet wird.
Das ist genau mein Humor.