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Stolpersteine werden wieder zum Thema

19.05.2022 • Achim Süß • Aufrufe: 771

Erinnerung an die ermordeten Wunstorfer Jüdinnen und Juden: Auch in der Auestadt soll es künftig „Stolpersteine“ geben. Der Arbeitskreis Erinnerungskultur nimmt einen neuen Anlauf zur Umsetzung dieser Form des Gedenkens.

19.05.2022
Achim Süß
Aufrufe: 771
Thomas Silbermann (Ortsbürgermeister), Evelyn Rose, Ulrich Schmoll, Klaus Fesche (Stadtarchivar), Thomas Gleitz (Stiftskirchengemeinde), Alexander Voigt (Forum Stadtkirche), Andreas Varnholt | Foto: Achim Süß

Wunstorf (as). Das Thema Stolpersteine kommt in Wunstorf wieder auf die Tagesordnung. Vertreter mehrerer Institutionen haben sich zum Arbeitskreis Erinnerungskultur zusammengefunden und wollen dauerhaft darauf aufmerksam machen, dass einst viele jüdische Menschen in der Stadt gelebt haben und der Nationalsozialismus auch in Wunstorf Opfer gefordert hat.

Stolpersteine sind 10 mal 10 Zentimeter große Metalltafeln, die im Boden verlegt werden – vor Gebäuden, in denen Menschen gelebt haben, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt, deportiert, vertrieben, ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden sind. Die Gedenktafeln sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. In Berlin geboren, lebt der 74-Jährige jetzt in Hessen. Er verlegt die Erinnerungsplatten selbst. Seit 1996 hat er 75.000 Stolpersteine in fast 1.300 deutschen Städten positioniert, außerdem in 24 europäischen Staaten. Wer jetzt einen Stolperstein von Demnig erbittet, muss Geduld haben: Es dauert bis zu zwei Jahre, bis die Stücke fertig sind.

Gegen Widerstände

„Sehr, sehr viele Städte“ seien mit der Verlegung der Gedenktafel hervorgetreten, sagte Andreas Varnholt am Mittwochnachmittag während eines Pressegesprächs im Rathaus. Varnholt leitet den Arbeitskreis in der Nachfolge von Heiner Wittrock. Der 69-jährige Varnholt war bis zu seiner Pensionierung Baudezernent der Stadt, einige Jahre stellvertretender Vorsitzender des Forums Stadtkirche und ist einer der Wunstorfer Schiedsmänner. Stolpersteine seien in der Stadt schon vor Jahren einmal angeregt und diskutiert worden. Diverse Widerstände haben das Projekt bisher verhindert. Hauseigentümer reagierten zurückhaltend oder abweisend, und in der Verwaltungsspitze fand sich keine Unterstützung. Es setzte sich die Meinung durch, der Gedenkstein des Bildhauers Ostab Rebmann auf dem Platz zwischen Abtei und Stadtkirche sei die angemessene Form der Erinnerung.

Die Stolpersteine werden in Handarbeit hergestellt. Anfangs fertigte Demnig sie selbst. Seit 2005 lässt er sich vom Berliner Bildhauer Michael Friedrichs-Friedlaender helfen. Sobald er die entscheidenden
Daten hat, bestimmt Demnig den Text: „Hier wohnte …“, „Hier lebte …“, „Hier wirkte …“ ist in der Regel zu lesen, gefolgt vom Namen des Opfers und dem Geburtsjahr, häufig mit Deportationsdaten und Todesort. Die Messingplatten werden hintergossen und fest mit einem Betonklotz verbunden. Die Stolpersteine lässt Demnig bündig in den Bürgersteig ein. Dies geschieht in der Regel unmittelbar vor dem letzten vom Opfer frei gewählten Wohnort. Die Stolpersteine gehen in das Eigentum der Stadt
über. Die Kommune muss der Verlegung zustimmen.

Varnholt und seine Mitstreiter wollen das Thema jetzt „wieder aufgleisen“. Alle, die Interesse haben, Informationen oder Ideen geben können, seien eingeladen. Auch jetzt schon sind Privatpersonen wie Evelyn Rose und Ulrich Schmoll dabei. Der Kreis ist vor etwa zweieinhalb Jahren entstanden – zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. 2020 wurde vereinbart, über die Veranstaltungen um diesen Tag herum neue Themen zu suchen. Corona habe dieser Absicht, so Varnholt am Mittwoch, einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Nun soll es einen neuen Anfang geben. Zunächst soll es um Stolpersteine gehen, aber „Aufweitungen“ seien möglich und erwünscht. Es werde keine „Denkschranken“ geben, sagt Varnholt. Er hofft auf neue Interessenten, die den Kreis aus Vertretern der Schulen, der Stadtverwaltung, des Forums Stadtkirche, der Kirchen, des Klinikums und des Ortsrates Wunstorf verstärken.

Kontakt über Andreas Varnholt: Hindenburgstraße 31, Wunstorf; Telefon (05031) 14860; andreas-varnholt@gmx.de
von Achim Süß
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Kommentare


  • Anne Dalig sagt:

    Die Grünen haben dazu bereits Mitte April einen Antrag an die Stadtverwaltung geschickt, um Stolpersteine zur Erinnerung an die Wunstorf lebenden Juden und Jüdinnen zu verlegen.

    https://gruene-wunstorf.com/wunstorf-ortsteile/stolpersteine-gegen-das-vergessen/

    Wir freuen uns sehr, dass sich der Arbeitskreis gegründet hat und werden die Arbeit unterstützen. In Zeiten von leider wachsendem Antisemitismus ist das Kunstprojekt ein bedeutender Teil der deutschen Erinnerungskultur an die Verbrechen des menschenverachtenden Nationalsozialismus und gleichzeitig ein Mahnmal für alle Bürgerinnen und Bürger.

  • Gabriella Meros sagt:

    Es ist nicht nachvollziehbar, das man immer wieder auf die verletzende, bequem Form der Stolpersteine zurück greift, anstatt würdige, inhaltliche, informative Gedenkprojekte in Augenhöhen zu konzipieren. Stolpersteine haben von Anfang an Juden und sensibilisierte Nichtjuden verletzt. Ungeschützt im Strassendreck heute die Namen der Shoah-Opfer und früher die Opfer, die am Boden gedemütigt, getreten und ermordet werden. Der Kreagtor Demnig scheffelt Millionen er sagte in Interviews“ es ist gut über die Steine zu laufen dabei werden sie poliert und glänzen wieder“. Würdiges Gedenken? Genug Fußtritte. Und der Text erinnert an NS-Deportationslisten – da wurden Menschen zum Minimum reduziert. 85.000×120€ dss ist ein Geschäftsmodel mit günstigem Ablasshandel. Ist ja auch als Markenwert patentiert von Anfang an. Haben die Stolpersteine irgendetwas gegen den wachsenden Antisemitsmus bewirkt? Nein – im Gegenteil sie vermeiden die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Ist weniger schmerzvoll und günstiger. Bitte gedenken sie gerade heute mit inhaltlichen, würdigem Gedenken in Augenhöhe und hören sie mit den verletzenden Stolpersteinen endlich auf. Sehr viele Shoah-Überlebende sind gegen dies Steine, ebenso ihre Nachfahren und Demokraten.

  • U. Schmoll sagt:

    Es gibt bereits einen Stolperstein – für den in Wunstorf geborenen MEIER SPANIER (1864–1942), Sohn des Klempnermeisters Lesser Moses Spanier, der seine Jugend in Wunstorf verbracht hatte. Nach dem Besuch der Lehrerbildungsanstalt in Hannover und der Universität Heidelberg arbeitete er als Pädagoge in Hamburg, Münster und Berlin. Im Jahr 1942, unmittelbar vor der bevorstehenden Deportation, wählten er und seine Frau Charlotte die Flucht in den Tod. (Stolpersteine vor dem Wohnhaus in der Jenaer Straße 20 in Berlin-Wilmersdorf.)

    In seinem Aufsatz „Die Wunstorfer Spanier“ hat er anschaulich über seine Familie in Wunstorf geschrieben. Siehe unter WERKE in diesem Wikipedia-Artikel:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Meier_Spanier

  • Dr. Alfred Schröcker sagt:

    Ich finde das Projekt Stolpersteine für Wunstorf sehr wichtig, ein weiterer Schritt, mit der diesbezüglichen Vergangenheit vernünftig umzugehen. Mir ist noch sehr gegenwärtig, wie abweisend und dann zögerlich das Thema jüdischer Bürger Wunstorfs Ende des letzten Jahrhunderts behandelt wurde, diese Einstellung ist trotz der Tätigkeit von Heiner Wittrock (Buch), Ulrich Greiner (Stadtführung) oder Eberhard Kaus (jüdischer Friedhof) immer noch vorhanden.

  • Michael Lange sagt:

    Dem Arbeitskreis Erinnerungskultur wünsche ich viel Erfolg und ein großes Maß an Beharrlichkeit beim Ausräumen aller Widerstände!

    Wunstorfer, Mitbürger, Kameradinnen und Kameraden in den Vereinen, Banknachbarn in den Schulen, Nachbarn von Haus und Wohnung, Kollegen …, deren „Schuld“ es war, den „falschen“ Glauben anzugehören oder die keinen reinen „Ariernachweis“ erbringen konnten, wurden in Konzentrationslager verschleppt, ermordet, ihres Besitzes beraubt oder „für `nen Appel und `nen Ei“ arisiert. Jüdische Mitbürger, Wunstorfer, die mitten unter uns lebten.

    Das Gedenken an diese unsere Mitbürger gehört mitten in unsere Stadt!, dahin, wo sie gewohnt, gelebt, gearbeitet haben. Stolpersteine sind eine sinnstiftende Möglichkeit, die Erinnerung an sie, eingebettet in unser heutiges Leben, wachzuhalten. Erinnerung auf Schritt und Tritt.

    Interessant wäre es auch, aufzuzeigen, wer wann und mit welchen Argumenten in der Nachkriegsvergangenheit das Aufstellen der Stolpersteine verhindern konnte. Da die Stolpersteine auf den Gehwegen, d.h. auf öffentlicher Fläche, nicht auf Privatgrund, verlegt werden, stellt sich auch hier – wie so oft – die Frage: Wem gehört eigentlich diese Stadt?

  • U.Schmoll sagt:

    Grade erst wurde das Thema Stolpersteine in Wunstorf aufgegriffen und ein lokales Online-Medium berichtete, da kommt aus München der Alarmruf „Hören Sie endlich auf!“.
    Ich kann nachvollziehen, was Gabriella Meros persönlich antreibt und wie sie Ihre Auffassungen auch provokativ seit Jahren vorantreibt.
    https://www.sueddeutsche.de/muenchen/gedenken-an-opfer-des-holocausts-muenchen-streitet-ueber-stolpersteine-1.2254630
    (1)Ich halte aus eigener Erfahrung mit Stolpersteinen in einer Straße (in Berlin) die Einwände von Frau Meros zum verletzenden Umgang für lebensfremd. (2) Die Attacken auf den Künstler Gunter Demnig sind rein polemisch und merkwürdig von der Künstlerin Gabrielle Meros, einer internationalen Starphotografin mit ausgeprägtem Marketing-Sinn. (3) Und schließlich – das betone ich – möchte ich nicht von ihr beurteilt werden, ob ich ein „sensibilisierter Nichtjude“ bin (gut) oder ein den bequemen Weg des Ablasshandels gehender Goi (böse), je nachdem, wie ich es mit dem Stolperstein-Gedenken halte.
    Wir werden in Wunstorf den unbequemen Weg der Erinnerung – an den Orten des Lebens – gehen. Stolpersteine werden einen neuen Anstoß geben. Und wir werden auch an das lange, wechselvolle, aber zuletzt doch emanzipierte Zusammenleben mit der jüdischen Minderheit in Wunstorf vor 1933/1938 erinnern.
    Hier mehr dazu
    https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/u-z/2140-wunstorf-niedersachsen

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