
Wunstorf (as). Der Fall ist tragisch, das Thema dramatisch. Ähnliches hat Wunstorf noch nicht erlebt in der Neuzeit. In der IGS herrscht an diesem Abend jedoch keineswegs gedrückte Stimmung. In der ersten Reihe scherzen vier junge Frauen und lachen ein paarmal laut. Die Veranstaltung unter dem Motto „Was kann ich tun?“ verzögert sich: Der Gast aus Hannover steht im Stau. Als er dann das Wort ergreift, wird es sehr schnell ernst: Marcus Schmieder, einer der Pressesprecher der Polizeidirektion Hannover, schildert den „Routineablauf“ jenes Abends, an dem ein 14-Jähriger in Blumenau einen Gleichaltrigen tötet.
Er berichtet in klaren Worten, was Ermittlern und Berichterstattern nach der ersten Suchmeldung schon bald klar wird: „Es gab relativ zügig einen Tatverdächtigen.“ Er nennt keine Details, bleibt professionell und sachlich. Und dann sagt er einen bemerkenswerten Satz: Der mutmaßliche Täter, so Schmieder vor etwa 100 Eltern, Lehrern und ein paar Interessierten, habe „sich verleiten lassen, konkrete Hinweise zu geben“. Diese ungewöhnliche Äußerung bleibt ohne Resonanz im Publikum. Kein Raunen, keine Frage dazu, auch später nicht.
Schmieder spricht von „Totschlag oder Mord“ und berichtet, der Verdächtige sei „relativ schmallippig“. In den sozialen Medien habe sich schnell ein „Automatismus“ entwickelt. Das belaste die Arbeit der Polizei und schade nur. Der Fall sei außergewöhnlich, das Schicksal des getöteten Jungen „unheimlich tragisch“. Der Kriminalbeamte kritisiert Medien, in denen der Heranwachsende als „klassisches Opfer“ dargestellt werde. Niemand, so Schmieder, sei etwas Derartiges, über niemanden dürfe so etwas gesagt oder geschrieben werden.
Bürgermeister Carsten Piellusch stimmt in diese Kritik wenig später ein. IGS-Leiterin Elke Rothämel hat ihn wie die anderen Redner und Rednerinnen eingeladen, an dieser Auftaktveranstaltung für eine dreiteilige Reihe teilzunehmen. Rothämel hatte zu Beginn kurze Einblicke in den aktuellen Schulalltag gegeben und gesagt, allen stellten sich jetzt Fragen, „die Sie sich für Wunstorf kaum vorstellen mochten“.
Der Bürgermeister ist „gern gekommen“, hat aber sehr viel mehr als Floskeln parat. „Merkwürdige Äußerungen“ habe es in den sozialen Medien gegeben, sagt Piellusch, und „wissenschaftliche Statements“ seien öffentlich abgegeben worden „ohne Kenntnis der Verhältnisse“. Piellusch wörtlich: „Was zu lesen war, war nicht hilfreich!“ Er berichtet, dass er von Anfang an, seit Beginn der großen Suchaktion, informiert gewesen sei. Es seien „Momente der Hochspannung“ gewesen, die sich in Trauer und Erschütterung gewandelt hätten. Der Schule, ihrer Führung und den Lehrkräften bescheinigt er „sehr, sehr gute Arbeit“ – nach der Tat und auch davor.
Dem Thema des Abends, „Was kann ich tun?“, widmen sich Birte Meyer und Bettina Vorbeck von der Familien- und Erziehungsberatungsstelle der Region Hannover in Neustadt. Ihre Hinweise für Eltern, deren Kinder „schwerwiegende Ereignisse“ zu verarbeiten haben, bleiben überraschend allgemein. Moderne Eltern mit Verantwortungsgefühl und Ratgebern im Regal wissen das alles längst. Immerhin lobt Meyer, es sei „ganz wunderbar“, wie die Schule die Ereignisse behandele und aufarbeite.
Nur wenige Fragen werden an die Sprecherinnen und Sprecher gestellt, und der Abend geht in kleinen Gruppen- und Einzelgesprächen zu Ende. Am 1. März ist der Jugendtherapeut Kurt Brylla zu Gast in der IGS. Er spricht über Aggressionen als Teil menschlicher Grundausstattung. Lutz-Ulrich Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, widmet sich Ende März der Frage, wie Gewaltdarstellungen das Verhalten von Kindern und Jugendlichen verändern können. Außerdem arbeitet er in einer Gruppe mit Schülerinnen und Schülern der IGS.
Gern: Es gibt keine Meinungsänderung. Wir hatten die Berichterstattung über die Ermittlungen zum Fall eingestellt, um keine Spekulationen, Gerüchte und Theorien anzuheizen. Das gilt weiterhin. Das bedeutet aber nicht, dass wir Fakten ausblenden. Mit z. B. den Folgen der Tat wird sich die Stadt – und somit auch wir – weiter beschäftigen.
Merkwürdig ist auch, dass man die Berichterstattung laut Auepost eingestellt habe. Dem ist nicht so, wie man lesen kann. Was führte zur „Meinungsänderung“? Einfache Frage und bitte eine einfache Antwort.