Wo sind die alle?


Gesundgedacht: Wo sind die alle hinMenschenleere Straßen. Morgens, mittags, abends in einem schönen Dorf bei Wunstorf. Wo sind eigentlich die ganzen Leute hin? Hier gibt es natürlich keine Fußgängerzone. Aber dafür schöne, ruhige Straßen, Feld- und Waldwege. Bloß keine Menschen, die auf ihnen unterwegs sind. Alle weg. Im Haus, bei der Arbeit, im Auto. Einziges Ballungszentrum: Morgens vor dem Kindergarten und der Schule. Mit dem Auto. Und mittags. Und nachmittags vor der Turnhalle. Aber in den Straßen? Keiner da. Alle haben irgendwas irgendwo drinnen zu tun.

Ab und zu ein einsamer Gassigeher, aber wahrscheinlich ist die Masse von denen dann unterwegs, wenn ich noch nicht draußen bin. Weil ja alle zu tun haben. Ich habe auch viel zu tun, aber ich gehe trotzdem manchmal zu Fuß. Oder fahre einfach so mit dem Fahrrad in den Wald. Aber außer dem einsamen Jogger ist der auch immer menschenleer. Bei schönem Wetter kommt einem manchmal eine motivierte Walkinggruppe entgegen oder auf dem Feldweg ein älterer Radfahrer.

Keine Kinder weit und breit. Eigentlich müsste hier doch deutlich mehr los sein, denn schönes Wetter ist ja heutzutage so selten. Die obligatorischen Studien mahnen auch prompt mit dem Zeigefinger, dass die Deutschen immer mehr Zeit drinnen verbringen. Viele Gesundheitsprobleme, wie Übergewicht, Depression und Kurzsichtigkeit, sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass man sich zu Hause einigelt. Zum Fernsehen oder zusammen mit anderen elektronischen Geräten. Und für die Bewegung dann ins Fitnessstudio.

In Finnland verschreiben Mediziner eine „Mindestdosis Natur“ pro Monat, in Südkorea eröffnen „Heilwälder“. Zur Vorbeugung gegen Depression und Trübsinn verschreiben die Finnen, die ja auch schon bei PISA die Streber sind und bei der jährlichen Glücksumfrage außerdem, eine Mindestdosis Natur von fünf Stunden pro Monat verteilt auf mehrere Tage pro Woche, sagt der National Geographic. „Hocken Sie sich hin und berühren Sie eine Pflanze“, steht da auf den Schildern am Wegesrand von „Kraftwanderwegen“, die ein Wissenschaftler mitentwickelt hat. Früher (als ja sowieso immer alles besser war) habe ich das als Kind ganz freiwillig gemacht, ohne dass dafür Schilder aufgestellt wurden. Wir haben auch ganz alleine im Wald gespielt und Sauerampfer gegessen. Ist momentan nicht im Trend.

Vielleicht liegt es ja daran, dass sogar schon die Nähe zur Natur Stress reduziert: Wer Bäume und Wiesen vor seinem Fenster sehen kann, erholt sich schneller im Krankenhaus, erbringt in der Schule bessere Leistungen und ist sogar weniger gewalttätig, wie eine Untersuchung aus Toronto ergeben hat. Wie toll wäre es erst, wenn man dann tatsächlich auch noch rausgeht!


Mascha Labischinski ist Sozialwissenschaftlerin, Werbetexterin, Redakteurin, Mutter von zwei Kindern und natürliche Ernährungsberaterin aus Wunstorf.

Mehr bei www.text-am-meer.de oder www.training-am-meer.de.


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