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Franz Kafka, Anne Frank und Tobias Schlegl unter einem Dach

11.10.2026 • Achim Süß • 3 Min. • Kommentare: 0

Das Forum Stadtkirche zeigt noch bis einschließlich Sonntag, dem 18. Oktober, Schülerarbeiten zu Franz Kafkas Novelle „Die Verwandlung“: Gregor Samsas Mutation zum Insekt dient als Fundament künstlerischer Entfaltung. Weitere Höhepunkt des Programms in Kürze: eine ambitionierte Anne-Frank-Schau und eine Lesung mit Tobias Schlegl.

11.10.2026
Achim Süß
3 Min.
Dreidimensional: Gregor Samsa als Insekt | Foto: Hölty-Gymnasium

Wunstorf (as). Ein paar Tage noch lohnt sich der Gang zur Stadtkirche: Vom Gerüst befreit und mit gründlich saniertem Turm, bietet das Gotteshaus eine Ausstellung, die den Besuch lohnt. Zum wiederholten Mal stellen Schülerinnen und Schüler des Hölty-Gymnasiums aktuelle Arbeiten aus. Die Werke zeigen eindrucksvoll, wozu begabte Menschen in der Lage sind, wenn sie von engagierten Lehrkräften unterstützt, angeleitet und gefördert werden.

Wie in den Vorjahren war es die Kunstpädagogin Katja Ippisch, die das Projekt betreut hat und die Zusammenarbeit mit dem Forum Stadtkirche, seit fast drei Jahrzehnten Garant für besondere Veranstaltungen, pflegt. 21 Schülerinnen und Schüler aus dem 13. Jahrgang haben im Kunstkurs auf erhöhtem Niveau Kafkas vieldeutigen Text in Kunstwerke umgesetzt. Zum fachübergreifenden Vorhaben wurde das Ganze über die Zusammenarbeit mit dem Deutschkurs auf erhöhtem Niveau. Die 18-köpfige Schülergruppe wurde von Dr. Stefan Helge Kern betreut, dem stellvertretenden Leiter des Gymnasiums.

Kafka bleibt aktuell

Kern war es auch, der den Anstoß zur Kooperation über Kursgrenzen hinweg gab. Zehn Gymnasiasten aus dem Deutschkurs werden auch von Ippisch in Kunst unterrichtet. Im Gespräch mit der Auepost sagt sie: „Besonders interessant fand ich dabei seine Beobachtung, dass sich einige der Schülerinnen und Schüler in den Figuren und deren Erfahrungen durchaus wiederfinden – etwa in Fragen von Fremdheit, Ausgrenzung, Unsicherheit oder dem Gefühl, nicht verstanden zu werden.“

Wie ein Buchcover: Kafka mit Insekt | Foto: Hölty-Gymnasium

So sei die Idee entstanden, den teilweise schwer zugänglichen Text nicht nur analytisch zu betrachten, sondern ihn über Bilder, Materialien und räumliche Gestaltung auf eine andere, stärker unmittelbare Weise erfahrbar zu machen.

Freiraum für die Schüler

Ippisch berichtet, sie lasse den Schülern viel kreativen Freiraum bei der eigenen Gestaltung – insbesondere bei der Wahl der technischen Umsetzung: „So konnten sie frei entscheiden, ob sie malerisch, zeichnerisch, als Collage, Assemblage oder mit kombinierten Techniken arbeiten möchten.“

Zur Inspiration stellt die Kunstobfrau des Gymnasiums unterschiedliche Materialien, Techniken und künstlerische Möglichkeiten vor und gibt Anregungen, ohne die individuelle Gestaltung vorzugeben. Beim Rundgang durch die Klasse nehme sie mögliche Schwierigkeiten wahr: beispielsweise perspektivische Probleme oder Fragen zur Komposition.

Der Apfel als tödliches Wurfgeschoss | Foto: Hölty-Gymnasium
Nach einem Traum hat Samsa seine Gestalt verloren | Foto: Hölty-Gymnasium

Ippisch greift das bei Bedarf auf, und solche Beobachtungen werden anschließend im Plenum besprochen. „Wir suchen nach möglichen Lösungen und entwickeln die Arbeiten so im gemeinsamen Austausch weiter. Dabei ist mir wichtig, die Schülerinnen und Schüler nicht auf eine bestimmte Lösung festzulegen, sondern sie darin zu unterstützen, eigene Ideen zu entwickeln und ihre künstlerische Aussage bewusst zu stärken“, sagt sie.

Verwandlung und Folgen

Zunächst haben sich die Schülerinnen und Schüler den Szenen der Erzählung zeichnerisch genähert. Dabei war nicht allein Gregor Samsas Verwandlung in ein großes Ungeziefer der Mittelpunkt. Es ging vielmehr darum, die Folgen der unfreiwilligen Metamorphose zu betrachten: Fremdheit, Ausgrenzung, Einsamkeit, Angst und Ekel. Aus diesen Gedanken entstanden Bildideen, die von zweidimensionalen Entwürfen zu dreidimensionalen Arbeiten und Assemblagen erweitert wurden.

Die künstlerischen Objekte der jungen Künstler erweitern die Wirkung von Kafkas Worten über das Lesen und das innere Verarbeiten hinaus. Wer die Werke in der Stadtkirche sieht, kann neue Zugänge zur „Verwandlung“ finden. Die Werke zeigen mal die bedrückende Enge seines Zimmers, mal die Distanz zu seiner Familie, insbesondere zum Vater, mal die körperliche Veränderung oder die Ausgrenzung. Dazu Katja Ippisch: „Die Assemblagen zeigen eindrucksvoll, wie Literatur durch künstlerische Gestaltung in den Raum übertragen, neu interpretiert sowie im Sinne des Wortes ‚begreifbar‘ gemacht werden kann.“

Schlegl kommt mit „Leichtes Herz“

Die Schülerarbeiten sind in der Stadtkirche auch noch zu sehen, wenn am Freitag, dem 16. Oktober, der ehemalige Moderator Tobias Schlegl zu einer Lesung nach Wunstorf kommt. In einer Veranstaltung des Forums stellt er sein Buch „Leichtes Herz und schwere Beine vor“. Die Lesung beginnt um 19 Uhr. Karten gibt es noch an der Abendkasse.

„Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ ist der Titel einer weiteren Veranstaltung in der Stadtkirche. Das Forum präsentiert in Kooperation mit dem Anne Frank Zentrum Berlin von Donnerstag, dem 29. Oktober, 14 Uhr, bis zum 25. November die bisher größte Wanderausstellung zum Leben Anne Franks. Die Schau richtet sich insbesondere an Jugendliche und erzählt auch die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust.

800 Schüler kommen

Mehr als 800 Schülerinnen und Schüler aus sämtlichen 9. und 10. Klassen der weiterführenden Schulen Wunstorfs werden die Ausstellung in der Stadtkirche besuchen. Die Aktion gehört zum Rahmenprogramm der dritten Verlegung von Stolpersteinen in Wunstorf am Dienstag, dem 3. November, ab 14 Uhr zunächst in Steinhude, anschließend erneut auch in Wunstorf.

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