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Forum will mit neuer Führung das Programm zwischen Gesellschaftspolitik und Unterhaltung neu ausrichten

21.06.2026 • Achim Süß • 4 Min.Kommentare: 7

Das Forum Stadtkirche geht mit neuer Führung ins 27. Jahr seiner Geschichte. Bei der Gestaltung des Programms soll der „Facettenreichtum“ bewahrt werden, ohne den Eindruck eines „Gemischtwarenladens“ zu erwecken. Als aktueller Höhepunkt steht die Reihe „Kunst im Turm und in der Kirche“ bevor – und im November eine ambitionierte vierwöchige Anne-Frank-Ausstellung.

21.06.2026
Achim Süß
4 Min.
Bernhard Mehl, Elke Helma Rothämel, Andreas Varnholt, Anja Emmanouilidis und Friedhelm Espeter (v. l.): der neue Vorstand des Forums | Foto: Süß

Wunstorf (as). 1999 gegründet, als die Zukunft der Stadtkirche ähnlich wie heute mit Fragezeichen versehen war, ist der gemeinnützige Verein zu einem renommierten Veranstalter geworden. Kunstausstellungen, Konzerte, Lesungen, Informationsschauen und Diskussionsrunden sind längst ein fester Bestandteil der städtischen Kulturszene. Etwa 30 eigene Veranstaltungen pro Jahr trägt das Forum dazu bei.

Bürgermeister Carsten Piellusch hebt den Verein immer wieder als wesentlichen Teil des kulturellen Dreiklangs von Stadttheater, Abtei und Stadtkirche hervor. Daran knüpft die neue Vorsitzende Elke Rothämel an, wenn sie sagt, der Verein erfülle große Aufgaben. Und profitiere von seinem guten Ruf.

„Wir müssen uns erst finden“

Gemeinsam mit den übrigen Vorstandsmitgliedern Andreas Varnholt (zweiter Vorsitzender), Friedhelm Espeter (Kassenführer), Anja Emmanouilidis und Bernhard Mehl (beide von der Stifts-Kirchengemeinde entsandt) erläuterte sie vor Journalisten das Programm bis zum Jahresende. Die Veranstaltungen dieses Jahres sind vom früheren Vorstand mit dem fünfköpfigen Beirat geplant worden. Varnholt dazu: „Wir müssen uns erst finden.“

Der Beirat ist als Teil der Neuorientierung vom Vorstand abberufen worden. Der bisherige Vorsitzende Alexander Voigt assistiert dem neuen Vorstand und ist für Öffentlichkeitsarbeit und Presse zuständig.
Auch wenn einiges auf Neuanfang hindeutet, „Nischen besetzen“ bleibt nach Varnholts Worten ein wichtiges Prinzip. „In der Herzkammer der Stadt“ sei die Stadtkirche zu einem „sehr begehrten Veranstaltungsort“ geworden.

In der Stadt „gut vernetzt“, wende sich das Forum mit seinen Angeboten an die „wache Stadtgesellschaft“, so Rothämel. Ausrichtung und Programm sollen in den nächsten Wochen „neu präzisiert“ werden, kündigte die Vorsitzende an. Dabei soll der Eindruck vermieden werden, das Forum sei wie ein „Gemischtwarenladen“.

Espeter betonte, gesellschaftspolitische und politische Themen würden weiterhin ebenso im Programm Platz finden wie die Unterhaltung. Gemeinsam mit einem Arbeitskreis und Vertretern der weiterführenden Schulen der Stadt organisiert er eine vierwöchige Ausstellung in der Stadtkirche, die sich dem Leben von Anne Frank widmet. Im November ist das der Beitrag des Forums zur dritten und letzten Verlegung von Stolpersteinen in der Stadt.

Große Schau zu Anne Frank – 40 Schulklassen erwartet

Die Ausstellung informiert über ihr Leben und ist gleichzeitig Lernort zur Geschichte des Nationalsozialismus. Außer Informationen bietet die Schau Möglichkeiten, eigene Beiträge beizusteuern. 40 Schulklassen seien zu erwarten, gab der Vorstand bekannt. Mit dem pädagogischen Konzept der Schau befasst sich der Arbeitskreis bereits seit Januar.

Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule, des Hölty-Gymnasiums und der Otto-Hahn-Schule sind nicht nur eine wichtige Zielgruppe, sondern beteiligen sich auch als eine Art Volunteers: Zehn Interessierte aus den Schulen werden professionell von Experten des Anne-Frank-Hauses Berlin ausgebildet und führen später durch die Stadtkirche.

Mit dieser „gewaltigen Ausstellung“, so Varnholt, bleibe das Kapitel Nationalsozialismus auch lokal sehr präsent – ebenso wie die letzten zehn Stolpersteine, die der von ihm geleitete Arbeitskreis Erinnerungskultur am 3. November verlegt. Zum Abschluss komme noch einmal Gunter Demnig nach Wunstorf, der Initiator der europaweiten Aktion, kündigte Varnholt an.

Alte Technik – modernes Leben

Gesellschaftliche Relevanz hat auch die Ausstellung, die Emmanouilidis für das Forum aktuell vorbereitet: „Reliquie Digital“ bringt in der Reihe Kunst im Turm vom 28. Juni bis zum 9. August großformatige Ölgemälde und Chiaroscuro in die Stadtkirche. Der serbische Künstler Ivan Milenkovic verwendet diese alte Technik, um Szenen aus dem Alltag des modernen Menschen zu schaffen: Personen im Dunkel, beleuchtet nur vom Schein eines Laptops oder eines Mobiltelefons.

Wie einst da Vinci oder Rembrandt erzeugt der in Hannover lebende Maler damit die Illusion eines dreidimensionalen Raums. Ergänzt werden die Gemälde von einer Mitmachaktion. Die Besucher können persönliche Gegenstände, Glücksbringer oder Schutzsymbole vorstellen. Fotografien und Zeichnungen dieser Stücke sollen an einem Seilvorhang zu einer anwachsenden Installation in der Kirche werden.

Erinnerung an frühere Erfolge

Emmanouilidis und ihre Vorstandskollegen hoffen darauf, mit Milenkovics Ölbildern an den großen Erfolg anzuknüpfen, den die Kunst-im-Turm-Ausgabe 2025 hatte: Mehr als 1.800 Besucher sahen die Street Art-Schau Romantic Rebellion und die Stadtkirche in völlig neuem Licht.

Der Rückblick auf diesen außergewöhnlichen Programmpunkt und die übrigen Aktionen hatte auch in der Mitgliederversammlung vor einigen Wochen eine wichtige Rolle gespielt. Der Bericht des früheren Vorstands rief eine Reihe besonderer Termine in Erinnerung: die Auftritte der Kerngruppe des Bläserensembles Brazzo Brazzone, des Kolumnisten und Satirikers Imre Grimm und der Sängerin Tokunbo.

Außerdem das Gastspiel des Krimi-Autors Klaus-Peter Wolf und seiner Frau Bettina Göschl, die im August 2025 das Stadttheater füllten und auch finanziell für den Verein ein Erfolg waren. „Es war richtig viel los!“, hieß es in der Versammlung. Der Spielort Stadtkirche sei als „Kulisse sehr, sehr besonders“.

Unentdeckte Künstler und Musik mit Ballett

Der Bericht zeigte auch, dass die Kooperation mit dem Hölty-Gymnasium und dessen Kunst-Fachbereichsleiterin Katja Ippisch inzwischen als etabliert gelten darf: Schülerinnen und Schüler aus dem Kunst-Exzellenz-Kurs präsentierten anspruchsvolle Arbeiten in der Stadtkirche im März 2025 und wieder im Januar 2026 in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein.

Kirchenburgen in Siebenbürgen war im Oktober 2025 eine jener Ausstellungen, für die das Forum bekannt ist und geschätzt wird. Die Informationsschau zu einem Stück europäischen Kulturerbes stieß auf großes Interesse. Das galt auch für die Arbeiten von Rehabilitanden des Sozialunternehmens Ex und Job, das im April „Unentdeckte Künstler“ öffentlich präsentierte – zum ersten Mal.

Auch für 2026 ist das Angebot anspruchsvoll: Im Juni begeisterte der Auftritt der Musikerin Ronja Maltzahn das Publikum. Mit ihrem Partner Fede und der in Wunstorf als früherer Schülerin des Studios Hirsch bekannten Balletttänzerin Teresa Lucia Forstreuter präsentierte sie ein ungewöhnliches Repertoire. Am Schluss standing ovations.

Politik und Lesung

Am 26. August kommt es kurz vor der Kommunalwahl in der Stadtkirche zum Rededuell der Bürgermeister-Kandidaten. Die Debatte wird von Sabine Steuernagel und Carsten Ens moderiert. Im Oktober steht eine Lesung des Journalisten und Autors Tobias Schlegl an, der sein aktuelles Buch „Leichtes Herz und schwere Beine“ vorstellt. Die große Anne-Frank-Veranstaltung bildet den Abschluss.

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Kommentare


  • Anonym sagt:

    Die Ankündigung, das Forum Stadtkirche künftig ausdrücklich zwischen „Gesellschaftspolitik und Unterhaltung“ auszurichten, wirft grundsätzliche Fragen auf.

    Das Forum ist zwar ein eigenständiger Verein, aber personell, räumlich und organisatorisch eng mit der Stifts-Kirchengemeinde verbunden. Weshalb soll ein solcher kirchennaher Verein gleichzeitig politische Diskussionsplattform, Bildungsanbieter, Konzertveranstalter und Unterhaltungsbetrieb sein? Für politische Auseinandersetzungen gibt es Parteien, Rat, Verwaltung, Presse und andere öffentliche Einrichtungen. Für Kultur und Unterhaltung bestehen ebenfalls zahlreiche weltliche Veranstalter.

    Besonders irritierend ist die Aussage, man richte sich an die „wache Stadtgesellschaft“. Was soll das konkret bedeuten? Gibt es nach Auffassung des Vorstands auch eine schlafende Stadtgesellschaft? Wer entscheidet, welche Wunstorfer wach genug sind, um zur gewünschten Zielgruppe zu gehören?

    Auch der Begriff „Stadtgesellschaft“ bleibt merkwürdig unscharf. Wunstorf besteht nicht nur aus dem innerstädtischen Umfeld der Stadtkirche, sondern aus zahlreichen Ortsteilen mit teilweise deutlich dörflichem Charakter. Sind deren Bewohner selbstverständlich mitgemeint, oder bezeichnet der Begriff in Wahrheit nur ein gut vernetztes, politisch und kulturell ähnlich denkendes Milieu rund um die Kernstadt?

    Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus ist wichtig. Dennoch sollte gefragt werden dürfen, ob ein Verein, der sein Programm „neu ausrichten“ will, außer Nationalsozialismus, Stolpersteinen und den immer gleichen gesellschaftspolitischen Themen auch Zukunftsfragen zu bieten hat. Wunstorf steht vor aktuellen Herausforderungen: demografischer Wandel, Digitalisierung, Verkehr, Energie, kommunale Finanzen, Infrastruktur und die Entwicklung der Ortsteile.

    Ein kirchennaher Verein sollte vor allem Raum für Glauben, Besinnung, Kirchenmusik, Kultur und offenen Austausch schaffen. Sobald er Gesellschaftspolitik betreibt, muss er besondere politische Ausgewogenheit, Transparenz und Offenheit gewährleisten. Die selbstgefällige Einteilung in eine angeblich „wache Stadtgesellschaft“ lässt daran erhebliche Zweifel aufkommen.

    • Alexander Voigt sagt:

      „Weshalb soll ein solcher kirchennaher Verein gleichzeitig politische Diskussionsplattform, Bildungsanbieter, Konzertveranstalter und Unterhaltungsbetrieb sein? Für politische Auseinandersetzungen gibt es Parteien, Rat, Verwaltung, Presse und andere öffentliche Einrichtungen. Für Kultur und Unterhaltung bestehen ebenfalls zahlreiche weltliche Veranstalter.“

      Ganz einfach: Weil das FORUM Stadtkirche e.V. verpflichtet ist, seinem Satzungszweck zu folgen:

      „§ 2 Zweck des Vereins

      1. Der Zweck des Vereins ist die Förderung von Kunst, Kultur und Bildung. Er soll die kulturellen, sozialen und kirchlichen Veranstaltungen in der Stadt fördern und erweitern.

      2. Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch Durchführung von kulturellen, sozialen und kirchlichen Veranstaltungen. Dazu steht dem Verein als Veranstaltungsraum die Stadtkirche zur Verfügung.“

      [Quelle: Satzung des FORUM Stadtkirche e.V., u.a.: https://forum-stadtkirche.de/downloads/%5D

      Und dazu gehört nun einmal auch(!) die Politische Kultur; insbesondere dann, wenn die Vorstände der vergangenen wie der zukünftigen Jahre das FORUM Stadtkirche – nomen est omen – stets als reales Forum für die Wunstorfer Stadtgesellschaft (natürlich inklusive aller Ortsteile…!) verstanden haben und auch zukünftig verstehen werden.

      Dabei freut sich das FORUM auf Unterstützung aus allen Milieus, inklusive christlichen, nicht-christlichen, agnostischen, atheistischen etc.pp..

      Beste Grüße,

      Alexander Voigt

      Mitglied des Beirates 2026-2028
      (Organisatorische Assistenz des Vorstandes / „Presse & PR“)

      • Anonym sagt:

        Sehr geehrter Herr Voigt,

        Ihre Antwort ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie den entscheidenden Fragen ausweicht.

        Sie haben in einem begrenzten Punkt recht: Der Verein ist verpflichtet, seinem Satzungszweck zu folgen. Das hat allerdings niemand bestritten. Aus der Förderung von Kunst, Kultur und Bildung können möglicherweise auch einzelne politische Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen hergeleitet werden.

        Festzuhalten ist aber zunächst ganz eindeutig:

        Von „politischen Diskussionen“, „Politischer Kultur“, „gesellschaftspolitischen Themen“ oder einer politischen Diskursplattform steht in dem von Ihnen zitierten Satzungszweck absolut nichts.

        Die Satzung nennt Kunst, Kultur und Bildung sowie kulturelle, soziale und kirchliche Veranstaltungen. Den Begriff „Politische Kultur“ fügen allein Sie nachträglich hinzu. Sie können politische Diskussionsveranstaltungen daher allenfalls mittelbar unter den allgemeinen Begriff der Bildung einordnen. Das ist eine mögliche Auslegung, aber keineswegs jene satzungsrechtliche Selbstverständlichkeit, die Sie mit Ihrem apodiktischen „dazu gehört nun einmal auch(!) die Politische Kultur“ vorspiegeln.

        Gerade deshalb ist Ihr Ausrufezeichen kein Ersatz für eine Begründung.

        Aus dem allgemeinen Bildungszweck folgt weder eine Verpflichtung zu politischen Diskussionen noch ein unbegrenztes Mandat, allgemeine gesellschaftspolitische Themen zu einem eigenständigen Programmschwerpunkt zu machen.

        Sie verwischen damit einen grundlegenden Unterschied:

        Die Satzung kann einzelne, offene politische Bildungsformate eventuell ermöglichen. Sie verpflichtet den Verein aber nicht zu einem allgemeinpolitischen Programm und verleiht ihm auch kein beliebig ausdehnbares gesellschaftspolitisches Mandat.

        Ihre anschließende Begründung, frühere und zukünftige Vorstände hätten das Forum stets in dieser Weise „verstanden“, stellt die rechtliche Reihenfolge ebenfalls auf den Kopf. Nicht das jeweilige Selbstverständnis des Vorstandes bestimmt den Inhalt der Satzung. Umgekehrt muss sich die Tätigkeit des Vorstandes am objektiven Satzungszweck messen lassen.

        Dass Vorstände eine bestimmte Tätigkeit seit Jahren praktizieren oder den Verein nach ihren persönlichen Vorstellungen interpretieren, macht diese Tätigkeit nicht automatisch zum Bestandteil des Satzungszwecks.

        Auch „nomen est omen“ ist keine ernsthafte Antwort. Der Name eines Vereins ersetzt weder die Satzung noch eine inhaltliche Begründung. Ein Verein erhält nicht allein deshalb ein allgemeinpolitisches Mandat, weil das Wort „Forum“ in seinem Namen vorkommt.

        Ein Forum kann ein Ort für Kunst, Musik, Theater, Ausstellungen, Bildung, kirchliche Veranstaltungen oder soziale Begegnungen sein. Aus dem Namen folgt überhaupt nichts darüber, welche politischen Aufgaben der Verein wahrnehmen darf oder wahrnehmen muss.

        Hinzu kommt ein Punkt, den Sie vollständig übergehen: die Gemeinnützigkeit.

        Die tatsächliche Tätigkeit eines gemeinnützigen Vereins muss seinen steuerbegünstigten Satzungszwecken entsprechen. Allgemeinpolitische Betätigung ist kein eigenständiger gemeinnütziger Zweck. Politische Bildungsarbeit kann zulässig sein, muss aber dem Bildungszweck dienen, geistig offen bleiben und darf nicht lediglich darauf gerichtet sein, die öffentliche Meinung im Sinne eigener politischer Auffassungen zu beeinflussen.

        Deshalb ist es keineswegs belanglos, wenn Vorstandsmitglied Espeter ankündigt, dass „gesellschaftspolitische und politische Themen“ weiterhin ebenso im Programm ihren Platz finden sollen wie Unterhaltung.

        Das Wort „ebenso“ legt zumindest nahe, dass allgemeine politische Themen nicht nur gelegentlich im Rahmen des Bildungs- oder Kulturauftrags behandelt werden sollen, sondern als eigener, gleichrangiger Programmbereich verstanden werden.

        Genau hier können durchaus Schwierigkeiten mit dem Finanzamt entstehen.

        Denn weder politische Diskussionen noch gesellschaftspolitische Arbeit sind in der zitierten Satzung ausdrücklich als eigenständiger Vereinszweck genannt. Wenn die tatsächliche Geschäftsführung solche Aktivitäten dennoch zu einem dauerhaften und eigenständigen Schwerpunkt erhebt, darf und muss gefragt werden, ob diese Tätigkeit noch ausschließlich und unmittelbar der Verwirklichung der festgelegten Satzungszwecke dient.

        Damit ist nicht behauptet, dass jede einzelne Podiumsdiskussion automatisch unzulässig sei. Es bedeutet aber sehr wohl, dass der Vorstand die politische Betätigung nicht einfach mit der Behauptung „Das gehört nun einmal dazu“ ausweiten kann. Entscheidend sind Inhalt, Umfang, Ausgewogenheit und der konkrete Bezug zum eingetragenen Bildungs- und Kulturauftrag.

        Sollte der Verein politische Diskussionen einseitig ausrichten, eigene gesellschaftspolitische Positionen vertreten oder allgemeine politische Einflussnahme als dauerhaften Programmschwerpunkt betreiben, könnte das Finanzamt durchaus prüfen, ob Satzung und tatsächliche Geschäftsführung noch übereinstimmen.

        Ihre unbekümmerte Behauptung, politische Kultur sei bereits durch die vorhandene Satzung vollständig legitimiert, ist daher nicht nur argumentativ dürftig, sondern auch vereinsrechtlich und steuerrechtlich erstaunlich leichtfertig.

        Aufschlussreich für Sie könnte in diesem Zusammenhang das Attac-Urteil (BFH, 10.01.2019 – V R 60/17) sein.

        Vor allem aber haben Sie den wesentlichen Teil meiner Kritik vollständig übergangen.

        Was genau versteht der Vorstand unter einer „wachen Stadtgesellschaft“?

        Der Begriff setzt sprachlich eine Unterscheidung voraus: hier die Wachen, dort offenbar die weniger Wachen oder Schlafenden. Wer gehört nach Auffassung des Forums zu welcher Gruppe? Sind nur diejenigen „wach“, die die Veranstaltungen besuchen, dieselben gesellschaftspolitischen Schwerpunkte teilen oder zum gut vernetzten Umfeld des Vereins gehören?

        Ihre Bemerkung, selbstverständlich seien sämtliche Ortsteile einbezogen, beantwortet ebenfalls nichts. Eine Behauptung wird nicht dadurch zum Nachweis, dass man sie mit einem Ausrufezeichen und drei Punkten versieht.

        Wie zeigt sich diese Einbeziehung konkret? Finden Veranstaltungen in den Ortsteilen statt? Werden dortige Vereine, Ortsräte und Einwohner an der Programmgestaltung beteiligt? Werden auch Themen behandelt, die Menschen in Bokeloh, Großenheidorn, Idensen, Kolenfeld, Luthe, Mesmerode oder Steinhude unmittelbar beschäftigen?

        Oder bedeutet „Stadtgesellschaft“ letztlich doch vor allem das gut vernetzte innerstädtische Umfeld aus Kirche, Politik, Verwaltung, Presse und Kulturvereinen?

        Ebenso wenig beantwortet Ihre Versicherung, Unterstützung aus allen Milieus sei willkommen, die Frage nach der inhaltlichen Offenheit. Dass jeder beim Verein mithelfen darf, beweist noch keine politische Pluralität.

        Entscheidend ist vielmehr:

        – Wer wählt die gesellschaftspolitischen Themen aus?
        – Welche Referenten und Gesprächspartner werden eingeladen?
        – Werden bei strittigen Fragen unterschiedliche Auffassungen berücksichtigt?
        – Kommen auch konservative, kirchenkritische oder anderweitig unbequeme Positionen zu Wort?

        Oder beschränkt sich die Offenheit darauf, dass alle eingeladen sind, einem bereits festgelegten gesellschaftspolitischen Programm zuzuhören?

        Es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen offener politischer Bildung und der dauerhaften Beeinflussung der öffentlichen Meinung zugunsten eigener politischer Vorstellungen. Ein allgemeines politisches Mandat besitzt ein gemeinnütziger Kultur- und Bildungsverein nicht allein deshalb, weil sein Vorstand es für wünschenswert hält.

        Ihre Antwort liefert auf all diese Fragen nichts.

        Sie zitieren die Satzung, fügen ihr anschließend Ihren eigenen Begriff der „Politischen Kultur“ hinzu, verweisen auf den Vereinsnamen und versichern pauschal, alle seien willkommen. Die konkrete Kritik an der selbstgefälligen Formulierung von der „wachen Stadtgesellschaft“, an der tatsächlichen Einbeziehung der Ortsteile, an der politischen Ausgewogenheit und an den möglichen gemeinnützigkeitsrechtlichen Grenzen lassen Sie dagegen vollständig unbeantwortet.

        Das ist keine Widerlegung meiner Einwände.

        Es ist deren Bestätigung.

  • Dagmar D. sagt:

    Die Formulierung, das Forum Stadtkirche sei in der Stadt „gut vernetzt“ und richte sich an die „wache Stadtgesellschaft“, verdient eine genauere Betrachtung.

    „Gut vernetzt“ klingt zunächst positiv. Es kann für Kooperation, kurze Wege und bürgerschaftliches Engagement stehen. Es kann aber ebenso bedeuten, dass sich ein bestimmtes innerstädtisches Milieu aus Kirche, Kultur, Politik, Verwaltung, Presse und Vereinen gegenseitig bestätigt und bevorzugt wahrnimmt. Vernetzung ist nicht schon deshalb gut, weil sie eng ist. Auch Filz ist hervorragend vernetzt.

    Gerade deshalb sollte ein kirchennaher Verein sehr sorgfältig erklären, was mit dieser Vernetzung gemeint ist. Geht es um wirkliche Offenheit in die ganze Stadt hinein, also auch in die Ortsteile, in unterschiedliche soziale Gruppen, Altersgruppen, politische Sichtweisen und Lebenswirklichkeiten? Oder geht es am Ende vor allem um einen gut gepflegten Kreis der ohnehin Anschlussfähigen?

    Noch problematischer ist der Begriff der „wachen Stadtgesellschaft“. Wer so formuliert, setzt unausgesprochen eine Unterscheidung: hier die Wachen, dort die anderen. Das klingt weniger nach offenem Forum als nach moralisch aufgeladener Zielgruppenauswahl. Eine Stadtgesellschaft besteht aber nicht nur aus Menschen, die dieselben kulturellen und gesellschaftspolitischen Codes teilen. Sie besteht auch aus Skeptikern, Konservativen, Unpolitischen, religiös Gebundenen, Dörflichen, Handwerklichen, Berufstätigen, Älteren, Jüngeren und Menschen, die mit den üblichen innerstädtischen Diskursformaten wenig anfangen können.

    Wenn das Forum Stadtkirche künftig ausdrücklich zwischen Gesellschaftspolitik und Unterhaltung angesiedelt werden soll, dann reicht ein wohlklingendes Selbstbild nicht aus. Dann braucht es erkennbare politische Ausgewogenheit, Transparenz und echte Pluralität. Ein kirchennaher Verein darf nicht den Eindruck erwecken, als wolle er neben Parteien, Rat, Verwaltung und Presse eine zusätzliche gesellschaftspolitische Deutungsinstanz bilden.

    Hinzu kommt eine grundsätzliche Frage: Was ist an dieser Ausrichtung eigentlich noch spezifisch kirchlich? Geht es um Glauben, Besinnung, Gemeinde, Kirchenmusik, Seelsorge, geistliche Orientierung und offene Begegnung? Oder wird die Kirche vor allem als besondere Kulisse für Kultur, Politik, Unterhaltung und moralische Selbstvergewisserung genutzt?

    Erinnerungskultur, etwa zur NS-Zeit und zu Anne Frank, ist wichtig und legitim. Aber sie darf nicht zum dauerhaften Ersatz für eine positive geistliche und gesellschaftliche Zukunftsperspektive werden. Wenn ein kirchennaher Verein seine Identität vor allem über historische Schuld, Mahnung und gesellschaftspolitische Deutung bildet, stellt sich die Frage, ob daraus wirklich neue Bindung an Kirche entsteht – oder ob damit eher weitere Menschen auf Abstand gehen.

    Gerade eine Kirche, die ohnehin mit Mitgliederschwund und Vertrauensverlust zu kämpfen hat, sollte sich fragen, ob sie Menschen durch moralisch aufgeladene Milieusprache gewinnt oder eher verliert. Wer Menschen erreichen will, muss sie nicht zuerst in „wach“ und offenbar weniger wach sortieren. Er muss sie ernst nehmen.

    Ein Forum, das seinen Namen verdient, sollte daher nicht nur die immer gleichen erinnerungs- und gesellschaftspolitischen Themen bedienen, sondern auch die offenen Zukunftsfragen Wunstorfs aufnehmen: Verkehr, Digitalisierung, Energie, kommunale Finanzen, Infrastruktur, Wohnen, demografischer Wandel und die Entwicklung der Ortsteile.

    Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob das Forum Veranstaltungen machen darf. Natürlich darf es das. Die Frage lautet vielmehr: Ist es wirklich ein offenes Forum für Wunstorf und für die ganze Breite der Gemeinde – oder vor allem eine gut vernetzte Bühne eines bestimmten Milieus, das sich selbst für besonders wach hält?

  • Anonym sagt:

    @FK5:
    Darauf antworte ich mit einem Goethe zugeschriebenen Zitat, welches eigentlich von Blaise Pascal stammt:

    „Entschuldigen Sie, dass der Brief so lang geworden ist;
    ich hatte keine Zeit für einen kürzeren.“

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