
Wunstorf (red). Dass sich eine Blaskapelle neu gründet, kommt selten vor. Eher lösen sich traditionelle Musikantenvereinigungen auf, mit der Überalterung der Gesellschaft werden auch die Musiker älter und geben das gemeinsame Musizieren auf. Vor allem seit der Coronazeit hat ein regelrechtes Kapellensterben eingesetzt.
Das schlug auch 2024 aufs Wunstorfer Kinderschützenfest durch: Erstmals gab es damals zum Kinderumzug keine durchgängige echte Musikbegleitung mehr. Dem Umzug fuhr lediglich ein Bollerwagen mit Ghettoblaster voran. Eine echte Kapelle war nicht gefunden worden, anders als beim großen Schützenfestumzug einen Tag später, der traditionell von zahlreichen Formationen begleitet wird.
Dabei bildet der Kinderschützenumzug den Auftakt des dreitägigen Wunstorfer Schützenfestes: Die Fahnenträger marschieren voran, und hunderte Kinder aus Wunstorfer Grundschulen ziehen in bunten Motiven vom Marktplatz auf direktem Wege zum Schützenplatz. In Wunstorf ist man stolz auf dieses einzigartige Schützenfestelement, das für die Grundschulkinder jedes Jahr ein besonderes und auch stadtidentitätsstiftendes Erlebnis schafft: Es sind Erinnerungen, die bleiben.
Und dazu dann nur Musik aus der Konserve? Das fiel vielen auf – und war für manchen nur schwer zu ertragen. Schützenfesttradition und Lautsprecherbox als Kapellenersatz, das war wie ein Sakrileg. Das empfand auch Marc-Philipp Stander so: „Der Umzug selbst war in meinen Augen traurig, weil die als Ersatz fungierenden Ghettoblaster nicht im Ansatz das Feeling eines freudigen Umzugs vermitteln konnten – die Kinder schienen mir ähnlich enttäuscht zu sein“, so Stander.


Aber Marc-Philipp Stander ist nicht irgendwer – und schon gar nicht nur nörgelnder Kritiker am Schützenfest. Er ist selbst Musiker, spielt seit seiner Kindheit Musikinstrumente und war schon als kleiner Junge als Musikant bei Schützenfesten und in vielen Musikformationen aktiv. Seine Erkenntnis angesichts der mangelndem Musikversorgung: „Ich muss mich selbst kümmern.“
Dabei ist es nicht unbedingt Desinteresse von Musikern, sondern auch der Zeitpunkt des Umzuges, der Probleme macht: Das Kinderschützenfest findet immer am frühen Freitagnachmittag statt – wenn Mitglieder von Kapellen gerade erst von der Arbeit kommen. Das schränkt die Anzahl der verfügbaren Musiker von vornherein ein.
Würde der Musikermangel langfristig das Ende des Kinderumzuges und damit des gesamten Kinderschützenfestes bedeuten?
Als sich abzeichnete, dass es auch 2025 keine Kapelle mehr geben würde zum Kinderschützenfestumzug, wurde Stander aktiv. Er ging auf die Suche nach Gleichgesinnten, startete Aufrufe und gewann vor allem über persönliche Kontakte Blasmusiker aus und um Wunstorf für die Idee: Eine neue Kapelle extra fürs Kinderschützenfest zu etablieren. Musiker aus anderen Kapellen meldeten sich – aber auch einige, die schon lange mit ihren Instrumenten keine Musik mehr gemacht hatten. In interner Abstimmung wurde der Name „Die Original Wunstorfer Musikanten“ gewählt.


Entsprechende Unterstützung kam auch von Standers Stammverein, dem Musikzug Kolenfeld. Das erklärt auch, warum auf den Bildern nun auffällig viel Rot zu sehen ist – denn man möchte bewusst zeigen, dass man sich extra fürs Kinderschützenfest aus anderen Gruppierungen zusammenfindet, und hat sich deshalb gegen eine neue Uniformierung entschieden: „Uns als Kapelle war in der Folge wichtig, zu betonen, dass wir eben auch nur eine zusammengewürfelte Formation von Blasmusikliebhabern sind, die eben vor allem für diesen speziellen Anlass des Kinderschützenfestes nun an einem Strang ziehen und den Kindern eine Freude bereiten wollen. Daher haben wir uns entschlossen, dass jeder in der Uniform seines Vereins aufläuft“, erklärt es Stander.
Ohne vorherige gemeinsame Probe ging es dann für die rund 20 Hobbymusiker zur Premiere beim Kinderschützenfest 2025. Zuvor waren Noten und Instrumente organisiert, viele Gespräche mit Musikern, Stadt und Kompanien geführt worden. Die Idee hatte funktioniert, und Stander war überglücklich: „Ich könnte stolzer nicht sein, dass diese Truppe es dennoch geschafft hat, so gut zu harmonieren.“ Aus dem Stegreif wurden Stücke wie „Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“ oder das „Lied der Schlümpfe“ gespielt – und gemeistert.


Die neuen Wunstorfer Musikanten wollten damit auch beweisen, dass Blasmusik nicht nur etwas für die Älteren ist – und weiterhin einen Platz in der Mitte der Gesellschaft hat. Der Beweis ist gelungen. Das Kinderschützenfest jedenfalls ist seitdem nie wieder ohne Live-Musik unterwegs gewesen.
Toll, wenn jemand mal die Initiative ergreift und mit Erfolg belohnt wird!
Viel Erfolg der Truppe für die kommenden Jahre!