
Wunstorf (as). Der Ruhrpott-Slang ist unüberhörbar: „David, ich schau nicht gern in ein schwarzes Loch!“, ruft der 69-jährige King of Crime, wie ihn die Veranstalter vom Forum ankündigen, dem Beleuchter und Tontechniker durch das Stadttheater zu. Wolf stammt aus Gelsenkirchen und lebt seit langem in Norden. Wenn er spricht, ist da nichts Ostfriesisches. Nordsee gibt es nur in seinen Büchern.
Bei seinen Auftritten will er in die Gesichter im Saal sehen: „Ich spiel mit denen.“ Überhaupt sind seine Lesungen eine Mischung aus Deklamationen, Anekdoten, Erklärungen – und nicht zuletzt Zitate aus den Büchern, die ihn weltberühmt gemacht haben. Dass das so ist, und wie es dazu gekommen ist, streut er gern ein. „Sogar in Kambodscha gibt’s meine Bücher.“
Vor ihm auf dem kleinen Tisch inmitten der Bühne steht eine Sammeldose der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), für die er stets und ständig sammelt und als Botschafter fungiert. Warum die bekannte Bootsattrappe ihn durch die Republik zu den Lesungen begleitet, erfahren die 500 Besucher gleich zu Anfang. Kinderbetreuung am Wochenende, so verrät Wolf verschmitzt, habe früher so ausgesehen, dass der Vater den Sohn mit in die Kneipe zu seinen Freunden genommen habe. Und dann habe er 20 Pfennige bekommen, um sich zu beschäftigen.
Die Automaten mit dem Glasbehälter voller roter Erdnüsse seien von magischer Anziehungskraft für ihn gewesen, als er vier oder fünf Jahre alt gewesen sei. „Kennt Ihr die noch?“ Oder die Apparate mit den Kaugummikugeln. Bei einer dieser Visiten in Vaters Bierpinte sei ihm das Schiffchen der DGzRS aufgefallen – und der Schlitz für die Münzen. Was man da wohl herausbekomme, wenn man einen Groschen oder zwei hineinstecke, habe er sich gefragt. Und es ausprobiert.

Aus der Sammeldose sei natürlich nichts gekommen, erzählt der bärtige Autor freudestrahlend. Sein Lohn sei aus dem Raum gekommen: Dieser kleine Junge bekomme 20 Pfennige, um sich was zu kaufen und spende sie für die Seenotretter. So hätten Vaters Freunde gedacht und gleich ihr Portemonnaie gezückt für weitere Groschen. Wolf amüsiert sich selbst und blüht mit der Anekdote geradezu auf. Das Publikum – es sind Fans aus Frankfurt, München und sogar aus dem fernen Südtirol angereist – dankt es mit zustimmendem Lachen und viel Beifall.
Und schnell wird deutlich: Da sitzt nicht nur ein phantasievoller Autor, ein einfallsreicher Erzähler, der jedes Jahr zwei Bücher mit Nordsee-Mordgeschichten vorlegt. Da ist ein perfekter Unterhalter ins Stadttheater gekommen, ein Geschichtenerzähler, der sich auch gern selbst zuhört und es perfekt versteht, seine eigene Freude am Fabulieren ans Publikum weiterzugeben. Wer seine Handlungsstränge zwischen Strand, Café und Diskothek vielleicht als zuweilen etwas simpel einstuft, muss den Mann mit den roten Hosenträgern und dem blauen Strohhut auf der Bühne erleben. Wolf liest nicht. Er spielt seine Kriminalgeschichten mit ständig wechselnder Mimik und gekonnt verstellter Stimme.
Und dann ist da seine Partnerin: Bettina Göschl, die Sängerin, Kinderbuchautorin mit Großauflagen, Songschreiberin und ebenfalls eine Unterhalterin von hohen Graden. „Mörderisch gut“, nennt Bürgermeister Carsten Piellusch das Duo in einem Post nach dem Auftritt. Und damit hat er Recht. Von der ersten Reihe, in der die Ehrengäste des Forums Stadtkirche sitzen – Mitglieder der Feuerwehr, der Johanniter, des THW und der Tafel – verfolgt er mit seiner Frau die Lesung und amüsiert sich sichtlich.
Das tut auch Wolf, der bis zu 250 Tage im Jahr mit Lesereisen verbringt. Er ist gut gelaunt an diesem Abend mit seinem neuen Buch und seinen sonstigen Geschichtchen über die Romanfiguren und die Arbeit mit dem ZDF, seine anfängliche Skepsis, ob die Fernsehleute seine Erzählungen richtig umsetzen. Stolz berichtet er auch, wie die Titelmelodie für seine Ostfriesenkrimis entstanden ist: Bettina Göschl summte sie im Vorübergehen, als die Filmcrew in Norden zusammensaß, um eine passende Untermalung des Vorspanns auszutüfteln. So stimmt sie seit 2017 die Zuschauerinnen und Zuschauer sanft ein, wenn Wolf seine Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen auf Mörderjagd schickt.

Wolf hat allen Grund zur Freude: Das Haus ist voll, selbst der Balkon. Und auf jedem Platz sitzt ein Fan. Oder eine Bewunderin. Gekonnt und scheinbar spontan holt er immer wieder Göschl zu sich auf die Bühne, und dann spielen sie sich die Bälle zu, als würde ihnen der Dialog gerade einfallen. Schon beim Betreten des Saals kommt gute Laune auf: Wolf ist sichtlich angetan vom Bühnenbild, das auf Bitten der Organisatoren Schülerinnen des Hölty-Kunstleistungskurses unter der Leitung von Katja Ippisch gestaltet haben: ein Strandzelt, ein Bikini, Quietscheenten und ein Badetuch gesellen sich zu einem blutigen Messer. Fischreusen, die das Steinhuder Fischer- und Webermuseum beigesteuert hat, und Bojen komplettieren die maritime Szene. Viel Beifall bei der Erläuterung.
Göschl steht ihrem Partner in nichts nach. Ihre Lieder sind voller Sentiment und kommen an beim Publikum. Immer wieder brandet Applaus auf. So auch bei „Du bist die Hand in meinem Rücken“. Das ist eine eingängige Ballade, die viel über die Beziehung des Paares offenbart. Das Stück zeigt: Göschls Einfühlsamkeit passt gut zu Wolfs Einfallsreichtum.
Der Abend geht mir Riesenapplaus zu Ende und die Fans, die schon eine Stunde vor Einlass vor dem Theater Schlange gestanden und später zu Dutzenden persönliche Widmungen der beiden Künstler in mitgebrachte oder am Tisch der Buchhandlung Weber gekaufte Bücher bekommen haben, zufrieden nach Haus. Zufrieden auch das Team vom Forum, das die Lesung mehr als vier Jahre lang vorbereitet hat.
Der folgende Vormittag beginnt in der Stadtkirche mit dem Test von Verstärkern und Lautsprechern. Themengerecht sind Wände und Boden am Altar mit Bildern, Seegras und Reusen geschmückt. Die Stücke stammen von Schülerinnen und Schülern der Stadt- und der Steinhuder Grundschule sowie aus dem Haus am Bürgerpark. Dekoriert hatten Mitglieder des Forums mit der Hilfe von Freunden und Familien.
Wolf und Göschl sind mit dem Soundcheck beschäftigt, und dabei kommt die allseits gute Laune abrupt abhanden: Ein Mikrofon fällt kurz vor dem Auftritt aus, und auch der Ersatz funktioniert nicht. Wolf schimpft und will alles absagen. Vergessen scheint die aufwändige Dekoration, und die Spannung im Raum kommt nicht aus Göschls Geschichten.

Die behält jedoch die Ruhe – und präsentiert fast eine Stunde lang ihre Mitmach-Songs und Geschichten für Kinder unplugged. Sie tut das so professionell und fesselnd, dass alle Zuhörer – auch die kleinsten Kinder – mucksmäuschenstill sind und fasziniert lauschen. Die gelernte Erzieherin überspielt die Panne souverän und gut gelaunt. Die Improvisation gelingt, und der grantige Wolf macht eifrig mit, wenn seine Bettina summt, singt und gestikuliert. Noch einmal herzlicher, langer Applaus für einen höchst gelungenen Auftritt.
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