
Wunstorf (as). Es ist ein Abend, der tiefe Einblicke ins Leben von Menschen auf engstem Raum gewährt. Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, unterwegs auf dem „Camino“, dem Pilgerpfad. Schlegl steigt schon mit den ersten Zeilen seines Erlebnisberichts mitten ins Geschehen, schildert Geräusche und Ausdünstungen von Wildfremden oder die Abwesenheit von Privatsphäre in der Gemeinschaftsunterkunft auf der einen Seite. Auf der anderen gewährt er Blicke auf imposante Landschaften, auf grüne Hügel, staubige Straßen und idyllische Orte, die man sich weitgehend allein erwandert.
Schlegl ist nicht allein auf den 750 Kilometern zwischen Pamplona und Santiago: Er ist „mit Mama auf dem Jakobsweg“ – so der Untertitel seines Buchs. Ein in jeder Beziehung außergewöhnlicher Gewaltmarsch. Schlegl hat das 34-tägige Abenteuer tagebuchähnlich zu einem unterhaltsamen Buch gemacht: „Leichtes Herz und schwere Beine“. Gut 220 Seiten mit kurzen, einfachen Sätzen in klarer Sprache, ergänzt mit vielen fotografischen Eindrücken.
Bevor er die Lesung beginnt, geht Schlegl mit einer Brieftasche durch die ersten Stuhlreihen. Was wie eine clevere Einlage zum Aufwärmen wirkt, hat einen ernsten Hintergrund. Das Organisationsteam des Forums Stadtkirche hat sie unter einem Stuhl gefunden. Schlegl findet schnell den Besitzer heraus. Erster Beifall, die Chemie stimmt.
Der 49-jährige Kölner ist nicht nur Moderator, Autor, Musiker, Sanitäter und Menschenretter auf dem Mittelmeer. Er ist auch ein Menschenfänger. Seine Schilderungen – aus dem Buch vorgelesen oder frei vorgetragen beim Hin- und Hergehen – sind eingängig und immer wieder amüsant.
Ob unerwartete Begegnung im Unisex-Wachraum, Angst vor Fußpilz, seine Empfindungen als Fleischvermeider in einem Land der Fleischesser, Schulterschmerzen, lädierter Fuß oder Automaten mit Blasenpflaster: Schlegl schreibt wie erlebt, authentisch, ohne Schnörkel. Er berichtet wie ein Reporter. Knapp, aber anschaulich. Dabei schont er sich nicht und nicht seine Mutter.
Er schildert sie als sparsam. Offenbar eine Folge ihrer bescheidenen Lebensverhältnisse in der Nachkriegszeit. Sparsam ist sie auch, wenn sie lobt. „Du kommst klar“, zitiert Schlegl die 73-Jährige an einer Stelle und stuft das als „höchst euphorisches Lob“ ein. Im Klappentext wird die Distanz zwischen den beiden nicht verschwiegen. Im Buch ist nachzulesen, wie sie ihre Verbundenheit mit jedem Kilometer, mit jeder Nacht unter einer gemeinsamen Decke, zurückgewinnen: „Der Weg hat ein neues Band zwischen uns geknüpft.“
So eine unsichtbare Verbindung gibt es an diesem Abend auch zwischen Autor und Publikum. Schlegl hat offenbar eine Fangemeinde in der Stadt. Viele kommen schon lange vor dem offiziellen Einlass, um sich einen guten Platz oder eine der letzten Eintrittskarten zu sichern. Die Begrüßung übernimmt Elke Rothämel, die neue Vorsitzende des Forums Stadtkirche. Sie findet einfühlsame Worte für den Gast und die Botschaft seines Buchs: „Verbringt Zeit mit Eltern und Kindern!“

Schlegl fühlt sich in der Kirche offensichtlich wohl. Seit langem nicht mehr Mitglied einer Gemeinde, mag er Gotteshäuser – wegen der Stille. In der Pause geht er an den Gemälden und Objekten vorbei, die das Forum gemeinsam mit dem Hölty-Gymnasium zeigt. Schlegl fotografiert die eine oder andere Arbeit der Gymnasiasten aus dem Kunstkurs zu Kafkas Novelle „Die Verwandlung“. „So fühle ich mich auch“, kommentiert Schlegl ein Werk, das einen Mann mit offenem Schädel zeigt, aus dem Insektenbeine, Tentakel oder Zweige ragen.
Die Veranstaltung endet spät, wie sie begonnen hat: mit einer langen Schlange. Schlegl erfüllt freundlich und geduldig eine Stunde lang auch den letzten Signier- oder Autogrammwunsch. Besser kann ein solcher Abend kaum enden: Veranstalter, Publikum und Autor sind hoch zufrieden.
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