
Wunstorf (as). Ein alerter 19-Jähriger erklärt dem Publikum die Welt. Vor allem deren Schlechtigkeit. Das muss man mögen. Gut 60 Zuhörerinnen und Zuhörer, alte und junge, mögen es. Sie applaudieren freudig und begeistert: Eine Stunde lang hören sie in der Kirche beim Poetry Slam Jesper Schwarzer und Philip H. D. Kohne zu.
„Kultur trifft Kirche“ – 2021 von vier Frauen ins Leben gerufen – startet mit den beiden Schülern das Jahresprogramm. „Ob zum Schmunzeln oder Stirnrunzeln, sich freuen oder es bereuen“, steht im Programm. Das Versprechen wird gehalten. Die beiden Schüler sind schon einige Zeit aktiv und haben ihre Fans. Diesmal sind sie nicht im Wettstreit, und das Publikum wählt keinen Sieger. Die Freunde ergänzen sich eher und sparen nicht mit gegenseitigem Lob.
Die bewusste Selbstinszenierung der Vortragenden, so liest der Neugierige im Internet, sei ein Element derartiger literarischer Wettbewerbe. Innerhalb einer bestimmten Zeit sollen die Verfasser und Verfasserinnen in der Dichterschlacht selbst geschriebene Texte vortragen. Gemeinhin werden die Autoren als „Slammer“ angekündigt. Das englische Wort bedeutet „Knall“, umgangssprachlich aber auch „Knast“ oder „vernichtendes Schlagen“ und wird von manchem für eine sprachliche Ver(w)irrung gehalten wie Handy und Home Office.
Darum geht’s in der Kirche zu Luthe aber gar nicht, sondern um einen jungen Mann, der sich in einer „Robinsonade“ von Jesper Schwarzer plötzlich auf einer Insel wiederfindet und gegen seine Verflossene giftet. Oder ist es ein Tagtraum, der mit klugen Reimen und Wortspielen voller Esprit beschrieben wird und plötzlich anscheinend im Auto endet? Gelächter und Beifall.
Zwischen den Vorträgen ist Panik angesagt: „Panik in der Kirche“ nennen sich Pia Lunghuß, Leo Puy und Philip Kohne als Musiker. Sie sind die Jugendband der Kirchengemeinde, und auch für sie gibt’s viel Applaus, besonders für ihre Interpretation des Oasis-Hits „Don’t Look Back in Anger“.
Philip Kohne lässt an diesem Abend seinen Hut beiseite: „Wir sind ja in der Kirche.“ Er hat mehrere Texte mitgebracht, darunter auch eine viertelstündige Philippika, mit Euphorie und Engagement interpretiert, in der er anprangert, was der Welt fehlt und der Mensch falsch macht. Da ist viel Wahres zu hören, der 19-Jährige ist eloquent und nachdenklich. Aber manchmal ein ganz bisschen altklug.
„Wunderbar“ nennt Karin Puy vom Organisationsteam die Tatsache, dass „es solche Jugendliche gibt“, und hat noch einen Tipp auf Lager: Am 11. März präsentiert das Lese- und Kulturfestival in der Abtei den 1. Wunstorfer Poetry Slam. Mit dabei ist Tilman Doering aus Hildesheim, dessen Kleinkunst-Label „3facherwortwert“ Wortakrobaten aus dem ganzen Land in die Stadt bringt.
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