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Ralf Völkers

18.03.2021 • Mirko Baschetti • Aufrufe: 80

5 Fragen an das Leben von Ralf Völkers, 57 Jahre, Busfahrer, ironisch.

18.03.2021
Mirko Baschetti
Aufrufe: 80

Ralf Völkers, 57 Jahre, Busfahrer, ironisch

Was beschäftigt dich derzeit am meisten?

Meine Tochter hatte einen sehr schweren Verkehrsunfall und befindet sich in der Rehabilitation. Das steht für mich erstmal vor allem anderen. Als Eltern würde man ja am liebsten sofort tauschen, um dem Kind das Leid zu nehmen. Mit Corona befasse ich mich natürlich gezwungenermaßen auch. Aber insbesondere die Kälte in der Gesellschaft beschäftigt mich sehr. Menschen sind eher unfreundlich miteinander, obwohl sie es für sich selbst gar nicht möchten, behandeln sie andere unfreundlich. Mir fällt das besonders im Straßenverkehr auf. Da wird schnell gehupt oder der Finger gezeigt und wenig Fehler verziehen. Die Toleranz anderen gegenüber scheint mir sehr gering, aber die Erwartung an die Toleranz der Mitmenschen ist hoch. Ich beobachte das schon länger. Wenn du dich früher mit einer Straßenkarte nicht zurechtgefunden hast, hast du Leute gefragt und Kontakte geknüpft. Heute greift man nur auf das Internet und Google Maps zurück. Dadurch leben die Menschen in einem Kokon. Auch die Möglichkeit, seine Meinung digital sofort unreflektiert und überall kundzutun, anstatt es noch einmal sacken zu lassen, macht zwar einerseits stark, aber meiner Meinung nach auch kalt und unnahbar.

Ralf Völkers

Was war das Wichtigste, das du in deinem Leben gelernt hast?

Man kann viel mehr schaffen, als man denkt, wenn man die Ziele Schritt für Schritt angeht und umsetzt, als wenn man nur das große Problem oder den Berg vor sich sieht. Diese Lektion habe ich insbesondere durch meine Fahrradreise ans andere Ende der Welt gelernt.

Außerdem habe ich gelernt, wie wichtig Zugehörigkeit ist. Dieses Gefühl macht Menschen glücklich, und nicht Geld oder Ruhm. Einerseits ist das sehr hilfreich, andererseits tun Menschen eben auch fragwürdige Dinge, um dazuzugehören. Ich beobachte beispielsweise Menschen, die allein mit dem Rad durch den Bürgerpark mit Maske fahren, ohne die Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Also, ich vermute, sie tun dies aus dem Wunsch, dazuzugehören und nicht aufzufallen. Die Maske ist in dem Falle nämlich eher schädlich, als dass sie irgendjemandem nützt oder schützt.

Was gibt dir Kraft in Krisen?

Die Gewissheit, dass ich Freunde habe, die das Elend mit mir teilen, stärkt mich. Ich habe gelernt, wie wichtig Freunde sind, die uneingeschränkt für mich da sind, auch wenn ich sie nachts um drei anrufe. Wenn ich auf Freunde zählen kann, die, wenn es auch noch so schlimm ist, zu mir sagen: „Das bekommen wir schon hin.“ Das hilft. Alles andere wie spazieren gehen, oder sich betrinken ist für mich nur eine Krücke. Und als meine Tochter nach dem Unfall auf der Intensivstation lag, habe ich sie auch so ermutigt, obwohl oder gerade weil ihre Lage so schlimm war.

Was sollen Menschen nach deinem Tod über dich sagen?

Am liebsten wäre mir, sie sagten, dass sie sich gern und oft mit mir kaputtgelacht haben. Oder „Der war immer witzig!“ oder „Sein Verstand war genauso scharf wie seine Zunge!“ Mit Argumenten kann man mich nämlich immer überzeugen, aber wenn jemand keine Argumente vorbringen kann, lasse ich den anderen quasi am ausgestreckten Arm verhungern, und zwar mit dem allergrößten Vergnügen. Da kann ich wirklich doof sein. Das darf auch gerne erinnert werden!

Was tust du, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Ich will mich nicht einreihen beim Mülltrennen, mehr Fahrradfahren, auf die Umwelt achten, kein Fleisch essen. Diese Dinge tue ich ohnehin. Ich esse auch seit über zehn Jahren kein Fleisch, obwohl ich schon manchmal Appetit auf eine Bratwurst hätte. Aus ethischen Gründen lehne ich Massentierhaltung ab. Das tue ich nicht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sondern weil es mir sowieso wichtig ist. Bei diesen Dingen ist es so, dass ja zum Beispiel immer noch genauso viel Fleisch an der Theke liegt, auch wenn ich selbst keins kaufe.

Ich habe nur wenig Macht und kann nur etwas im ganz Kleinen bewegen. Deshalb will ich die Welt besser machen, indem ich mit Menschen rede, sie zum Lachen oder zum Nachdenken bringe. Und meist sieht man ja das Resultat, also die Reaktion der Menschen, gleich und muss nicht erst 20 Jahre warten, um zu bemerken, dass die Anzahl der Vegetarier gestiegen ist.

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #14 (12/2020).

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