
Als es vor 5 Jahren um die Nachfolge von Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt ging, bewarben sich drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Wunstorf. Jetzt, zur Kommunalwahl 2026, sind es zwei Kandidaten und zwei Kandidatinnen, die Bürgermeister werden möchten: Neben Amtsinhaber Carsten Piellusch (SPD), der eine zweite Amtszeit anstrebt, sind das Martin Pavel (CDU), der zum zweiten Mal kandidiert, sowie Mona M’Barkiou (Die Linke) und Kerstin Obladen (Freie Wähler), die erstmals antreten. Die Grünen und die FDP stellen zur Wahl 2026 keine eigenen Kandidaten, sondern unterstützen die Kandidatur von Martin Pavel.
Am 21. August präsentierten sie sich erstmals gemeinsam den Wunstorfern – beim Wahlpodium der Stifts-Kirchengemeinde. Deren „Arbeitskreis Verkehr“ hatte zu Jahresanfang das Podium zum Oberthema Klimawandel vorbereitet und nun gut einen Monat vor der Wahl veranstaltet. Auch die FDP, vertreten durch Daniel Farnung, und die Grünen, vertreten durch Reinhard Hüttermann, diskutierten mit. Denn die Fragen, die die Stifts-Kirchengemeinde zum Thema Klima und Umwelt gestellt hatte, waren an die Parteien gegangen, nicht nur explizit an die Bürgermeisterkandidaten.
Das Kirchenschiff war nur zur Hälfte bestuhlt, einen großen Teil hatte man frei gelassen, in dem nach der Podiumsdiskussion ein offener Austausch rund um Stehtische vorgesehen war. Deshalb wirkte die Zuhörerschaft vor dem Podium dennoch geschlossen. Die Auepost zählte genau 50 Besucher auf den Zuschauerplätzen. Nicht alle von ihnen wussten, wer dort eigentlich saß auf dem Podium. Im Verlauf der Veranstaltung erkundigte sich jemand unauffällig, wer denn das alles überhaupt sei da vorne. Nur Farnung hatte die Buchstaben „FDP“ auf dem Poloshirt und Obladen trug ein Oberteil in Freie-Wähler-Parteifarbe Orange, die übrigen Teilnehmer verzichteten auf explizite Erkennungsmerkmale.
Das Podium sollte Gelegenheit bieten, die Politiker und Parteien genauer zu den Antworten zu befragen, die sie zuvor auf die Wahlprüfsteine gegeben hatten. Entsprechende Fragenkataloge waren den Parteien zuvor übersandt worden. Die Ergebnisse hingen am Freitagabend auch in der Stiftskirche aus. Es ging dabei nur um den Schwerpunkt Klimawandel, das Podium beschränkte sich auf Fragen in diesem Zusammenhang.

Die AfD war nicht eingeladen, das BSW nahm nicht teil. Pastor Thomas Gleitz moderierte den Abend und stellte in den ersten 90 Minuten auch die Kernfragen, zu denen anschließend abwechselnd von den Politikern Stellung bezogen wurde. Warum die AfD nicht dabei war, beantwortete Gleitz noch einmal genauer, nachdem aus dem Publikum heraus FDP-Stadtratsmitglied Klaus-Jürgen Maurer offen gefragt hatte, weshalb sich die Gemeinde nicht getraut habe, auch die AfD einzuladen.

Gleitz verwies unter großem Applaus der Zuschauer auf den Unvereinbarkeitsbeschluss der Kirche – die Positionen der AfD seien mit dem Menschenbild der Kirche nicht kompatibel.
Erwähnt wurde die AfD daneben nur noch einmal: Hüttermann bezeichnete sie als die Partei der Klimawandelleugner. Wie die Podiumsteilnehmer auf AfD-Positionen reagiert hätten, erfuhren die Zuschauer also nicht.
Stattdessen spielte man sich Bälle beziehungsweise Themen regelrecht zu, Pastor Gleitz musste nicht kritisch nachfragen, sondern nur die Stichworte liefern. Die Debatte entspann sich danach wie von selbst. Kurz nach Beginn verwies Carsten Piellusch darauf, dass es eine Redezeitbegrenzung und eine vorgegebene Redereihenfolge geben sollte, doch das trat in den Hintergrund: Das Gespräch am Podiumstisch entwickelte sich ungezwungen und fließend, das Mikrofon wurde einfach nach Bedarf weitergereicht.
Die Rangfolge der Teilnehmer nach ihrer Redezeit:
1. Reinhard Hüttermann (Grüne)
2. Daniel Farnung (FDP)
3. Carsten Piellusch (SPD)
4. Martin Pavel (CDU)
5. Mona M’Barkiou (Die Linke)
6. Kerstin Obladen (Freie Wähler)
Allein auf die Redezeit bezogen lieferten sich dann Hüttermann und Farnung ein Rededuell, das Hüttermann knapp für sich entschied: Er sprach am Abend am häufigsten, dicht gefolgt von Farnung.
Ein „Gewinner“ der Debatte ließ sich an diesem Abend nicht ermitteln, vielmehr herrschte viel Übereinstimmung. Dass man etwas tun müsse bei steigenden Temperaturen in der Stadt, das war Konsens. Nur beim Wie gingen die Meinungen dann auseinander.
Begonnen hatte Gleitz mit dem „Herzensthema“ des Arbeitskreises, wie er sagte – der Fahrradpolitik. Auf diese Weise wurde die Debatte direkt zur Brückenverbindung „Im Blenze“ zwischen der Kernstadt und Luthe gelenkt. Hüttermann nutzte es als Steilvorlage für eine Generalkritik an Stadt- und Ortspolitik: Statt dort eine Fahrradstraße zu ermöglichen, sei der Ortsrat auf die Barrikaden gegangen. Dabei hätte man doch an dieser Stelle zeigen können, was möglich sei. Hüttermann wurde dabei auch grundsätzlicher: Warum man immer darüber diskutiere, warum etwas nicht geht, statt darüber zu sprechen, was geht, lautete seine Frage.



Farnung pflichtete bei: Eine Fahrradstraße hätte die Autos nicht ausgeschlossen, aber den Radfahrern dort Vorrang verschafft. Auch hatte Farnung eine Idee, wie man den Biketower am Bahnhof attraktiver machen könne: Ihm fehlte eine Ergänzung einer Fahrradreparaturwerkstatt, wie sie es früher an der Fahrradstation am Bahnhof gegeben hatte. Martin Pavel betonte die Akzeptanz, ohne die Verkehrsmaßnahmen zum Klimaschutz nicht funktionierten. Warum solle man mit dem E-Auto nicht über die Brücke fahren dürfen, fragte er. Geld solle allgemein auch zunächst dort investiert werden, wo es am dringendsten gebraucht werde. Mona M’Barkiou merkte an, dass ihr der Fokus auf Radverbindungen am Steinhuder Meer bislang in der Debatte gefehlt habe. Piellusch brachte den ÖPNV ins Spiel und stellte den Erfolg des Sprinti-Systems heraus. Möglich sein sollten aber nicht nur Verbindungen innerhalb der Stadtgrenzen, sondern auch Fahrten etwa nach Neustadt oder Haste.
Zitate des Abends:
„Wenn ich zu viel rede, musst du mich bremsen“ (Reinhard Hüttermann zu Moderator Gleitz)
„Jeder, der gerade ein E-Auto fährt, freut sich jetzt, und wer einen Diesel fährt, ärgert sich. Irgendwann werden wir das auch beim Gas erleben“ (Martin Pavel zur Energieentwicklung)
„Da braucht man auch einfach einmal Mut“ (Reinhard Hüttermann zur Zaghaftigkeit in der Wunstorfer Politik)
„Ich find die Idee nicht so gut“ (Carsten Piellusch zum Vorschlag Hüttermanns, in Grauwassergewinnung zu investieren)
„Ich glaube, die Klimakatastrophe ist da“ (Reinhard Hüttermann)
„Der Bürgerpark war früher doppelt so groß“ (Kerstin Obladen)
„Ich dachte, ich habe die Grippe“ (Martin Pavel zu körperlichen Symptomen während der jüngsten Hitzewelle)
„Das ist eine Katastrophe, da spielt kein Kind mehr!“ (Daniel Farnung zum umgestalteten Barneplatz)
„Ich stimme allen zu, das Thema muss noch hipper werden“ (Mona M’Barkiou zum Klimawandelbewusstsein)
„Da bin ich mal einer Meinung mit der Linken“ (Martin Pavel zu M’Barkious Statement)
Im Rahmen des Punktes Baumaßnahmen und Klimaanpassung ging es um den Abschied vom Energieträger Gas, auch hier herrschte viel Übereinstimmung. Carsten Piellusch sagte, die Zukunft wäre fossilfrei, und: „Die Stadtwerke sind dran.“ Piellusch machte darauf aufmerksam, was man tun könne, wenn der Einbau von Wärmepumpen nicht möglich sei, und dachte in Richtung von finanziellen Hilfen für einkommensschwächere Haushalte, in Form einer weiteren Art von Wohngeld. Beim Stichwort Balkonsolaranlagen betonte Piellusch den Türöffnereffekt: Die Förderaktion habe das Thema in die Stadt gebracht. Es sei nicht darum gegangen, dass jeder eine Förderung erhält, sondern darum, das Thema in die Köpfe der Leute zu bekommen. Das habe funktioniert, jeder in der Stadt habe sich dann gefragt: Brauche ich das auch?
Martin Pavel dachte geographisch: Ein Fernwärmenetz sei in der Oststadt oder der Barne sehr gut machbar mit regionalen Partnern wie den Stadtwerken und dem Bauverein, in der Innenstadt jedoch weniger, da die Eigentümerstruktur dort zu heterogen sei. Und: „Gas ist nicht die Zukunft, damit wird das Geld nicht mehr verdient.“ Daniel Farnung schlug den Bogen zum Hallenbad: Das Geld solle nicht in Dinge wie ein Spaßbad gesteckt werden.
Pavel berichtete, dass er sich während der letzten Hitzewelle in Wunstorf regelrecht krank gefühlt habe, er habe Symptome wie bei einer Grippe verspürt. Dazu richtete er direkt die Frage an Gleitz: „Warum war da die Kirche nicht auf, Thomas?“, regte Pavel die Schaffung eines kühlen Rückzugsortes an heißen Tagen in der Innenstadt an. Dieser Punkt wäre allerdings an Gleitz gegangen, wenn er selbst Teil des Podiums gewesen wäre. Gleitz schaltete direkt auf Live-Faktencheck um, wie es Sandra Maischberger nicht besser gekonnt hätte, und erwiderte nüchtern: „Die war auf.“ Die Kirche sei an den heißen Tagen im Sommer zugänglich gewesen.


Während Hüttermann die Parkplätze ansprach, bei denen es immer „einen Riesenaufschrei“ gebe, wenn man Flächen entsiegeln wolle, aber man eben irgendwo einmal anfangen müsse („Wer hat eine gute Idee?“), legte Farnung den Finger in die baupolitische Wunde und sprach den Barneplatz an: „Das ist eine Katastrophe, da spielt kein Kind mehr!“, so seine Aussage.
Hüttermann redete weiter Klartext und adressierte Piellusch, indem er in Abrede stellte, dass im Rathaus Kompetenz für Biodiversität vorhanden sei. Unterstützung gab es hier von Pavel, der meinte, dass die Aue als Wunstorfs grüne Lunge bislang nicht angefasst worden sei. Piellusch sah das erwartungsgemäß anders, nahm seine Mitarbeiter in Schutz und sagte, dass man eine „blau-grüne Innenstadt“ bereits habe und weiter an ihr arbeite. Wunstorf sei historisch eine Auenstadt. Er nannte KRH-Park, die Bleiche und den Bürgerpark als Beispiele.



Das war nun wiederum für Obladen eine Steilvorlage, die anmerkte, dass immer mehr Grün verlangt werde, aber dann die Bäume gefällt würden. Der Bürgerpark sei einst doppelt so groß gewesen, man habe immer wieder etwas weggenommen. Farnung erinnerte noch daran, dass die Bebauung des Jahnplatzes „parteiübergreifend vom Tisch“ sei, aber man habe ja noch das Freibadgelände.
Die Stimmung bei der Podiumsdiskussion war eindeutig von den großen, den überregionalen Themen bestimmt, die sich auf Wunstorf auswirken, die nicht in der Stadt selbst entstehen, aber hier in Zukunft irgendwie gelöst werden müssen.
Carsten Piellusch wirkte kurz genervt, dass die Diskussion andauernd auf bundes- oder weltpolitische, auf grundsätzliche Themen zurückgelenkt wurde, und forderte dazu auf, auf den „Wunstorfer Boden“ zurückzukehren. Das gelang auf dem Podium nur bedingt, und auch nicht wirklich, als das Publikum nach 90 Minuten freie Fragen stellen konnte.
„Sie werden in 50 Jahren nicht mehr da sein“
Besonderen Eindruck hinterließ dabei Laura aus Blumenau. Sie fragte die Politiker auf dem Podium frei heraus, weshalb man nicht jetzt in die Zukunft der Menschheit investiere und Geld dafür in die Hand nehme. In 50 Jahren würden die meisten, die jetzt in der Stadtkirche säßen, nicht mehr da sein. Aber ihre Generation habe dann mit den Auswirkungen der heutigen Politik zu kämpfen.


Die Art der Fragestellung vermittelte eine Dringlichkeit, die bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Teil der Debatte gewesen war. Nach einem kurzen Moment der Stille und des Raunens gab es dann Applaus – und weitere junge Leute fassten den Mut, auch ihre Grundsatzfragen an die Politik zu stellen.
Nachdem Gleitz den Hauptteil des Abends beendet hatte, blieb Zeit für persönliche Gespräche. An den Stehtischen, an denen schon, nach Parteien getrennt, viel Wahlwerbungsmaterial verteilt lag, wurde direkt weiterdiskutiert, nun in kleineren Kreisen und im ganz persönlichen Gespräch.




Es war ein ernstes Thema, das an diesem Abend in der Stadtkirche diskutiert wurde, das globale Problematik mit lokalen Erwartungen verband. Für die Parteien und die Bürgermeisterkandidaten wurde es sowohl ein Stimmungstest als auch eine Bewährungsprobe: Wie reagiert die Menge auf persönliche Ideen, welches Bild gibt man ab in der Öffentlichkeit? Ein Punkt konnte dabei von allen mitgenommen werden: Wer die junge Generation politisch erreichen will, wird weit in die Zukunft denken müssen.
„Das ist eine Katastrophe, da spielt kein Kind mehr!“ (Daniel Farnung zum umgestalteten Barneplatz)
Soll das ein Witz sein? Wann war der Kandidat mal oder zum letzten Mal dort? Da spielen oder bewegen sich ganz schön viele Kinder. Ganz kleine und solche im Schulalter.
Faktencheck: Was sagen die Anwohner?