Mit dem Rad über das Balkangebirge

Ralf Völ­kers erlebt den ers­ten Schnee

Respekt vor wil­den Hun­den, ein unüber­wind­ba­rer Gebirgs­pass, neue Zeit­zo­ne und unheim­lich vie­le hilfs­be­rei­te Men­schen: Ralf Völ­kers fährt durch Bul­ga­ri­en.

Kurz am Stra­ßen­rand gepark­ter Esel | Foto: Ralf Völ­kers

Wunstorf/Sofia (ds). Als er Ende Mai Ungarn ver­ließ und durch Ser­bi­en fuhr, hat­te Ralf Völ­kers damit auch das Gebiet der EU ver­las­sen. Inzwi­schen ist er wie­der in die EU ein­ge­reist: nach Bul­ga­ri­en. Eigent­lich hat­ten die ursprüng­li­chen Pla­nun­gen auch Rumä­ni­en auf der Rou­te vor­ge­se­hen. Doch als Völ­kers Anfang der Woche den Grenz­über­gang von Ser­bi­en nach Rumä­ni­en erreich­te, ent­schied er sich spon­tan anders und fuhr wei­ter durch Ser­bi­en Rich­tung Bul­ga­ri­en. Ein wenig dürf­ten dabei auch die Beden­ken vor dem wil­den Cam­pen eine Rol­le gespielt haben – denn vor der Abfahrt hat­te sich der Wunstor­fer in Hin­blick auf die rumä­ni­schen Wäl­der extra Tier­ab­wehr­spray zur Aus­rüs­tung gepackt – zu vie­le Hor­ror­ge­schich­ten über die Angriffs­lust der dort streu­nen­den Hun­de hat­te er gehört und ent­spre­chen­den Respekt.

Bar­geld­los in Bul­ga­ri­en

Wäh­rend in Wunstorf noch das Schüt­zen­fest tob­te, fuhr Völ­kers daher nun über die Gren­ze nach Bul­ga­ri­en – das als eines der ärms­ten Län­der in Euro­pa gilt. Und obwohl er nun wie­der in der EU war, half das auf prak­ti­scher Sei­te nicht wirk­lich wei­ter, denn den Euro wol­len die Bul­ga­ren zwar ein­füh­ren, haben ihn aber noch nicht. Ein geein­tes Euro­pa, doch beim Geld schei­tert es mal wie­der. Also war erneut Geld­tau­schen ange­sagt. Doch direkt an der Gren­ze klapp­te es nicht – und so fuhr Völ­kers die ers­ten Kilo­me­ter zwar an eini­gen Geschäf­ten vor­bei, konn­te man­gels pas­sen­der Wäh­rung aber nicht ein­mal eine Fla­sche Was­ser kau­fen. Erst in der Stadt Widin gelang das Geld­wech­seln: wit­zi­ger­wei­se in einem „Kauf­land“.

Ver­damp­fen­des Bier

Dabei zeig­te das Ther­mo­me­ter bis zu 36,7 Grad, und auch die Gebirgs­aus­läu­fer waren noch nicht über­wun­den. Das bil­ligs­te Getränk in den Geschäf­ten an der Rei­se­stre­cke ist übri­gens gar nicht Was­ser, son­dern Bier – und das ande­re „Zeug“, das dort so ver­kauft wer­de, kön­ne man nicht trin­ken, weiß Völ­kers zu berich­ten. Also „zwang“ er sich teil­wei­se schon am Vor­mit­tag zum Bier­kon­sum. Denn zu spä­te­rer Stun­de ver­dampf­te auch das Bier regel­recht in der Son­ne.

Ver­dien­tes Bier nach schlim­mer Stre­cke | Screen­shot: Aue­post

Ost­eu­ro­päi­sche Zeit­zo­ne

Mit dem Errei­chen Bul­ga­ri­ens hat Völ­kers nun auch erst­mals die mit­tel­eu­ro­päi­sche Zeit­zo­ne ver­las­sen. Als er über die Gren­ze fuhr, „ver­lor“ er eine Stun­de: für Völ­kers ist es seit­dem nun immer schon eine Stun­de spä­ter im Ver­gleich zur Hei­mat. Einen Mini-Jet­lag konn­te er tat­säch­lich in den ers­ten Tagen in Bul­ga­ri­en schon bei sich beob­ach­ten, die Zeit­um­stel­lung brach­te ihn etwas durch­ein­an­der.

Die Stra­ßen­schil­der sind lei­der wie in Ser­bi­en wei­ter­hin in Kyril­lisch geschrie­ben – der offi­zi­el­len Schrift auch in Bul­ga­ri­en. Auf sei­nem Rei­se­weg ent­fernt sich Völ­kers aber nun erst­mals nen­nens­wert von der Donau. Auf dem Weg ins Lan­des­in­ne­re trifft er dann über­ra­schen­der­wei­se gleich auf einen Lands­mann, denn der Deut­sche Wer­ner Ertl führt an der Stra­ße ein schmu­ckes bul­ga­ri­sches Motel. Dort erhält Völ­kers nicht nur Obdach, son­dern gleich auch viel Hil­fe für die wei­te­re Stre­cken­pla­nung. Das ent­schä­digt für so man­che Stra­pa­ze auf der Tages­stre­cke. Denn er will direkt wei­ter in die Haupt­stadt Sofia – doch die liegt mit­ten im Gebir­ge.

Über die bul­ga­ri­schen „Alpen“

Im Ertl’schen Gast­haus wird ihm auch gleich die Sto­ry von einem Rad­fah­rer-Pär­chen erzählt, das 2013 hier vor­bei­ge­kom­men war – und eben­falls das Ziel Aus­tra­li­en hat­te. Und sie schaff­ten es tat­säch­lich bis nach Syd­ney, wie die Post­kar­te beweist, die Ertl vor­zeigt. Die Moti­va­ti­on bei Völ­kers steigt wie­der.

Dahin will er auch: Die bei­den hat­ten die Tour schon vor 5 Jah­ren gewagt – und am Ziel die­se Post­kar­te ver­schickt | Foto: Ralf Völ­kers

Doch nun steht erst ein­mal das Bal­kan­ge­bir­ge an. Die Alter­na­ti­ve wäre, wei­ter an der Donau zum Schwar­zen Meer zu fah­ren und erst dann den Weg Rich­tung Tür­kei ein­zu­schla­gen, doch Völ­kers will Sofia nicht aus­las­sen. Sein Gast­ge­ber bie­tet ihm an, eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit im LKW zu orga­ni­sie­ren, dort kön­ne Völ­kers bis Sofia mit­fah­ren – aber das lässt die Rad­fah­rer­eh­re nicht zu. An eine Bahn­fahrt denkt er zwar auch kurz, doch die Zug­ver­bin­dung geht nur ein­mal am Tag – und viel zu spät, womit sie aus­schei­det. Völ­kers will es allein und mit Pedal­kraft schaf­fen.

Widin – Mon­ta­na – Sofia

Also geht es mit dem Rad wei­ter, nun haupt­säch­lich auf Land­stra­ßen, vor­bei an sozia­lis­ti­scher Archi­tek­tur und dem Charme ver­fal­le­ner Gebäu­de. Die Stra­ßen haben teils 20 Zen­ti­me­ter tie­fe Schlag­lö­cher und manch­mal auch gar kei­nen Stra­ßen­be­lag.

Hier bret­tern sie ganz schön lang. Scheiß­egal, auch wenn die Kar­ren aus­ein­an­der­fal­len.“Ralf Völ­kers über die Situa­ti­on auf den bul­ga­ri­schen Land­stra­ßen

Nun ist das Bal­kan­ge­bir­ge in Sicht­wei­te – hier sieht Völ­kers zum ers­ten Mal Schnee auf sei­ner Rei­se: Unter­halb der Berg­spit­zen liegt er noch auf den Nord­wän­den des Gebir­ges – ein sur­rea­ler Anblick bei hoch­som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren auch auf dem Weg durch Bul­ga­ri­en. Ein­set­zen­der Regen bringt in die­sen Tagen auch kei­ne wirk­li­che Erleich­te­rung: Nach einer kur­zen Abküh­lung folgt dafür umge­hend eine drü­cken­de Schwü­le – genau die­sel­be, die auch an den Wunstor­fer Schüt­zen­ta­gen zu spü­ren war.

Es geht nicht mehr

Das Tol­le ist: wo es rauf­geht, geht es auch wie­der her­un­ter: Völ­kers genießt sicht­lich die schnel­len Abfahr­ten, wenn wie­der mal eine Stei­gung erkämpft ist. Doch die Stei­gun­gen wer­den höher und höher – bis es nicht mehr geht. Zwi­schen Mon­ta­na und Sofia lie­gen die rich­tig hohen Ber­ge. Wer bei Mon­ta­na an „mon­tan“ oder „Moun­tains“ denkt, liegt daher nicht ver­kehrt – der Name der Stadt ist nicht ohne Grund vom latei­ni­schen „Gebir­ge“ abge­lei­tet.

Eine bul­ga­ri­sche Fami­lie nahm Völ­kers im Klein­bus mit | Screen­shot: Aue­post

Das Herz war Völ­kers schon in die Hose gerutscht, als er das Schild am Stra­ßen­rand ent­deckt hat­te, das Schnee­ket­ten­pflicht anord­ne­te. Doch nicht die Wit­te­rungs­ver­hält­nis­se im Gebir­ge sind nun das Pro­blem, son­dern die schie­re Höhe des Gebirgs­mas­sivs. Selbst mit einem leich­ten Renn­rad wäre es eine Höchst­leis­tung, doch Völ­kers fährt ein schwe­res, voll­be­pack­tes Rei­se­rad. Es geht nicht mehr wei­ter. Kei­ne Chan­ce.

Das hätt’ ich im Leben nicht geschafft“Ralf Völ­kers

Ret­tung kommt von einer bul­ga­ri­schen Fami­lie im Duca­to-Kas­ten­wa­gen, die den erschöpf­ten Völ­kers, der es doch schon ziem­lich hoch geschafft hat, kur­zer­hand ein­sam­melt und 50 Kilo­me­ter mit­nimmt, bis die gröbs­ten Höhen über­wun­den sind. So kommt Ralf Völ­kers doch noch über die Ber­ge – und Sofia wird sogar etwas frü­her als geplant noch am 3. Juni erreicht.

Abge­trenn­te Rad­we­ge in Sofia

In sei­ner Video­bot­schaft spricht er davon, dass es all­ge­mein ein gutes Gefühl ist, dass er nun bereits von sich sagen kann: „Mit dem Fahr­rad bis nach Bul­ga­ri­en“. Und lächelt.

Die fol­gen­den Tage wird die bul­ga­ri­sche Haupt­stadt erkun­det. Sie gefällt Völ­kers aus­ge­spro­chen gut – bes­ser als Bel­grad. Auf­ge­fal­len waren ihm unter ande­rem sofort die dor­ti­gen Fahr­rad­we­ge. Sie sind wie neu­er­dings die Rad­schutz­strei­fen in Deutsch­land direkt auf der Fahr­bahn ange­legt, vom rest­li­chen Ver­kehr aber oft mit Mini-Baken bau­lich abge­trennt. Im Ergeb­nis kön­nen dort tat­säch­lich nur Rad­fah­rer fah­ren und müs­sen kei­ne Angst vor schnei­den­den Autos oder sich öff­nen­den Türen haben.

Nach zwei Tagen Auf­ent­halt in Sofia soll es jetzt wei­ter in Rich­tung Tür­kei gehen, aber kei­nes­falls wie­der mit dem Fahr­rad über die Ber­ge. Daher hat sich Völ­kers nun doch für die Bahn ent­schie­den, um aus dem Bal­kan­ge­bir­ge wie­der her­aus­zu­kom­men. Das Zug­ti­cket im Haupt­bahn­hof von Sofia zu kau­fen war nicht ein­fach und schei­ter­te fast an der Sprach­bar­rie­re und unen­ga­gier­tem Per­so­nal, aber nun soll­te der Wei­ter­rei­se nichts mehr im Wege ste­hen. Mit der Bahn geht es daher nach Plow­diw, Bul­ga­ri­ens zweit­größ­te Stadt – und damit raus aus dem Gebir­ge um Sofia. Ab Plow­diw kann Völ­kers dann wie­der im Flach­land rei­sen – bis an die tür­ki­sche Gren­ze.

Ralf Völ­kers erlebt den ers­ten Schnee 1 von 13
Ganz oben liegt Schnee
Screen­shot: Aue­post

1. Ganz oben liegt Schnee

Bulgarisches Frühstück
Foto: Ralf Völ­kers

2. Bul­ga­ri­sches Früh­stück

Endlich eine kurze Abkühlung
Foto: Ralf Völ­kers

3. End­lich eine kur­ze Abküh­lung

Der war ganz lieb
Foto: Ralf Völ­kers

4. Der war ganz lieb

Alter Militärlaster
Foto: Ralf Völ­kers

5. Alter Mili­tär­las­ter

Nobelkarossen gibt es natürlich auch
Foto: Ralf Völ­kers

6. Nobel­ka­ros­sen gibt es natür­lich auch

Schneekettenpflicht!
Screen­shot: Aue­post

7. Schnee­ket­ten­pflicht!

Bayerisches Flair an einer bulgarischen Straßenecke
Foto: Ralf Völ­kers

8. Baye­ri­sches Flair an einer bul­ga­ri­schen Stra­ßen­ecke

Glücklich, es schon so weit geschafft zu haben
Foto: Ralf Völ­kers

9. Glück­lich, es schon so weit geschafft zu haben

Fahrradweg in Sofia
Screen­shot: Aue­post

10. Fahr­rad­weg in Sofia

11. Von Ser­bi­en nach Bul­ga­ri­en

12. Über Mon­ta­na in die Ber­ge

13. Ein­drü­cke aus Sofia

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