Ver­lo­re­ne Stimm­zet­tel, Nazis und Scho­ko­la­de

Es ist unglaub­lich, was Wäh­ler bei einer Wahl alles falsch machen kön­nen – erst recht bei einer Kom­mu­nal­wahl, wie es scheint. Und Wahl­hel­fer zu sein ist zwar ein ehren­amt­li­cher, aber wahr­lich kein ein­fa­cher Job. Wir waren anläss­lich der Kom­mu­nal­wahl 2016 bei der Aus­zäh­lung der Stim­men in einem Wunstor­fer Wahl­lo­kal dabei.

Hinweiszettel an einem Wunstorfer Wahllokal | Foto: Daniel Schneider
Hin­weis­zet­tel an einem Wunstor­fer Wahl­lo­kal | Foto: Dani­el Schnei­der

Der wirk­lich span­nen­de Moment einer Wahl beginnt nach 18 Uhr: Dann, wenn die ers­ten Ergeb­nis­se ein­tru­deln und sich ein Bild abzeich­net, wer gewon­nen und wer ver­lo­ren hat, wel­che Par­tei­en, wel­che Kan­di­da­ten in die Rat­häu­ser und Ver­samm­lun­gen ein­zie­hen – und wel­che nicht. Doch damit es die­se Ergeb­nis­se über­haupt gibt, ist nach Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le noch längst nicht Schluss, erst dann beginnt die eigent­li­che Arbeit der Wahl­hel­fer. Die Aus­zäh­lung der Stim­men ist vor allem eines: anstren­gend und lang­wie­rig. Denn die Wahl­hel­fe­rin­nen und Wahl­hel­fer müs­sen über­aus kon­zen­triert bei der Sache sein und nicht nur jeden ein­zel­nen Zet­tel akri­bisch zäh­len, son­dern auch die Mas­se an Kreuz­chen auf den Zet­teln gewis­sen­haft aus­wer­ten. Dabei kann mehr schief­ge­hen, als man glaubt – sowohl bei den Wäh­lern als auch bei den Hel­fern.

18.00 Uhr

Die Uhr zeigt 18.00 Uhr. Der letz­te Wäh­ler, der sich kurz vor knapp noch auf­raf­fen konn­te, per­sön­lich sei­ne Stim­me abzu­ge­ben, hat den Wahl­raum vor 5 Minu­ten ver­las­sen. Der Wahl­raum, der auch so heißt, obwohl er in der Regel als Wahl­lo­kal bezeich­net wird, ist in einer Wunstor­fer Schu­le ein­ge­rich­tet. In dem gro­ßen Raum, der sonst als Aula dient, wir­ken die weni­gen Tische, die sich die Hand­voll Wahl­hel­fer hin­ter den drei metal­le­nen Wahl­ur­nen zusam­men­ge­scho­ben haben, recht ver­lo­ren. Die Tische mit Sicht­schutz, die als Wahl­ka­bi­ne dien­ten und an denen den gan­zen Tag über die Wahl­ent­schei­dun­gen gefal­len sind, wer­den samt Stüh­len bei­sei­te­ge­scho­ben und abge­baut. Auch die ers­ten Hin­weis­schil­der, die in den Flu­ren auf­ge­hängt waren und den Weg zum Wahl­raum wie­sen, wer­den wie­der ein­ge­sam­melt. Die Wahl­ur­nen wer­den zunächst zur Sei­te gerückt.

Die Aus­zäh­lung beginnt noch lan­ge nicht

Zur demo­kra­ti­schen Kon­trol­le gehört, dass sich jeder Bür­ger über den ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­lauf der Wahl selbst infor­mie­ren kann. Der Wahl­raum ist daher die gan­ze Zeit über geöff­net, auch nach 18 Uhr wird er nicht etwa ver­schlos­sen. Doch inter­es­sier­te Bür­ger sind an die­sem 11. Sep­tem­ber nicht anwe­send. Kei­ne Anhän­ger von Split­ter­par­tei­en, die sys­te­ma­ti­sche Wahl­fäl­schung zu Las­ten ihrer Par­tei ver­mu­ten und auf­de­cken wol­len, kei­ne OECD-Beob­ach­ter, nur die Wahl­hel­fer und der Repor­ter der Auepost, der von den Wahl­hel­fern skep­tisch taxiert wird, wuseln durch den im Abend­licht dunk­ler wer­den­den Raum. Dass sich jemand die Aus­zäh­lung ansieht, der kein Wahl­hel­fer ist, scheint die abso­lu­te Aus­nah­me zu sein und die ehren­amt­li­chen Wahl­ma­na­ger zunächst zu irri­tie­ren. Die Tische, an denen die Wahl­hel­fer zuvor die Wahl orga­ni­siert und über­wacht haben, wer­den nun eben­falls zusam­men­ge­scho­ben, so dass sie eine grö­ße­re Abla­ge­flä­che in der Mit­te des Rau­mes bil­den.

Die Pro­ble­me fan­gen schon beim Öff­nen der Urnen an

Dann wird den Urnen wie­der die vol­le Auf­merk­sam­keit gewid­met. Der Wahl­vor­stand ver­ge­wis­sert sich zunächst, dass die Urnen unbe­schä­digt und noch kor­rekt ver­schlos­sen sind. Dann wird die ers­te der drei Wahl­ur­nen geöff­net. Es ist die­je­ni­ge, in der die Stimm­zet­tel für die Regi­ons­wahl ent­hal­ten sind. Der Inhalt wird kom­plett auf die Tisch­flä­chen ent­leert. Das hat noch nichts mit der eigent­li­chen Aus­zäh­lung zu tun, es soll zunächst nur kon­trol­liert wer­den, ob die Stimm­zet­tel voll­stän­dig sind und sich nichts in der Wahl­ur­ne befin­det, was dort nicht hin­ein­ge­hört. Daher wird zunächst nur gezählt, noch nicht ausgezählt. Die Stim­men inter­es­sie­ren noch nicht, nur die Stimm­zet­tel als sol­che. Die Regi­ons-Wahl­zet­tel, die zu einem gro­ßen Hau­fen auf­ge­schüt­tet wur­den, wer­den in klei­ne­re Sta­pel auf­ge­teilt. Jeder der anwe­sen­den Wahl­hel­fer schnappt sich einen der Sta­pel und beginnt mit dem Zäh­len der Zet­tel. Nur einer nicht, der bereits emsig die Wäh­ler aus dem Wäh­ler­ver­zeich­nis addiert, die an die­sem Tag in die­sem Wahl­lo­kal ihre Stim­me abge­ge­ben haben. Nicht nur ein Wahl­hel­fer hat sei­nen per­sön­li­chen Taschen­rech­ner mit­ge­bracht.

Als die Zet­tel gezählt sind, wer­den sie wie­der in die Urne zurück­ge­legt. Das­sel­be Spiel beginnt mit der Urne für die Stadt­rats­wahl­stim­men und mit der Urne für die Wahl zu den Orts­rä­ten. Doch die zwei­te Urne macht gleich dop­pelt Pro­ble­me: Erst will sie nicht auf­ge­hen. Der Deckel, der über einen Schie­be­me­cha­nis­mus auf der Urne sitzt, bewegt sich kei­nen Mil­li­me­ter. Gera­de noch recht­zei­tig wird ein über­se­he­nes Sie­gel in Form eines Kle­be­strei­fens auf der ande­ren Sei­te des Deckels ent­deckt, der die Urne zuver­läs­sig ver­schlos­sen hielt. Auch die­se Stimm­zet­tel wan­dern für eine ers­te Zäh­lung nun auf die wie­der lee­ren Tische. Und dann hat auch noch jemand tat­säch­lich sei­ne drei ver­schie­den­far­bi­gen Stimm­zet­tel in nur eine ein­zi­ge Urne gewor­fen. Der Wahl­vor­stand ret­tet die Ord­nung und sor­tiert die ande­ren Stimm­zet­tel auf die rich­ti­gen Behält­nis­se um.

Ver­zählt oder ver­zet­telt?

Als die Stimm­zet­tel aller drei Urnen gezählt sind und mit der Zahl aus dem Wäh­ler­ver­zeich­nis ver­gli­chen wird, ergibt sich eine Dif­fe­renz von 6 Stimm­zet­teln. Es feh­len 6 Zet­tel, die sich eigent­lich in den Urnen befin­den müss­ten. Soll­te da tat­säch­lich jemand sei­ne Stimm­zet­tel aus Ver­se­hen mit nach Hau­se genom­men haben, statt sie in die Urnen zu schmei­ßen? Eine Dis­kus­si­on ent­brennt, ob man gleich noch ein­mal kom­plett nach­zäh­len sol­le – oder ob man erst spä­ter, wenn auch die Stim­men aus­ge­zählt und die Wahl­zet­tel über­sicht­li­cher sor­tiert sind, noch ein­mal den kom­plet­ten Bestand der Stimm­zet­tel prüft. Man ent­schei­det sich für den zwei­ten Weg, um die Aus­zäh­lung nicht wei­ter zu ver­zö­gern.

Nun geht es los mit der eigent­li­chen Aus­zäh­lung – zumin­dest mit deren Vor­be­rei­tung. Die Urne mit den Stimm­zet­teln der Regi­ons­wahl, in die die­se zuvor wie­der zurück­ge­legt wor­den waren, wird nun erneut aus­ge­leert. Die Wahl­hel­fer neh­men sich hier­von wie­der­um einen klei­ne­ren Hau­fen, ver­tei­len sich im Raum und sor­tie­ren auf dem Boden schon ein­mal grob vor: Stimm­zet­tel, auf denen für nur eine Par­tei gestimmt wur­de, wer­den jeweils zu einem Sta­pel zusam­men­ge­fasst, einen wei­te­ren Sta­pel bil­den ungül­ti­ge Stimm­zet­tel, lee­re Stimm­zet­tel und Stimm­zet­tel, auf denen pana­schiert wur­de, also Kan­di­da­ten ver­schie­de­ner Par­tei­en gewählt wur­den. Das erleich­tert und beschleu­nigt spä­ter die Aus­zäh­lung. Ist ein Wahl­hel­fer mit sei­nen Zet­teln durch, sor­tiert er sie auf der zen­tra­len Tisch­flä­che auf den jewei­li­gen Haupt­sta­pel und nimmt sich einen wei­te­ren Stoß von unsor­tier­ten Stimm­zet­teln. Auf die­se Wei­se ent­ste­hen ins­ge­samt 12 Sta­pel.

AfD-Sta­pel wächst schnell

Der größ­te Sta­pel ist der, bei dem die Wäh­ler alle Kreu­ze bei der SPD gesetzt haben. Der Sta­pel für die AfD-Stimm­zet­tel liegt direkt dane­ben – und wächst eben­falls schnell. Der Sta­pel für die „Gemischt­wäh­ler“, die ihre Kreuz­chen quer­beet auf Lis­ten ver­schie­de­ner Par­tei­en gesetzt haben, bleibt klein. Der Groß­teil der Wäh­ler hat nur jeweils eine ein­zi­ge Par­tei gewählt, vie­le schei­nen „ihrer“ Par­tei treu zu sein. Und auch immer mehr ungül­ti­ge Stim­men tre­ten zu Tage.

Ungül­tig!

Bei der Sor­tie­rung, bei der noch immer nicht die ein­zel­nen Stim­men aus­ge­wer­tet wer­den, fin­den sich immer mehr ungül­ti­ge Stimm­zet­tel. Es ist fast erschre­ckend zu beob­ach­ten, wie schnell auch die­ser Sta­pel der ungül­ti­gen Stim­men wächst – und wie vie­le Wäh­ler sich den Gang zur Wahl im Grun­de von vorn­her­ein spa­ren könn­ten. Es fin­det sich tat­säch­lich ein Stimm­zet­tel, bei dem der Wäh­ler mit sei­nem Namen unter­schrie­ben hat – und somit das Prin­zip der gehei­men Wahl ver­letzt. Hier ist nichts mehr zu ret­ten.

Dabei gehen die Wahl­hel­fer noch rela­tiv groß­zü­gig vor. Der Stimm­zet­tel, den jemand zusätz­lich mit einer Buch­sta­ben­kom­bi­na­ti­on ver­se­hen hat, die wie Initia­len wir­ken, wird trotz­dem als gül­tig gewer­tet. Den Vogel schießt ein Wäh­ler ab, der auf einem Stimm­zet­tel statt der erlaub­ten 3 Stim­men gleich 9 Kan­di­da­ten ange­kreuzt hat. Der ver­ein­fa­chen­de Hin­weis, dass man bei der Kom­mu­nal­wahl 3x3 Stim­men hat, muss wahr­schein­lich noch ein­mal über­dacht wer­den.

6 Stim­men – trotz­dem gül­tig

Doch wer mehr als 3 Kreuz­chen macht, wählt nicht auto­ma­tisch ungül­tig. Einen Son­der­fall gibt es: Lässt sich jemand von der Auf­tei­lung der Lis­ten­vor­schlä­ge auf dem Wahl­zet­tel irri­tie­ren und kreuzt erst in der ers­ten Zei­le 3x die Gesamt­lis­te an, um anschlie­ßend noch ein­mal 3x bei den ein­zel­nen Kan­di­da­ten sein Kreuz zu set­zen, dann gilt der Wahl­zet­tel trotz­dem.

Ausgehängter großformatiger Muster-Stimmzettel im Wahllokal | Foto: Daniel Schneider
Aus­ge­häng­ter groß­for­ma­ti­ger Mus­ter-Stimm­zet­tel im Wahl­lo­kal | Foto: Dani­el Schnei­der

§ 30a des Nie­der­säch­si­schen Kom­mu­nal­wahl­ge­set­zes bestimmt, dass dann nicht die Lis­te gezählt, son­dern dem Wäh­ler unter­stellt wird, dass er die ein­zel­nen Kan­di­da­ten aus­wäh­len woll­te („Ich gebe mei­ne Stim­me 3x die­ser Par­tei, und zwar den fol­gen­den 3 Kan­di­da­ten …“). Das ist der ein­zi­ge Fall, bei dem selbst 6 Kreu­ze auf einem Stimm­zet­tel die Wahl nicht ungül­tig machen.

Auch kommt es vor, dass jemand weni­ger als 3 Stim­men abgibt, was hin­ge­gen sein gutes Recht und auch kein Pro­blem ist. Am Ende sind es bei die­ser Vor­sor­tie­rung 2,16 % der Wäh­ler, die ungül­tig gewählt haben.

Stimm­zet­tel auf Abwe­gen

Aber auch die Wahl­hel­fer müs­sen sehr auf­pas­sen, kei­ne Feh­ler zu machen, wie die „feh­len­den“ Stimm­zet­tel bei der ers­ten gro­ben Aus­zäh­lung schon gezeigt haben. Die Kom­mu­nal­wahl­zet­tel sind groß und unhand­lich – und rut­schen bei der gan­zen Wuse­lei auch schon mal ger­ne vom Tisch her­un­ter. Doch das wird stets sofort bemerkt, die Wahl­hel­fer arbei­ten äußerst gewis­sen­haft.

Auch dass unter Umstän­den 6 Stim­men trotz­dem gül­tig sein kön­nen, wis­sen nicht alle Wahl­hel­fer und sor­tie­ren die­se Zet­tel erst ein­mal auf den Sta­pel der ungül­ti­gen Stim­men. Der Wahl­vor­stand muss ein­grei­fen und legt die­se Stimm­zet­tel wie­der zurück auf die Sta­pel mit den gül­ti­gen Stim­men.

Hier waren Nazis im Raum!“

Man­che Wahl­hel­fer las­sen zudem eine gewis­se pro­fes­sio­nel­le Distanz ver­mis­sen. „Hey, hier waren Nazis im Raum!“, ent­fährt es etwa einem der Wahl­hel­fer, als er eine bestimm­te Par­tei ange­kreuzt auf einem der Wahl­zet­tel ent­deckt. Der Zet­tel lan­det auf einem sehr klei­nen Sta­pel.

Ans Ein­ge­mach­te

Nun, da die Zet­tel voll­stän­dig vor­sor­tiert sind, geht es ans eigent­li­che Aus­zäh­len. Die Atmo­sphä­re im Raum kippt dadurch schlag­ar­tig ins Hoch­kon­zen­trier­te. Wur­de zuvor noch gescherzt und getratscht, kehrt nun ange­spann­te Stil­le ein. Die Stimm­zet­tel wer­den nun ein­zeln nach Sta­peln aus­ge­zählt – und die genaue Wäh­ler­ent­schei­dung fest­ge­stellt. Anschlie­ßend wer­den die ers­ten Ergeb­nis­se an die Wahl­lei­tung durch­ge­ge­ben. Da alle Wahl­lo­ka­le gleich ver­fah­ren, ste­hen die Ergb­nis­se für die Regi­ons­ver­samm­lung zuerst fest. Danach wie­der­holt sich die gan­ze Sze­ne­rie noch wei­te­re zwei Mal – für die Wahl zum Stadt­rat und für die Wahl der Orts­rä­te. Die Kon­zen­tra­ti­on wird nur kurz unter­bro­chen, als der Bür­ger­meis­ter und sein Stell­ver­tre­ter einen Blick ins Wahl­lo­kal wer­fen – und den Wahl­hel­fern als Aner­ken­nung für ihren Ein­satz Scho­ko­la­de vor­bei­brin­gen.

Bis spät in die Nacht wird geprüft, vor­sor­tiert, sor­tiert, gezählt und aus­ge­wer­tet. Der lan­ge Abend und das kon­zen­trier­te Arbei­ten machen sich lang­sam bemerk­bar. Die Müdig­keit und die Anstren­gun­gen sind den Wahl­hel­fern im hel­len Kunst­licht anzu­se­hen, das den Raum bis auf den letz­ten Win­kel aus­leuch­tet.

Bis alle Stim­men aus­ge­zählt sind, ist es fast Mit­ter­nacht. Zu beson­de­ren Ereig­nis­sen kommt es nicht mehr. Die anfäng­li­che Fehl­zäh­lung klärt sich auf – und es blei­ben kei­ne vom Tisch her­un­ter­ge­fal­le­ne Stimm­zet­tel unent­deckt. Jetzt, da vie­le Wäh­ler schon ins Bett gegan­gen sind und die Kan­di­da­ten auf ihren Wahl­par­tys schon seit Stun­den fei­ern, geht auch für die Wahl­hel­fer ein lan­ger Abend zu Ende.

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Andreas Balleier Fotografie

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