Der ver­lo­re­ne Sohn – 17 Stun­den Angst um Qui­rin

Als ver­misst gemel­det: Das eige­ne Kind ist ver­schwun­den, und es bleibt nur die Unge­wiss­heit, was pas­siert ist. Genau das geschah die­se Woche in Wunstorf. Am ver­gan­ge­nen Diens­tag ver­setz­te das Ver­schwin­den eines 13-jäh­ri­gen Jun­gen nicht nur die Fami­lie in Panik, son­dern halb Wunstorf und dar­über hin­aus in Alarm­be­reit­schaft. Wie schnell man ver­lo­ren­ge­hen kann, was dadurch alles in Gang gesetzt wird und war­um ein Wunstor­fer Jun­ge über Nacht auf sich allein gestellt war.

Qui­rin mit sei­ner Mut­ter Aria­ne | Foto Mir­ko Baschet­ti

Qui­rin ist 13 Jah­re alt, geht auf eine Wunstor­fer Schu­le, hat drei Geschwis­ter und lebt mit sei­ner Fami­lie in Klein Hei­dorn. Er ist Mit­glied der Jugend­feu­er­wehr, ist sport­lich, macht Tae­kwon­do. Einen Klas­sen­aus­flug von Wunstorf nach Han­no­ver erleb­te er jedoch anders als sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den – und an sei­nem Ver­schwin­den nahm die hal­be Stadt Anteil.

Es fängt ganz gewöhn­lich an, wie so oft. Eine Exkur­si­on, die Schü­ler dür­fen sich in Klein­grup­pen selbst bewe­gen. Ziel des Aus­flugs ist das Mes­se­ge­län­de in Han­no­ver, auf dem gera­de die „Ide­en­ex­po“, eine Berufs­fin­dungs­mes­se, statt­fin­det. Die Schü­ler der 8. Klas­se haben sich gemein­sam übers Gelän­de ver­streut, um 14.00 Uhr hat man sich am Info­schal­ter ver­ab­re­det, um von dort wie­der gemein­sam die Heim­fahrt per Bahn anzu­tre­ten.

Kein Geld dabei, und der Smart­pho­ne­ak­ku ist leer

Nur Qui­rin macht lie­ber „sein eige­nes Ding“, ist an die­sem Vor­mit­tag als Ein­zi­ger auf eige­ne Faust unter­wegs – und er ver­schwitzt den ver­ein­bar­ten Sam­mel­ter­min. Als er am ver­ein­bar­ten Treff­punkt ankommt, ist dort nie­mand mehr. Qui­rin geht zurück aufs Gelän­de und sucht sei­ne Klas­se. Doch die ist bereits weg – per Bahn auf dem Rück­weg nach Wunstorf. Das Feh­len von Qui­rin war im Tru­bel des Auf­bruchs nicht bemerkt wor­den. Sein Han­dy­ak­ku ist leer, das Taschen­geld hat­te er bereits auf­ge­braucht. Er kann weder einen Klas­sen­ka­me­ra­den noch sei­ne Eltern anru­fen.

Was nun folgt, klingt aben­teu­er­lich, doch die Situa­ti­on selbst stellt sich für Qui­rin noch nicht als Pro­blem dar. Da die nächs­te Sta­ti­on der Klas­se der Haupt­bahn­hof ist, beschließt Qui­rin, dort wie­der auf sie zu tref­fen. Eine Fahr­kar­te hat er natür­lich nicht, die Sam­mel­kar­te für die Klas­se ist beim Leh­rer. Qui­rin ver­sucht daher, vom Mes­se­ge­län­de zum Haupt­bahn­hof zu lau­fen. Die unge­fäh­re Rich­tung kennt er, die Ori­en­tie­rung soll­te ihm nicht schwer­fal­len. Doch von den Ent­fer­nun­gen in Han­no­ver hat er eine fal­sche Vor­stel­lung. Es sind fast 10 Kilo­me­ter Luft­li­nie.

Wo ist Qui­rin?

Um 16.00 Uhr läuft Qui­rin schließ­lich los, Rich­tung Zen­trum. Zuhau­se, in Wunstorf, fällt nun sein Ver­schwin­den auf. Denn um halb vier woll­te er sich an die­sem Nach­mit­tag eigent­lich mit Freun­den von der Feu­er­wehr tref­fen. Die Freun­de klin­geln bei der Mut­ter an, wo er denn blei­ben wür­de. Quirins Mut­ter lässt sei­nen Bru­der die (Schul-)Freunde anru­fen, sie selbst tele­fo­niert dann mit dem Klas­sen­leh­rer, schließ­lich mit einem Ver­wand­ten bei der Poli­zei Han­no­ver. Quirins Leh­rer fährt zurück zum Mes­se­ge­län­de und sucht mit dem dor­ti­gen Sicher­heits­per­so­nal das Gelän­de nach dem Jun­gen ab.

Such­mel­dung auf Face­book | Screen­shot: Aue­post

Alle suchen mit

Fami­lie, Freun­de, Bekann­te und Unbe­kann­te set­zen alle Hebel in Bewe­gung, las­sen nichts unver­sucht. Han­no­ver-Stein­tor wird abge­sucht, Taxi­fah­rer infor­miert. Die Such­mel­dung, die Quirins Schwes­ter auf Face­book ein­stellt, wird fast 10.000 Mal geteilt, sogar von Pro­mi­nen­ten wie Salif Sané – Pro­fi­spie­ler bei Han­no­ver 96. Zwei Radio­sen­der betei­li­gen sich an der Suche und bit­ten ihre Hörer um Mit­hil­fe.

Qui­rin allein in Han­no­ver

Vier Stun­den spä­ter, gegen 20.00 Uhr, ist Qurin noch immer unter­wegs. Lang­sam däm­mert ihm, dass er so wohl heu­te nicht mehr nach Hau­se kommt. Doch alles, was einem von klein auf aner­zo­gen wur­de, ent­puppt sich nun in die­ser Situa­ti­on als kon­tra­pro­duk­tiv. Die 110 will er nicht wäh­len, weil die ja nur für Not­fäl­le da sei. Als Not­fall sieht sich Qui­rin nicht. Jeman­den anspre­chen will er auch nicht, denn allein spricht man kei­ne Frem­den an. Und ein­fach in einen Bus oder eine Bahn ein­stei­gen geht auch nicht, man will ja kein Schwarz­fah­rer wer­den.

Inzwi­schen ist Qui­rin mehr­mals am HCC/Zoo vor­bei­ge­lau­fen, hat die fal­sche Rich­tung ein­ge­schla­gen und die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren. Er läuft nun vom Zen­trum weg, Rich­tung Osten. Gegen 22.00 Uhr kann Qui­rin nicht mehr. Er zieht sich in die Bus­hal­te­stel­le „Tele­max“ in der Neue-Land-Stra­ße zurück, um dort die Nacht zu ver­brin­gen. Irgend­wann wird er zum ers­ten Mal seit dem Beginn sei­ner Odys­see ange­spro­chen, von zwei Män­nern, die er aber nicht rich­tig ver­steht – und sie ihn nicht, da sie schlecht Deutsch spre­chen. Sie gehen wei­ter.

Die offi­zi­el­le Such­ak­ti­on läuft an

Um etwa die­sel­be Zeit, gegen 22.00 Uhr, erreicht Quirins Mut­ter den Haupt­bahn­hof Han­no­ver und hofft, ihren Sohn dort zu ent­de­cken. Qui­rin wird über Laut­spre­cher aus­ge­ru­fen, die Zug­be­glei­ter wer­den infor­miert. Die Üstra-Secu­ri­ty eben­falls. Doch Qui­rin ist nicht zu ent­de­cken. Um halb zwölf macht sich sei­ne Mut­ter wie­der auf den Heim­weg, in Beglei­tung von Quirins Leh­rer, der bei ihr bleibt.

Poli­zei­hub­schrau­ber fliegt los

Um Mit­ter­nacht gibt die Poli­zei nun mit Ein­ver­ständ­nis der Eltern eine offi­zi­el­le Fahn­dung nach Qui­rin her­aus. Nor­ma­ler­wei­se wird bei einer Ver­miss­ten­mel­dung erst nach einer War­te­zeit von 24 Stun­den mit einer Suche begon­nen, doch im Fal­le von ver­miss­ten Kin­dern auch bereits frü­her. Ein Poli­zei­hub­schrau­ber kreist in der Nacht über Laat­zen, Strei­fen­wa­gen­be­sat­zun­gen hal­ten die Augen offen.

Die Nacht

Qui­rin nickt immer mal wie­der ein, schläft aber nicht rich­tig. Es wird kalt in der Nacht, das Ther­mo­me­ter zeigt ca. 8 Grad. Nur mit kur­zer Hose und Kapu­zen-Sweat­shirt beklei­det, ver­bringt er die Stun­den mit ange­zo­ge­nen Bei­nen auf einem Sitz des Bus­hal­te­stel­len-War­te­häus­chens.

Ich möch­te kein Obdach­lo­ser sein.“Qui­rin

Sei­ne Mut­ter ver­zwei­felt unter­des­sen zu Hau­se und malt sich auch Schlimms­tes aus. Quirins Vater, der erst spät am Abend nach Hau­se kommt, kann auch nichts gegen die Unge­wiss­heit tun, wirkt aber beru­hi­gend auf sei­ne Frau und Fami­lie ein. Er ist der ruhen­de Pol, der kei­nen Moment dar­an zwei­felt, dass Qui­rin wie­der nach Hau­se kommt.

Es wird sehr viel Kaf­fee getrun­ken und viel geraucht in die­ser nicht auf­hö­ren wol­len­den Nacht. Quirins Leh­rer ist bei der Fami­lie sei­nes Schü­lers geblie­ben. Auch er – eigent­lich Nicht­rau­cher – raucht mit. Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, Nach­barn oder Freun­de kom­men immer wie­der vor­bei und wol­len Neu­ig­kei­ten wis­sen. Alle mög­li­chen Leu­te mel­den sich, wol­len irgend­et­was tun und bie­ten Hil­fe an. Das alles wird Quirins Mut­ter nun aber all­mäh­lich zu viel, sie fühlt sich bald nur noch wie eine Nach­rich­ten­zen­tra­le.

Um halb vier schaut auch noch ein­mal die Wunstor­fer Poli­zei vor­bei, sucht in Quirins Zim­mer nach einer Nach­richt oder sons­ti­gen Hin­wei­sen auf sei­nen Ver­bleib.

Der nächs­te Mor­gen

Um 5.30 Uhr wird Qui­rin von der Son­ne geweckt. Er setzt sei­nen Weg fort und läuft wei­ter Rich­tung Mis­burg. Als er ein Münz­te­le­fon sieht, spricht er end­lich jeman­den an: eine älte­re Frau, die er nach einem Euro fragt. Die Frau reagiert zunächst skep­tisch, gibt ihm den Euro dann aber schließ­lich.

Die­se Stre­cke leg­te Qui­rin in Han­no­ver zu Fuß zurück | Kar­ten­ma­te­ri­al © Open­Street­Map-Mit­wir­ken­de unter ODbL-1.0-Lizenz

Qui­rin ruft zu Hau­se an, um 8.37 Uhr klin­gelt das Tele­fon bei sei­ner Fami­lie. Sei­ne Mut­ter geht ran und sagt ihm, dass er zur nächs­ten Poli­zei­dienst­stel­le gehen soll, was er auch tut. Die Beam­ten wis­sen sofort, dass er der ver­miss­te Jun­ge aus Wunstorf ist. Sie geben ihm zu trin­ken und spen­die­ren einen Sni­ckers- und einen Müs­li­rie­gel. Nach einer wei­te­ren knap­pen Stun­de ist sei­ne Mut­ter vor Ort und holt ihn ab. Sei­ne Geschwis­ter sind vor Freu­de in Trä­nen auf­ge­löst, als der Bru­der wie­der nach Hau­se kommt.

Ver­lo­ren im Groß­stadt­dschun­gel

Das Ver­schwin­den von Qui­rin hat gro­ße Hilfs­breit­schaft in der Bevöl­ke­rung aus­ge­löst. Auch Frem­de haben alles ihnen Mög­li­che getan, um zu hel­fen, dass Qui­rin gefun­den wird und wie­der nach Hau­se kommt. Vie­le haben mit­ge­lit­ten. Eini­ge woll­ten am Fol­ge­tag schon Pla­ka­te dru­cken las­sen. Sein Leh­rer blieb die gan­ze Nacht bei der Fami­lie und ging am nächs­ten Tag von dort aus direkt zur Schu­le.

Letzt­lich haben alle Maß­nah­men und Such­ak­tio­nen jedoch zu nichts geführt, Qui­rin mel­de­te sich vor­her selbst. Objek­tiv gese­hen mag er sich unge­schickt ange­stellt haben, doch wäh­rend sei­ner unfrei­wil­li­gen Aben­teu­er­rei­se war er sich stets sicher, es wie­der nach Hau­se zu schaf­fen – auch wenn ihm nach Ein­bruch der Dun­kel­heit manch­mal etwas mul­mig zumu­te war.

Quirins Mut­ter wäre es lie­ber gewe­sen, ihr Sohn wäre schwarz­ge­fah­ren. Lie­ber hät­te sie die Stra­fe gezahlt, als in die­ser Unge­wiss­heit zu ver­har­ren. Und ja, man dür­fe natür­lich auch die 110 anru­fen in einer sol­chen Lage. Vor dem nächs­ten Aus­flug wird nun jeden­falls zwin­gend das Han­dy auf­ge­la­den, ein zusätz­li­cher Akku ein­ge­packt – und wahr­schein­lich auch Tele­fon- und Fahr­preis­geld mit­ge­ge­ben.

Qui­rin hat eine Lek­ti­on fürs Leben gelernt, ist rei­cher an Erfah­rung – und auch sei­ne Klas­se wur­de durch das Erleb­te wei­ter zusam­men­ge­schweißt. Als per­sön­li­ches Fazit sagt er: „Ich möch­te kein Obdach­lo­ser sein“. Er hol­te viel Schlaf nach, war dann aber sofort wie­der im nor­ma­len All­tag unter­wegs. Auf sei­nem Weg durch Han­no­ver leg­te Qui­rin knapp 24 Kilo­me­ter zurück.

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