IGS Wunstorf

Schü­ler wird für Abschie­bung von Poli­zei aus Schu­le geholt

Am Mitt­woch­nach­mit­tag wur­de der Unter­richt an der evan­ge­li­schen Gesamt­schu­le in Wunstorf durch eine Abschie­be­maß­nah­me gestört. Poli­zei­be­am­te rück­ten bei der IGS an und beglei­te­ten die Her­aus­ho­lung eines 8-Kläss­lers aus dem lau­fen­den Unter­richt.

Derzeitige Außenstelle der IGS im alten Vion-Verwaltungsgebäude am Luther Weg, hier werden einige Klassen unterrichtet | Foto: Mirko Baschetti
Der­zei­ti­ge Außen­stel­le der IGS im alten Vion-Ver­wal­tungs­ge­bäu­de am Luther Weg, hier wer­den eini­ge Klas­sen unter­rich­tet | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Kurz nach 12.00 Uhr am 29. März wur­den Schü­ler und Lehr­kräf­te an der der­zei­ti­gen Außen­stel­le der Wunstor­fer evan­ge­li­schen inte­grier­ten Gesamt­schu­le (IGS) aus dem gewohn­ten Unter­richts­ab­lauf geris­sen. Uni­for­mier­te und mit Schlag­stö­cken aus­ge­rüs­te­te Poli­zis­ten fuh­ren im Luther Weg vor, um einen Schü­ler der 8. Klas­sen­stu­fe zu beglei­ten, da die­ser gemein­sam mit sei­ner Fami­lie nach Geor­gi­en abge­scho­ben wer­den soll­te. Die Fami­lie lebt schon eini­ge Jah­re in Wunstorf. Die Klas­se, die der betrof­fe­ne Schü­ler besucht, ist der­zeit in der Außen­stel­le der IGS im Luther Weg unter­ge­bracht, da der eigent­li­che Schul­stand­ort erwei­tert und saniert wird.

Schü­ler wird aus Klas­sen­raum geholt

Beam­te der Voll­zugs­be­hör­de spra­chen unan­ge­kün­digt bei der Schul­lei­te­rin vor. Rek­to­rin Elke Rot­hä­mel mach­te sich zunächst eine Kopie des Voll­zugs­hil­fe­er­su­chens und hielt Rück­spra­che mit dem Lan­des­schul­de­zer­nat und dem juris­ti­schen Dienst des Schul­trä­gers, um sich von der Rich­tig­keit des Vor­ge­hens zu über­zeu­gen. Dann beglei­te­te sie die Beam­ten der Poli­zei und der Auf­nah­me­be­hör­de zur IGS-Außen­stel­le.

Die Maß­nah­me soll­te sofort voll­zo­gen wer­den, die anwe­sen­de Schul­lei­te­rin bestand jedoch dar­auf, dass sich der Schü­ler von sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den ver­ab­schie­den durf­te. Die zustän­di­ge Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de in Braun­schweig teil­te auf Anfra­ge der Wunstor­fer Aue­post dazu mit:

Dort äußer­te die Direk­to­rin den Wunsch, dem Schü­ler noch die Mög­lich­keit geben zu wol­len, sich zu ver­ab­schie­den. Die­sem kamen die Beam­tin­nen und Beam­ten nach und war­te­ten vor dem Klas­sen­raum. Die Direk­to­rin erklär­te dem Leh­rer die Sach­la­ge.„Nie­der­säch­si­sche Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de

Rek­to­rin stellt Vor­gang detail­lier­ter dar

Die Schul­lei­te­rin berich­te­te im Gespräch mit der Wunstor­fer Aue­post von einem kor­rek­ten, aber unsen­si­blen Vor­ge­hen der betei­lig­ten Beam­ten. So hät­ten die Beam­ten zunächst dar­auf bestan­den, den Klas­sen­raum selbst zu betre­ten, um den Schü­ler in Emp­fang zu neh­men. Dies habe sie sich jedoch vehe­ment ver­be­ten und die Poli­zis­ten schließ­lich davon über­zeu­gen kön­nen, dass nicht die Gefahr bestün­de, dass der Schü­ler durch das Fens­ter flüch­ten wür­de – was die Beam­ten offen­bar befürch­tet hät­ten. Auch hät­ten die Beam­ten sehr zur Eile gedrängt.

Rot­hä­mel konn­te so den gera­de unter­rich­ten­den Leh­rer der Klas­se per­sön­lich infor­mie­ren. Die Beam­ten war­te­ten vor dem Klas­sen­raum. Die betrof­fe­ne Klas­se wur­de anschlie­ßend von der Lehr­kraft infor­miert, dass ihr Klas­sen­ka­me­rad nun wie­der in sei­ne Hei­mat zurück­müs­se. Sie reagier­te geschockt. Die Klas­se ver­ab­schie­de­te sich in aller Eile von ihrem Mit­schü­ler, es wur­den noch Grup­pen­fo­tos gemacht und dem Betrof­fe­nen Mut zuge­spro­chen. Trä­nen flos­sen. Dass die Poli­zei bereits auf den Jun­gen war­te­te, erfuh­ren die Schü­le­rin­nen und Schü­ler erst, nach­dem ihr Mit­schü­ler mit­ge­nom­men wor­den war.

Kei­ne Vor­ankün­di­gung für Schu­len

Schul­lei­tung, Leh­rer und Schü­ler der IGS wur­den von der Abschie­be­hand­lung über­rascht. Die zustän­di­ge Behör­de sag­te auf Anfra­ge der Wunstor­fer Aue­post, dass die gesetz­li­chen Rege­lun­gen vor­ge­ben, dass weder die direkt Betrof­fe­nen noch das Umfeld infor­miert wer­den sol­len. Daher war auch die Schu­le vor­ab nicht benach­rich­tigt wor­den.

Info: Abschie­bun­gen
Abschie­bun­gen fin­den in Deutsch­land dann statt, wenn sich Men­schen ohne Auf­ent­halts­ti­tel oder Dul­dung in der Bun­des­re­pu­blik auf­hal­ten und die Frist zur Aus­rei­se haben ver­strei­chen las­sen, also nicht frei­wil­lig in ihre Hei­mat­län­der zurück­ge­kehrt sind. Der Rück­füh­rungs­er­lass des Lan­des Nie­der­sach­sen sieht vor, dass Abschie­bun­gen tags­über erfol­gen, wei­te­re recht­li­che Rege­lun­gen, die etwa Rück­sicht auf den Schul­be­trieb neh­men wür­den, gibt es jedoch nicht. Abschie­bungs­hand­lun­gen in Nie­der­sach­sen wer­den durch das Lan­des­kri­mi­nal­amt und die Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de geplant und durch­ge­führt.

Auf die Fra­ge, war­um auf den Schul­be­trieb kei­ne Rück­sicht genom­men wur­de, teil­te die Behör­de mit, dass dies mit der Pla­nung des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes zusam­men­hän­ge, wel­ches die Abschie­bun­gen per Flug­zeug orga­ni­siert. Der Zeit­punkt des Abflugs bestim­me dabei maß­geb­lich, wann abzu­schie­ben­de Per­so­nen abge­holt wer­den. Berück­sich­tigt wer­den müss­ten Vor­be­rei­tungs-, Anfahrts- und War­te­zei­ten rund um den Flug­ha­fen. Außer­dem wür­den die Flü­ge so gebucht, dass die Abge­scho­be­nen mög­lichst nicht wäh­rend der Nacht in ihren Her­kunfts­län­dern ankom­men, damit büro­kra­ti­sche Auf­ga­ben und die Wei­ter­be­för­de­rung vor Ort gleich erle­digt wer­den kön­nen und zusätz­li­che War­te­zei­ten ver­mie­den wer­den.

Gestör­ter Schul­be­trieb

Der gesam­te Vor­gang von der Vor­stel­lung bei der Rek­to­rin bis zur Abho­lung des Schü­lers aus dem Klas­sen­raum dau­er­te etwa eine Stun­de und hin­ter­ließ einen auf­ge­wühl­ten bis ver­stör­ten Jahr­gang. Die Fol­gen des über­fall­ar­ti­gen Vor­ge­hens der Behör­den in der Schu­le hal­ten noch immer an. Das gesam­te Kol­le­gi­um war in den letz­ten Tagen mit Kri­sen­ma­nage­ment beschäf­tigt, zusätz­lich zur Belas­tung durch gera­de statt­fin­den­de Anmel­de­ta­ge. Die Schul­seel­sor­ge­rin und der Lehr­kör­per wer­den sich wei­ter mit den Schü­lern zusam­men­set­zen, um das Gesche­he­ne zu ver­ar­bei­ten.

Abschie­bung fand nicht statt

Die Abschie­bung der Fami­lie des Jun­gen wur­de unter­des­sen aus­ge­setzt. Die Grün­de dafür sind der­zeit nicht bekannt. Der aus der Klas­se gehol­te Schü­ler besuch­te nach einem Tag Pau­se am Frei­tag wie­der den Unter­richt.

Auf­grund der Umstän­de der in ihrer Schu­le durch­ge­führ­ten Hand­lun­gen wird die Schul­lei­tung nun auf poli­ti­scher Ebe­ne inter­ve­nie­ren. In der kom­men­den Woche fin­den dazu Gesprä­che in der Lan­des­haupt­stadt statt.

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