Wunstorfer Auepost
[Anzeige]

Reinholds Rübensaftfabrik vor dem Aus

12.10.2023 • Daniel Schneider • Aufrufe: 30648

Eine unternehmerische Familiendynastie geht zu Ende: Reinhold’s Rübensaft ist demnächst für immer ausverkauft. Familie Reinhold gibt die Produktion des Wunstorfer Traditionsproduktes auf.

12.10.2023
Daniel Schneider
Aufrufe: 30648
Kunden kaufen Rübensaft im Fabrikverkauf (Archiv)

Wunstorf (ds). Neunzig Jahre alt werden durfte das Familienunternehmen – im Jahr 1933 war es von Albert Reinhold sen. in Wunstorf gegründet worden. Rübensaft aus Wunstorf, auch „Stips“ genannt, wurde zu einem Produkt, das später weit über die Stadt- und Regionsgrenzen hinaus bekannt werden sollte. Trifft man etwa andere Regionshannoveraner und gibt sich als Wunstorfer zu erkennen, dann fallen denjenigen dazu oft zwei Stichworte ein: Fußgängerzone – und Stips. Meist ab Oktober fuhr man dann nach Wunstorf, um sich direkt an der kleinen Fabrik frischen Rübensaft zu besorgen.

Doch diese Zeiten werden bald vorbei sein, „Reinhold’s Rübensaft“, wie das Produkt eigentlich vollständig heißt, wird in diesem Herbst zum letzten Mal produziert. Die Kessel dampfen schon und werden auch noch in den nächsten Wochen den markanten Geruch rund um die Produktionsstätte an der „Obi-Kreuzung“ neben der Hagenburger Straße verbreiten – „aber danach bleiben die Kessel kalt“, bestätigt Heike Reinhold im Gespräch mit der Auepost. Die Tradition der Rübensaftherstellung endet im Jahr 2023.

Diesmal stimmen die Gerüchte

Schließungsgerüchte gab es zwar immer wieder, aber diese beruhten stets auf einem Missverständnis – aufgrund der streng saisonalen Produktionsweise wurde die Betriebspause oft falsch interpretiert. In den Vorjahren konnten die Reinholds daher immer sagen: Nein, das stimmt natürlich nicht. Nun aber müssen sie sagen: Wir schließen wirklich.

Reinholds Rübensaftfabrik mit Dampf aus den Kochkesseln während der aktuellen Produktion | Foto: Daniel Schneider

Währenddessen decken sich aktuell die ersten Kunden mit frischem, diesjährigem Rübensaft ein – im Glas oder gleich eimerweise. Viele seien bestürzt und traurig, wenn sie vom Ende der Produktion hörten, berichten die Reinholds, für viele habe der Rübensaft zur eigenen Lebensgeschichte dazugehört, sei fest verknüpft vor allem mit der Herbstzeit. Auch für die Auepost hat das Unternehmen eine ganz besondere Bedeutung erlangt: Die traditionell arbeitende Rübensaftfabrik war unsere allererste Station für eine große Reportage, als das Magazin 2016 gegründet worden war.

Nicht mehr wirtschaftlich

Mehrere Gründe kommen zusammen, die nun zum Aus für die örtliche Rübensaftfabrik führen: Die Nachfrage geht zurück, vor allem unter jüngeren Leuten hat Rübensaft speziell als Brotaufstrich nicht mehr den Stellenwert, den er noch unter den älteren Generationen einnahm. Viele achten heute auch stärker auf zuckerärmere Ernährung – Rübensaft wird aus reinen Zuckerrüben hergestellt, das fertige Produkt hat noch einen Zuckergehalt von etwa 70 Prozent. Ein weiterer Grund ist, dass die Produktionsmittel inzwischen überaltert sind: Es gibt keine Ersatzteile mehr für die Anlagen, die noch aus den 1970er Jahren stammen, und Investitionen in neue Dampfkessel rechnen sich nicht mehr. Insgesamt wird die lokale Rübensaftproduktion damit unwirtschaftlich. Wie es mit dem Gebäude der Stipsfabrik nach Produktionsende weitergehen soll, das steht noch nicht fest.

Hinweise auf das Produktionsende an der Abfüllung | Foto: privat

Verkauft werden soll der Rübensaft auch im kommenden Jahr noch, es wird derzeit noch ordentlich produziert – vier Generationen arbeiten wieder am Rande der Belastungsgrenze. Geplant ist der Verkauf wie üblich auch direkt im Fabrikverkauf bis etwa Februar 2024. Doch wie lange die letzte Charge Wunstorfer Rübensaft wirklich vorrätig sein wird, das ist noch nicht wirklich absehbar – vor allem, wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass es wirklich die allerletzte ist.

Die letzte Saison für Reinhold’s Rübensaft ist damit angebrochen. Mit ihr endet demnächst ein weiteres berühmtes Kapitel Wunstorfer Unternehmensgeschichte.

[Anzeige]

[Anzeigen]
Auepost wird unterstützt von:

Kommentare


  • Basti g. sagt:

    Deutschland schafft sich ab ! Kleine Betriebe schaffen es nicht mehr echt komisch wieso gibt es keine Hilfen von Staat? Oder von der Stadt Herr Bürgermeister ?

    • Ansgar L. sagt:

      Soll der Bürgermeister die jüngeren Generationen zwingen fortan Rübensaft zu essen oder was? Schwachsinniges Stammtischgelaber…

  • Tekin Günaydin sagt:

    Schade Reinhold Rüben Saft gehört zur Wunstorf dieser süße Geruch von Zucker Rüben werde ich wermiessen

  • Lydia Bertani sagt:

    Zitat: „Viele achten heute auch stärker auf zuckerärmere Ernährung…“

    Das gilt dann aber offensichtlich nicht für Süßigkeiten. Limonaden und Eis.

    Was der Artikel überraschend nicht nennt:
    Um das Produkt herzustellen, werden enorme Mengen an Energie benötigt, die bekanntlich deutlich teuerer geworden sind.
    Die „Großen“ bekommen Energie-Rabatte (von der Allgemeinheit finanziert).
    Kleine „Krauter“ im wahrsten Sinne des Wortes sehr wahrscheinlich nicht.

    Nicht vorhandenes Marketing, überaltertes Produkt-Design (Blecheimer & nach Nutzung schmierige Gläser), keine modernen Spender-Flaschen, folglich mangelndes Interesse am so noch weniger Marge abwerfenden Produkt sind die sichtbaren Folge.

    Bei Honig übernehmen die Bienen das ansonsten kostspielige Eindicken des zuckrigen Saftes, der im Übrigen einen noch höheren Zuckeranteil als Stips besitzt.
    Den wird man aber auch kaum los, weil die Massen sich lieber Süßigkeiten in Form von Schoko-Müsli, süße Joghurts und Ähnlichem widmen.

    Ich habe das Produkt noch nie gekauft, obwohl ich Stips sehr schätze. Es ist mir schlicht noch nie aufgefallen.

  • Heidi Mroschel sagt:

    Schade das die Produktion eingestellt wird. Bin jetzt 76 Jahre und zu meinem Frühstück gehört Reinholdz Rübensaft jeden Morgen dazu.Schon als Kind haben meine Eltern den Stips gekauft und ich habe für meine Familie nach der Heirat die Tradition fortgesetzt. Wir beziehen seit 55 Jahren den Rübensaft.

  • Siegfried sagt:

    Ich kenne den Rübensaft aus meiner Kindheit, – bin in Nienburg/Weser geboren – gehörte zum Frühstück bei Oma einfach dazu !!
    Traurig das im Moment die Naturprodukte keine Stimme mehr haben.
    Es geht nur noch um durch Influenzer gehypte und gestylte Nahrungsmittel.
    Schade, aber die Agende 2030 lässt für die Produzenten keinen Spielraum mehr.
    Gruss aus Poertugal Siegfried.

  • Bodo Fünfkirchler sagt:

    Auch ich kenne Reinholds Rübensaft seit meiner Kindheit und er gehört seit über 60 Jahren zu meinem Frühstück. Ich kann nur sagen schade schade schade. Die jüngeren Generationen haben leider keine Ahnung von Dingen die zum einen saulecker und zum anderen auch noch gesund sind.

    • Lydia Bertani sagt:

      Das einzig erkennbare Marketing der letzen 30 Jahre war die Aktualisierung der vierstelligen Postleitzahl auf dem antiken Blecheimer.
      Die jüngere Generation hat man genau wie vom Produkt begeistern wollen?
      ich mag das Zeug, doch selbst ein Hausverkauf wurde nicht offensichtlich gemacht, obwohl ich da sehr oft vorbei laufe.
      War es Resignation oder Überheblichkeit?

  • A. Hanf sagt:

    Dieser Stips gehört seit gut 65 Jahren zum Frühstück und zum Kochen dazu. Ein reines regionales unverfälschtes Naturprodukt. Nicht wie in anderen Variationen anderer Firmen mit Glukose/Fructose Sirup gestreckt. Schade aber wohl nicht zu ändern. Ich wünsche der Familie alles Gute für die Zukunft.

  • Markus M. sagt:

    Reinholds Rübensaft erinnert in erster Linie an Besuche bei den Großeltern, dort gab es einen großen Eimer.
    Obwohl wir den Sirup auch bei uns zu Hause hatten und fleißig damit gekämpft haben, dass er nicht vom Toast oder Brötchen gelaufen ist. Sieger, wer am wenigsten geklettert hat…
    Für mich also in vielerlei Sinne eine tolle Kindheitserinnerung.

    Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich ihn im Erwachsenenalter weniger esse als früher – damals fast täglich.

    Der Familie Reinhold wünsche ich in dieser letzten Saison und bestimmt schwierigen Zeit alles Gute und viel Kraft. Eine solche Entscheidung zu treffen ist nicht leicht.

  • F.Dankenbring sagt:

    Friedel aus Mardorf

    Schade, schade … nach 71 Jahren wird mir (und uns) wieder ein Grundnahrungsmittel genommen!

    Bei uns gab es bestimmt schon seit der Gründung 1933 diesen besonderen Saft, denn bei uns heißt er immer noch „Zaft“ (oder auf plat „caft“). Im landwirtschaftlichen Betrieb zudem unverzichtbar als Haftmittel der Antriebsriemen für die mit Kraftstrom betriebenen Großgeräte.

    Kein anderer Rübensaft hat diesen reinen Geschmack. Und obwohl er den hohen Zuckeranteil hat, gibt es nie die Begleiterscheinungen wie bei anderen Süßgkeiten.

    In der Kindheit wurde der Saft zudem manchmal zu leckeren Bonbons weiterverarbeitet.

  • Basti g. sagt:

    Macht doch weiter mit förderverein

  • Bettina Böker geb. Gottschalk sagt:

    Auch ich habe diesen „Stips“ im klassischen Eimer bei meiner Oma kennen- und liebengelernt. Und dann noch auf dem besten Rosinensemnel überhaupt. In Borstel bei Neustadt am Rübenberge. Später wurde ich nach unserem Umzug nach Rodenberg auf den Herstellerort Wunstorf aufmerksam. Und seid fast 30 Jahren kaufen wir dort regelmäßig, und auch unsere Kinder lieben ihren „Stips“.
    So schade……. Familie Reinhold wünsche ich alles Gute.
    Ihr Stips und nicht nur dieser, auch das leckere Pflaumenmus, werden uns sehr fehlen….. und wieder ist ein Stück Kindheitsgeschichte verloren gegangen.

  • Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

    Kontakt zur Redaktion

    Tel. +49 (0)5031 9779946
    info@auepost.de

    [Anzeigen]

    Artikelarchiv

    Auepost auf …