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Wunstorfer Weihnachtsmarkt wurde zwischen Coronavorschriften zerrieben

08.01.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 1015

Verkleinert, verkürzt, verboten: Dem Wunstorfer Weihnachtsmarkt wurden viele Steine in den Weg gelegt, doch die meisten Schausteller hielten so lange durch, wie sie nur konnten. Die Chronik eines Versuchs, in Pandemiezeiten einen möglichst normalen Weihnachtsmarkt stattfinden zu lassen.

08.01.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 1015
Verschwundener Weihnachtsmarkt
Leergefegter Marktplatz im Januar | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds). Am. 23. Dezember schloss der Weihnachtsmarkt die Pforten – ein Novum in Wunstorf, denn traditionell reichte er immer in den Januar hinein und galt weithin als am längsten stattfindender Weihnachtsmarkt. Dass er 2021 überhaupt stattfinden konnte, war angesichts der vielen bundesweit abgesagten Märkte ein kleines Wunder. Doch ein Weihnachtsmarkt sollte diesmal nach dem bereits 2020 abgesagten Markt unbedingt wieder stattfinden – das war der Wunsch bei Innenstadthändlerschaft und Stadtverwaltung gewesen. Und auch die Schausteller und Budenbeschicker freuten sich, die Geschäfte wiederaufnehmen zu können, wenn auch weiterhin mit coronabedingt angezogener Handbremse.

Der Wille war da, den traditionellen Markt endlich wieder auszurichten. Dabei ist der Wunstorfer Weihnachtsmarkt nicht nur wirtschaftlich relevant für die Attraktivität der Innenstadt, zieht Menschen nicht nur zum Glühweintrinken und damit auch gleich Einkaufen in die Innenstadt, sondern gehört für die Wunstorfer zur Weihnachtszeit einfach dazu. Das Flair ist nicht unwichtig für die Stimmung in der Stadt, die Möglichkeit, nach vielen Monaten des Verzichts wenigstens etwas Normalität zu spüren, war ausgeprägt. Gerade in den aktuell schwierigen Zeiten schienen positive Signale wichtiger denn je. Es gab auch Stimmen, die sagten „Wie kann man nur“, doch der Bedarf war unzweifelhaft vorhanden. Die Werbegemeinschaft Wunstorf, die den Weihnachtsmarkt veranstaltete, ging gleich doppelt ins Risiko: Wäre es zu Infektionsketten auf dem Markt gekommen, wäre der Imageschaden da gewesen – und wäre das Veranstaltungsverbot wegen hoher Inzidenzen früher eingetreten, wäre die Häme wohl auch nicht ausgeblieben.

Bereits von Beginn an, lange vor der Eröffnung, war absehbar, dass es schwierig werden würde, es wohl keinen Weihnachtsmarkt wie in Vor-Pandemie-Zeiten geben könnte. Entsprechend umsichtig und vorausschauend ging man vor: Statt den Weihnachtsmarkt wie früher offen zu allen Seiten zu gestalten, wurde er als umhegtes Dorf konzipiert. Tannenbäume und Zäune versperrten den Weg um die Buden herum. Eine Einlasskontrolle war eingeplant, dazu ein weitreichendes Hygienekonzept – und man entschied sich, den Markt direkt als „2G“-Veranstaltung zu begehen, um Sicherheit für die Besucher zu schaffen: Ohne Immunisierung war kein Zutritt vorgesehen.

Schlange stehen für den Weihnachtsmarkt

So gerüstet, konnte der Markt Ende November zu Beginn der Adventszeit starten – und wurde auch gut angenommen. Wie schwierig die Durchführung wirklich werden würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Wenige Tage darauf kam die erste Verschärfung: Landesweit angeordnete Maskenpflicht auf Weihnachtsmärkten, sofern man nicht gerade den Glühwein oder die Bratwurst zum Mund führte. Davon ließen sich die meisten noch nicht abschrecken. In der ersten Adventswoche war der Weihnachtsmarkt zwar nicht brechend voll wie zu früheren Zeiten, doch man musste z. B. bisweilen weiterhin Wartezeit einkalkulieren bis zum Erhalt der berühmten gefüllten Pizza. „Wie lange dauert’s noch?“, rief manch Wartender da schon ungeduldig – war es nach dem Anstehen an der Einlasskontrolle doch schon die zweite Schlange, in die man sich einreihen musste.

Weihnachtsmarktdeko

Gerade in den ersten Dezembertagen erlebte der Weihnachtsmarkt noch einmal einen größeren Zulauf, es schien, als ob sich viele noch einmal schnell gebrannte Mandeln, Schmalzkuchen und eben Pizza holen wollten – denn es war nun schon bekannt, was folgen würde: Dass ausgerechnet das Bundesland Niedersachsen – mit einer im Bundesvergleich zu diesem Zeitpunkt niedrigsten Inzidenzentwicklung – mit einer 2G-Plus-Pflicht auch für Geimpfte vorpreschen würde, war nicht vorherzusehen gewesen. Mit möglicherweise noch strengeren Vorschriften bei Abständen und Hygienekonzepten hatte man in der Verwaltung gerechnet, nicht jedoch damit, dass für die ohnehin schon geschrumpfte Kundenklientel ausnahmslos tagesaktuelle Testpflicht gelten würde.

Bis dahin hatte man als Genesener oder Geimpfter nur den Immunisierungsnachweis und Ausweis vorzuzeigen. Dann bekam man einen Stempel auf die Hand gedrückt, und die Security wünschte „Viel Spaß“. Die Security wurde von den Schaustellern selbst bezahlt. Das war so vereinbart worden, weil die Werbegemeinschaft als Veranstalterin den Schaustellern angesichts der Unwägbarkeiten die Standpreise erlassen hatte. Nun aber wurde zusätzlich auch noch ein negatives Schnelltestergebnis nötig.

Schnell Schnelltests

Stadtverwaltung und Werbegemeinschaft reagierten in Rekordzeit und bemühten sich um ein örtlich nahes Testangebot für spontane Schnelltests. Während die Parkplätze am Schützenplatz nach Ansicht der Politik nicht zu weit entfernt sein sollen, um die Innenstadt zu besuchen, waren es die dortigen bereits bestehenden Testmöglichkeiten jetzt offenbar doch – aber auch ohnehin bereits völlig überlaufen, denn auch für alle anderen Veranstaltungen in Innenräumen, Sport und Gastronomie war auf einmal Schnelltestpflicht angesagt. Der Anbieter Coviquick füllte die Lücke und nahm am 3. Dezember den Betrieb einer Schnellteststation im Rathausinnenhof auf – ganz pragmatisch in durch die Stadt aufgestellten Weihnachtsmarktholzbuden. Bereits am ersten Tag leisteten die beiden dort stationierten Mitarbeiterinnen quasi Akkordarbeit und testeten von morgens bis abends – 13 Stunden lang wurden Teststäbchen ausgewertet.

Verkleinerter Weihnachtsmarkt
Verkleinerter Weihnachtsmarkt | Foto: Daniel Schneider

Nur einen Tag später, ausgerechnet zum als besonders umsatzstark geltenden zweiten Adventssamstag, war die Schnellteststation aber vorübergehend schon wieder geschlossen – aufgrund Personalmangels. Den Testwilligen, die sich im Vertrauen auf das Angebot zum Rathaus aufgemacht hatten, um danach direkt zum Weihnachtsmarkt weiterzuziehen, fanden nur ein Hinweisschild vor, das den Nichtbetrieb verkündete. Den Frust bekamen in den sozialen Medien die Stadt und die Werbegemeinschaft ab. Doch die waren von der kurzfristigen Nichtöffnung selbst überrascht worden. Zu dem Missverständnis beigetragen haben könnte, dass Hinweise auf die Schnellteststation im Zusammenhang mit den eigenen Logos erschienen. Nun wurde darauf hingewiesen, dass man mit dem Angebot nichts zu tun habe. Mit den Folgetagen war der Service aber wieder verfügbar, und es wurde weitergetestet.

Teststation Rathausinnenhof
Teststation im Rathausinnenhof | Foto: Achim Süß

Etwas Entschärfung brachte auch der Umstand, dass Geboosterte/Drittgeimpfte seit dem 4. Dezember von der zusätzlichen Testpflicht befreit waren, für diese Gruppe der Besucher somit wieder nur „2G“ galt. Doch das reichte nicht aus. Mit der 2G-Plus-Einführung für Weihnachtsmärkte brachen die Besucherzahlen ein. Es führte auch zu kuriosen Situationen, dass Familien ihre (nicht unter die 2G-Vorschriften fallenden) Kinder allein über den Markt schickten, während die Eltern am Absperrungsgitter am Eingang warteten. Selbst wenn die Blechbläser auftraten, war die Besucherzahl überschaubar. Das Kinderkarussell drehte sich weiter – aber manchmal nur für ein einzelnes Kind. Der Charakter einer geschlossenen Gesellschaft infolge Testpflicht schien dem Weihnachtsmarkt alles andere als zuträglich zu sein.

Keine Vereinzelung der Buden

In der Folge gaben einige der Schausteller auf und brachen ihre Zelte für diese Saison ab. Pizza, Kartoffelpuffer und ein Punschstand verschwanden. Der Weihnachtsmarkt wurde verkleinert dennoch weitergeführt, Bratwurst, Glühwein, Kinderkarussell und Schmalzkuchen, Crêpes und gebrannte Mandeln blieben etwa verfügbar. Kurios blieb allerdings auch der Vergleich mit sonstigen Verkaufsbuden in der Innenstadt. Während man für die Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt Impfstatus, Maske, Ausweis und tagesaktuellen Schnelltest oder Boosterung auf- und nachweisen musste, brauchte man 20 Meter weiter am Bratwurststand in der Mitte der Langen Straße nur einen Mund-Nasen-Schutz, um etwas kaufen zu können. Das führte zu weiteren Skurrilitäten: Ebenfalls in den sozialen Medien wurde der Tipp gegeben, an die Rückseite der Buden zu klopfen, und sich dort etwas verkaufen zu lassen und damit die Schausteller zu unterstützen – denn in diesem Falle sei es ein Außer-Haus-Verkauf, für den die 2G-Plus-Regeln nicht gelten würden. Als dann noch der Sicherheitsmitarbeiter aus organisatorischen Gründen ausfiel, war das Chaos komplett – viele wussten nicht mehr, was jetzt eigentlich noch galt.

Weihnachtsmarkt
Weihnachtsmarkt mit Maskenpflicht | Foto: Daniel Schneider

Die anfängliche Umsicht, das gut gemeinte geschlossene Konzept, entpuppte sich als Quasi-Aus für den Weihnachtsmarkt. Die Frage stand daher im Raum, warum nicht statt der Bildung eines Marktes mit strengen Vorschriften einfach einzelne Buden über die Fußgängerzone verteilt worden waren. Doch das war für die Schausteller keine Option. Auf das Flair eines zusammenhängenden Weihnachtsmarktes habe man nicht verzichten wollen, sagte Albert Dormeier von der Schaustellerfamilie, die die meisten Buden auf dem Wunstorfer Weihnachtsmarkt stellt, im Gespräch mit der Auepost.

Wir sind Schausteller

Albert Dormeier

Kurz vor Weihnachten kam dann die nächste Hiobsbotschaft: Die niedersächsische Weihnachts- und Neujahrsruhe wurde angekündigt, die auch ein Verbot von Weihnachtsmärkten umfasste. Ab Heiligabend bis zum 2. Januar sollte der Markt ruhen. Doch auch jetzt kam Aufgeben für Familie Dormeier nicht in Frage – auch wenn man längst wusste, dass man maximal mit plus/minus null Gewinn aus der diesjährigen Saison gehen würde. „Wir sind Schausteller“, fasste es Albert Dormeier schlicht zusammen. Ab dem 3. Januar wollte man selbstverständlich wieder öffnen. Die Coronaverordnung der Landesregierung machte auch diesen Plan zunichte: Am 23. Dezember wurde kurzfristig bekannt gegeben, dass die höchste Corona-Warnstufe inklusive Weihnachtmarktverbot bis zum 15. Januar ausgedehnt würde. Damit war das Ende des Weihnachtsmarktes besiegelt. Statt wie sonst üblich im neuen Jahr wurde der Weihnachtsmarkt diesmal an Weihnachten abgebaut.

von Daniel Schneider
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Kommentare


  • Wunstorfer sagt:

    Für die Budenbetreiber tut es mir wirklich sehr leid, auch wenn´s wohl (bei den sich gefühlt stündlich ändernden Coronaregeln) irgendwie absehbar war.

    Mich persönlich hat jedoch -genau wie schon vor der Coronapandemie- absolut nichts zum Weihnachtsmarkt gezogen. Jedes Jahr die gleichen Buden im gleichen Aufbau (man könnte sprichwörtlich blind über den Markt gehen) – irgendwanns wird´s halt auch mal langweilig weil „ausgelutscht“…

    Dazu dann noch gepfefferte Preise, bei denen man sich fragt, ob mann denn zusammen mit dem Essen auch gleich noch einen Anteil an der Bude erworben hat (ich weiß, die müssen auch überleben und ja, bei anderen „Volksfesten“ ist es auch teuer, aber gute 10€ (20DM) für eine(!) große Portion gebrannte Mandeln!? – um nur ein Beispiel zu nennen.

    Eine Durchschnittsfamilie mit 2-3 Kindern lässt da bei einem Besuch mit Bratwurts & Pommes, Glühwein, Süßkram etc. über 100€ – das überlegt man sich dann schon…

    Für das gleiche Geld kann man auch „richtig“ Essen gehen oder den Wocheneinkauf im Supermarkt tätigen…

  • Grit D. sagt:

    Ich gehöre nicht zu den „Stammgästen“ unseres Weinhachtsmarkts, doch nach der Corona-bedingten Zwangspause war ich durchaus etwas „entzügig“.

    Dennoch bin ich erst kurz vor Toreschluss über den Markt gegangen, der sich bedingt durch die für die Marktbeschicker ausgesprochen schwierige Situation über „tote Hose“ definierte (musste).

    Es dürfte wohl niemanden der Sinn nach Corona-Weihnachten 3.0 stehen.
    Ich hoffe so sehr auf Normalität, wobei mir durchaus bewusst ist, ein Vor-Corona wird diese Normalität nicht mehr werden…

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