Rathaus, Zimmer A 205

Ansichten eines Bürgermeisters

Über die Rote Armee, ausrangierte Schränke und was ein CDU-Mitglied im Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft macht

Rolf-Axel Eberhardt

Wie haben Sie den Mauerfall im November 1989 erlebt?
Ich war bei Nachbarn, und da sagte jemand dann: „Die Mauer ist offen.“ Ich habe mit Ungläubigkeit reagiert. Dann bin ich nach Hause vor den Fernseher, habe die 20-Uhr-Nachrichten gesehen, aber die Nachrichtenlage war vollkommen unübersichtlich. Dann stellte sich aber bis 22 Uhr heraus: Ja, die Grenze ist wirklich offen.

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Sie haben in den Folgejahren selbst eine gewisse Rolle bei der Wiedervereinigung gespielt.
Ich war vier Jahre Verwaltungshelfer in Magdeburg und habe dort die Staatskanzlei mitaufgebaut und den Abzug der sowjetischen Truppen mitorganisiert. Domplatz 1 war mein Arbeitsplatz. Am 22. November 1990 habe ich dort angefangen.

Was waren die größten Schwierigkeiten?
Die An- und Abreise und die Logistik. Das war alles ganz furchtbar. Die Verpflegung, keine vernünftige Gastronomie. Ich wohnte in einer vormaligen Stasiunterkunft, erst im Fürstenpalais, später in einem Nebengebäude. Es roch nach Bohnerwachs, das Trinkwasser hatte Chlorgeschmack. Der Kapitalismus hat aber schnell Einzug gehalten – für das Zimmer als Unterkunft vor Ort musste ich Miete zahlen. Kein Computer lief, die elektrischen Anlagen waren nicht vernünftig. Wir hatten auch kein Telefon. Ich konnte nicht in den Westen telefonieren. Ich musste im Vorzimmer des Ministerpräsidenten eine Genehmigung einholen, um auf seinem Satellitentelefon mal mit meiner Frau zu sprechen.

Eberhardt in Magdeburg
DDR-Ansichtskarte. Das Fürstenpalais ist heute wieder Sitz des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt | Foto: Daniel Schneider

Meldete man sich für den Job oder wurde man abgeordnet?
Ich war damals im niedersächsischen Innenministerium, mit dem Regierungswechsel Glogowski sagte man mir: „Eberhardt, Sie sind ein guter Jurist, aber Sie müssen auch Kernarbeit machen im nachgeordneten Bereich.“ Auf gut Deutsch: Ich hatte das falsche Parteibuch. So bin ich zum Verwaltungshelfer gekommen. Die Staatskanzlei in Magdeburg rief mich dann an, weil sie jemanden für Beamtenrecht und Personal brauchte. „Können Sie in zwei Tage rüberkommen?“, dann wurde ich freigestellt und abgeordnet. Meine Frau war verhalten begeistert. Ich bekam einen Dienstwagen zur Verfügung gestellt, bin aber trotzdem mit dem Zug gefahren. Die Straßen waren abenteuerlich. Nach zwei Stunden Zugfahrt war ich an der Elbe.

„Dann kommense mal am Mittwoch“ Ansage aus der Staatskanzlei

Sie sind fortan gependelt?
In den folgenden Jahren bin ich gependelt, mal zwei- oder dreimal die Woche, auch mal ganzwöchig dort gewesen, ich hatte auch noch Termine in Hannover. Das war der Horror. Meist bin ich um 5 Uhr aufgestanden, damit ich um 9 Uhr in Magdeburg war. Abends gegen 23 Uhr war ich wieder in Wunstorf.

Was war Ihre erste Aufgabe in Magdeburg?
Das Palais, das Staatskanzlei werden sollte, diente noch als Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Gerd Gies, der erste Ministerpräsident, sagte: „Nun räumt mal das Palais frei.“ Das war dann meine Aufgabe. Im Osten liefen die Uhren noch ein wenig anders. Ich habe mir dann erstmal Leute geholt in Uniform, die nunmehr sachsen-anhaltische Landespolizei, aber noch mit Volkspolizeiuniformen, nahm einen zivilrechtlichen Widmungsakt vor und setzte den Leuten eine Frist, das Gebäude zu räumen. Das hat sie beeindruckt, und sie räumten tatsächlich. Anschließend konnte Dr. Gies einziehen.

Eberhardt in Magdeburg
Abzug der sowjetischen Truppen aus Sachsen-Anhalt | Foto: privat

Wie ging es weiter?
Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Sachsen-Anhalt musste organisiert werden, ich hatte auch die delikate Aufgabe, alle Landes- und Spitzenbeamten und die Polizei zu untersuchen, ob sie stasibelastet waren. Es gab eine Kommission, die paritätisch mit den Parteien und Leuten der Verwaltung besetzt war, die war völlig unabhängig. Deren Leiter wurde ich. Dann haben wir uns die Personalakten kommen lassen, sind nach Berlin zur Stasiunterlagenbehörde von Herrn Gauck gefahren und haben die Stasiakten und -karteikarten herausgesucht. Die Stasi war gründlich. Obwohl die Normannenstraße zuvor gestürmt worden war, war alles drei- bis vierfach vorhanden.

Wie oft sind Sie fündig geworden?
Wir haben fast immer etwas gefunden. Leider. Dann haben wir die Leute mit den Funden konfrontiert, insbesondere, wenn sie zuvor ausgesagt hatten, dass sie nie Stasikontakte hatten. Dann zeigten wir ihnen ihren Decknamen und ihre eigenhändige Unterschrift. Erst dann gaben sie ihre Tätigkeiten zu, sagten, sie hätten es vergessen oder verdrängt. Doch bei uns galt die These: Wer in der Demokratie mit einer Lüge beginnt, sollte nicht im Staatsdienst sein. Entsprechend haben wir gehandelt, ungeachtet der Position des Betroffenen. Wir haben Empfehlungen ausgesprochen, Personen aus dem Dienst zu entfernen, die die Landesregierung gern weiterbeschäftigt gesehen hätte. Aber unserem Votum wurde gefolgt. In der Anfangszeit, 1991 und 1992, hatten wir jede Woche sieben bis acht Fälle, die wir bearbeiten mussten.

Eberhardt in Magdeburg
Später auch mit Telefon: Dienstzimmer des Verwaltungshelfers Eberhardt | Foto: ptivat

Haben Sie damals persönliche Schwierigkeiten bekommen infolge dieser Tätigkeit?
Nein, es gab da keine Skandale. Ich bin nie bedroht worden, wir haben auch immer völlig transparent gehandelt und die Opposition eingebunden. Die Menschen waren einsichtig. Ich hatte nochmal einen Moment der Angst, als es den Putsch gegen Gorbatschow im August 1991 gab – die sowjetischen Truppen waren ja noch im Land.

Die politische Situation änderte sich danach ja fast täglich. Ab wann war Ihnen bewusst, dass es zur Wiedervereinigung führen würde?
Es war schnell klar, dass die Wiedervereinigung kommt. Die Politik im Osten hat darauf hingearbeitet. Meine Eltern und Schwiegereltern haben immer gesagt: „Die Wiedervereinigung erlebst du nie.“ Sie hatten sich mit der Teilung abgefunden. Dass es doch anders kam, ist das Verdienst von Helmut Kohl, der die richtigen Instinkte hatte und die Vereinigung mit Elan vorantrieb. Dies und die friedliche Bürgerbewegung, das war beeindruckend. Ich freue mich, dass wir wieder ein Vaterland sind.

Waren Sie vor dem Mauerfall schon einmal in der DDR?
Mehrmals. Meine Schwiegermutter hatte dort Verwandtschaft, wir sind öfter mitgefahren, dann haben wir die skurrilen Dinge an der Helmstedter Grenze erlebt. Meine Frau und ich, wir fuhren Golf und kamen immer gut durch, aber mein Schwiegervater fuhr BMW. Das war schon mal ein Fehler. Der bekam eine besondere Aufmerksamkeit. Das führte dazu, dass ein ausrangierter Alibert-Schrank, den meine Schwiegermutter für die Verwandten eingepackt hatte, für 100 Mark – West – nachverzollt werden musste. Mein Schwiegervater war natürlich stinksauer, der den Schrank eigentlich auf den Müll hatte werfen wollen.

Gab es auch Gegengeschenke?
Was billig in der DDR war, waren Bücher. Meine Cousins besorgten mir stapelweise Schiller, Karl Marx usw. Auf der Rückfahrt nahm mein Schwiegervater die Bücher bei sich im größeren Kofferraum mit – und wurde an der Grenze schon wieder gefilzt. Und musste schon wieder bezahlen. Da war immer gute Stimmung bei uns in der Familie, wenn wir über die Grenze fuhren.

Aber sonst gab es keine Probleme?
Nein, wir legten es nicht darauf an, aufzufallen. Aber es gab viele skurrile Situationen. Wenn wir bei meinem Cousin übernachteten, musste der den Westbesuch bei den Behörden anmelden und für diese Zeit – er war Jäger – seine Waffen abgeben. Es hätte ja sein können, dass Herr Eberhardt aus Wunstorf dort die Konterrevolution plant … Dieses System war kaputt. Die Verwandtschaft hat uns gegenüber auch pro DDR argumentiert, sie hatten sich gut arrangiert, hatten ihren Schrebergarten und eine Geschirrspülmaschine aus Jugoslawien. Wenn man sich zu helfen wusste, konnte man auch in der DDR einen gewissen Wohlstand haben.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an die Grenze?
Bei der Kontrolle wurde als Erstes gefragt: „Haben Sie Waffen?“ Dann war der Pass abzugeben, über ein Förderband verschwand der, und in der Zwischenzeit musste man Westgeld zwangsumtauschen, 30 oder 40 D-Mark. Wenn man länger einreiste, musste man sich auch selbst bei der Volkspolizei anmelden. Auch das wurde bei der Ausreise an der Grenze wieder kontrolliert. Deswegen habe ich mich auch damals dafür eingesetzt, dass Marienborn erhalten bleibt. Diese Anlage war schon etwas Besonderes. Einschüchternd. Jeder selbstbewusste Westdeutsche war dort an dieser Grenze klein mit Hut. Man hat sich jedes Wort überlegt. Als ich einmal nicht sofort losfuhr, nachdem ich den Pass zurückbekommen hatte an der Kontrollstelle, schnauzte mich ein Grenzer an: „Wollen Sie hier überwintern?“ Da habe ich spontan entgegnet: „Nein, bestimmt nicht …“ Das hätte mir als Staatsverleumdung ausgelegt werden können. Meine Frau war entsetzt, doch wir durften weiterfahren. Jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt, weil es eine gewisse Form von Willkür gab.

Haben Sie Willkür selbst erlebt?
Nein. Aber auf der Transitstrecke wurde ich einmal rausgewunken, obwohl ich mich streng an die vorgeschriebenen 80 km/h gehalten hatte. Eine halbe Stunde haben sie mich warten lassen in der Kontrolle, da hatte ich wirklich Angst. Die hätten ja alles Mögliche behaupten können. Doch es lief korrekt ab: „Wir haben alles nochmal überprüft, Sie sind ja wirklich korrekt gefahren. Sie können weiter!“

Eberhardt in Magdeburg
Authentischer DDR-Chic: Eberhardts damalige Privatunterkunft | Foto: privat

Was war das einschneidendste Erlebnis in Bezug auf die DDR?
Ein früherer Schulfreund war Mitglied der FDP, wollte sich mit Kollegen im Osten treffen und schmuggelte für diese das dort verbotene Buch „Die Alternative“ von Rudolf Bahro mit, welches den Reformbedarf in der DDR ansprach. Er fuhr einen VW-Käfer, hatte dort das Buch im Schaumstoff der Kopfstützen versteckt, Er kam an die Grenze, wurde sofort namentlich begrüßt und bekam gesagt: „Folgen Sie uns und nehmen Sie mal die beiden Kopfstützen mit.“ Er war verraten worden, man hatte auf ihn gewartet. Er saß dann Anfang der 80er Jahre drei oder vier Jahre im Gefängnis in Bautzen. Da sieht man, wie gut das System Stasi funktionierte. Von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik regelmäßig besucht, bekam Westgeld gebracht, und was für mich schockierend ist: Die hatten im Gefängnis einen eigenen Intershop, wo das Westgeld ausgegeben werden konnte. So etwas kann man sich nicht ausdenken. Später wurde er über Dr. Vogel vom Westen freigekauft. Man kann sich aber vorstellen, das waren nicht seine besten Jahre. Wegen eines Buches, das heute niemand mehr kennt. Auch so etwas haben wir erlebt in der Bekanntschaft.

Haben Sie die spätere Entwicklung in Sachsen-Anhalt beobachtet? Welches Resümee ziehen Sie?
Sicher. Schauen Sie sich Wolmirstedt an, unsere Partnerstadt. Das sind wirklich blühende Landschaften, was da an Gebäuden und Infrastruktur entstanden ist. Dass die Menschen nicht ganz zufrieden sind, ist auch Fakt, aber das wird sich einspielen, wir sind ein Vaterland. In weiteren 20 Jahren wird das keine Rolle mehr spielen, davon gehe ich fest aus. Ich bin stolz, dazu beigetragen zu haben, dass das Land aufgebaut wurde. Auch in Magdeburg ist die Tristesse verschwunden, es ist eine Augenweide, das Elbufer wunderschön. Früher war der ganze Domplatz noch hinter Plattenbauten versteckt.

Warum sind Sie damals nicht in der Staatskanzlei bzw. Sachsen-Anhalt geblieben?
Ich hatte lukrative Angebote, habe in der Tat gezögert, aber letztlich auf die Familie gehört. Meine Frau war damals Lehrerin in Wunstorf, wollte das den Kindern nicht antun. Sie hätte bestimmt als Lehrerin auch in Sachsen-Anhalt eine Stelle bekommen, hatte aber moralische Bedenken, dort womöglich eine örtliche Lehrkraft zu verdrängen. Ohne meine Familie wäre ich nicht gegangen. 1993 wurde ich dann Erster Stadtrat in Wunstorf. Bürgermeister war damals nicht meine Lebensplanung. Aber der Stadtdirektorposten sollte dann abgeschafft und ein Bürgermeister hauptamtlich direkt gewählt werden. Der damalige Stadtdirektor überzeugte mich, zu kandidieren.

Was hätten Sie getan, wenn Sie nicht zum Bürgermeister gewählt worden wären?
Es gab einen sehr fairen SPD-dominierten Stadtrat. Sie wussten, dass ich gegen ihren eigenen aufgestellten Kandidaten antrat, meine Amtszeit als Erster Stadtrat lief aus – und sie haben mich in dieser Zeit trotzdem als Ersten Stadtrat wiedergewählt, ich hätte also weiter diesen Posten ausüben können nach einer verlorenen Bürgermeisterwahl. Vor dieser politischen Kultur ziehe ich den Hut. Was ich sonst gemacht hätte, weiß ich nicht, vielleicht wäre ich Rechtsanwalt geworden.

Welche Möglichkeiten hätten Sie in Magdeburg gehabt?
Abteilungsleiter unter dem Staatssekretär in der Staatskanzlei. Später selbst Staatssekretär zu werden wäre sicherlich auch nicht ganz unwahrscheinlich gewesen. Aber Geld ist nicht alles. Die Familie geht vor. Die Neigungswechsel in Sachsen-Anhalt waren immer sehr spannend … da muss ich wieder sagen: Gut, dass ich auf meine Frau gehört habe.

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Die Fragen stellte Daniel Schneider
Dieses Interview erschien zuerst in Auepost #13 (11/2020).

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