Liebesgeflüster

Liebesgeflüster #9

LiebesgeflüsterMeine Herzallerliebste,

ich weiß sehr wohl, dass du ein neues Kapitel aufschlagen und zu neuen Ufern aufbrechen möchtest. Nichts sehnlicher wünsche ich mir als das, und doch bin ich zögerlich ob der Ungewissheit, was sich hinter der nächsten Welle befindet. All die Seeungeheuer und die Weite des Meeres erscheinen groß, mächtig und unbezwingbar.

Du sagst, wer den Ozean überwinden und das andere Ufer erreichen will, sollte keine Angst haben, sich nass zu machen. Ich liebe deinen Mut und die kindliche Unbekümmertheit, das Leben bei den Hörnern zu packen. Du bist meine Jeanne d’Arc, die mit scharfem Schwert und wachem Verstand dahergeritten kommt und deren Worte unentwegt hinausflüstern: „Voran, voran, lebe wild und mutig und ungebändigt.“

Aus deinem Flüstern wird ein Ruf, der bis tief in meinen Grund reicht. Bitte höre, was ich nicht sage, und bitte höre nicht auf, Worte in mir zu platzieren, die sich in den buntesten aller Farben entfalten – denn in mir ist derzeit vieles grau und ohne Licht. So endlos lang wie die Wunstorfer Hochstraße und so staubehaftet wie eine Fahrt in die Innenstadt erscheint mein Weg zu mir selbst. Doch bevor ich zu neuen Ufern aufbrechen und auch zu dir kann, muss ich die Dämonen um mich herum bekämpfen, die sich in der Dunkelheit am wohlsten fühlen und deren zu Fratzen entstellte Gesichter abseits des Lichts nicht zu lesen sind. Welch Narr ich bin, ließ ich mich doch nur allzu lange täuschen von falschen Lächeln, als sei deren Name Vertrauen und ihr Spiel ein gemeinsames.

Ich will diese dunklen Geister nicht länger füttern mit Aufmerksamkeit, denn sie rauben nur Zeit und Energie. Hinter der Fassade sind sie hohl, leer und hässlich, und nichts fürchten sie mehr als Aufrichtigkeit und einen wissenden Blick, der ihre Unsicherheit aufzudecken droht.

Sie reden daher im gängigen Ton belanglosen Geschwätzes. Sie erzählen alles, was wirklich nichts ist, und nichts von dem, was wirklich ist, was in ihnen schreit: der Mangel an Anerkennung und Liebe. Ich verabscheue dieses oberflächliche, unechte Versteckspiel, das die Dämonen aufführen und vielleicht benötigen sie nur eine Hand, die sich nach ihnen ausstreckt, um den leeren Glanz von ihren Augen zu nehmen.

Bitte sei mir in diesen eigenen dunklen Stunden Leuchtturm und Wegweiser, damit ich den richtigen Pfad nicht aus den Augen verliere. Jedes Mal, wenn du sanft bist und mir Mut machst, jedes Mal, wenn du zu verstehen suchst, weil du dich wirklich um mich sorgst, bekommt mein Herz Flügel – sehr kleine Flügel, sehr brüchige Schwingen, aber Flügel.

Dein Liebster

PS: In den Tagen, die zu düster erscheinen, kann ein wenig Schokolade tröstlich sein! In Steinhude soll die älteste Schokoladenmanufaktur Deutschlands gestanden haben. Lust?

Dieser Liebesbrief erschien zuerst in Auepost #9 (06/2020)

 

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