
Wunstorf (red). Wahlplakate gehören traditionell bei Wahlen dazu. Kaum eine Partei verzichtet auf die älteste Form der Wahlwerbung. Fast alle plakatieren auch in Wunstorf zur jetzt bevorstehenden Kommunalwahl.
Doch ebenso traditionell ist der der Umstand, dass Wahlplakate zum Anziehungspunkt für Vandalismus wird. Kreativere Täter bemalen oder verändern die aufgestellten Wahlplakate, andere zerstören sie einfach dumpf, wie etwa auch bei der vergangenen Bundestagswahl zu beobachten. Manchmal halten neu aufgestellte Wahlplakate nur wenige Stunden, bevor sie verschandelt oder gestohlen werden.
Entsprechend hoch beispielsweise an Straßenlaternen versuchen manche Wahlkampfhelfer die Plakate anzubringen, damit sie vor Beschädigungen möglichst sicher sind – auch auf die Gefahr hin, dann aus dem direkten Blick der Passanten zu geraten. Wahlplakatarbeit kann eine Gratwanderung sein.
Bei großen Plakataufstellern gibt es diese Option meist nicht, dafür ist deren Verunstaltung für die Parteien dann umso ärgerlicher: Diese Plakate kosten nicht nur besonders viel Geld, sondern sind naturgemäß auch meist prominent platziert, so dass die Verunstaltungen zunächst um ein Vielfaches auffallen.
Die CDU ist wie andere Parteien vom Wahlplakatvandalismus betroffen, doch die Art und Weise, wie ein Großplakat nun verändert wurde, ist besonders gravierend: Den abgebildeten Politikern – Bürgermeisterkandidat Martin Pavel, Regionspräsidentkandidat Oliver Junk und CDU-Landesvorsitzender Sebastian Lechner – wurden Hitlerbärtchen angemalt. Das Plakat steht in Steinhude und muss nun wahrscheinlich komplett ausgetauscht werden.
„Ich bin alles, aber kein Rechter“
Martin Pavel
Die CDU Wunstorf verurteilt die wiederholte Beschädigung und Beschmierung ihrer Wahlplakate im Kommunalwahlkampf aufs Schärfste: „Wer Wahlplakate beschädigt oder beschmiert, missachtet die Grundregeln eines fairen demokratischen Wettbewerbs. Politische Auseinandersetzungen müssen mit Argumenten geführt werden – nicht mit Vandalismus“, heißt es vom CDU-Stadtverband. Beschädigungen und Beschmierungen würden konsequent zur Anzeige gebracht, denn Sachbeschädigung sei kein Kavaliersdelikt und dürfe nicht hingenommen werden, so die CDU weiter.
Man appelliert an die Bürger und ruft alle politischen Mitbewerber dazu auf, den Wahlkampf fair und respektvoll zu führen: „Demokratie lebt vom offenen Austausch unterschiedlicher Meinungen – nicht von Diffamierung oder der Zerstörung von Wahlwerbung.“
Martin Pavel ärgert sich besonders über die Art des Vandalismus: „Ich bin alles, aber kein Rechter“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Inzwischen hat er schon wieder neue Beschädigungen an kleineren Plakaten entdeckt, die in der Kernstadt aufgehängt waren. Manchmal ließen sich Beschmierungen noch mit Reinigungssubstanzen entfernen, doch oft seien die Zerstörungen zu gravierend.
Auch ein weiteres Großplakat ist betroffen: Am Nordwall. Dort waren es keine Nazi-Vergleiche, sondern Clownsnasen, die den Abgebildeten hinzugefügt wurden.
„Manchmal ist ein Bart einfach nur ein Bart“ (frei nach Freud). Wenn ich jemand ein Hitlerbärtchen anmale, egal mit welchem Ziel, dann hab ich ihn damit zu allererst für den Großteil der Betrachter mit einer eindeutigen Anspielung versehen (finden Sie mal jemanden, der hier als erstes an Chaplin denkt!). Das kann man witzig finden – aber würden Sie das auch noch, wenn das jemand bei Ihnen macht?
Lieber Dwayne,
niemand mag Klugscheißer.
Und erst recht nicht, wenn sie mit „Whataboutism“ Ausführungen (ich habe die Kraft gesessen, auf die wertende Beschreibung zu verzichten) versuchen, irgendetwas zu relativieren oder zu verwässern.
Whataboutism bedeutet, mit einem anderen Sachverhalt vom eigentlichen Thema abzulenken. Ich habe keinen anderen Sachverhalt angeführt, sondern die journalistische Deutung genau dieses Fotos kritisiert. Den Vandalismus habe ich ausdrücklich verurteilt. „Klugscheißer“ ist übrigens eine persönliche Abwertung und kein Gegenargument.
Lieber Dwayne,
es ist ja nun eine ausgesprochen ausgefuchste Idee, Whataboutism nun in deinem Sinne zu definieren.
Wer aber nun bei diesen Bärtchen (bei denen nur die absoluten Theoretiker eine Assoziation zu Charlie Chaplin haben) weitreichende Ausführungen zur Qualität journalistischen Arbeitens macht und damit von der eigentlich beschriebenen Botschaft auf diese Plakaten und der Sachbeschädigung ablenken will, ist geradezu die Speerspitze des Whataboutism.
Aber ich freue mich nun schon auf eine ausführliche Erläuterung und Herleitung des Begriffes Whataboutism im Kontext seiner Entwicklungsgeschichte im Rahmen seriöser journalistischer Tätigkeit im europäischen Umfeld.
Steinhuder,
Sie verwechseln Whataboutism weiterhin mit Widerspruch. Whataboutism wäre ein ausweichender Gegenvorwurf zu einem anderen Sachverhalt. Ich habe weder einen anderen Fall angeführt noch die Sachbeschädigung entschuldigt, sondern das konkrete Foto und den konkreten Artikel kritisiert.
Ihr Argument ist ein Zirkelschluss: Sie erklären die umstrittene Interpretation zunächst zur „eigentlich beschriebenen Botschaft“ und anschließend jede Prüfung dieser Interpretation zur Ablenkung. Damit beweisen Sie nichts, sondern setzen lediglich Ihre eigene Deutung voraus.
Dass viele Betrachter zuerst an Hitler denken, ist plausibel. Aus einer Assoziation wird aber weder eine bekannte Täterabsicht noch die journalistisch belastbare Tatsachenbehauptung, Martin Pavel werde „als Nazi dargestellt“.
Die Sachbeschädigung ist falsch. Die Berichterstattung darüber kann trotzdem unsauber sein. Das zu unterscheiden, ist kein Whataboutism, sondern Differenzierungsvermögen.
Ein falsch verwendeter Begriff wird auch durch Wiederholung und Sarkasmus nicht richtiger.
„Muskatnuss! Muskatnuss, Herr Müller!
Auf Wiedersehen Herr Müller!“
https://www.youtube.com/watch?v=wvym4rS1oBk
Ihr Kommentar geht an meiner Kritik vorbei.
Niemand hat den Vandalismus „witzig“ genannt oder verteidigt. Die Frage, wie ich mich persönlich als Betroffener fühlen würde, ersetzt kein Argument und hat mit journalistischer Sorgfalt nichts zu tun.
Auch Ihre Behauptung einer „eindeutigen Anspielung“ ist keineswegs so eindeutig, wie Sie sie darstellen. Der schmale Zahnbürstenbart wurde lange vor Hitler von Charlie Chaplin getragen. Dass heute vermutlich viele Menschen zuerst an Hitler denken, macht diese Assoziation noch nicht zur erwiesenen Absicht des unbekannten Verursachers. Ihre Formulierung „egal mit welchem Ziel“ entlarvt den Denkfehler sogar selbst: Wenn das Ziel unbekannt und angeblich gleichgültig ist, kann die konkrete Anspielung gerade nicht als Tatsache behauptet werden.
Vor allem folgt aus einem aufgemalten Bart keineswegs automatisch, Martin Pavel werde „als Nazi dargestellt“. Das ist eine zusätzliche, maximal eskalierende Interpretation der Redaktion. Seriös wäre gewesen: „Die CDU wertet die Schmiererei als Hitler-Anspielung.“ Stattdessen übernimmt der Artikel diese Deutung ungeprüft, verschärft sie und verkauft sie als objektiven Bildinhalt.
Genau darin liegt das Problem: Nicht die Beschädigung wird verharmlost, sondern die Redaktion dramatisiert einen interpretationsbedürftigen Sachverhalt, bis daraus die größtmögliche politische Diffamierung geworden ist. Journalismus sollte Beobachtung und Bewertung auseinanderhalten – auch dann, wenn sich mit der Hitler-Schlagzeile mehr Aufmerksamkeit erzeugen lässt.
Irgendwie etwas ironisch, dass der Artikel einerseits den Vandalismus beklagt, ihm aber andererseits durch die prominente Darstellung im Artikelfoto deutlich mehr Reichweite verschafft (und damit auch Nachahmer motiviert)
Dieser Artikel ist selbst ein Beispiel dafür, wie aus einer Sachbeschädigung durch redaktionelle Zuspitzung eine maximal aufgeladene Geschichte gemacht wird.
Auf dem Foto sind zunächst einmal schmale schwarze Striche beziehungsweise Rechtecke unter den Nasen zu sehen. Diese Bartform wurde lange vor ihrer Verbindung mit Adolf Hitler von Charlie Chaplin getragen. Man kann die Schmiererei als Hitler-Anspielung interpretieren – man könnte darin angesichts der ebenfalls erwähnten Clownsnasen aber ebenso den Versuch sehen, die Kandidaten als Witzfiguren darzustellen. Die Absicht des unbekannten Verursachers kennt niemand.
Journalistisch sauber müsste es deshalb heißen: „Die CDU wertet die Markierungen als Hitler-Anspielung.“ Stattdessen erklärt die Redaktion diese Deutung zur Tatsache und steigert sie im Vorspann sogar zu der Behauptung, Martin Pavel werde „als Nazi dargestellt“. Das gibt das Foto schlicht nicht zweifelsfrei her. Selbst ein beabsichtigter Hitlerbart wäre noch nicht automatisch die Aussage, der Abgebildete sei ein Nazi.
Auch sonst verschwimmen Nachricht und Kommentar auffällig: Da ist von „kreativeren Tätern“ und anderen die Rede, die Plakate „einfach dumpf“ zerstörten. Großplakate kosteten angeblich „besonders viel Geld“ und ihre Beschädigung falle „um ein Vielfaches“ auf – ohne Kostenangabe, Quelle oder nachvollziehbaren Maßstab. Besonders bemerkenswert: Die Überschrift behauptet eine konkrete Strafanzeige, während im Artikel lediglich allgemein erklärt wird, Beschädigungen würden konsequent angezeigt. Wurde in diesem Fall tatsächlich Anzeige erstattet? Wann und bei welcher Stelle? Eine Bestätigung der Polizei fehlt.
Vandalismus an Wahlplakaten ist zu verurteilen. Dafür braucht es aber weder eine inflationär gebrauchte Nazi-Deutung noch dramatisierende und unbelegte Behauptungen. Ein redaktioneller Artikel sollte klar zwischen dem sichtbaren Sachverhalt, der Interpretation einer Partei und der Bewertung der Redaktion unterscheiden. Dieser Text tut das nicht. Er liest sich über weite Strecken wie eine zugespitzte CDU-Pressemitteilung.