Hannover 96 – RB Leipzig 0:3

90 Minuten Einsatz an der Seitenlinie – aber nicht auf dem Platz

Miguels Kabinenpredigt

Han­no­ver (mj). Seit lan­gem befand sich mal ein Trai­ner von Han­no­ver 96 in der Ver­ant­wor­tung, der sowohl auf Grund sei­ner Ver­gan­gen­heit im Ver­ein auf Sei­ten der Fans ein hohes Anse­hen genoss, aber auch – und vor allem – eine fach­li­che Kom­pe­tenz mit­brach­te. Nach der schlech­tes­ten Hin­run­de der Ver­eins­ge­schich­te und einem kampf­lo­sen Rück­run­den­be­ginn gegen Bre­men muss­te Chef­trai­ner André Brei­ten­rei­ter sei­nen Sitz auf der Bank räu­men und Platz für einen Neu­en machen. Der von Mar­tin Kind und Horst Heldt aus­ge­wähl­te Kan­di­dat stand ver­mut­lich bei den meis­ten Hob­by-Sport­di­rek­to­ren in den Wohn­zim­mern Han­no­vers ganz unten oder gar nicht auf der Lis­te der poten­ti­el­len 96-„Retter“. Nun kam es aber doch, dass Tho­mas Doll, ehe­ma­li­ger Trai­ner des HSV und der Borus­sia Dort­mund, nach ca. 10 Jah­ren im Aus­land wie­der als Übungs­lei­ter in der Bun­des­li­ga am Spiel­feld­rand stand. Aus 96-Sicht brach­te dies aber im Spiel gegen Leip­zig erst­mal kei­ne Bes­se­rung.

Nor­ma­ler­wei­se sieht man unmit­tel­bar vor dem Anpfiff – wenn die Trai­ner und Ersatz­spie­ler ihre Plät­ze auf der Bank ein­neh­men – diver­se Foto­gra­fen auf der Sei­te der Gäs­te­bank, da Mann­schaf­ten wie der FC Bay­ern oder Borus­sia Dort­mund in der 1. Bun­des­li­ga regel­mä­ßig zu Besuch sind. Am Frei­tag hat­ten sich eben die­se Foto­gra­fen schein­bar zur fal­schen Bank ver­irrt, schos­sen ihre Spei­cher­kar­ten dann aber doch voll, als der neue Trai­ner von Han­no­ver 96 sei­nen Platz ein­nahm. Kom­pak­ter stand lei­der kein Mann­schafts­teil im anschlie­ßen­den Spiel von Han­no­ver auf dem Platz wie zuvor die Jour­na­lis­ten vor Tho­mas Doll.

Weg von der Variabilität, hin zur Konstanz?

Doll zeig­te – wie zu erwar­ten war – ein paar Ver­än­de­run­gen auf dem Feld. Die in der Ver­gan­gen­heit wöchent­lich ver­än­der­te Grund­auf­stel­lung form­te sich nahe­zu über das gesam­te Spiel zu einem 4–4‑2, in der sich nur ein­zel­ne Spie­ler aus­tausch­ten. In der Vie­rer­ket­te tauch­te der unter Brei­ten­rei­ter ver­schol­len geglaub­te Juli­an Korb über rechts auf. Über den lin­ken Flü­gel soll­te der jun­ge Flo­rent Mus­li­ja, der es gegen Bre­men und Dort­mund nicht in den Kader geschafft hat­te, für Tem­po sor­gen. In der Sturm­spit­ze hat­ten sich der wuch­ti­ge Rück­keh­rer Jona­thas und der quir­li­ge Taku­ma Asa­no zu ergän­zen. Gegen Leip­zig stand Han­no­ver von Beginn in der Ver­ti­ka­len rela­tiv kom­pakt und griff die Leip­zi­ger häu­fig erst ab der Mit­tel­li­nie an.

In den ers­ten 40 Minu­ten ging die­ser defen­si­ve Plan bis auf weni­ge Chan­cen der Leip­zi­ger auf, sodass die mitt­ler­wei­le ver­lo­ren geglaub­te Zuver­sicht des Zuschau­ers doch wie­der etwas spür­bar wur­de. Nach einem Elf­me­ter kurz vor der Halb­zeit und zwei ent­spann­ten Kopf­ball­to­ren nach Eck­ball, trot­te­te die Hoff­nung auf ein Fünk­chen Zuver­sicht beim End­stand von 0:3 wie­der in den eige­nen dunk­len Kel­ler zurück.

Der zwölfte Mann an der Seitenlinie

Der Wech­sel auf der Trai­ner­bank hat­te zunächst einen erhoff­ten und „klas­si­schen“ Effekt. Das Publi­kum war von der ers­ten Minu­te an gespannt, was das Team unter neu­em Trai­ner auf dem Platz brin­gen wür­de. Bis zum ers­ten Gegen­tref­fer fühl­te sich die Stim­mung auf den Rän­gen der 96er an, als ob sie nicht im Tabel­len­kel­ler gegen den fast siche­ren Abstieg spie­len wür­den. Vor allem hat­te man das Gefühl, dass Han­no­ver 96 an die­sem Tag gegen Leip­zig nach den letz­ten Wochen mal nicht als siche­rer Ver­lie­rer antre­ten wür­de.

Hannover-96-Fans vor Stadion
96-fans ver­las­sen ernüch­tert das Sta­di­on nach dem 0:3 gegen Leip­zig | Foto: Miguel San­chez

Umso schmerz­vol­ler war es, in der zwei­ten Halb­zeit mit­zu­er­le­ben, wie brü­chig und unsi­cher das Fun­da­ment die­ser Freu­de auf den Rän­gen war. Fast schon lethar­gisch und – wie in den letz­ten Wochen – resi­gniert nahm man nur noch die her­un­ter­ge­spul­ten Fan­ge­sän­ge der Nord­kur­ve wahr – jedoch ohne Feu­er und ohne Durch­schlags­kraft. Dem emo­tio­na­len Fuß­ball­fan brach­te ledig­lich ein Umstand über die gesam­te Spiel­län­ge hin­weg Zuver­sicht: Tho­mas Doll zeig­te sich als lei­den­schaft­li­cher Fuß­bal­ler, lief an der Sei­ten­li­nie auf und ab, such­te nahe­zu kein­mal sei­nen beque­men Sitz auf der Bank auf, rief und kom­mu­ni­zier­te neun­zig Minu­ten wie wild und litt vor allem in jeder Bewe­gung der Spie­ler mit. Wenn ein Spie­ler pass­te, zuck­te sein Fuß. Wenn ein Spie­ler grätsch­te, voll­führ­te Doll die Bewe­gung inner­lich nach. Wenn ein Spie­ler flank­te, wäre der Ball mit Tho­mas Dolls par­al­le­ler Bewe­gung ver­mut­lich noch exak­ter in den Straf­raum geflo­gen. Tor­ab­schlüs­se imi­tier­te er jedoch kei­nen. Denn die­se gab es lei­der nicht auf Sei­ten der 96er.

Mangelnde Fitness?

Und genau das ist vor allem der Aspekt, der das Schloss des besag­ten Kel­lers, in dem die Hoff­nung auf Bes­se­rung hockt, noch wei­te­re zwei­mal abschließt. Der Han­no­ve­ra­ner Offen­si­ve gelingt fast kein ein­zi­ges Mal eine gelun­ge­ne Akti­on, die zu einem Tor­ab­schluss führt. Jona­thas, vom flüch­ti­gen Auge des Betrach­ters als an die­sem Tag schlecht abstem­pel­bar, bei genaue­rer Betrach­tung aber als einer der bes­ten Spie­ler gegen Leip­zig zu beti­teln, lief viel, schmiss sich in die Zwei­kämp­fe, ver­such­te Bäl­le effek­tiv zu ver­ar­bei­ten und wei­ter­zu­lei­ten. Ein Tor­ab­schluss erwuchs aus all die­sen Aktio­nen aber nicht. Denn der gesam­ten Han­no­ve­ra­ner Mann­schaft gelang es nicht, sich tem­po­reich nach vor­ne zu kom­bi­nie­ren und so ihren wuch­ti­gen Stür­mer mit Flan­ken zu füt­tern, was vor allem an einer gerin­gen Lauf­be­reit­schaft oder auch einem gerin­gen Lauf­ver­mö­gen von Han­no­ver lag. Gegen schnel­le und ziel­stre­bi­ge Leip­zi­ger geriet 96 in kei­nem Bereich des Spiel­fel­des in Über­zahl­si­tua­tio­nen, um sich durch die­se in aus­sichts­rei­che­re Regio­nen zu spie­len.

Ob eine Ver­bes­se­rung des Fit­ness­zu­stan­des, den Tho­mas Doll nach dem Spiel bei eini­gen sei­ner Spie­ler bemän­gel­te, zur all­ge­mei­nen Ver­bes­se­rung bei­trägt, bleibt abzu­war­ten. Ohne die „A‑Besetzung“ der Han­no­ve­ra­ner Offen­si­ve mit den ver­letz­ten Lin­ton Mai­na, Ihlas Bebou, Noah-Joel Saren­ren-Bazee, Niclas Füll­krug und dem bei der Asi­en­meis­ter­schaft wei­len­den Gen­ki Hara­gu­chi schei­nen auch Tho­mas Doll die offen­si­ven Hän­de gebun­den zu sein.

So sahen es wohl auch die Fans von Han­no­ver 96, die nach Abpfiff das Sta­di­on so schnell wie lan­ge nicht ver­lie­ßen, sodass die Spie­ler, noch auf dem Platz, vor nahe­zu lee­ren Rän­gen stan­den.

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