Hannover 96 – FC Schalke 04 0:1

Kommende Wochen des Wandels?

Miguels Kabinenpredigt

Hannover (mj). „Immer wieder sonntags“ hieß es auch am Sonntag, den 31. März wieder, wie auch schon in den letzten Wochen bei Hannover 96. Wieder ein Sonntagsspiel, wieder ging der Hannoveraner Fan – wie die längste Zeit in dieser Saison – ohne das Gefühl in Richtung HDI-Arena, dass man am heutigen Tag mit der Chance auf einen Sieg auf seinem Tribünenplatz mitfiebern könnte.

Der Plan von vor etwas über einer Woche, sich gegen den Zweitligisten Bielefeld ein Erfolgserlebnis zu holen und so beschwingt gegen Schalke aufzuspielen, ging ordentlich nach hinten los, indem man scheppernd und hoch verdient mit 0:5 in diesem Testspiel verloren hatte. Mit dieser Niederlage im Rucksack kam für 96 nun die letzte Mannschaft nach Hannover, bei der man von einem „direkten“ Abstiegsduell sprechen konnte. Schalke 04 bestritt die letzten Wochen ähnlich erschreckend wie Hannover 96, nur dass diese als Vizemeister der vergangenen Saison anreisten. Und so zeigte sich bei traumhaft sonnigem Wetter ein zu erwartendes Bild. Zwei Mannschaften, die vergessen zu haben scheinen, was man mit einem runden Lederball alles Schönes auf die grüne Wiese zaubern kann.

Unverdient schmerzt eine Niederlage meist noch mehr

Offensiv zeigten beide Mannschaften enorme Schwächen, sodass vor allem in der ersten Spielhälfte nur wenige Chancen kreiert werden konnten. Den Zuschauern auf den Rängen war relativ früh klar, dass ein potentieller Sieger dieser Partie nicht durch Qualität, sondern durch das Quäntchen mehr Glück ermittelt werden würde. Und dieses Glück hatten die Schalker in Form von Suat Serdar, der kurz vor der Halbzeit das einzige Tor der Partie erzielte, auf ihrer Seite. Bundesligareif an dieser ersten Halbzeit war ausschließlich der Auftritt der Fans. Die 96-Ultras – beschwingt von der kürzlich stattgefunden Vorstandswahl des Stammvereins Hannover 96 e. V. – ließen 90 Minuten lang ihre Stimmen erklingen. Die mitgereisten Fans aus Schalke hatten die Süd- und Teile der Westkurve fest in ihrer Hand und zeigten den vor Weihnachten zu Gast gewesenen und damals vergleichsweise fast stummen Bayernfans, wie stimmgewaltig Gäste in der HDI-Arena sein können.

„Zwei Mannschaften, die vergessen zu haben scheinen, was man mit einem runden Lederball alles Schönes auf die grüne Wiese zaubern kann“

Man hätte zudem erwarten können, dass die Schalker Anhänger – wie in den letzten Wochen nach den Spielen ihrer in blau-weiß gekleideten Männer auf dem Platz zu Tage getreten – eine ganze Portion kritischer und unverzeihlicher auftreten würden, doch sie feuerten ihre Mannschaft trotz der sehr begrenzten spielerischen Arbeitsnachweise konsequent an und wurden so auch am Ende mit dem besagten Quäntchen Glück belohnt. Denn vor allem die zweite Hälfte hatte überraschenderweise ein Aufbäumen und Lebenszeichen der Roten gezeigt. 96 hatte in Sachen Ballbesitz und tatsächlich auch in Sachen Torchancen ganz klar das Spiel bestimmt. Von Schalke kam offensiv nur noch sehr wenig, Hannover versiebte auf der andere Seite dagegen gleich mehrere hochprozentige Torabschlüsse.

Wie groß wird der Umbruch sein?

Thomas Doll, der am Sonntag weniger häufig und intensiv die Coaching-Zone beackerte, als man es von ihm vor allem in den ersten Wochen als Hauptverantwortlicher bei 96 gewohnt war, stellte sein Team in einem 4-4-2 auf. Mit ein Grund für die deutliche Überlegenheit in der zweiten Hälfte war dann jedoch der durch die Verletzung von Albornoz erzwungene Wechsel zu einem 3-4-3-System. Vor allem Haraguchi, Müller und Muslija kamen so durch hochprozentige Torchancen, die entweder am Außennetz, am Aluminium oder am ausgezeichneten Gästetorhüter Alexander Nübel scheiterten. So kassierte der Trainer seine siebte, die Mannschaft ihre 19. und die 96-Fans eine weitere von viel zu vielen Niederlagen in dieser Saison. Und wieder einmal fragt man sich, ob es schwerer zu verkraften ist, schlecht zu spielen und verdient zu verlieren oder zumindest besser zu spielen als der Gegner, aber auch zu verlieren. Spätestens jetzt muss auch der letzte Zeiger auf den Uhren der Vereinsverantwortlichen auf „Abstieg“ gestellt und sich entsprechend vorbereitet werden. Und das bedeutet einen der größten Umbrüche der letzten Jahre bei Hannover 96.

Am Sportdirektor Horst Heldt wurde vor allem von Vereinsführungsseite in den vergangenen Wochen so viel herumkritisiert, dass dieser kaum noch haltbar ist. Doch müssen spätestens jetzt die Vorbereitungen für einen vollkommen neuen Kader in der kommenden Zweitligasaison aufgenommen werden. Also dürfte kein Weg an einem baldigen Wechsel auf dieser Position vorbeigehen. Zudem stellt sich die Frage: auf welchen Trainer setzt man, der die kommende Saison angehen und den (laut Kind sicherlich „alternativlosen“) Wiederaufstieg erreichen soll? Thomas Doll? Bekommt er die Gelegenheit bei einer momentanen Quote von 1:7 Siegen? Wenn es nicht Doll sein soll – wovon auszugehen ist – holt man diesen Trainer jetzt, wenn er schon Wünsche zum Kader äußern kann? Holt man ihn zur neuen Saison, lässt man ihn aus dieser Trümmersaison noch außen vor und lässt ihn einen signalwirksamen Neustart mit dem neuen Kader beginnen? Wer den Verein Hannover 96 aus den letzten Jahren kennt, der wird ängstlich auf die nächsten Entwicklungen schauen, weil Fehler von der Vereinsführung mindestens immer doppelt gemacht werden müssen, bevor sich über andere Vorgehensweisen Gedanken gemacht werden kann.

Hannover-96-Graffiti
96-Graffito in Wunstorf

Der Kader in einem halben Jahr

Ein Blick auf den Kader lässt ebenfalls einiges an Veränderung vermuten. Die Überschrift der diesjährigen Transferpolitik lautete in fetten Lettern gedruckt: „Ausleihe“. Und so werden aller Voraussicht nach Müller, Akpoguma, Wimmer, Wood und Asano den Verein zum Saisonende wieder in Richtung ihres Stammvereins verlassen. Finanziell wertvolle Spieler müssen und wollen wahrscheinlich verkauft werden. So gehen für festgeschriebene Ablösesummen wohl mindestens Füllkrug, Walace und Bebou. Zudem stellt sich nicht nur jeder Fan, sondern womöglich auch jeder Vereinsverantwortliche die Frage: welche Spieler die man sonst noch im Kader hat, möchte man nach solch einer ernüchternden Saison überhaupt für die zweite Liga im Verein behalten? Mit dem Blick auf die letzten Wochen kann man recht klar sagen, wer sich vor allem kämpferisch empfohlen hat: Bakalorz, Esser, Weydandt und etwas überraschend Haraguchi stehen auf dieser Liste wohl ganz oben und sollten auch ohne größere Probleme aus finanzieller Sicht gehalten werden können. Auch Anton spielt in diesem Ensemble, für den es jedoch sicherlich nicht wenige Angebote auf dem Transfermarkt geben wird. Bei ihm stellt sich die Frage, ob er – ähnlich wie Sané vor drei Jahren – den Weg mit in die zweite Liga gehen oder sein Glück und vielleicht auch den nächsten Schritt woanders machen möchte.

Talente wie Maina, Muslija und (der leider zu häufig verletzte) Sarenren-Bazee werden trotz entsprechender Angebote vom Verein vermutlich gehalten werden können. Denn alle drei besitzen Potential, Hannover wieder ein anderes spielerisches Gesicht zu verleihen. Was wird also aus den zum größten Teil in dieser Saison enttäuschenden Albornoz, Ostrzolek, Korb, Sorg, Elez, Felipe, Fossum oder Schwegler? Alle hatten natürlich auch schon bessere Zeiten im 96-Dress, die man trotz der letzten Wochen nicht vergessen sollte. Tut sich der in letzter Zeit langsamaufblühende und gegen Schalke verletzte Jonathas die zweite Liga an? Kehren die langzeitverletzten Prib und Hübner wieder fit und leistungsstark zurück? Schafft es Bech doch nochmal, für die erste Mannschaft zu spielen? Wenn man all diese Faktoren in eine realistische Rechnung überträgt, so ist es wahrscheinlich, dass bis zu 16 Spieler ihre Fußballschuhe in der nächsten Saison in einer anderen Stadt schnüren werden. Das ist bei einem aktuellen Kader von 31 Spielern mehr als die Hälfte, sodass man erwarten kann, ein vollkommen neues Hannoveraner Mannschaftsgebilde in der kommenden Saison vielleicht auch mal wieder zu einem Sieg anfeuern zu können.

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