Hannover 96 – SV Werder Bremen 0:1

Ohne Kampf kein Ertrag

Miguels Kabinenpredigt

Han­no­ver (mj). Nun war es wie­der so weit: die Bun­des­li­ga-Rück­run­de der Sai­son 201819 wur­de eröff­net. Und dies am Sams­tag auch in der han­no­ver­schen HDI Are­na. Nach­dem sich Mann­schaft und Ver­ein in der Win­ter­vor­be­rei­tung auf einen har­ten Kampf gegen den Abstieg ein­ge­schwo­ren hat­ten, war auf dem Platz von einem sol­chen „Kampf“ nur sehr wenig zu sehen.

Egal ob man sich als Fan gera­de in der „Wir sind eh schon abgestiegen“-Fraktion oder doch in der „Wir schaf­fen das noch“-Fraktion sieht, der Sta­di­on­spre­cher der Han­no­ve­ra­ner war beim Heim­spiel gegen Wer­der Bre­men bereits bei der Mann­schafts­auf­stel­lung „on fire“. Er peitsch­te die Namen der Spie­ler her­aus, als ob das Fina­le der Sai­son und alles ent­schei­den­de Spiel gegen Bre­men anste­hen wür­de, sodass die 96-Fans im Sta­di­on gar nichts ande­res konn­ten, als die­se Ener­gie zumin­dest bei der jewei­li­gen Spie­ler-Ant­wort zu erwi­dern. Lei­se war es auf jeden Fall auch wäh­rend des Spiels im Sta­di­on nicht. Nicht nur die Nord­kur­ve, son­dern vor allem die fest in Bre­mer Hand befind­li­che Süd­kur­ve schwor ihre Mann­schaf­ten kon­stant auf einen Sieg ein.

Kompaktheit gegen ballverliebte Bremer

In den auf Grund von Ver­let­zun­gen (Elez, Füll­krug, Mai­na, Asa­no, Saren­ren-Bazee, Hübers, Mus­li­ja) stark gelich­te­ten Rei­hen der 96er befan­den sich die bei­den rasch in der Win­ter­pau­se trans­fe­rier­ten Neu­zu­gän­ge Kevin Akpo­gu­ma in der rech­ten Innen­ver­tei­di­gung und Nico­lai Mül­ler auf dem rech­ten Flü­gel. Wie so oft in die­ser Sai­son hat­te André Brei­ten­rei­ter tief in sei­ne Tak­tik­kis­te gegrif­fen, um mit sei­nem dezi­mier­ten Kader eine mög­lichst schlag­kräf­ti­ge Trup­pe zusam­men­zu­stel­len und ein Mit­tel gegen Ball­be­sitz-lie­ben­de Bre­mer zu fin­den. So stell­te er sei­ne Man­nen in einem 4–3‑3-System auf, indem er vor einer Vie­rer­ket­te mit Anton, Schweg­ler und Walace gleich drei 6er nomi­nier­te. Anton fiel – wie schon in der Vor­be­rei­tung trai­niert – dabei immer wie­der beim Spiel­auf­bau zwi­schen die Innen­ver­tei­di­ger zurück.

In der vor­de­ren Rei­he fand sich hin­ge­gen eine auf den ers­ten Blick äußerst behelfs­mä­ßi­ge For­ma­ti­on wie­der. In der Sturm­spit­ze Bob­by Wood, über den rech­ten Flü­gel der Neu­zu­gang Nico­lai Mül­ler und über links, äußerst unge­wohnt für einen so stäm­mi­gen Stoß­stür­mer, Hen­drik Wey­d­andt. In den ers­ten Minu­ten sah man auch, wie sich Han­no­ver ihr Spiel gedacht hat­te. Sie stan­den ver­ti­kal extrem kom­pakt in ihrer Ver­tei­di­gung, sodass zwi­schen dem hin­ters­ten Ver­tei­di­ger und der Sturm­spit­ze Wood manch­mal gefühlt ledig­lich fünf Meter lagen. Wenn ein Ball im Bre­mer Auf­bau erobert wur­de, ver­such­ten die 96er, sofort umzu­schal­ten, um Rich­tung geg­ne­ri­sches Tor zu kon­tern.

Die­ser Plan war von den Rän­gen aus betrach­tet erst ein­mal nach­voll­zieh­bar. Das Pro­blem, das sich rela­tiv rasch zeig­te, war jedoch, dass die Män­ner in Rot die­ses Spiel­kon­zept nicht umzu­set­zen wuss­ten. Das Trai­ner­team setz­te in die­ser Sai­son – und möch­te es auch nach wie vor – auf ein spie­le­ri­sches, den Ball besit­zen­des Kon­zept, wodurch ein effek­ti­ver Kon­ter­fuß­ball in den Mecha­nis­men des Han­no­ve­ra­ner Spiels nicht ange­legt ist.

Körpereinsatz im falschen Bereich der Arena

Lei­der konn­ten die Han­no­ve­ra­ner aber auch mit dem Ball nicht genug anfan­gen. Wenn sie ein­mal in Ball­be­sitz waren, stell­ten die Bre­mer die zen­tra­len Posi­tio­nen gut zu, sodass sich Han­no­ver nicht durch die Mit­te kom­bi­nie­ren konn­te. Über außen gelang 96 jedoch nahe­zu nichts, da die Flü­gel­po­si­tio­nen zu sel­ten besetzt waren. Die Außen­ver­tei­di­ger Oli­ver Sorg und Miiko Albor­noz gelang­ten nur sehr sel­ten in Rich­tung geg­ne­ri­sche Grund­li­nie, die „Flü­gel“ Wey­d­andt und Mül­ler agier­ten eher in zen­tra­len Halb­po­si­tio­nen, als an der Sei­ten­li­nie. Hin­zu kam, dass letz­te­re bei­den vor allem defen­siv immer wie­der gefor­dert waren und so bei Ball­be­sitz die Wege nach vor­ne erst wie­der fin­den muss­ten.

Für den für Rot fie­bern­den Zuschau­er auf dem Rang war es ein äußerst frus­trie­ren­des Spiel. Nicht nur, weil die tak­ti­sche Umset­zung nicht gelang, son­dern auch weil die ver­mut­lich 35.000 Han­no­ve­ra­ner Fuß­ball­ex­per­tin­nen und ‑exper­ten auf den Rän­gen eine kör­per­be­ton­te und abso­lut kämp­fe­ri­sche Spiel­wei­se vor­aus­ge­setzt hat­ten, die aber nur sehr sel­ten auf dem Grün zu sehen war. Kaum inten­siv geführ­te Zwei­kämp­fe, kaum Fouls, fast kei­ne – aber eigent­lich im Abstiegs­kampf häu­fig vor­kom­men­de – gel­be Kar­ten. Alles in allem ein äußerst ent­spann­ter Nach­mit­tag für den unpar­tei­ischen Mar­co Fritz. Da muss­te der geneig­te Fan beim drin­gend not­wen­di­gen Toi­let­ten­gang nach Abpfiff des Spiels in den über­füll­ten dafür vor­ge­se­he­nen Räum­lich­kei­ten eine gan­ze Schip­pe mehr Kör­per­ein­satz zei­gen als der abstiegs­be­droh­te Spie­ler auf dem Platz.

Man kommt doch auch lieber für die Bratwurst ins Stadion

Defen­siv sah es gegen stark spie­len­de Bre­mer ins­ge­samt recht ordent­lich aus. Vor allem im Spiel­auf­bau brach­te sich Neu­zu­gang Akpo­gu­ma recht posi­tiv ein. Die kom­pak­te Defen­si­ve kam den­noch nicht nur ein­mal ins Wan­ken – vor allem wenn die Mit­tel­feld­rei­hen Feh­ler im Spiel­auf­bau begin­gen. Dies ergab zumin­dest die Gele­gen­heit für einen Han­no­ve­ra­ner Spie­ler einen Bun­des­li­ga­re­kord auf­zu­stel­len: Tor­wart Micha­el Esser parier­te so vie­le Schüs­se in einem Spiel wie kein ande­rer Kee­per in der Bun­des­li­ga­ge­schich­te seit Beginn der sta­tis­ti­schen Auf­zeich­nun­gen. Und man­che von die­sen Para­den konn­ten die Fans auf den Rän­gen ohne Beden­ken mit dem Titel „welt­klas­se“ ver­se­hen. Aber auch er konn­te den spiel­ent­schei­den­den Tref­fer von Milot Rashi­ca nicht ver­hin­dern.

Ver­mut­lich könn­te Han­no­ver bei einem sol­chen Glanz­tag sei­nes Tor­hü­ters gut mit die­ser defen­si­ven Leis­tung leben – wenn dabei die Offen­si­ve Zähl­ba­res her­vor­brin­gen wür­de. Aber eine kla­re Tor­chan­ce kam über 90 Minu­ten kein ein­zi­ges Mal zustan­de. Zwei Kopf­ball­bo­gen­lam­pen von Anton und Wey­d­andt, ein wei­te­rer Fern­schuss von letz­te­rem und ein zu lang gera­te­ner Steil­pass auf den etwas zu lang­sa­men Fos­sum, der mit sei­ner Ein­wechs­lung in der zwei­ten Halb­zeit offen­si­ve Krea­ti­vi­tät brin­gen soll­te. Auch das poten­ti­el­le Mär­chen wur­de an die­sem Tag nicht geschrie­ben. Näm­lich der über­ra­schend zurück­ge­hol­te Rekord­trans­fer Jona­thas stand zwei Tage nach Rück­kehr aus Bra­si­li­en tat­säch­lich im Kader und wur­de in der zwei­ten Hälf­te für Bob­by Wood ein­ge­wech­selt.

Als Fan auf der Tri­bü­ne war man über­rascht, dass Wood über­haupt aus­ge­wech­selt wer­den muss­te, da man ihn im gesam­ten Spiel nahe­zu kein­mal auf dem Platz in Akti­on gese­hen hat­te. Jona­thas selbst konn­te das erhoff­te Tor und damit die Mär­chen­schlag­zei­len nicht lie­fern, da er kein ein­zi­ges Mal in eine mög­li­che Tor­chan­ce­ge­le­gen­heit kam. Über­ra­schend war zu erle­ben, dass sowohl in der Halb­zeit­pau­se, als auch nach Abpfiff des Spiels nahe­zu kei­ne Pfif­fe von den Rän­gen zu hören waren. Dies pas­sier­te in der Hin­run­de schon bei bes­se­ren Spie­len der 96er. Viel­leicht haben sich zu vie­le der Fans schon an das momen­ta­ne spie­le­ri­sche Poten­ti­al der letz­ten Spiel­ta­ge gewöhnt, haben sich mit dem mög­li­chen Abstieg bereits abge­fun­den oder wur­den von den fre­ne­tisch fei­ern­den Bre­mer Fans über­tönt. Aber die Rän­ge, die in 96-Far­ben geklei­det waren, wirk­ten an die­sem Heim­spiel­tag wie eine ein­ge­spiel­te, aber lethar­gi­sche Fuß­ball­at­mo­sphä­re: die Klas­si­ker des 96-Fan­ge­sangs, stim­mungs­voll aber unin­spi­riert ein­ge­stimmt und unab­hän­gig vom Spiel­ver­lauf auf dem Platz vor­ge­tra­gen. Nach Abpfiff trot­te­ten die meis­ten Anhän­ger wie nach einem mäßi­gen Kino­film aus dem Saal und erfreu­ten sich dar­an, dass man heu­te zumin­dest eine lecke­re Brat­wurst in der Halb­zeit­pau­se genos­sen hat­te.

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