War­um die Nord­um­ge­hung auch nur ein schlech­ter Weih­nachts­mann ist

Das Hirn des nor­ma­len ver­nunft­be­gab­ten Men­schen, so ratio­nal er auch sein mag, ist trotz­dem und viel­leicht gera­de zu die­ser Jah­res­zeit sehr emp­fäng­lich für ein klei­nes biss­chen Magie und Irra­tio­na­li­tät. Man ist gewillt, ohne es zuzu­ge­ben, auch mal an die Din­ge zu glau­ben oder mit­zu­ma­chen, die man doch tat­säch­lich sach­lich betrach­tet für aus­ge­schlos­sen hal­ten müss­te. Din­ge, Men­schen, Sach­ver­hal­te, die man Kin­dern erzählt, um sie mit gro­ßen stau­nen­den Augen ver­zau­bert oder ein biss­chen fürch­tend zurück­zu­las­sen. Alte Bräu­che und moder­ne Mär­chen, die uns glau­ben las­sen, dass es da außer­halb unse­res Ver­stan­des noch etwas mehr gibt. Etwas ratio­nal nicht Erfass­ba­res. Das sind auch die­se Din­ge, von denen seit jeher die Alten erzäh­len, doch nie hat es einen tat­säch­lich veri­fi­zier­ten Hin­weis auf deren Exis­tenz gege­ben. Alles was bleibt, ist der Glau­be dar­an. Und die­ser Glau­be macht Mut und trägt sich über die Jahr­zehn­te hin­weg, ver­erbt sich von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on, und auch wer die Hoff­nung schon längst ver­lo­ren hat, lässt den ande­ren die­se Hoff­nung. Oder den Glau­ben. Oder die Angst. Hoffnung/Glaube/Angst, dass die Nord­um­ge­hung eines Tages gebaut wird!

Ich bin jetzt schon fast vier­zig Jah­re alt und ich erin­ne­re mich noch gut dar­an, wie es damals war, als mei­ne Eltern am Orts­rand von Klein Hei­dorn ein Haus bau­ten und sich eini­ge Zeit spä­ter die Gesprä­che der Erwach­se­nen dar­um dreh­ten, dass qua­si hin­term Gar­ten jetzt die Nord­um­ge­hung gebaut wer­den wür­de. Für ein Kind um die 10 war mei­ne Vor­stel­lung der Nord­um­ge­hung die einer sechs­spu­ri­gen Auto­bahn à la „Auf dem High­way ist die Höl­le los”. Und das hin­term Baum­haus mei­nes Bru­ders. Kata­stro­phe! Man rech­ne­te mit dem Ver­lust der Wohn- und Lebens­qua­li­tät. In Kür­ze. Pas­siert ist aller­dings nichts. Irgend­wann ver­schwand die­ses The­ma wie­der in der Ver­sen­kung. Und zumin­dest in mei­ner Wahr­neh­mung für fast 20 Jah­re. Ich dach­te tat­säch­lich, der Plan wäre damals ver­wor­fen wor­den. Dann wur­de die Nord­um­ge­hung wie­der The­ma, als Freun­de, deren Pfer­de in Blu­men­au ste­hen, berich­te­ten, dass man sich Sor­gen mach­te, wo die Pfer­de ste­hen könn­ten, wenn doch nun die Wie­se bald der Nord­um­ge­hung zum Opfer fie­le. Und was wird aus den bio­lo­gi­schen Anbau­flä­chen des Blu­men­au­er Bio­land-Hofs? Ande­re Fel­der? Wie lan­ge dau­ert es, bis der Boden „bio” ist? Und die Pfer­de. Ande­re Wei­den? Ein ande­rer Stall? Wohin könn­te eine kom­plet­te Stall­ge­mein­schaft bit­te umzie­hen? Und alles nur wegen der Nord­um­ge­hung. Pas­siert ist, Sie wis­sen es ja, nichts.

Wie­der ein paar Jah­re spä­ter zier­te die­ses Pla­kat kurz vor der Orts­ein­fahrt Wunstorf den Acker. Ich weiß nicht mehr so genau, was drauf­stand und ob Pro oder Con­tra, aber es ging mal wie­der um Wunstorfs größ­ten urba­nen Mythos: Die Nord­um­ge­hung. Eine Freun­din, die in der Sena­tor-Mei­er-Stra­ße wohn­te, mach­te sich Sor­gen um Geräusch- und Abgas­be­läs­ti­gung, wenn sie von eben­die­ser Schnell­stra­ße nur noch durch den Fried­hof getrennt sei. Pas­siert ist aller­dings, was soll ich Ihnen sagen, nichts.

Noch immer (oder gera­de wie­der) gibt es die­se Tref­fen zur Anwoh­ner-/Bür­ger­auf­klä­rung. Die haben doch schon eine Art Cha­rak­ter eines Klas­sen­tref­fens, oder? Alle 5–10 Jah­re ein­mal wie­der mit allen in einer Aula, dem Stadt­thea­ter oder sonst wo. Man­che sind dafür, man­che dage­gen, eini­ge wol­len nur gern infor­miert sein. Und trotz­dem bringt ja jede die­ser Ver­an­stal­tun­gen erst mal wie­der etwas Schwung in die The­ma­tik. Denn JETZT ist es so weit. Jetzt wird sie gebaut. Immer.

Ich muss für mei­nen Teil sagen: So lan­ge die­ses „jetzt” ein eben­so sphä­ri­scher und schwer zu erfas­sen­der Zeit­punkt ist wie der Tag, an dem ich end­lich mal ernst­haft begin­ne, die „10 Kilo zu viel” abzu­neh­men, kann ich mich für die­se The­ma­tik nicht mehr erei­fern. Ich bin abge­stumpft. Ich glau­be nicht mehr dran. Und jetzt, wo ich das schrei­be, erken­ne ich ggf. einen fins­te­ren Plan der Stadt­ver­wal­tung, uns mür­be zu machen. Hat­te man lang­fris­tig geplant, uns ungläu­big und pro­test­mü­de zu machen? Und irgend­wann steht man mor­gens auf und – ZACK – hat da wer unbe­merkt die Umge­hungs­stra­ße gebaut? Mag sein, aber für all­zu viel Weit­sicht sind deut­sche Ver­wal­tun­gen ja eigent­lich nicht bekannt. Wir wer­den sehen. Bis dahin ver­fah­re ich wei­ter so wie immer und mei­de Wunstorf zu den bekann­ten Cha­os­zei­ten oder neh­me das Rad. Wenn wir Besuch von außer­halb bekom­men, emp­feh­le ich gern, sich ab Höhe Luthe mal Die­ter Wischmey­ers „Bom­ben über Wunstorf” anzu­hö­ren.

Denn der Stadt­gra­ben lässt sich viel bes­ser ver­ar­bei­ten, wenn man die Real­sa­ti­re erkennt, in der man gera­de mit­spielt, und sie sich von Herrn Wischmey­er erklä­ren lässt. Geteil­tes Leid ist hal­bes Leid, sagt mei­ne Oma immer.

Und auch wer glaubt, ich sei, da ich ja mitt­ler­wei­le in Hagen­burg woh­ne und arbei­te, ver­schont von den Aus­wir­kun­gen der Nord­um­ge­hung, der irrt gewal­tig, denn in all den Jah­ren ist die Nord­um­ge­hung in den Köp­fen der Leu­te geblie­ben und ist, wie es sich für eine Legende/einen Mythos gehört, mode­rat wei­ter­ge­wach­sen. Sie führt näm­lich viel­leicht gar nicht mehr den Ver­kehr kurz hin­term Feu­er­haus auf die Bun­des­stra­ße 441 zurück, son­dern sie schießt schräg dar­über hin­weg und führt dann, so wie es ja von Anfang an geplant war, hin­ter mei­nem Gar­ten ent­lang. Nur halt eben 30 Jah­re spä­ter und nach­dem ich mehr­fach umge­zo­gen bin. Zumin­dest hör­te ich davon, aber pas­siert … na ja, pas­siert ist bis­lang nie was.

Bis bald,
Frau Pie­pen­köt­ter


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