
Wunstorf: Schönste Innenstadt der Region – heute und auch … morgen. Ein kompetentes Preisrichtergremium hatte die Entwürfe 1004 und 1005 nach definierten Anforderungskriterien auf die ersten Plätze gesetzt. Die überwiegend auswärtigen Preisrichter fanden die historische Bausubstanz und das Stadtbild mit den zentral zuführenden Straßen (Lange-, Süd-, Nordstraße ) sehr attraktiv. Wenig Beachtung fand die (noch?) lebhafte Fußgängerzone, das Herz der Stadt, geprägt durch die Symbiose von Einzelhandelsfachgeschäften, Anwaltskanzleien, Arztpraxen, Apotheken, Verwaltungsgebäuden, Gastronomie, Cafés … ein Magnet für Bürger auch der umliegenden Städte.
Ja, die beiden Spitzenentwürfe überzeugen durch viel eingeplantes Grün und Wasserfläche vor der Stadtkirche (Klimawandel), glattem Bodenbelag (verbesserte Mobilität), zahlreichen Sitzmöglichkeiten. Insgesamt sehr gelungen und entsprechend wurde auch eine große Besucherzahl eingezeichnet. Wirklich überzeugend, und doch tauchte vor meinem inneren Auge dieses wunderschöne Konzept menschenleer auf. Lag es am fehlenden Geschäftsbetrieb? Am Onlinehandel? Erneute Epidemie mit ?-Virus? Oder zu langer Behinderung durch Bautätigkeit?
Immerhin ergibt sich hier die Möglichkeit, zum Beispiel das marode Kanalnetz, die Pflasterung mit dem Fördergeld mitzufinanzieren. Die Zeit? Hier war über die Strategie der Bautätigkeit kein klares Konzept über die Bauzeit zu erfahren. Der Herr Bürgermeister Piellusch steht vor einer schweren Aufgabe und zeigte bei seiner Begrüßung Erfahrung mit roten Linien auf. So bleibt mir als Bürger dieser Stadt nur die Hoffnung auf ein faires Umgehen miteinander und eine optimale Lösung für die Stadt, seine Bürger und den/die Verantwortlichen.
Apropos Onlinehandel und Stärkung der Kaufmannschaft: Kauft regional. Nicht nur Kartoffeln und Äpfel, sondern auch Unterhosen, Socken, Sportschuhe. Der Effekt? Weniger CO2 durch weniger Lieferverkehr, weniger Retouren, keine zugeparkten Bürgersteige, faire Arbeitsverhältnisse und der Gewinn wird in Deutschland versteuert!
danke fuer die Veroeffentlichung des Leserbriefs von Dr. Klaus Jagla
Im Text werden die Siegerentwuerfe (mehr Gruen/Wasser, glatter Belag,
Sitzmoeglichkeiten) als gelungen beschrieben und das Jury-Votum als
„kompetent“ akzeptiert. Gleichzeitig wird eine Zentralsorge benannt:
die Innenstadt koennte trotz schoenem Konzept „menschenleer“ wirken,
u.a. wegen fehlendem Geschaeftsbetrieb/Onlinehandel sowie wegen laengerer
Beeintraechtigungen durch die Bauphase; zudem heisst es, bei der
Praesentation sei kein klares Konzept zur Bauzeit/Strategie erkennbar gewesen.
Gerade diese Kombination wirkt wie eine Spannungsrolle:
Einerseits Zustimmung zum Projekt und zum Verfahren,
andererseits das Aufgreifen der Perspektive der unmittelbar Betroffenen.
Das ist nicht per se falsch – im Gegenteil, es kann vermitteln helfen –
aber dann braucht „fair“ eine konkrete, nachvollziehbare Bedeutung,
sonst bleibt es eine wohlklingende Klammer, die beide Seiten zugleich
bestaetigt, ohne Konflikte operativ zu loesen.
Was bedeutet „faires Umgehen miteinander“ hier praktisch?
Beispiele fuer pruefbare Fairness-Regeln waeren:
– verbindlicher Bauzeiten- und Etappenplan (welche Strasse wann, welche Umleitungen,
welche Zeitfenster fuer Anlieferung/Erreichbarkeit)
– transparente Kriterien, wie Belastungen fuer Handel, Anwohner und Besucher minimiert
werden (Messgroessen statt nur Absichtserklaerungen)
– ein oeffentliches Monitoring: Frequenz/Leerstand, baustellenbedingte Sperrungen,
Beschwerdelage, konkrete Nachsteuerungen
Ergaenzend: Dr. Jagla ist aus einem frueheren Auepost-Beitrag (18.02.2022,
„Am Ende hilft nur das Impfen!“) als jemand bekannt, der gesellschaftliche
Fragen stark moralisch rahmt (Stichwort „moralische Verpflichtung“; dort wird
auch seine Taetigkeit im Impfzentrum erwaehnt). Das ist legitim, stellt aber
eine sachliche Rueckfrage an die aktuelle „Ombuds“-Position:
Wie wird sichergestellt, dass unterschiedliche Positionen in der
Innenstadtdiskussion nicht moralisch sortiert werden, sondern als
gleichberechtigte Interessen in einem transparenten Verfahren behandelt
werden?
Kurz: Wenn Fairness mehr sein soll als ein Appell, braucht es
verbindliche Prozessregeln, messbare Ziele und eine sichtbare
Rueckkopplung waehrend der Bauphase.
Ein Fairness-Appell klingt immer gut – genau deshalb reicht er allein nicht.
Wenn zugleich beide Seiten „verstanden“ und in ihren Sorgen bestätigt werden,
ohne dass klar wird, welche konkreten Regeln und Kriterien gelten, bleibt das
für die Betroffenen unverbindlich.
Fair wäre aus meiner Sicht nicht nur der Ton, sondern ein überprüfbarer
Prozess: Bauphasenplan, Belastungsgrenzen, transparente Kriterien und ein
Mechanismus, wie Einwände zu Änderungen führen (oder warum nicht).
Dann wäre „fair“ nicht nur ein schönes Wort, sondern nachvollziehbar.
Liebe Zukunftsoptimisten, vielen Dank für die romantisch-verklärte Ode an unsere Innenstadt: viel Grün, Wasserflächen, glatter Bodenbelag, Sitze zum Verweilen … und dann der finale moralische Aufruf aus dem Reader’s Digest des Wohlfühljournalismus: „Kauft regional!“
Wenn das die Geheimformel für lebendige Innenstädte wäre, würden wir keine Märkte voller leerer Schaufenster sehen, sondern eine strahlende Fußgängerzone mit einer Armani-Filiale neben dem Bio-Brötchenladen und dem veganen Smoothie-Stand. Leider liefert die empirische Realität, die selbst Fachverbände und Kommunen schon seit Jahren nicht müde auswerten, ein nüchterneres Bild: Innenstädte verändern sich strukturell, der Onlinehandel, andere Nutzungen, demografische Trends und sinkende Frequenzen sind keine PR-Kampagnen, sondern faktische Herausforderungen.
„Kauft regional!“ ist ein Nettes Schlaflied — wirkt aber ungefähr so stark wie ein Pflaster bei einem Bienenstich. Initiativen wie Buy Local oder lokale Aktionstage tragen zur Aufmerksamkeit bei, keine Frage. Aber ernsthafte Innenstadt-Belebung entsteht nicht durch Bettfläschchen-Appelle, sondern durch konkrete Maßnahmen: Wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, abgestimmte Bauzeiten, Verkehrskonzepte, Nutzungsmix, Erlebnisqualität und tragfähige Geschäftsmodelle.
Innenstädte sind mehr als Plätze mit hübschen Sitzbänken, sie sind Netzwerke aus Handel, Kultur, Gastronomie und Leben — und sie werden von Kaufkraft, Zentralität und Frequenz angetrieben, nicht vom guten Willen allein. Schon heute können statistische Maßnahmen zeigen, wie sehr sich das Einkaufsverhalten verändert hat: so sind Besucher mit Fahrrad und Fuß noch immer wichtig, aber durch Online-Kaufkraftabflüsse und andere strukturelle Trends ist die Realität komplizierter als ein moralischer Imperativ.
Wenn wir „fair“ wirklich ernst meinen wollen, dann lautet die Aufgabe nicht: „Kauft einfach Unterhosen vor Ort“, sondern: Lasst uns reale Zahlen anschauen, realistische Konzepte entwickeln und gemeinsam die Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre Kaufkraft sinnvoll im eigenen Zentrum einsetzen – weil es attraktiv, praktisch und lebenswert ist, nicht weil es moralisch geboten wäre.
Hoffnungsworte sind schön — aber unbeabsichtigte Humorlieferanten werden sie erst, wenn die Realität drüber lacht.
Der Punkt sitzt aus meiner Sicht: „Fairness“ und „kauft regional“ sind
als Appell nett, ersetzen aber keine belastbaren Rahmenbedingungen.
Wenn man die Innenstadt wirklich beleben will, braucht es weniger moralische
Formeln und mehr Steuerung nach Fakten: Bauphasenplan, Verkehr/Erreichbarkeit,
Nutzungsmix, Frequenz- und Leerstandsmonitoring, und klare Kriterien, wann und
wie nachgesteuert wird.
Dann entsteht Attraktivität nicht, weil Bürger sich moralisch verpflichtet
fuehlen, sondern weil das Zentrum praktisch funktioniert und Angebote traegt.
Genau daran wuerde man auch messen koennen, ob die Entwuerfe und die Umsetzung
tatsaechlich „wirken“.
Fairerweise muss man aber auch dazu sagen, dass man in einer Welt, die sich wandelt, nicht den Stillstand propagieren kann. Auch der Handel muss sich anpassen und mit der Zeit gehen um nicht auf der Strecke zu bleiben.
Auch ohne eine Sanierung der Innenstadt haben wir Leerstand und immer mehr Ketten verdrängen die inhabergeführte Geschäfte. Und das liegt sicher auch daran, dass das Geld nicht mehr so locker sitzt.
Vielen Dank für diesen ausgewogenen Bericht! Ich wünsche mir auch dringend ein faires Miteinander. Zu den Themen Erhalt und Weiterentwicklung.