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Heilpraktikerin Nicole Nolte

„Die Menschen wundern sich, wenn sie hinterher kein Rezept bekommen“

Dass Schul- und Naturmedizin keine Gegensätze sein müssen, beweist die Wunstorfer Heilpraktikerin Nicole Nolte bei den Auepost-Quartiergesprächen.

Nicole Nolte
Nicole Nolte | Foto: Mirko Baschetti

Ob die Leute heutzutage zu schnell zum Arzt gehen, wollen wir wissen. So könne man das nicht sagen, meint Nicole Nolte. Es hinge sehr davon ab, wo jemand wohne. Städter gehen nach ihrer Beobachtung öfter und vor allem schneller zum Arzt als die Landbevölkerung. Auf dem Dorf scheue man den Aufwand und behelfe sich erst einmal mit Hausmitteln. In Hannover würde hingegen für jede Kleinigkeit gleich der Rettungsdienst gerufen. Da würde man am Freitagabend auch schon einmal den ärztlichen Bereitschaftsdienst rufen, um an die vergessene Pille zu kommen. Wunstorf sei als Kleinstadt eher dem Dorfverhalten zuzurechnn. In Hannover würden die Leute für Dinge den Notruf wählen, für die man sich hier schämen würde, sagt Nolte. Die gefahrenen Fehleinsätze seien im Verhältnis gesehen in der Großstadt definitiv zahlreicher.

Dass sich Nicole Nolte auch im Rettungsdienst auskennt, hängt direkt mit ihrem jetzigen Beruf zusammen. Schon im Alter von 12 Jahren wusste Nicole Nolte genau, was sie werden wollte. In die „Das ist meine Schulklasse“-Poesiealben der anderen schrieb sie stets: Heilpraktikerin. Ein eigener Besuch als Patientin hatte einst Eindruck hinterlassen. Heute ist sie 47, seit 21 Jahren Naturmedizinerin – und sagt, dass es immer noch ihr Traumberuf ist. Eine Klassenkameradin von damals meinte später: „Ich wusste immer, du wirst es!“

Viele wissen jedoch gar nicht, was ein Heilpraktiker ist, macht, darf – und was nicht. Nolte selbst sieht den Heilpraktiker als vollwertigen Beruf. Dass es zuletzt wieder eine regelrechte Heilpraktikerschwemme gab, weil auch Physiotherapeuten und Kosmetiker gern eine zusätzliche Fortbildung zum Heilpraktiker machen, um z. B. Falten unterspritzen zu dürfen, sieht sie sehr kritisch. Ein Heilpraktiker sollte den Menschen als Ganzes sehen und nicht nur an der Oberfläche behandeln. Dazu gehöre auch, dass man den Leuten die Falten eben nicht wegspritze, sondern sie darin bestärke, dass die Falten den Menschen zeichneten und das Leben ausmachten.

Ein Heilpraktiker muss vor allem Gefahren erkennen, erzählt die Wunstorferin. Man muss wissen, was man darf und nicht darf, was ein Notfall ist und wann man einen Patienten abgibt. Nicht behandeln dürfen Heilpraktiker Infektionskrankheiten, auch die Geburtshilfe ist tabu. Spritzen dürfen sie jedoch verabreichen, natürlich auch Diagnosen stellen und Krankheiten behandeln – aber z. B. keine rezeptpflichtigen Medikamente verschreiben. Das bleibt den Ärzten vorbehalten. Daher dürfte man sich theoretisch von Nolte auch impfen lassen, doch den Impfstoff müsste man selbst mitbringen – diesen kann sie nicht rezeptieren. Wer ein Rezept braucht, wird zum Arzt weitergeschickt.

„Ich möchte einen Termin für meinen Mann“

Zu Nolte kommen die Menschen aber eher wegen Rückenschmerzen oder bei Problemen mit dem Sprunggelenk. Denn auf die Behandlung des Bewegungsapparats hat sie sich spezialisiert. Chiropraktik, Osteopathie und Akupunktur zählen zu den Schwerpunkten in ihrer Praxis. Doch egal ob ein umgeknickter Fuß oder Husten – mit allem, womit man zum Hausarzt ginge, kann man auch zu Nolte kommen. Nur für Homöpathie ist man bei ihr eher falsch, sie verfügt über keine klassische Homöopathieausbildung. In diesem Fall verweist sie auf Kollegen.

„Sie sind meine letzte Hoffnung.“

Nolte überlegt einen Moment bei der Frage, warum die Leute zu ihr statt zum Orthopäden gehen, und springt in die Vergangenheit. Denn früher hörte sie noch oft „Sie sind meine letzte Hoffnung.“ Wenn die Leute schon vergeblich bei drei Allgemeinmedizinern und sechs Fachärzten gewesen waren, dann erst gingen sie zum Alternativmediziner. Das ist heute anders, vor allem mit dem Boom der Osteopathie hat sich dieses Denken gewandelt. Die Krankheitsbilder hätten sich nicht geändert, nur gingen die Patienten jetzt öfter zuerst zum Heilpraktiker. Auch die Schulmediziner selbst. Ärzte und Zahnärzte kommen genauso zu Nolte in die Praxis. Denn die Erfolge sprächen sich herum, sagt sie. „Ich kann es mir nicht erlauben, eine Woche auszufallen und darauf zu warten, dass irgendwelche Tabletten wirken“, sagen viele Selbständige und konsultieren dann Nolte.

Die größten Fürsprecher seien dabei die vormaligen Skeptiker. Vor allem viele Männer würden von der Ehefrau zum Heilpraktiker geschleppt, kämen dann widerwillig in die Praxis, um sich das halt „mal anzugucken“, ob es etwas für sie ist, aber eigentlich bereits mit dem festen Entschluss, dass davon nicht viel zu halten ist. „Ich bin nur hier, weil meine Frau das wollte“, hört Nolte dann. Doch diese Meinung würde sich schnell ändern – und dann kämen auf einmal auch die Freunde und Kollegen des Patienten in die Praxis. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall: „In meinem Familienkreis darf ich gar nicht sagen, dass ich zu Ihnen komme”, hört sie manchmal von Patienten. Es gebe sogar Ehen, bei denen einer der Partner heimlich zum Heilpraktiker geht.

Stark geändert hat sich jedoch die Wahrnehmung, seit aus England und Frankreich eine regelrechte Osteopathiewelle nach Deutschland geschwappt ist. Vor 20 Jahren war hierzulande die Chiropraktik stark vertreten. In den USA sei das auch immer noch so, dort würden die Menschen ganz selbstverständlich zum Chiropraktiker gehen, wenn sie sich den Fuß verstaucht haben, erzählt die Heilpraktikerin. Es sei auch immer eine kulturelle Frage. Als sie 1999 ihre Praxis eröffnet habe, gab es auch noch nicht viele Frauen unter den Heilpraktikern. Auch das hat sich geändert, doch die Begrifflichkeiten verschwimmen weiterhin. Viele würden Homöopathen und Heilpraktiker gleichsetzen. Homöopathie sei aber nur ein Gebiet unter vielen in der Heilpraktik. Patienten hielten sie für eine Homöopathin, erwarteten aber keine Globuli-Gabe, sondern Naturmedizin. Auch der Begriff „Praxis“ irritiert manchmal, so dass sie gar nicht als Heilpraktikerin erkannt wird.

Osteopathie hat den Ruf, die sanftere Heilmethode zu sein, der Chiropraktik haftet durchaus etwas Brutales an. Mit dem Missverständnis räumt Nolte sofort auf. „Das kann sehr täuschen“, sagt sie, und lächelt dabei vielsagend. Auch Osteopathie sei ein weites Feld. Es gebe Therapeuten, die würden sagen „Da müssen wir jetzt durch, beißen Sie die Zähne zusammen!“. So etwas lehnt Nolte entschieden ab, das sei eine Vergewaltigung des Gewebes. Auch ihre chiropraktischen Handgriffe sind schonend. Schmerzen hätten eine Funktion, und diese müsse man respektieren. Den Einsatz von Schmerzmitteln sieht sie daher auch sehr skeptisch. Im Unterschied zu Ärzten arbeitet Nolte viel mit den Händen. Beim Hausarzt wird man untersucht, dann bekommt man ein Rezept ausgestellt oder eine Überweisung zum Facharzt. Die Patienten wunderten sich immer, wenn sie bei ihr kein Rezept bekämen, erzählt Nolte. Das seien sie inzwischen so gewohnt. Dass der Mediziner noch selbst behandelt, manuelle Therapien macht, käme kaum noch vor. Dabei würden die Leute das eigentlich suchen.

„Schmerzen haben eine Funktion. “

Nolte kann sich allerdings auch Zeit nehmen für ihre Patienten. Ihre Sitzungen dauern grundsätzlich eine Dreiviertelstunde, für den Erstkontakt nimmt sie sich eine Stunde Zeit. Denn bei der Heilpraktikerin sind prinzipiell alle „Privatpatienten“, sie arbeitet auf Rechnung. Ob sich die Kosten hinterher von der Versicherung erstatten lassen, hängt stark von der Krankenkasse ab. Osteopathische Behandlungen können meist abgerechnet werden. Wie viel die Kasse tatsächlich übernimmt, ist vorher aber nicht immer ganz klar. Wer komplett selbst zahlt, zahlt z. B. für die einstündige Neuaufnahme bei Nolte 80 Euro. Hausbesuche macht sie selten, da sie die Ausstattung in ihrer Praxis zur Behandlung benötigt, etwa die Chiropraktikliege.

Schule macht krank

Wer zu ihr in die Praxis kommt, hat oft schon feste Vorstellungen von seinem Leiden und der möglichen Behandlung. Darunter sind viele Selbstdiagnosen – und manchmal auch Diagnosen vom Nachbarn, der dasselbe Ziehen im Rücken habe, schmunzelt Nolte. Tatsächlich habe sich dann aber oft noch gar kein Arzt das Problem angesehen. Die Diagnose stellt aber nicht der Patient, sondern Nolte. Sie untersucht und forscht nach der Ursache, die sehr individuell sein kann. Neben schulmedizinischen Untersuchungsmaßnahmen kommen auch Untersuchungsmethoden aus ihren Spezialgebieten.

Auch Schüler zählen zur Kundschaft. Das liegt an der häufigen U-Form in Klassenzimmern. Die findet Nolte ganz furchtbar, sie seien aber vom Schulsystem gewollt, man wolle die stärkere Interaktion bei der Kommunikation. Zum Frontalunterricht soll man natürlich nicht zurückkehren, aber der Mensch müsse sich dem Fortschritt auch anpassen. Diejenigen, die ganz hinten im „U“ sitzen, landen nämlich nicht in ihrer Praxis, sagt sie. Aber alle anderen, die links oder rechts ihren Platz haben. Wegen Unruhe, Kopfschmerzen, Sehstörungen kommen die Minderjährigen mit ihren Eltern dann irgendwann zu ihr. Und sie diagnostiziert Haltungsschäden – als Folge von permanenter Fehlbelastung. Ihre Lösung ist unkonventionell. Keine Tabletten, keine lange Therapie. Die Schüler sollen mit dem Gegenüber auf der anderen Seite des U einfach in den unterschiedlichen Stunden die Plätze tauschen. Das merken die Lehrer gar nicht – die Platzwechsel innerhalb der Klasse hassen –, und der Bewegungsapparat wird gleichmäßiger belastet, statt immer einseitig zur Tafel zu schauen. Denn das „U“ sei zwar kommunikativer, aber auch unergonomischer.

Dass Nicole Nolte nicht gleich nach dem Abi Heilpraktikerin geworden ist, liegt am Heilpraktikergesetz: Erst mit 25 Jahren darf man die Prüfung ablegen. Die Wartezeit überbrückte sie mit einer Ausbildung zur Biolaborantin. Der Notfallunterrricht während der Heilpraktikerausbildung war ihr jedoch zu dürftig, und so machte sie nebenbei auch noch die Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Sie wollte sich sicher fühlen, im Fall der Fälle auch mit einen Asthmaanfall oder Herzinfarkt richtig handeln zu können- denn da ginge es schließlich um Leben und Tod. Ehrenamtlich fuhr sie danach parallel zu ihrer Praxis drei Jahre lang im Rettungsdienst, in 24-Stunden-Schichten am Wochenende.

Polizei, Notarzt und Rettungshubschrauber vor der Praxis

Patienten, die hinterher sagten „das ging ja überhaupt nicht“, gibt es auch, das verschweigt Nolte nicht. Aber auch das Lob für ihre Behandlung kann voreilig sein. Sie vergleicht es mit dem Marmeladenglas: Wenn drei Menschen bereits vergeblich versucht haben, das Konfitüreglas zu öffnen, dann sagt der Vierte: „Das ging doch ganz einfach!“. Die „Vorarbeit“ anderer konsultierter Ärzte kann zum Behandlungserfolg natürlich bereits beigetragen haben. Auf die Frage, welche Krankheiten sie ungern behandelt, überlegt sie wieder einen Moment. Das sei eine schwierige Frage. Zu Beginn ihrer Tätigkeit habe sie gedacht, dass sie alles behandeln würde, doch den eingewachsenen Ohrring mit dem schon völlig vereiterten Ohrläppchen – darum reißt sie sich nicht. Auch spezielle Wundversorgung ist nicht ihr Lieblingsbereich.

„Was glauben Sie, was da für Gerüchte losgingen?“

Wenn ein Patient aufgrund der Art der Erkrankung weitergeschickt werden muss, wird er weitergeschickt. Zweimal ist es vorgekommen, dass Nolte Patienten umgehend vom Rettungswagen abholen ließ, einmal landete auch der Rettungshubschrauber vor der Praxis, weil ein Patient mit Vorerkrankung einen Krampfanfall bekam. Erst kam der Rettungswagen, dann die Polizei, die den Hubschrauber mit dem Notarzt einwies. An der Haster Straße und In den Ellern vor ihrer Praxis sei damals so viel los gewesen wie beim Schützenfest, erinnert sich Nolte. „Was glauben Sie, was da für Gerüchte losgingen“, sagt sie lachend. Danach war sie eine Weile lang Stadtgespräch, und die Patientenzahlen gingen tatsächlich vorübergehend zurück. Wenn beim Hausarzt einmal der Rettungswagen hinzugerufen werden muss, dann findet das niemand merkwürdig. Nur beim Heilpraktiker sollte das besser nicht vorkommen. Das ist immer noch so. Vorurteile halten sich hartnäckig.

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Interview: Mirko Baschetti/Daniel Schneider, Text: Daniel Schneider
Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 03/2020

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