Wunstorfer Auepost
[Anzeige]

Gen Z regelt Hannover: „Wir sind wütend auf eine Politik, die scheinbar alles versucht, um uns die Zukunft zu verbauen!“

03.11.2026 • Johanna Brotte • 4 Min. • Kommentare: 0

Der Funke ist übergesprungen – in über 30 deutschen Städten nahmen sich am Samstag insgesamt etwa 100.000 Menschen ein Beispiel an den Protesten in Frankreich. In Hannover gingen etwa 6.000 Menschen auf die Straße. Auepost-Reporterin Johanna Brotte hat die Schülerproteste dokumentiert.

03.11.2026
Johanna Brotte
4 Min.
Gen-Z-Demonstration in Hannover | Foto: Brotte

Die Demonstration beginnt um 14 Uhr mit einer Kundgebung auf dem Ernst-August-Platz. Dort kommen Redner*innen verschiedener Organisationen, unter anderem die DIDF-Jugend und die internationale Jugend, zu Wort.

Die Stimmung ist energiegeladen, die Forderungen deutlich: bessere Lebensbedingungen für Studierende, Widerstand gegen den Rechtsruck und der Einsatz gegen den Sozialabbau. Die wortstarken Beiträge erhalten lauten Zuspruch. Die Organisation betont den Wunsch nach einem friedlichen Protest.

Alle Altersgruppen sind vertreten

Von Kinderwagen bis Rollator sind alle Altersgruppen zusammengekommen. Schnell wird klar, dass es sich beim Demonstrationsanlass um gesamtgesellschaftliche Probleme handelt. Jung und Alt kommen in den Austausch. Ein Gefühl der Solidarität verbreitet sich, Solidarität zwischen verschiedensten Gruppen und Generationen, die an diesem Tag alle ein gemeinsames Ziel haben.

Während der Kundgebung | Foto: Brotte
Auf dem Ernst-August-Platz | Foto: Brotte
Wortstarke Reden | Foto: Brotte
Friedrich Merz – das wohl gruseligste Halloween-Kostüm für viele Demonstranten | Foto: Brotte
Gen X zeigt Verständnis für Gen Z | Foto: Brotte
Botschaft während der Demonstration | Foto: Brotte

Grenzen der Solidarität

Ein paar hundert Meter weiter stehen zwei Aktivisten. Sie halten eine Israel-Flagge in den Händen. Ein starker Kontrast zu den wehenden Flaggen auf dem Ernst-August-Platz.

Die beiden können die Wut der Jugend gut verstehen und stünden selbst gern auf dem Ernst-August-Platz, erzählen sie. Aufgrund der starken Emotionalität bezüglich des Nahostkonflikts sehen sie sich jedoch gezwungen, Abstand zu halten.

Mit Israelflagge | Foto: Brotte

Sie erregen Aufsehen, die Stimmung am Kröpcke ist angespannt. Ständig wird das Gespräch unterbrochen, es fällt der Ruf „Kindermörder“. Ein Mann versucht, die Flagge zu entreißen – und die Polizei muss einschreiten.

Solche Aussagen belasteten die Gruppe sehr, berichten sie der Auepost. Ihnen liege der Schutz des jüdischen Lebens am Herzen, deshalb seien sie Israel-Freunde. Befürworter Netanjahus seien sie nicht, und es sei schade, dass dort so wenige Menschen differenzieren könnten.

Polizei zeigt starke Präsenz

Die Krawalle und Plünderungen in Frankreich haben in Deutschland für Besorgnis gesorgt. Die Polizeipräsenz ist besonders hoch. Auch die Reiterstaffel ist angerückt. Konkrete Sicherheitsbedenken bestehen in Hannover aber nicht, teilt das Kommunikationsteam der Polizei vor Ort mit. Das sei eher in anderen Ballungszentren der Fall.

Reiterstaffel im Einsatz | Foto: Brotte

Die Lage könnte sich in Anbetracht der Dunkelheit und den verkleideten Menschen jedoch zuspitzen, heißt es, aber dafür sei man gut aufgestellt.

Aufbruch

Der Protestzug macht sich um 15 Uhr auf den Weg. Am Steintor kommt er für eine Zwischenkundgebung zum Stehen. Dabei erregt er viel Aufmerksamkeit von Passant*innen, die überwiegend positiv reagieren.

Die Beweggründe – Interview mit Alex, Mitorganisator der Demonstration

Auepost: Was sind eure Hauptgründe, die euch heute auf die Straße gezogen haben?
Alex: Unsere Hauptgründe sind auf jeden Fall gegen die Wehrpflicht zu sein und gegen die Aufrüstung. Wir sehen zum Beispiel, dass die Schulen kaputtgespart werden. Die Zustände sind zwar noch nicht so schlimm wie in Frankreich, aber dann will die Regierung, dass wir für diesen Staat kämpfen.

Wo merkst du selbst, dass der Bildungssektor stärker priorisiert werden muss?
Ich bin dieses Jahr von der Schule gegangen. Bei mir war das eine KGS, und da gab es eine sehr krasse Spaltung zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Sehr stark hat das entschieden, welche Perspektive man später in der Gesellschaft hat. Ich glaube, das ist so eine Ungerechtigkeit, die sich im Bildungssektor fortsetzt, aber eigentlich aus dem Kapitalismus kommt.

Wie steht ihr zu den Ausschreitungen in Frankreich?
Ich glaube, es wird auf jeden Fall ein bisschen überbetont. Und ich glaube, diese Konflikte, die es in Frankreich gibt, werden auch so ein bisschen aus einer falschen Perspektive gesehen, weil ich glaube, für den Konflikt brauchst du immer zwei Seiten, und oft geht die Polizeigewalt in den Medien sehr stark unter.

Ihr ruft zu friedlichem Protest auf, trotzdem wurden von der Organisation im Voraus Videos veröffentlicht, die explizit Gewaltszenen zwischen Polizei und Bevölkerung zeigen. Wie kommt es dazu?
Ich denke, Protest muss unterschiedliche Formen haben. Ich würde diese Proteste nicht in friedliche und gewalttätige spalten. Ich glaube, wenn wir wirklich etwas ändern wollen in diesem System, dass es manche Protestformen braucht und dass man sich zum Beispiel gegen Polizei und Gewalt auch wehren muss, dass man zusammensteht. Aber ich denke, dass so ein Krawall ohne politischen Inhalt gegen irgendwelche Einrichtungen oder irgendwas zu klauen falsch ist.

Während des Marschs bekennt sich die Menge unüberhörbar zum Antifaschismus, positioniert sich gegen Bundeskanzler Merz und bekundet die Solidarität mit Palästina. Weiterhin gibt es keine Anzeichen von Gewalt.

Unruhen am Königsworther Platz

Während der Großteil der Menge am Königsworther Platz friedlich bleibt, spannt sich die Situation in vereinzelten Gruppen an. Wiederholt wird Pyrotechnik gezündet. Als einzelne Personen von der Polizei aus der Menge gezogen werden, richten sich einige Demonstranten wütend gegen die Polizei. Es kommt zu verbalen Auseinandersetzungen und Handgreiflichkeiten. Es fallen Parolen: „Ganz Hannover hasst die Polizei!“.

Pyrotechnik wird gezündet | Foto: Brotte
Konfrontation mit der Polizei | Foto: Brotte

Danach kann der Protestzug wie geplant weiterziehen. Es gibt keine weiteren Zwischenfälle mehr.

Offizielles Ende am Klagesmarkt

Die Demonstration findet um 17 Uhr ein harmonisches Ende. Die Menge wird mit einer ermutigenden Botschaft in den Abend entlassen: Dies ist noch nicht das Ende und gemeinsam sind wir stark.

Die Polizei schreitet mehrmals ein: Aufgrund mehrerer Verstöße gegen das Vermummungsverbot verzögerte sich der Start auf dem Ernst-August-Platz, bis die entsprechenden Teilnehmer ihre Gesichter zeigten. Auch während des Aufzugs wiederholte sich dies. Ebenfalls wird der Protestzug gestoppt, damit die Identität festgegestellt werden kann von denjenigen, die Pyrotechnik zünden. Nach dem Ende der Versammlung zünden Einzelne erneut Pyrotechnik und werfen Böller auf Polizisten. Ein Beamter wird dabei leicht verletzt. Die Tatverdächtigen bleiben unerkannt. Ein Ordnungswidrigkeitsverfahren läuft zudem gegen die Versammlungsleitung, da zu wenig Ordner anwesend waren.

Diese Demonstration hat an vielen Stellen gezeigt, wie friedlicher Protest vereinen kann und wie wertvoll ein spontaner Austausch ist. Aber sie hinterlässt auch Fragen über die Toleranz innerhalb einer Bewegung und dem Interpretationsspielraumdavon, was sich als gerechtfertigtes Mittel des Protests verstehen lässt.

Aufrufe: 63
[Anzeigen]









[Anzeigen]
Auepost wird unterstützt von:

Kommentare


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

[Anzeige]
Kontakt zur Redaktion

Tel. +49 (0)5031 9779946
info@auepost.de

[Anzeigen]

Artikelarchiv


Am häufigsten gelesen
Auepost auf …