Die Dichterin in Wunstorf und der Region

Auf den Spuren von Agnes Miegel


Agnes Miegel, die berühmte ostpreußische Balladendichterin, fand nach dem Zweiten Weltkrieg eine zweite Heimat in Niedersachsen. Doch hier verbrachte sie nicht nur ihren Lebensabend, sondern bereits Teile ihrer Jugend. In Miegels Werken spiegelt sich daher nicht nur Ostpreußen, sondern auch die hiesige Region. Wir haben uns auf die Spuren der Dichterin begeben. Über Miegels Wirken in der Region, ihre Verse und Worte – und die Stätte ihres letzten Wirkens.

Miegel-Statue vor dem Agnes-Miegel-Haus | Foto: Daniel Schneider
Miegel-Statue vor dem Agnes-Miegel-Haus | Foto: Daniel Schneider

Agnes Miegel wird in erster Linie mit Ostpreußen assoziiert, als ostpreußische Heimatdichterin kommt ihr vor allem im Kreise der Vertriebenen ein hoher Stellenwert zu. Doch Miegels Bedeutung ist keineswegs regional, durch ihre Balladen wurde sie Teil der deutschen Literaturgeschichte. Eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen lebte in ihren späten Jahren in Wunstorfs Nachbargemeinde Bad Nenndorf.

Von dort aus hält auch die Agnes-Miegel-Gesellschaft die Erinnerung an die Dichterin und ihr Werk wach. Immer am letzten Mittwoch des Monats findet eine Lesung im Agnes-Miegel-Haus statt. Dort, wo Miegel ihren Altersruhesitz nahm, befindet sich heute ein Museum.

Agnes Miegel

Agnes Miegel wird als Tochter einer ostpreußischen Kaufmannsfamilie 1879 in Königsberg, heute Kaliningrad, geboren. Gläubig, konservativ, weltoffen, aus gutbürgerlichem Hause. Sie lernt Kinderkrankenschwester, arbeitet als Erzieherin und will Lehrerin werden. Erste Gedichte schreibt sie schon als Jugendliche, reist durch Europa, findet Zugang zu adligen Kreisen, verliebt sich unglücklich. Anfang des 20. Jahrhunderts wird sie durch ihre Balladen zur jungen Berühmtheit, ihre heimatliebenden Werke über Ostpreußen suchen ihresgleichen. Während der NS-Zeit sympathisiert sie offen mit dem Regime und macht weiter Karriere.

thema-miegelBis zuletzt und darüber hinaus bleibt sie ihrer ostpreußischen Heimat treu, flüchtet 1945 als 65-Jährige zunächst nach Dänemark und findet nach dortiger Internierung vorübergehend Unterschlupf im Hause von Münchhausen in Apelern, aus dem ihr Freund und Förderer Börries von Münchhausen stammt. Dort verbrachte sie bereits als junge Frau glückliche Tage. Doch das Schloss ist keine Dauerlösung, und so verschlägt es sie mit zwei Getreuen, ihrer später adoptierten Haushälterin und einer weiteren Freundin, in zwei Zimmer nach Bad Nenndorf. Die Stadt baut kurz darauf ein Haus, in dem Miegel eine Mietwohnung beziehen kann. Dort lebt und arbeitet Miegel bis zu ihrem Tod 1964. Ihr Grab liegt auf dem Bad Nenndorfer Friedhof.

Miegels neue Heimat

Eher zufällig wurde Miegel Bad Nenndorfer Bürgerin. Es war die nächstgrößere Ortschaft, in der eine Unterkunft frei wurde, nachdem Miegel nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst auf Schloss Münchhausen untergekommen war. Doch die Notunterkunft im unbeheizten Schloss war kein Zustand. Wenn sie es sich hätte aussuchen können, wäre sie vielleicht in die Lüneburger Heide gezogen, wo sie später Urlaube verbrachte und wo sie sich Ostpreußen näher fühlte. Doch so blieb sie in ihrer schon bekannten Umgebung. Für die Königsbergerin, die Großstädterin, sicher kein einfacher Neubeginn. Das letztendlich in Bad Nenndorf für Miegel gebaute Haus war schlicht, aber lag doch idyllisch und zugleich mitten im Städtchen.

Am Agnes-Miegel-Haus angebrachte Gedenktafel | Foto: Daniel Schneider
Am Agnes-Miegel-Haus angebrachte Gedenktafel | Foto: Daniel Schneider
Miegels Ehrenbürger-Urkunde | Foto: Daniel Schneider
Miegels Ehrenbürger-Urkunde | Foto: Daniel Schneider

So wurde Miegel von der Vertriebenen nicht nur symbolisch wieder zur Sesshaften, zur geschätzten Persönlichkeit inmitten der Gemeinde. Bad Nenndorf hatte plötzlich eine Berühmtheit im Ort, eine prominente Dichterin hatte die Kurstadt als Altersruhesitz gewählt. Vom einstigen ostpreußischen Lebensstil war indes wenig geblieben. Ein einfaches, kleines Häuschen, in dem Miegel zur Miete wohnte. Die Einrichtung notdürftig zusammengestellt.

In Miegels Wohnhaus

Das Haus steht bis heute. Es wurde von der Agnes-Miegel-Gesellschaft gekauft und auf der unteren Etage, in Miegels Wohnung, zum kleinen Literaturmuseum umfunktioniert. Zwei Räume hat man dabei im Originalzustand erhalten, wie Miegel sie verließ: Wohn-/Arbeitszimmer und Küche entsprechen authentisch dem Stand der 50er/60er Jahre.

Miegels Wohnhaus | Foto: Daniel Schneider
Miegels Wohnhaus | Foto: Daniel Schneider

Hier ist die Zeit stehengeblieben, es herrscht das Flair der kargen 50er Jahre. An der Decke im Wohnzimmer ein Leuchter im Tütenlampen-Design, in der Küche ein Sperrholz-Schrank. Vorhänge und Tischdecke akkurat ausgerichtet. Ihr Schreibtisch steht genau wie vor einem halben Jahrhundert an der Wand.

Wohn- und Arbeitszimmer von Agnes Miegel | Foto: Daniel Schneider
Wohn- und Arbeitszimmer von Agnes Miegel | Foto: Daniel Schneider

Wer vom Domizil einer großen Dichterin mehr erwartet hat, wird enttäuscht sein, allzu gewöhnlich erscheint der Lebensstil. Das Mondäne, Weltläufige, das man mit einer Dichterin von Miegels Range verbinden würde, kommt hier ganz und gar nicht zum Ausdruck. Es ist die Zurückgezogenheit und Bescheidenheit, die aus ihrer letzten Wirkungsstätte spricht.

Miegel war im Innersten keine Person der Öffentlichkeit, sie entsprach eher dem Naturell, das man sich bei einer Dichterin ihres Formats vorstellt. Sie war nicht öffentlichkeitsscheu, aber liebte die Aufmerksamkeit auch nicht besonders. Das Zurückgezogene, das Stille, das war ihre Welt. All das spiegelt auch ihr Bad Nenndorfer Wohnsitz.

Weitere Räume beherbergen heute Exponate, die die Miegel-Gesellschaft auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich macht. Viele Fotos aus allen Lebensabschnitten, als junge und alte Frau, von Freunden und Weggefährten, vom Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt. Ihre erhaltenen Preise und Urkunden hängen an den Wänden. Auch persönliche Gegenstände werden gezeigt. Die Kontraste sind es, die dabei herausstechen: Ein Porträt der jungen Miegel, daneben ihr Gehstock aus späten Tagen.

Porträt und Gehstock von Agnes Miegel | Foto: Daniel Schneider
Porträt und Gehstock von Agnes Miegel | Foto: Daniel Schneider

Die Kuratoren des Miegel-Hauses machen die Werke dabei bisweilen augenzwinkernd zugänglich. Der Gehstock der alten Agnes Miegel ist so platziert, als ob er der jungen Agnes dabei helfen könnte, sich aus ihrem Bilderrahmen zu erheben. Das Gedicht „Wunderbares Weben“ über Gottes Schöpfung, der den Menschen in den Teppich des Lebens einwebt, ist in Bodennähe platziert – auf dem Teppich stehend eingerahmt.

Gedicht "Wunderbares Weben" | Foto: Daniel Schneider
Gedicht „Wunderbares Weben“ | Foto: Daniel Schneider

Im Vorgarten steht die Agnes-Miegel-Statue, die ursprünglich für diesen Platz geschaffen wurde, dann aber im Kurpark aufgestellt wurde. Dass sie inzwischen doch im Garten ihren Platz gefunden hat, ist auf einen Stadtratsbeschluss zurückzuführen, um das Denkmal aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Ein Bürgerentscheid konnte dies nicht verhindern.

Miegels Wirken in der Region

Genauso wenig, wie man Miegel auf ihre Rolle im Dritten Reich reduzieren kann, lässt sie sich auf die der Balladendichterin reduzieren. Unsterblich wurde sie mit ihren frühen Balladen, in breiten Kreisen populär mit ihrer Ostpreußen beschreibenden Lyrik, doch Miegels Erzählungen in prosaischer Form transportieren ihre Sichtweise ebenso kunstvoll wie ihre vollendeten Verse. Gerade für ihre Zeit in Niedersachsen ergeben sich so authentische Erzählungen, die viel von der stillen Schönheit der Landschaft und ihrer Wirkung auf den Betrachter transportieren.

„Mutter Ostpreußen“ – dieser nie verliehene, aber oft vergebene Ehrentitel wurde in dieser Zeit geprägt, als sie sich nicht nur weiter literarisch mit der untergegangenen Heimat auseinandersetzte, sondern auch tatsächlich zur Anlaufstelle für viele Heimatvertriebene wurde. Sie nutzte ihre wiederkehrende Popularität, sie „kümmerte“ sich um ihre Schicksalsgenossen.

Sie fasste die Worte in Verse, die die Gefühlswelt der Vertriebenen nicht nur spiegelte, sondern dem Ausdruck verlieh, was viele nicht in Worte zu fassen vermochten oder wagten. Nicht anklagend, nicht revisionistisch, immer voller Wehmut und Schmerz. „Es war ein Land“, von Miegel selbst gelesen, lässt einen ergriffen erschaudern, auch wenn man keinen Bezug zu Ostpreußen hat.

Miegels Umschreibung des Schaumburger Landes, anspielend auf die Landestracht | Foto: Daniel Schneider
Miegels Umschreibung des Schaumburger Landes, anspielend auf die Landestracht | Foto: Daniel Schneider

Miegel, inzwischen eine alte Dame, schrieb in ihrer neuen Heimat nur noch vereinzelt. Aber mit dem, was sie zu Papier brachte, setzte sie auch dem Calenberger Land ein Denkmal. Ihr Spätwerk knüpft im Wesen oftmals an die ostpreußische Heimatdichtung ihrer frühen Jahre an – und beschreibt den Zauber rund um den Deister eindrucksvoll.

Die Miegel nicht erst seit den Kriegserfahrungen so eigene Melancholie und das Mythische, das ebenso charakteristisch ist für ihre Werke, setzt sich auch in ihren Zeilen fort, die sich um Niedersachsen drehen.

Agnes Miegel und Niedersachsen

Miegel lernte Bad Nenndorf und die Region schon um 1900 kennen, kannte die Gegend von Ausflügen, als sie Gast auf Schloss Münchhausen in Apelern war. In ihren Erzählungen nannte sie die Gegend einmal ihre „kleine Heimat“. Dass sie später hier einmal ihren Lebensabend verbringen würde, daran war für die Königsbergerin jedoch noch nicht zu denken. Ihre ersten Eindrücke als Besucherin von Bad Nenndorf beschreibt sie rückblickend so:

„Was ich sah, gefiel mir sofort, wenn ich auch erst viel später die stille Schönheit dieses Zusammenklangs von lieblichster Natur und einer edlen Architektur verstand – die aber schon damals (…) wie etwas Vergangenes wirkte.

aus „Kleine Liebeserklärung an Bad Nenndorf“

Miegel begeisterte sich für die Landschaft der Region, den dunkelblau glänzenden Deister, der sie an waldige Steilküsten an der See erinnerte. Das Landschaftliche, Ländliche, die Düfte und Gerüche der Natur, überhaupt die Natur – diese Motive ziehen sich immer wieder durch Miegels Aufzeichnungen. Immer auch mit wehmütigen Anklängen und Vergleichen zu Bekanntem aus dem verlorenen Ostpreußen.

Bei aller Dankbarkeit, in Niedersachsen eine neue schöne Heimat gefunden zu haben, und dem Gefühl, in Bad Nenndorf angekommen zu sein, macht Miegel nicht nur einmal deutlich, dass ihr Herz für immer an Ostpreußen hängt.

„Lerchenlied und Ährenwogen,
Lindenluft vom Garten her,
(…)
Warum wird mein Sinn doch schwer?

aus „An die Grafschaft Schaumburg“

Miegel liebte den Herbst, ob in Ostpreußen oder Niedersachsen. Die Zahl der Gedichte, die sich um die dritte Jahreszeit drehen, belegt ihre besondere Liebe zu dieser. Ob „Spätsommer“, der die ersten Vorboten voranschickt, oder „Oktobersonne“, „Herbsttag“ und „September“ – in dieser Zeit erblickte Miegel stets auch einen Bezug zu Gott.

„Man sieht die Birken an den fernsten Wegen
Wir wandern langsam durch die stille Au
Der Seligkeit des letzten Lichts entgegen

aus „Oktobersonne“

Nicht nur das Schaumburger Land und Bad Nenndorf, auch Idensen wurde Teil von Miegels Betrachtungen. Die romanische Sigwardskirche muss bei Miegel besonderen Eindruck hinterlassen haben. Wunstorfs ältestes Sakralbauwerk inspirierte sie zu einer Ode an das Gotteshaus. Mit „Alte Kirche im Feld“ setzte Miegel dem Baudenkmal noch ein literarisches obendrauf.

„Weitoffen liegt in ihrem grünen Kranz,
Geduldig wartend und bereit
Bis Wanderer, gelockt von ihrem Glanz,
Still hält.
Und sie betrachtend, hört sein Ohr
Wie in der bunten Wölbung herrlich rauscht
Das nie verstummende Lied der Ewigkeit.

Die letzten 7 von 131 Zeilen „Alte Kirche im Feld“

Auf den Spuren von Agnes Miegel lässt sich nicht nur die Region neu entdecken, die versteckte Schönheit und der Glanz der Natur, die landschaftlichen Perlen – es ist auch die Person Miegel, anhand deren Lebensgeschichte sich die deutsche Geschichte von der Kaiserzeit bis in die junge Bundesrepublik nachvollziehen und erleben lässt. Mit allen Höhen und Tiefen, mit dem Furchtbaren und dem Schönen. Ganz so, wie Miegel es in ihren Werken gleichtat.

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