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Die weiße Fahne schwenkend: Nena in Wunstorf

15.08.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 11471

Nena spielte am Samstag in der Stadt und verzauberte auch manchen, der mit kritischerer Einstellung zum Konzert gekommen war. Zuvor wurde Wunstorf noch schnell nach Hannover „eingemeindet“.

15.08.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 11471
Michaela (li.) und Moni aus dem Kreis Heinsberg sind seit 1984 Fans | Foto: Deppe/Dombrowski

Wunstorf (ds). Veranstalter Adis Bajric – mit Sommerhut – begrüßte die Gäste am Einlass persönlich und hatte reichlich zu tun, bis die letzten Konzertbesucher gegen 20 Uhr eingetroffen waren. Jonas Monar mit Band bildete die Vorgruppe, spielte bis 19.30 Uhr und bereitete die Arena für den folgenden Auftritt von Nena beim Kultursommer Open Air.

Einsatzleiter Timo Brüning von den Johannitern, die den Sanitätsdienst stellten, erwartete einen entspannten Konzertabend, da die pralle Sonne bei 31 Grad Außentemperatur sich am späten Nachmittag rechtzeitig hinter Quellwolken verzogen hatte. Doch bereits vor Konzertbeginn hatten zwei Besucher wegen Kreislaufproblemen behandelt werden müssen.

Die Verkehrsströme funktionierten reibungslos: Die mit dem Auto anreisenden Besucher wurden von den Einweisern auf den hinteren Teil des Schützenplatzes gelotst, so wie etwa auch beim Wirtschaftswochenende geparkt wird, und manche nutzten auch einfach die öffentlichen Verkehrsmittel, um vom oder zum Bahnhof zu kommen. Viele Autofahrer auf der B442 verzichteten auf ihre Vorfahrt, um die Fußgänger vor und nach dem Konzert über die Mittelinseln passieren zu lassen.

Wunder geschehen

Kurz vor 20 Uhr: „Nena, Nena“-Rufe aus dem Publikum vor der Bühne. Doch die Sängerin ließ sich noch etwas Zeit. Um 20.07 Uhr betrat die Band unter Jubel die Bühne, wobei Nena ihr Publikum sogleich auf den – aus Lärmschutzgründen auf 22 Uhr begrenzten – eng gesteckten Zeitrahmen einstimmte: „Haltet ihr zwei Stunden durch? Muss ich einfach nur singen und ihr macht den Rest? Ich verlass mich auf euch!“, begann die Hamburgerin ihr Konzert mit schwarz-weißer Gitarre. Und sie vergewisserte sich, dass sie in Hannover auftrat, um dann noch augenzwinkernd hinterherzuschieben: „Wunstorf – das ist ja fast Hannover.“

Kraftvoller Auftritt von Nena und Band | Foto: Deppe/Dombrowski
Für Nena nach Wunstorf gekommen: Fans aus Rheine, Berlin, Hannover und Köln | Foto: Deppe/Dombrowski

Die Mehrheit der rund 1.100 Besucher drängte sich dicht vor der Bühne, doch einige hatten auch Decken mitgebracht, verfolgten den Auftritt entspannt vom Rande oder dem VIP-Bereich, trugen damit zur Festivalatmosphäre des Open-Air-Konzertes bei und genossen neben der Musik das Lichtspiel, das Bühne und untergehende Sonne auf den Schützenplatz warfen. Aus allen Himmelsrichtungen hatten sich Nena-Fans in Wunstorf eingefunden – die getragenen Nena-T-Shirts waren nicht mehr zu zählen.

Auch mancher Wunstorfer hatte sich noch spontan für einen Konzertbesuch entschieden, ohne zu den „harten Fans“ zu gehören – und ließ sich von Nena verzaubern. Für die „alten Songs“ gekommen, verfingen auch die jüngeren Titel. „Es hat mich mehr berührt, als ich gedacht hätte“, sagte eine Besucherin nach Verlassen des Konzerts. Auffällig viele Menschen machten zudem just während des Konzertes ein Picknick auf dem nicht abgesperrten Bereich des Schützenplatzes in Aue-Nähe – und ließen sich von Nena mitbeschallen.

Es hat mich mehr berührt, als ich gedacht hätte

Eine Konzertbesucherin

Die Sängerin genoss die Atmosphäre sichtlich und schien sich wie ihre Band wohlzufühlen. Es war ein kraftvoller Auftritt, rockig, aber auch mit vielen gefühlvollen Momenten. Nach dem fünften Lied sprang Nena, ganz in Schwarz gekleidet und mit „Remember Love“-Schriftzug auf dem Oberteil, von der Bühne und tauchte ein in die Menge, ging minutenlang auf Tuchfühlung mit den Fans. Politisch äußerte sich Nena auf ihrem Wunstorfer Konzert nicht – wenn man die geschwenkte große weiße Fahne während des Liedes „Frieden“ nicht als solches interpretieren wollte. Weiße Fahnen wurden zahlreich auch im Publikum emporgehalten. Andere hatten Botschaften auf Plakate geschrieben oder Luftballons dabei.

Nena in Wunstorf | Foto: Deppe/Dombrowski

Bei der Liedzeile „Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen“ aus „Wunder gescheh’n“, untermalt mit Akkordeonklängen, schien sich eine besondere Ergriffenheit über den Platz zu legen – samt der bekannten Verbeugung nach Tanzeinlage und Gitarrensolo. Es war der Gänsehautmoment des Konzertes, in das routiniert auch das Publikum wieder „ganz lieb“ eingebunden wurde.

Lieb

„Lieb“ schien auch insgesamt das Motto zu sein: Die Crew verteilte Gehörschutz an die jüngsten Besucher. Einem Fan in den vorderen Reihen reichte Nena kurzerhand den eigenen Wasservorrat, nachdem sie an ausreichendes Trinken erinnert hatte – und „Nele“, die zufällig am Samstag Geburtstag feierte und seit „gefühlt 60 Jahren“ auf den Konzerten dabei ist, bekam ein persönliches Geburtstagsständchen gesungen. Dabei vielleicht dann doch noch ein kleines politisches Statement: „Ich möchte das gerne in Deutsch singen. Nicht Happy Birthday immer, das nervt“, so Nena, bevor sie „Zum Geburtstag viel Glück“ interpretierte. Und als die Sanitäter dann doch im Publikum tätig werden mussten, pausierte Nena zwischen zwei Songs und erbat sich eine Bestätigung, dass alles okay sei.

Nicht Happy Birthday immer, das nervt

Nena

Dann aber durfte natürlich auch Nenas Welthit nicht fehlen. 99 Luftballons waren es zwar nicht, die im Himmel über den Wunstorfer Schützenplatz schwebten, stattdessen flogen überdimensionale Ballons von der Bühne – und ein Meer aus Smartphones in die Höhe, die den Auftritt filmten und fotografierten.

Foto: Deppe/Dombrowski

Als die Dunkelheit hereingebrochen war, kündigte Nena die letzten beiden Songs des Abends an. Das Lied „Zusammen“ kam so, in blaues und rotes Licht getaucht, zu besonderer Geltung. Die Wunstorfer, denen die Querelen der Vergangenheit um die Nachtruhe der Anwohner am Schützenplatz bekannt waren, verließen um 22 Uhr zügig den Platz, während der Großteil der auswärtigen Fans in der Hoffnung auf eine Zugabe zunächst noch vor der Bühne ausharrte. Doch eine Zugabe blieb aus – die Lärmschutzgrenze wurde exakt eingehalten.

Das letzte Lied für Wunstorf blieb das offizielle Abschiedslied. Auch die Zeilen „Irgendwann ist alles vorbei (…) irgendwann wirst du mich verstehen“ aus „Alles neu“ ließen sich auf mehrere Arten lesen.

von Daniel Schneider
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Kommentare


  • Tom Netzwerker sagt:

    Das hat mich doch überrascht, dass es noch 1100 Fans im weiten Umkreis gibt.

  • reiner sagt:

    man mag nena mögen oder nicht… aber für mich ist sie eine ehrliche authentische person die sich nicht nur für kinder stark einsetzt sondern für vieles mehr – sobald man heute etwas kritisiert ist man schwurbler oder rechts -was für ein quatsch – sie macht es genau richtig und liegt richtig – dass sie nicht einknickt, dafür verdient sie HÖCHSTEN respekt… nicht umsonst ist sie seit 40 jahren präsent und gehört nun mal zum deutschen kulturgut ob es manche neider stört oder nicht – deal with it… in den letzten monaten haben ihre statements eben noch viel mehr menschen erreicht, die auch jetzt verstehen was für einen irrsinn bei uns in deutschland über die bühne geht.. einfach nur beschämend..
    danke nena und jedem der mittlerweile eigenverantwortlich und klar denkt.

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