Wunstorfer Auepost
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Jespers Japan-Journal

20.08.2025 • Jesper Schwarzer • 17 Min.Kommentare: 2

Auepost-Autor Jesper Schwarzer bereist das Land der aufgehenden Sonne – und nimmt die Wunstorfer literarisch wie bildlich mit in den fernsten Osten: In seinem Japan-Tagebuch.

20.08.2025
Jesper Schwarzer
17 Min.
Jesper Schwarzer | Fotos: privat

Alleine in der Ferne. Das mag zwiespältig klingen. Wer das tut, ist ungebunden. Es ermöglicht freie Restaurant-, Attraktions-, Unternehmungswahl und jede andere Entscheidung. Dort beginnt das, was man radikale Autarkie nennen könnte. Dort beginnt aber genauso Einsamkeit und volle Planung, volle Haftung. Jedes Einschlafen, jede Abzocke, jedes Verlorengehen wird selbst verantwortet und sofort geahndet. Niemandem kann vorgeworfen werden als sich selbst. Mit niemandem Bekannten kann ein Staunen getauscht werden als mit sich selbst. Ich hatte mir spätestens ab Ende 2024 für diese radikale Autarkie das Archipel der aufgehenden Sonne ausgesucht. Meine Wahl war auf Japan gefallen. Und dieser Reiseblog soll regelmäßig die Mitschriften meiner Minikladde reproduzieren dürfen.

Inhalt
Ankommen und Skurrilles im Metro-Verkehr
Das Kapitel S.
Zwischen kleinen Herausforderungen und den Yomiuri Giants

Eine diffuse Idee eines herausfordernden Landes treibt mich an. Ich wollte ein Land der Gegensätze. Geografisch zwischen Sapporos Kälte und Okinawas Tauchidyll, kulturell zwischen Shinto-Schreinen und Tokios rasender Modernität, menschlich zwischen ritueller Höflichkeit und wuchtigster Arbeitsdisziplin. Ich bin kein vorgeprägter Manga- oder Animeenthusiast, gar von Cosplay oder Gamingindustrie. Ich bin kein enorm zurückhaltender, wenig direkter Zeitgenosse. Ich neige trotz hohen Anspruchs zu Müßiggang. Außerdem war ich vermutlich noch nie länger als eine Woche familienlos, freundes- und vereinslos an einem Ort. Meine Entscheidung war es, diesen waghalsigen Versuch ein Jahr auf einem anderen Kontinent zu starten. In dem Land, das Willem Spelten als „das faszinierendste, aufregendste und manchmal verstörendste Land der Erde“ bezeichnet.

Nachdem ich in Folge eines 15-stündigen Bangkok-Aufenthaltes um zirka sieben Uhr in Tokio, Narita am 01.08. angekommen sein und in Saitama, eine Präfektur nordwestlich von Tokio, mein Abenteuer beginnen werde, wird diese Reisekolumne in regelmäßigem Turnus meine Fettnäpfchen, meine Frustration und Faszination womöglich dokumentieren können.

Jesper – 30/07/2025 – in etwa bei einem Ort, der sich „Lichterode“ nennt in Richtung Frankfurt (M), Flughafen

読んでくれてありがとう
* Danke fürs Lesen

Kapitel 1: Ankommen und Skurriles am Metro-Verkehr

Bevor ich etwas ausschweifender von meinen letzten zehn Tagen Japan und all den Andersartigkeiten eines so fernen Landes erzählen möchte, gehe ich kurz auf meine Person ein. (Disclaimer: Wen das wenig interessiert, der ist eingeladen, diesen Absatz zu überspringen.)

Ich heiße Jesper Schwarzer und bin 2005 in Braunschweig geboren. Familiär zog es es mich im Januar 2015 nach Luthe. 2025 legte ich am Hölty-Gymnasium mein Abitur ab und entschied mich im gleichen Zuge, (maximal) ein Jahr in Japan leben zu wollen. Und nein: Ich ändere nicht genau zehnjährig meinen Wohnort. Dass mich eine alte Freundschaft, die 2014 vorerst auf Glatteis gelegt wurde, und Faszination für komplexe, fast schwer greifbare Länder nach Japan zogen, das hatte ich im letzten Teil schon zu erklären versucht. Wo lebe ich eigentlich? Ich lebe derzeit in Hachioji. Das ist im westlichen Teil der Agglomeration Tokio. Es zählt aber dennoch allein genauso viele Einwohner wie Hannover, ziemlich genau sogar. Und was mache ich hier? Urlaub? Nicht so ganz: Mein Visum ist das „Working Holiday Visum“, also Work and Travel. Meine Organisation, mit der der Start leichter gelingt, zieht mich täglich nach Kōtō (die Japan sagen hierzu „Koto-ku“ – das u fällt fast weg), ein relativ zentraler Stadtteil. Dort absolviere ich einen vierwöchigen Sprachkurs mit wöchentlichen Tests. Von Hachioji nimmt man dafür die sogenannte „Sagamihara-Linie“ (magenta) bis zur Kudanshita-Station ins Zentrum. Von dort aus steigt man in die Tozai-Linie (blau). Von der Kiba-Station geht man vielleicht eine Viertelstunde zum Sharehouse. In summa: eine zweistündige Fahrt. Damit dauert die Fahrt im Übrigen täglich länger als der Sprachkurs. Im Laufe des Jahres plane ich neben dem Großstadtleben und finanzierter Teilzeitarbeit auch die ländlichen Regionen sowie das Kleinstadtleben bestaunen zu können. Bis in den November hinein werde ich hier im Raum Tokio leben.

Nun gerne zum Ankommen und ersten Verwirrungen. In den ersten Tagen brach die Müdigkeit ein. Meine 60-Stunden-Reise vom Aufstehen in Luthe bis zum Einschlafen in Hachioji hatte für eine Schlafverzerrung gesorgt, die meinen Körper an die Abiturphase erinnert haben dürfte. Als ich in desolatem Zustand Honshū, die große Hauptinsel in der Mitte des Archipels, erreicht hatte, fand ich mich in einem langen Gang in Richtung Anmeldung wieder. Wenn mir niemand gesagt hätte, dass ich in Tokio (Narita) bin, hätte ich angenommen, ich sei in einer Art Corona-Impfzentrum oder in einer lokalen Wahlstation. In Weiß gehalten, leise – und Menschen, die versuchen, ihre Anliegen zu besprechen. Kurze Überforderung. „Residence Card“, Kofferaufnahme, Zollschein – ich versuchte bravourös, mich durch die Sprachbarriere zu schlängeln. Ich versuchte es. Hatte ich nicht Personen aus meinem Freundeskreis auf den Boden geholt, wenn es um die geringen Englischkenntnisse von Japanern gehen sollte? Meine Erfahrungen bis jetzt zeigen, dass ich oftmals noch übertrieben habe.

Später holte mich ein junger Mann, N., aus der Lobby des Flughafen Naritas ab. Man stelle sich das Rathaus, das Bürgerbüro, irgendein größeres Büro in Wunstorf mal vor. Glauben Sie es mir, dort ist es lauter als in der ausladenden Lobby in Narita. Hier läuft mal ein Kind durch, mal unterhält man sich. Aber kein Ton, kein Raunen dominiert den Raum. N. ist Sprachlehrer und Allrounder für die Organisation, ist in vielem fast eine Art Japan-Rebell. Nicht nur hat er rotes Haar, das bei Schulen zu Schulverweisen und bei Jobs zu Ablehnung bei den Vorstellungsgesprächen führen kann. Noch dazu ist er tätowiert. Das wird üblicherweise mit der Yakuza, der japanischen Mafia, assoziiert und verweigert oftmals einen Onsen-Besuch (Onsen sind natürliche japanische Thermalquellen durch Vulkane – eine Art natürlicher Whirlpool). Ich denke dabei an den deutschen Satz „Früher hatten nur Seebären und Zuhälter Tattoos“, der mir in Deutschland mal begegnete. In etwa so ist der Eindruck hier noch immer. Mein Sprachlehrer hält so manche Verhaltensnorm für überkommen und ist generell in vielem eher so, wie es aus dem Westen bekannt ist. Mal abgesehen davon spricht er teilweise Deutsch, weil er in Österreich gelebt hat. Es entstand ein Moment, in dem ich sagte: „Arigato gozaimasu (Vielen Dank!), und er antwortete: „Kein Problem, Dicker!“ (Ich hatte ihm zuvor die Herkunft des Slang-Wortes „Digga“ erklärt).

Japanische Metro

Japans Eigenheiten im Metro-Verkehr erlauben fast einen eigenen Artikel. Nichtsdestotrotz möchte ich hiermit kurz diesen ersten Teil beenden. Sie werden vom Durchdachten fasziniert sein. Zweireihig stellt man sich vor die Abschnitte der Barrieren, die sich öffnen, wenn ein Zug anfährt. Jedes Mal wird dadurch den Herausströmenden ermöglicht, erst den Zug zu verlassen, bevor die beiden Seiten einströmen. Es gibt kein Gedränge. Dass es zum No-Go Nr. 1 in Japan-Reiseführern gehört, sich im Zug auffällig zu verhalten, erwähne ich hier gerne ein erneutes Mal. Es ist tatsächlich fast schockierend leise, dass es ans Trauern erinnert. Das sage ich, weil ich vorgestern nach einer gesperrten Linie in einen der bekannten Jeder-klebt-an-jedem-Zug war und …

Nichts. Maximal eine Person redete mit einer anderen. Alle anderen übten sich fast im Stillschweigen. Insofern sind meine Erfahrungen meistens nicht nur ein „leises Verhalten“. Es ist oftmals gar kein Reden, kein auffälliges Tun. Vielmehr stille Beschäftigung mit seiner Selbst. Wenn ich ein Buch kurz herausholte und dafür kurzzeitig einen anderen Gegenstand auf den freien Nachbarsitz legte, kam ich mir immer schon grob anmaßend vor. Dass Taschen auf den Boden gestellt werden, ist im Übrigen auch nicht zu sehen. Entweder sie werden über sich deponiert (machen die Wenigsten) oder man legt sie auf den Schoß. Man möchte niemandes Platz rauben oder im Weg sein.

Wie man im Londoner Verkehr obligatorisch rechts steht, damit links die Schnellen vorbeieilen können, so ist es hier andersherum. Die überhöhte Seltenheit von japanischer Verspätung muss ich trotzdem auf den Boden der Tatsachen holen. Nein, auch hier kamen Züge zu spät oder wurden gestrichen. Bloß nennenswerten Verspätungen begegnete ich in der Form nicht.

Auf Anekdotisches und gedankliche Umstellungen möchte ich in einem weiteren Teil eingehen. Einer Sache aber wurde ich mir früh bewusst: Das Verhalten der mir begegneten Japaner ist von enormer Geschlossenheit. Es ist fast gespenstisch, wie geschlossen sie sich ähnlich verhalten. Wie roboterhaft sie sich der Stille, der geordneten Wege anschließen. Als hätten sie einen Pakt über so manche Verhaltensnorm abgeschlossen. Beim Gehen sein Gegenüber selten anzusehen und seinem eigenen Weg folgen. Das Stehen am Zug, kein Vordrängeln. Die Abwesenheit, mit der sie mich nicht wahrnehmen, und die Offenheit, mit der mich ein Mann 15 Minuten zur von mir gesuchten Station brachte (er ging mit mir dorthin). All das ist schon oft ohne Ausnahme so auffindbar. Die unterschiedlichen Charakter aus deutschen Zügen und Lebensräumen zu finden („das laute Gespräch“, „der Lesende“, „der Telefonierende“ …), all das kann ich schwieriger herauslesen. Dass das Stille und Unauffällige manchmal doch nicht zu Tage kommt, darum soll es in einem anderen Teil gehen.

じゃあ、またね!
* Bis bald!

Teil 2: Das Kapitel S.

Lassen wir es Tag vier oder fünf gewesen sein, da folgte ich meinem Zimmer im riesigen Beton-Wohnblock Hachiojis in Richtung Wohnbereich. Ich schaltete die inzwischen schon zum Freund gewordene Klimaanlage aus, quetschte mich durch den winzigen Flur – in ihm wird es schwierig, wenn mehr als eine Person passieren möchte – und öffnete die hölzerne Schiebetür zum Wohnzimmer. Mit Verwirrung zeigte ich nach draußen und gab S. (manche sagen ihr nach, ihr Name klinge im Japanischen nach Musik) zu verstehen, dass mich das Geräusch verwirre. Ob das vom Zugverkehr oder von den Strommasten käme, erfragte ich. Nein, nein. Das habe nichts mit Elektronischem oder Technischem zu tun. Das sei nur das, was man im Japanischen 蝉 („Semi“) nenne – japanische Zikaden im Sommer. Auch als ich täglich von Minami-ozawa, meiner täglichen Zugstation, nach Hause lief, zwei Wochen später im wichtigen Ueno-Park, immer das Gleiche: Ein schillerndes Pfeif- und Zirpkonzert. Sie könnte fast romantisch sein, die sogenannte Art Tanna japonensis, wenn sie nur nicht dezent wie ein Tinitus klänge.

Nun möchte ich aber meinen Einstieg in West-Tokio nicht auf Grillengezirpe reduzieren. Gewiss nicht. Da diese Anfangszeit sich in drei Worten zusammenfassen lässt, möchte ich diesem Text diese Themen meines Alltags widmen: S. und meinem Sprachlehrer und Überbleibsel. Denn das ist mein Tag zwischen den äußersten Rändern Tokios und darüber hinaus, Hachioji und Saitama, pendele ich vier Stunden für dreieinhalb Stunden Sprachunterricht bei meinem Lehrer – zu diesem spritzigen Typen gleich mehr. Die Zwischenzeit ist gar nicht so viel Zwischenzeit. Es ist das, was ich als hier Überbleibsel nennen möchte – die Gedanken zu Eigenschaften, die mir neu sind sowie Unternehmungen in Stadtteilen und notierbare Begebenheiten. Alles zwischen dreineinhalb Stunden Sprachunterricht und vier Stunden im Tokioter Zugbetrieb eben.

S. ist vermutlich schon eine Ausnahmejapanerin. Nicht nur, dass meine erste Gastmutter aus Hachioji mit vier Söhnen weit über der Fertilitätsrate Japans liegt (ca. 1,15 Kind) und im Stande ist, in flüssigstem Englisch zu kommunizieren. Überdies hat sie ihre Söhne nach ihrer Scheidung allein großgezogen. Dass es im Japanischen Schulsystem Formen wie die der 塾 (Juku/Cram School) gibt, hinterfragt sie dabei. „Juku“ ist eine Zusatzlern- oder Nachhilfeschule, die von zwei Dritteln aller Japaner nach der regulären Schule, manchmal bis in die Abendstunden, besucht wird. K., der Jüngste und derzeitige Juku-Schüler, kam dabei teilweise kurz vor 22 Uhr zurück nach Hause.

Wenn sie nicht für ihren Gast (huch, das bin ja ich) Reis zubereitete, weil dieser unverschämt viel davon mit einer pikanten Soße namens „Death“ mochte, beginnt sie ihren Tag mit 25 Minuten Yoga. Und plötzlich erscheint die Jugendlichkeit von so manchem Japaner gar nicht mehr so verwunderlich, wenn eine fast 60-Jährige in Renkpositionen gerät, in die ich beim Suchen meines Handykabels unterm Bett gelange. S. nahm mich nach Jetlag-Müdigkeit an Tag 3 und 11 mit an einen Flusslauf am Rande der Präfektur. Nach 60-Stunden-Reise und humiden 34 Grad durfte ich für mein Ankommen in Japan belohnt werden. Der äußerst extrovertierten und herrlich-komischen Freundin von S. war ihr Schlappen weggespült worden. Und nach all der Hitze, Hektik und Humidität durfte ich mich im türkisen Flusslauf auf einen Wasserfall zu treiben lassen, um im im waldigen Bergtal den Schlappen zu ertauchen. Frenetischer Applaus. Und so stand an Tag 3 nur zirka drei Stunden vom Tokioter Zentrum entfernt ein Satz über diesem Idyll, über diesem Tag. Der Satz der Freundin: „Willlkommen in Japan!“

Wenn S. nicht mit uns zum Flusslauf aufbrach, erzählte sie mir davon, wie sie einmal als einzige Freiwillige in einer Gruppe einen Elefanten wusch, oder von der Großartigkeit ihres Großvaters. S. hatte sich als Jugendliche für eine Rezeptionisten-Stelle unter ganz vielen, so sagte sie, attraktiven Mitbewerberinnen zurechtfinden müssen. Kurzum: Sie kam sich ob der Attraktivität der anderen nicht hübsch genug vor, sagte sie mir. Zusätzlich erzählte ihr eine ehemalige Stewardessen-Ausbilderin immer, ihr Grinsen solle freundlich-höflich sein (wie es sich für japanische Manier gehört), nicht aber breit, weil sich das für ihren großen Mund nicht eigne. Um die Niedergeschlagenheit seiner Enkelin wissend, betrat ihr Großvater irgendwann die Halle, in der eine unternehmerische Versammlung tagte und hunderte Menschen Platz fanden. Er holte aus und rief quer in den Raum: „Egal, was andere sagen mögen, du bist die schönste Frau in diesem Raum und in der Welt!“ Damals schämte sie sich in Grund und Boden und entfloh dem Saal, heute werden iher Augen bei dieser Geschichte immer glasig, berichtete sie.

N., seines Zeichens „Allrounder“ bei meiner Gastorganisation, dürfte durch sein rotes Haar und seine Tattoos, durch das Abholen vom Flughafen Narita schon aus Part I bekannt sein. Gelegentlich lässt er als Sprachlehrer beim dreieinhalbstündigen gemeinsamen Lernen Situationen seines Lebens fallen. Dass seine Freunde ihn „野宿王“ (Nojuku-ō) nennen, zum Beispiel. Der Ausdruck „König des Draußenschlafens“ geht darauf zurück, dass es ihm schon dreimal widerfahren ist, in Parkanlagen einzuschlafen. Wenn nicht diese Geschichten zum Lachen anregen, dann ist es sein „Richie Kotzen“-Fan-Shirt, das unter Deutschen durch den auffallenden Nachnamen etwas belacht wird, oder seine generell schelmische Art. Neben japanischen Ausdrücken und Beispielsätzen taucht gelegentlich Skurriles auf.

Die Blüte eines japanischen Gullydeckels

Wussten Sie, dass das Japanische unterschiedliche Zählwörter für unterschiedliche Gegenstände hat – für Langes, für Essen, für Tiere (jeweils größer als der Mensch und kleiner als der Mensch) für häufig Zählbares (wie Papiere oder Scheiben Brot)? So als würden wir sagen „zwei Flaschen Wasser“, aber „zwo Stifte“, „zwä Eimer“. Das Highlight: Für Vögel gibt es eine eigene Zählkategorie. Das noch größere Highlight: Hasen oder Kaninchen zählen aus Traditionsgründen zu dieser Kategorie dazu. Klar. Interessant wurde es auch, als wir erfuhren, dass „blau“ (ao) Bestandteil für die Bezeichnung von Obst ist, das nicht blau ist. Letztlich amüsiert mich auch die Bezeichnung „chinpira“ チンピラ- ein Ausdruck für Gang- oder Bandenmitglieder (zum Beispiel der Yakuza), die durch ihren niedrigen Rang, ihre billige Kleidung dem Ruf der Bande schaden. N. sagte bei einer unserer vielen Fragerunden zum Integrieren japanischer Ausdrücke auf seine Frage „Was ist mein Lebensziel?“: „Menschen zum Lachen und Interessewecken bewegen“. Dieser Absatz und seine erfrischende Energiegeladenheit sollen Ihnen in diesem Absatz zeigen, dass ihm das gelingt, dem König des Draußenschlafens.

Nun und zwischendurch, da begegnen mir die Momente, die ich „Überbleibsel“ nenne. Die Notizen. Dass ein japanisches Lächeln, selbst ein frenetisches Lachen, häufig genauso schnell vergeht wie es kommt und das sei völlig wertfrei gesagt. Ich kenne das Lachen, wenn es ausklingt und sich langsam absenkt. Hier geht man, so scheint es, oftmals zum nächsten Tagesordnungspunkt über. Notizen wie die Peinlichkeit, in der ich mich wiederfinde, wenn ich versehentlich beim Gehen esse oder meinen Rucksack im Zug vorne zu tragen vergesse (aus Platzgründen und Gründen der Vermeidung von sexuellen Übergriffen, quasi als Pakt ist es hier Usus) oder wenn ich mir als Dauerallergiker meinen Schnupfen nicht wie Japaner oftmals hochziehe (ja, das klingt eklig und ist es auch – alles sollte man sich vielleicht nicht umgewöhnen). Die Schönheit eines japanischen Gullydeckels mit mandalaartigen Blüten-Bildern stehen in diesen Notizen oder Sehenswertes wie der Shinobazuno-Pond im Ueno-Park: von der kleinen Halbinsel des Shinobazu-Pond-Betendo (buddhistischer Tempel) blickt man nämlich direkt auf das Meer auf Lotus-Pflanzen. Hinter ihnen, diesem Meer aus Grün und manchmal Pink, wachen die Betonbauten des Metropolenlebens.

Lotuspflanzenmeer
Vor den Zebrastreifen von Shibuyas berühmt-berüchtigter „Alle-gehen-Kreuzung“

Sehenswert und viel besucht: der Shinobazu-Pond im Ueno-Park und vor den Zebrastreifen von Shibuyas berühmt-berüchtigter „Alle-gehen-Kreuzung“. Zum Schluss noch eine Begebenheit mit S., dem Drittältesten der Familie. Wir sind auf der Fahrt vom ländlich-bergigen Nagano, wo die Familie eine Art familiäre Wohnung als Ort für ihre Obon-Feiertage nutzt, nach Hachioji. Nach meinem Musikgeschmack und ein paar angespielten Songs, seien es Nina Simone und Frankie Valli gewesen, fragt mich S., ob es denn auch deutschen Soul gebe, den ich empfehlen könne. Sofort fällt mir Manfred Krugs Album „Ein Hauch von Frühling“ von 1972 ein. Es war mir erst einen Monat zuvor empfohlen worden. Während die ersten Trommeltöne von „Wenn’s draußen grün wird“ erklingen, merkt S., dass ihm das etwas sagt. So realisierte ich, dass dieser Mittzwanziger am anderen Ende der Welt das nischenhafte Album „Ein Hauch von Frühling“ aus den 70er-Jahren als eines seiner favorisierten Alben abgespeichert hatte. Dafür reise ich gern.

読んでいただきありがとうございます!
* Danke für Ihre Aufmerksamkeit

Kapitel 3: Zwischen kleinen Herausforderungen und den Yomiuri Giants

Ich kann nicht leugnen, dass ich etwas stolz war, als ich endlich diesem Mann von „Atom Security Service“ online gegenübersaß. Beworben, angenommen, zum digitalen Vorstellungsgespräch eingeladen, Sprachbarriere sicherheitshalber durch Übersetzungsmöglichkeit überwunden – und nun war ich hier. Zu Ende des Gesprächs begann dann der Herr, der etwas von einer japanischen Version Gérard Depardieus hatte, jedoch von Dokumenten zu erzählen, die ich noch benötige – Meldebescheinigung, Nicht-Meldebescheingung, Verpfändungsurkunde sowie ärztliches Attest über keine vorhandene Alkohol- oder Cannabissucht. Schluck!

Nicht weil ich cannabissüchtig bin – zumindest nicht, dass ich wüsste -, sondern, weil ich ihn vor mir erblicke: nicht den Mann, sondern den Berg der japanischen Behörden, die ich erklimmen muss. Wie ein 62-jähriger Mann namens K.(-san) (das -san hängt man im Japanischen bekanntlich obligatorisch beim Nennen dran) mir dabei half und warum ich vermutlich nicht an Kreuzungen Passanten und Autos regele, das erfahrt ihr in den heutigen Zeilen.

Von vorne: K.? Wer war das nun? Ein Mann. Fristete ich nicht die letzten Wochen mein Dasein in weiblichem Gasthaus? Bevor ich zu meiner vorerst letzten Gastfamilie vor einem kommenden Winterumbruch vermittelt wurde, stellte man mir im zweiten Gasthaus eine namenhafte Person vor. „Ein intelligenter Mann. Wenn ich eine Frage habe oder ich Rat brauche, konsultiere ich K.“, meinte meine Gastmutter noch. Und da legte sich in meinem Kopf filmartig nun eine Akte um diesen mysteriösen gesichtlosen Mann an. „… und falls du nicht daheim bist, gib K. in jedem Falle Bescheid! Er mag es nicht, wenn Essen weggeschmissen werden muss.“ „Respektabel“, dachte sich mein umweltbewusstes und genauso manchmal unzuverlässig-tollpatschiges Wesen. Und als wir im Auto saßen würde ich fragen: „Spricht er Englisch, so wie meine Gastmütter Englisch sprachen?“ „Das tut er“, erklärte mir Hiro (so kürzt man landläufig ihren Namen ab), „K. zieht es aber vor, mit seinen Gästen Japanisch zu reden.“

Nun, seit jener Autofahrt hat sich in meinem Alltag bei S. und Hiro so einiges geändert. Wann immer mein träger Körper sich um 08:00 Uhr japanischer Zeit (+7) eine steile, fichtenholzartige Stiege herunterschleppt, erwacht ein Teil dieses Körpers immediat. Der Grund ist, dass nun die erste Lektion des Tages beginnt. Zu Morgen und zu Abend wartet auf mich ein traditionelles japanisches Essen auf meinem Teller – ob 秋 刀魚,さんま (sanma – Makrele aus der kühlen Nordinsel Hokkaido), 天麩羅 (tempura – frittiertes Gemüse oder Meeresfrüchte) oder 味噌汁 (miso shiru – Misosuppe) – es ist mir nun bekannt. Der Besitzer einer juku, einer abendlichen Schuleinrichtung (ich berichtete schon von ihr), legt mir zum Essen das passende Kanji-Schriftzeichen hin, deutet auf der Japan-Karte auf die entstammende Region, reicht mir den Zettel und trägt mir auf, das Kanji auswendig zu lernen. Ohnehin ist Englisch, wie damals berichtet, nur Ausweichsprache. Nun, und dieser herrlich angenehm-anspruchsvolle Mann führt mich in allerlei Fisch- und Nudelspezialität ein. Er sagte begeistert nach einem Soba-Restaurant (also Buchweizennudeln, die man zu meinen Ungunsten oft kalt isst) mit einem Schmunzeln zu mir: „Dort gab es noch viele Gerichte. Es gibt noch viele Fische. Lass sie mich dir zeigen!“ K. lässt mich um acht Uhr Fische probieren, er lässt mich mehr Japanisch implementieren, er lässt mich うどん (udon), ラァメン (die berühmten aus dem Chinesischen herübergeschwappten Ramen) und andere Nudeln probieren.

Er war es auch, der sich sofort bereiterklärte, mit mir bei diversen Verwaltungseinheiten die Dokumente zu beschaffen. Neben den anderen Bewerbungen schien nämlich zwischen Restaurantservice, Sprachlehrerjobs nichts anderes in Aussicht: fehlendes Japanisch-N-Level (N1-N5), ausbleibende Antwort (es wird beizeiten eher „respektvoll ignoriert“ als „unhöflich abgesagt“) oder geschlossene Stellen – diese Security-Stelle schien am Abend die einzige Möglichkeit. K. hakte zuversichtlich zwei der Dokumente auf einem Schmierzettel ab, plante für Mittwoch die letzten und schloss vergnüglich ab: „perfetto“ (es klang Japanisch, Italienisch und Englisch zugleich). Der 62-Jährige, mit und grau-meliertem Mittelscheitel und kurzem weißen Hemd, nickt mir freundlich zu, schaltet sein Handy, das um seinen Hals in der Hemdtasche verstaut wird, aus und entflieht nach oben. Er steigt die Treppe schneller hoch als ich.

Sprachkurs abgeschlossen und fünf Jobbörsen durchstöbert. Falls diese Räume zwischen K.-Fischen und der Suche nach einer Stelle neben Convenience-Stores, konbinis, (das sind die typischen Mini-Supermärkte von „Seven Eleven“ oder„Lawson“) Räume lassen, verbringe ich sie wie folgt:

■ Ich stöbere durch das Gelände des „Meiji Jingu“, des Meiji-Schreins aus der reformträchtigen Meiji-Ärä (im 19. und 20. Jahrhundert). Hat man sich vor dem torii, den bekannten Toren in der Nähe des Schreins, verneigt und pflichtgemäß Hände und Gesicht gewaschen, kann man die abgerundeten Dächer auf dem riesigen Hof bestaunen, klatschend dem Meiji-tennō huldigen, Ema, also Dankes- und Bitttäfelchen, schreiben oder nur dem Zikadenzirpen im Yoyogi-Park lauschen. Zugegebenermaßen: eine volle Touristenattraktion ist es schon.

■ Ich betrachte von außen die befremdlichen und skurrilen Welpen- und sogar Minischwein-Stores (das sogenannte „Mipig+café“ in der Nähe der Harajuku-Station), in denen boxenartig oder frei Tiere präsentiert werden müssen. Mir zu skurril!

Es könnte fast süß sein, wenn es nicht so befremdlich
wäre – der mipig-Store in der Takeshita Street

■ Ich bediene mich der x-fachen Automaten und schlürfe Eiskaffee – so ist es die japanische Lebensform. Warum im „Family Mart“ kaufen, wenn sie an jeder Straßenecke erhältlich sind?

■ Ich betrachte das NTT-Docomo-Building, das viertgrößte Gebäude in Tokio, ein Mobilfunkanbieter). Es wirkt wie ein japanisches Empire-State-Building-Pendant.

■ Ich empfehle: Einmal bei einem japanischen Baseball-Spiel dabei sein. Gestern beäugte ich im aufgeblähten „Tokyo Dome“ das Spiel „Yomiuri Giants“ (Tokio, 39-facher Meister) versus „Hiroshima Tōyō Carp“. Wer meint, das wäre zu amerikanisch, irrt. Japan hat seine ganz eigene Baseball-Szene (wer mitlernen möchte: Das japanische Wort hierfür ist yakyuu). Und ich wunderte mich damals noch, warum Baseball als Vokabel bei Duolingo aufploppte. Ha, Naivling! Wer sich an mindestens drei Stunden, Müdigkeit oder dem Regelwerk desPitchens und der Innings nicht reibt, sollte einem solchen Spiel unbedingt mal beiwohnen. Selbst mir als Sport-Fan-Legastheniker kam bei den Fanchören und dem Anfeuern eine Gänsehaut auf.

Der Autor im Tokyo Dome

Am Abend: Nachdem K.-san mich absoluten Alkoholabstinenzler schon im Eifer der Begeisterung dazu gebracht hatte, einen Schluck vom „Golden Kölsch“ zu nehmen. Ein Bier, das Deutsch klingen soll, so verkauft wird, aber nicht sonderlich Deutsch wirkt, kriegte er es irgendwie auch hin, mir im Unagi-Restaurant (also: Aal) Asahi einzuschenken. Ich rekapituliere im Kopf, dass ich schon zwei Mal den Satz „doitsude biru wa yumei desu, demo watashi wa sake nomimasen) gesagt habe. „In Deutschland ist Bier sehr berühmt, aber ich trinke keinen Alkohol.“. „Sake“ steht bei uns für den japanischen Reiswein. Hier ist er der Überbegriff für Alkohol. Auch hatte ich an jenem Abend ebenso zweimal „Kaffee mag ich lieber als Bier“ in Japanisch gemeint.

Nun steht dort für mich verzweifelten Nichttrinker eine halbe Flasche Asahi, die ich mir mit K. teile. Ich schmunzele ihn im Sinne von „Ach, K.“ an und trinke mich seufzend meinem Trinkethos entziehend. Als ich beim Thema Familie und Alter frage, wann sein Geburtstag ist, entgegnet er: gestern. Im Übrigen ist es alkoholtechnisch deutlich restriktiver. Während man in Deutschland harten Alkohol ab 18, Bier und Wein ab 16 und auf so manchem Dorf mit Einstimmung der Eltern ab gefühlt 12 Jahren konsumiert, ist es hier erst ab 20 Jahren gestattet. Und wenn nicht der sich umsorgende, mich an alles heranführende Japaner K. mir nach seinem Geburtstag begeistert Asahi hingereicht hätte, dann sind mir diese Restriktionen auch äußerst sympathisch.

Unterwegs im nächtlichen Edogawa

Kurz vor dem Schlafengehen: nach Mitternacht gehe ich die hölzerne Stiege mal wieder hinab. Ich bin auf dem Weg zum Kühlschrank. Ein Ereignis lasse ich mir nicht entgehen. K. hatte nach meiner Begeisterung für mich eine Wochenration Yakult, das japanische Actimel-Pendant, ersteigert. Äußerst sicher hatte ich mich mit den zwei freudestrahlenden Damen von „Yakult Ready“ (ein Yakult-Bringdienst) mit Yakult-Helm, Yakult-Tasche, Yakult-T-Shirt (keine Produktplatzierung) unterhalten. Genau so lange gekonnt und stilsicher, bis sie, über mein Sprechen begeistert, etwas fragten und ich nicht das Geringste davon verstand und verstummte. Dann bin ich wieder schmunzelnd in den Standby-Modus abgedriftet, habe nett gelächelt und kam mir wie so oft wie der Hund der Familie vor. Ich stehe um 00:30 Uhr am japanischen Kühlschrank, reiße den Metallverschluss ab und nehme zum Schlafen das süß-milchig-trübe und nichtalkoholische Fläschchen zu mir. Dabei denke ich: „Ich weiß, welches Baseball-Team am besten zu mir passt – die Mannschaft „Tōkyō Yakult Swallows“ (die gibt es wirklich).

江戸川区からご挨拶します- Edogawa-ku kara go-aisatsu shimasu!
* Ich sende Grüße aus Edogawa(-ku)!

Jesper Schwarzer – 10/09/25 – Edogawa, Tokio

PS: Der Security-Job ist seit einem angenommenem Vorstellungsgespräch für eine Video-Host-Stelle einer Lernplattform für Sprachen auf Glatteis gelegt. Ich bin nun auf dem Weg zu einer Probe.

Wird fortgesetzt …

Inhalt
Ankommen und Skurrilles im Metro-Verkehr
Das Kapitel S.
Zwischen kleinen Herausforderungen und den Yomiuri Giants
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von Jesper Schwarzer
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Kommentare


  • Ario Neurenberger sagt:

    Ein qualitativ hochstehender Beitrag, der einen gelungenen Anfang einer Reihe bildet. Spürbar ist die Liebe zur Sprache in der Ausdrucksweise zum Einen und in dem Umgang mit der Idee einer Japan-Reise.
    Ich wünsche beste Grüße und alles Gute!

    (Hehres Flohbeißen Jesper…)

  • Daniela Newe sagt:

    Wow, Jesper. Toll geschrieben. Das werde ich auf jeden Fall verfolgen.
    Wünsche Dir weiterhin eine megatolle Zeit in Japan.
    Liebe Grüße Dani aus Edesheim

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