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Was jüdische Gräber über Wunstorfs Geschichte erzählen

09.06.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 1101

Das neue Buch „Im Licht des Lebens“ rekonstruiert das einst jüdische Leben in Wunstorf anhand der Grabsteine des jüdischen Friedhofs an der Nordrehr.

09.06.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 1101
Buchvorstellung
Michael Fürst (li.) zeigt das Buch von Eberhard Kaus (re.) | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds). Wenn man an jüdisches Leben in Wunstorf denkt, dann fällt den Menschen wenig dazu ein – denn es gibt keines mehr. Es kommt vielleicht noch ins Bewusstsein, wenn man den historischen Weg ins Hölty-Gymnasium wählt oder von der jährlichen Kranzniederlegung am Denkmal an der Abtei für die deportierten und getöteten Wunstorfer Juden hört. Man solle das Judentum in Wunstorf aber nicht nur unter dem Aspekt der Shoa betrachten, sagt Eberhard Kaus. Der pensionierte Hölty-Lehrer, Theologe und Autor veröffentlichte im vergangenen Jahr sein Buch „Im Licht des Lebens“.

Im November wurde es der Öffentlichkeit vorgestellt. Verleger Dietrich zu Klampen, Autor Eberhard Kaus, Bürgermeister Carsten Piellusch und der Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, waren zur Buchvorstellung ins Wunstorfer Rathaus gekommen. „Jüdische Menschen haben Wunstorfs Geschichte mitgeschrieben und geprägt“, sagte Piellusch in seinen Eröffnungsworten. Doch nach dem Holocaust war die Alltagskultur des deutschen Judentums auch in Wunstorf vollständig zerstört. Fürst flocht einen philosophischen Ansatz in seine Begleitworte ein, stellte viele grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Erinnerungskultur in den Raum, um dabei weit in die Geschichte der deutschen Juden zurückzugehen. Er erinnerte an berühmte Juden, die in der Region lebten: Emil Berliner, der 1887 in Hannover das Grammophon erfunden hatte. Bekannte Wunstorfer Juden sorgten einst ebenso dafür, dass der Name der Stadt weit in die Lande getragen wurde, ergänzte Kaus.

Grabsteine bis zur Ewigkeit

Auch auf die Rolle der Friedhöfe im jüdischen Glauben ging Fürst ein: „Für uns Juden sind Friedhöfe etwas ganz Besonderes.“ Denn eine jüdische Gemeinde ohne Friedhof sei keine jüdische Gemeinde. Die Grabstätten seien wie die Mikwen von überragender Bedeutung für das jüdische Leben. Sie seien auf Ewigkeit angelegt. „Juden kaufen ihre Gräber, sie mieten sie nicht“, brachte es Fürst auf einen Satz. Wenn der Messias komme, müsse ein Jude noch dort liegen, erklärte er den Unterschied zu den Bestattungsformen anderer Religionen. Feuerbestattungen im konservativen Judentum, das gebe es deswegen gar nicht.

Entsprechend unverändert die Zeiten überdauert haben viele Gräber, die auch heute noch einen Blick ermöglichen in die einst hiesige jüdische Kultur. Das Buch, das Kaus anhand der jüdischen Gräber in Wunstorf schrieb, ist daher mehr als ein Buch über jüdische Friedhöfe – es ist ein Geschichtsbuch. Die ersten Gräber entstanden in der Napoleonischen Zeit, die letzte jüdische Bestattung auf dem Friedhof war 1938.

Signierung
Bürgermeister Piellusch lässt sich sein Exemplar von Eberhard Kaus signieren | Foto: Daniel Schneider

Verleger zu Klampen würdigte die Leistung des Autors als eine „detektivische“: 5 Jahre lang hatte Kaus an dem Werk geschrieben. Heimatforscher Heiner Wittrock, der sich mit der Veröffentlichung zu jüdischem Leben in Wunstorf zur Zeit des Nationalsozialismus einen Ruf erarbeitet hat, saß im Publikum und stand am Ende der Präsentation auf, um Kaus besondere Anerkennung auszusprechen für sein Werk. Bereits der Einleitungsteil führt weit hinein in die Darstellung des verloren gegangenen jüdischen Lebens in Wunstorf und lässt den Leser eine Ahnung davon bekommen, wie stark verankert jüdischer Glaube und Alltag auch in der Auestadt waren. Der Hauptteil des Buches widmet sich dann im Einzelnen den Inschriften der 90 Grabsteine des neuen jüdischen Friedhofes in Wunstorf, die in der Regel einem speziellen Muster folgen und auf Bibelverse Bezug nehmen. So heißt es etwa auf dem Grabstein der 1893 verstorbenen Friederike Mendel:

„Hier ist verborgen die bescheidene und teure Ehefrau. All ihre Tage ging sie auf geradem Wege, beliebt bei all ihren Bekannten, und den Armen breitete sie ihre Hände aus (…).“

Die Grabsteine sind im Buch abgebildet, ihre hebräischen Inschriften werden wiedergegeben und neu übersetzt, die jeweilige Person beschrieben sowie die Besonderheiten und Merkmale des Grabes kommentiert. Bereits jeder der Grabsteine selbst erzählt eine Geschichte über den Bestatteten. Das Buch von Eberhard Kaus macht diese Geschichten nun allgemein zugänglich und vertieft sie durch viele Hintergrundinfos und Erklärungen. Die genauere Auseinandersetzung mit den in Wunstorf bestatteten Juden zeichnet ein Bild der Menschen, das die Vergangenheit für einen Moment wieder lebendig werden und zugleich eine starke Faszination nicht nur für die jüdische Bestattungskultur entstehen lässt, sondern den Weg der Erinnerung wiedereröffnet an die jüdischen Wunstorfer.

Im Licht des Lebens – Das jüdische Wunstorf im Spiegel seiner Gräber (1830–1938)
283 Seiten
zu Klampen Verlag, Springe, 2021

zuerst erschienen in Auepost Extrablatt 04/2022

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