
Auepost: Dein Konzert ist mehrmals verschoben worden, warum gerade jetzt nach Wunstorf? War Wunstorf der einzige Termin?
Patricia Kelly: Das Konzert wurde tatsächlich einmal verschoben, um ein Jahr. Umso schöner, dass wir das Konzert nun spielen konnten. Ich habe in diesem Jahr vereinzelte, exklusive Open Airs gespielt, und Wunstorf war eines davon.
Wie führt man ein kreatives Leben?
Auf jeden Fall nicht eintönig, man hat vieles zu tun: Reisen, Menschen kennenlernen. Aber ich brauche auch die Stille. So habe ich zuhause kein Radio laufen und auch keinen Fernseher. Mein Leben ist unterwegs sehr belebt und zuhause brauche ich dann den Gegenpol. Das ist für mich wichtig, um meine innere Kreativität hören zu können. Wie Gedanken hat die Kreativität eine Stimme und wenn man die immerzu mit Geräuschen übertönt, hört man sie nicht mehr. Wichtig ist es auch, sich nicht immer nur im gleichen Kreis zu drehen, sondern sich auch andere Lebenssichten anzuhören.
Wie war die Zusammenarbeit mit Luca Hänni? Von wem stammt die Idee?
Die Zusammenarbeit war phantastisch, er ist ein sehr positiver Herzensmensch. Wir haben viel gealbert und gelacht. Er hat eine tolle Leichtigkeit, die ich sehr schätze. Sehr herzlich und zuvorkommend, anderen Menschen zugetan mit einem unglaublichen Humor. Ein bisschen „Everybodys Darling“, im besten Sinne. Es war eine Freude mit ihm den Song „Not Everyones Darling“ zu singen und auf Promotour zu gehen. Wir hatten tolle gemeinsame Tage.
Hast du in Wunstorf ein neues Stück gespielt?
Ich habe beim Konzert viele Songs meines aktuellen Albums „Unbreakable“ gesungen. Aber auch zwei Stücke, die ich bei „The Masked Singer“ gesungen habe, wo ich im Frühjahr teilgenommen habe und es bis ins Finale geschafft habe.
Was unterscheidet dich von anderen?
Das ist schwer selbst zu beantworten, das muss wahrscheinlich jemand tun, der mich kennt. Sich selbst zu beschreiben ist nicht so einfach. Ich lerne immer mehr über mich selbst, aber habe nicht den Blick von außen auf mich. Deswegen ist es wichtig, ehrliche Menschen um sich zu haben, die einem Feedback geben. Nicht nur zu den guten, sondern auch zu den nicht so guten Dingen. Grundsätzlich bin ich ein positiver Mensch von Natur aus und bin dafür sehr dankbar. Ich arbeite aber auch hart und bin eine fleißige Biene. Ich habe den Ehrgeiz, dass wenn ich etwas tue, ich es richtig mache. Und ich denke, ich bin ein herzlicher Mensch, dieses Feedback bekomme ich oft. Ich denke, das ist auch das Wichtigste.
Was ist dein Extratalent?
Ich bin kein großer Freund von Talent. Mir ist nichts geschenkt worden, ich habe mir alles erarbeitet und nichts in die Wiege gelegt bekommen. Von der Stimme bis zum Songwriting und alles, was ich mir als Unternehmerin in den letzten 30 Jahren erarbeitet habe. Talent hat damit nicht so viel zu tun, würde ich sagen. Ich glaube, das harte Arbeit das Talent ersetzt.
Warum ist Musik die größte Kunst?
Kunst allgemein, ob es Musik ist oder Malerei, würde ich nicht unter ein Ranking stellen. Ich finde nicht, dass die Musik die größte Kunst ist. Kunst ist individuell und etwas, was der Mensch brauch. Nicht zum Überleben, wie Brot und Wasser, aber für die Seele. Der Mensch hat die Fähigkeit, Kunst zu produzieren. Jeder Mensch. Aber es ist wie ein Muskel, den man trainieren muss.
Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
Ich habe zum ersten Mal für „The Masked Singer“ mit einer Maske auf dem Gesicht gesungen. Das war eine große Herausforderung für mich. Ich singe seit über 45 Jahren, und das habe ich so vorher noch nie gemacht.
Ich singe seit über 45 Jahren, und das habe ich so vorher noch nie gemacht.
Fliegen, unsichtbar sein, Laseraugen – welche Superkraft hättest du gerne?
Gar keine, ich bin ganz glücklich wie ich bin. Ein normaler Mensch. Wir haben so viele Superkräfte geschenkt bekommen, derer wir uns vielleicht nicht bewusst sind immer. Dass wir überhaupt leben, dass sich unsere Augen bewegen, dass ich hier spreche. Dass wir lieben, arbeiten … Das alles ist Superkraft.
Welches Buch hast du zuletzt gelesen?
Ich lese gerade ein Buch über Zucker, also Ernährung.
Was bedeutet Essen für dich?
Gutes Essen ist natürlich lecker, und es kann auch eine Kunst sein. Es gibt ein paar Gerichte, die ich gegessen habe, die wie eine Explosion waren. Aber Essen ist auch eine Verantwortung. Man kann sich damit gesund machen, aber auch krank. Ich habe im Leben gelernt, wie wichtig gesundes Essen ist. Wenn ich unterwegs bin und schlecht esse, geht die Energie runter. Im Moment verzichte ich auf Zucker, Weizenmehl und Fleisch. Mein Körper braucht ein bisschen Detox.
Hast du dich selbst gefunden und, wenn ja, wo?
Ich würde sagen, ich habe zu mir gefunden. Wobei ich glaube, dass sich das von Monat zu Monat und Jahr zu Jahr entwickelt. Der Prozess ist ja nie fertig. Jedes Alter bringt neue Entdeckungen, das finde ich sehr schön.
Hast du Stücke, die du immer wieder spielen kannst, und welche, die du nicht mehr hören magst und sie trotzdem spielst?
Es gibt einen Solosong von mir, der heißt „I’ll Hide Under Your Coat“, den habe ich vor vielen Jahren geschrieben. Das ist ein Stück, das ich einfach immer wieder singen kann. Aber auch die Songs meiner letzten beiden Alben „Unbreakable“ und „One More Year“. Die sind mir alle wichtig, und die verjähren ja auch nicht einfach und bleiben aktuell, denn die meisten Themen sind zeitlos. Aber es gibt auch einige Songs der Vergangenheit, die man so oft gespielt hat, dass man sich nicht so sehr drauf freut, sie wieder zu singen. Allerdings haben die Menschen, für die man singt, Freude daran, und dann ist es auch schon wieder gut und man macht es doch irgendwie gerne.
Du hast schon überall gespielt, in Fußgängerzonen, Stadien, jetzt hier in Wunstorf … Fühlst du dich immer wohl auf der Bühne?
Für mich geht es nicht um die Bühne als solche. Auf der Straße gab es keine Bühne, die einen erhebt. Man ist auf Augenhöhe mit dem Publikum. Bühnen in Stadien und Arenen hingegen sind unglaublich groß. Mir geht es aber immer um die Musik, die Songs, die ich schreibe. Meine Musik dem Menschen rüberzubringen. Wo ich spiele, ist mir egal. Ob auf der Bühne, einem Wohnzimmer, einem Club. Auch ob das Publikum klein oder groß ist. Mein Anstreben ist es jederzeit, die Herzen der Menschen mit meiner Musik zu erreichen. Wenn ich an einem Abend nur einen Menschen erreiche, habe ich meinen Job als Künstlerin gemacht.
Letztes Jahr war dein Bruder Angelo hier in Wunstorf. Tauscht ihr euch aus über eure Auftritte und Erfahrungen?
Ja, wir tauschen uns untereinander immer mal aus und geben uns Tipps. Aber das passiert nicht ständig, weil wir alle sehr viel unterwegs sind. Wenn wir uns sehen, sprechen wir mehr über Privates oder Projekte, die vor uns liegen.
Mit welchen Figuren konntest du dich außerhalb deiner Familie identifizieren? Vielleicht auch fiktiv …
Ich war immer ein sehr bodenständiger Mensch und habe mich nicht so sehr der Fantasie hingegeben. Ich habe mich immer als ich gesehen, da bin ich etwas langweilig.
Womit gehst du dir selbst auf die Nerven?
Oft bin ich zehn Minuten zu spät. Es glaubt mir keiner, aber ich strenge mich wirklich an, pünktlich zu sein, aber schaffe es selten. Wahrscheinlich fange ich zu spät mit Vorbereitungen an … Das nervt mich schon ein bisschen.
Ich strenge mich wirklich an, pünktlich zu sein, aber schaffe es selten
Welcher Ort bringt dich zu deinem besten Selbst?
Zuhause. Ich reise sehr viel, alleine in den letzten zwei Wochen war ich in Italien, Spanien, Holland, Deutschland, Österreich. Das ist toll, weil Orte Kreativität mit sich bringen können. Aber das ehrlichste Ich bin ich zuhause. Wo mein Mann und meine Kinder sind.
Deine erste LP-CD?
Weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Aber ich war ein großer Fan von Céline Dion, und später kam Adele dazu. Wir sind viel gereist und hatten im Bus keine Plattenspieler. Ich hatte nicht die typische Jugend, in der man CDs oder Platten gesammelt hat. Als ich ein eigenes Zuhause hatte, also später, habe ich mir solche Dinge erst gekauft.
Wem spielst du zuerst deine Musik vor?
Meiner kleinen Familie, zum Beispiel meinem Sohn Iggi, meinem Mann und meinem anderen Sohn Alex. Aber auch meiner Family und Produzenten. Im Moment aber tatsächlich als erstes Iggi. Nicht, weil er mein Sohn ist, sondern weil er wirklich Ahnung hat – in manchen Sachen mehr als ich. Er hat ein Gespür für Musik, und ich mag es gerne, seine Reaktion zu sehen. Daraus kann ich lesen, ob es mit meiner Meinung übereinstimmt.
Kannst du dir vorstellen, mit deinem Sohn Iggi ein Album aufzunehmen?
Ich vielleicht, aber ich glaube Iggi nicht. Ich muss jetzt lachen, ich bin ihm nicht peinlich, aber ich bleibe doch seine Mutter. Er hat seine eigene Musik und arbeitet fleißig, kommt gut voran. Er entwickelt sich und wird immer besser in dem, was er tut. Seien wir ehrlich: Ich bin da überflüssig. Vielleicht ist es in 10, 20 Jahren anders, aber sein Musikgenre ist ein anderes als meins. But never say never.
Was sollten wir mehr tun?
Weniger arbeiten und mehr das Leben genießen.
Wenn das hier verwendete „ehrlich“ etwas mit Wahrheit zu tun hat, gilt nach wie vor:
Ein Mann, der die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd
(armenisches Sprichwort)
Allein das dieses nicht gegendert ist, reicht oft schon aus.