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„Schriftsteller sind die geborenen Verräter“

08.08.2025 • Malte Süß • 8 Min.Kommentare: 0

Er gilt als der Schöpfer des Ostfriesenkrimi-Genres, schrieb Tatorte, seine Romanverfilmungen laufen im ZDF. Und er liest in Wunstorf. Im Gespräch mit Schriftsteller Klaus-Peter Wolf.

08.08.2025
Malte Süß
8 Min.
Klaus-Peter Wolf | Foto: privat/Wolfgang Weßling

Welche Rolle spielt Ihre Herkunft für Sie?

Das Ruhrgebiet hat mich geprägt. Ich bin unter arbeitenden Menschen großgeworden, denen es eine Ehre war, gute Arbeit abzuliefern und etwas Sinnvolles zu schaffen.

Wie viel Ruhrpottkind existiert noch in Ihnen? Currywurst Pommes rot/weiß oder lieber frische Scholle?

Ich weiß eine gute Currywurst zu schätzen. Auch im Ruhrgebiet haben wir schon sehr gern Fisch gegessen. Ostfriesland war nicht weit.

Welche schlechten Angewohnheiten werden Sie einfach nicht los?

Ich bleibe ungeduldig, obwohl ich den Herrn oft gebeten habe, mir Geduld zu schenken – und zwar sofort.

Sind Sie materiell?

Ich verstehe die Frage nicht. Ja, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut und keine KI-Erfindung.

Was machen Sie, wenn Sie es sich schön machen wollen?

Dann gehe ich mit meiner Frau am Deich spazieren, nachdem wir in unserem Lieblingscafé gefrühstückt haben.

Welcher Ort bringt Sie zu Ihrem besten Selbst?

Immer die Nähe zum Meer. Am Meer spüre ich mich, weil ich nah an den Naturgewalten bin.

Was macht Sie traurig?

Dumme Menschen.

Sie lieben es … zu sein … zu machen?

Ich bin ein Schriftsteller. Ich liebe es, zu schreiben. Darin liegt die größte Freiheit, die ich mir denken kann.

Kurz zum Tatort: lieber Schimanski aus Duisburg oder Borowski aus Kiel?

Früher habe ich Tatorte geschrieben. Schimanski fand ich auch noch gut. Aber irgendwann drehte mir das zu sehr ab. Mit dem Zweiten sieht man besser …

Wie sehr hat Sie der Zivildienst geprägt?

Ich habe darüber sogar einen Roman geschrieben, und viele Figuren, die ich damals kennenlernen durfte, tauchen noch heute in meinen Büchern auf.

Wie kam es, dass Sie Kontakt zu einer Jugendbande hatten und dort gelebt haben?

Ich habe meinen Zivildienst in einem Jugendzentrum geleistet. Dort verkehrten auch Mitglieder einer Rockerbande. Ich glaube, sie kamen eigentlich, um mich zusammenzuschlagen, weil sie eifersüchtig auf mich waren. Ich habe einigen Mädchen, die zur Bande gehörten, Lesen und Schreiben beigebracht. Aus der Auseinandersetzung wurde der Beginn einer langen Freundschaft.

Rote Hosenträger, rote Schuhe, Mütze und Zopf … Wie ist das entstanden?

Bei einer Tournee hatte ich sehr abgenommen. Meine Mutter war krank. Wir mussten uns um sie kümmern, fuhren also sehr, sehr viel hin und her. Ich hatte Angst, dass mir die Hose auf der Bühne vom Hintern rutscht. Bettina kaufte mir im erstbesten Laden Hosenträger. Die waren rot. Ich trug sie während der gesamten Tournee. Sie waren auf zig Fotos und Videos. Später tauchten Gäste in den Lesungen auf, die sich mit roten Hosenträgern als Fans outeten. So entstand alles.

Sie waren in Ihrer Vergangenheit Mitglied der DKP, haben eine Bürgerinitiative für kurdische Asylbewerber gegründet und sind in der Welt, z. B. Nicaragua, herumgekommen. Wie stehen Sie zu Ihrer politischen Vergangenheit und wie politisch sind Sie jetzt?

Ich habe immer viele Erfahrungen gesammelt, an den Kämpfen in der Gesellschaft teilgenommen, und später war das der Steinbruch für meine Bücher. Ohne all diese Erfahrungen wäre ich jetzt ein anderer Mensch. Ich habe mich nie geschont, und Irrtümer gehören im Leben dazu. Wer glaubt, alles richtig gemacht zu haben, war einfach nur feige oder ein Idiot.

„Wer glaubt, alles richtig gemacht zu haben, war einfach nur feige oder ein Idiot.“

Jetzt machen wir einen harten Cut: Warum Ostfriesland?

Ich wollte ein großes Gesellschaftspanorama schreiben. So etwas muss klar im Hier und Jetzt verortet sein. Ich nahm den Ort, in dem ich lebe, denn dort kenne ich mich aus und dort leben die Menschen, über die ich schreibe. Auch die Landschaft ist ein Protagonist der Handlung. Davon profitieren auch besonders die Verfilmungen.

Können Sie gut allein sein?

Schreiben heißt immer auch, sich fast unsozial abzukapseln, um mit sich und dem Roman alleine zu sein. Wer nicht alleine sein kann, sollte keine Bücher schreiben. Die Verfilmung dagegen ist Teamwork.

Sind Sie ein guter Geheimnisträger?

Schriftsteller sind die geborenen Verräter.

Wovor schrecken Sie derzeit oder noch zurück?

Ich schrecke vor nichts zurück. Ich erzähle lustvoll meinen Stoff. Ich besuche Schulen, Universitäten und Gefängnisse. Da treffe ich oft ein fachkundiges Publikum.

Was hätten Sie gern früher gewusst?

Dass die Leserinnen und Leser manche Nebenfigur wie zum Beispiel Rupert so sehr lieben, dass daraus Hauptfiguren wurden.

Was war die beste Entscheidung Ihres Lebens?

Alle gut gemeinten Warnungen in den Wind zu schlagen und mich auf das Risiko des freien Künstlerlebens einzulassen.

Wie sind Sie geworden, wie Sie sind?

Indem ich mein Leben gelebt habe.

Ich nehme an, dass Sie Schalker sind. Wann waren Sie zum letzten Mal auf Schalke?

Ich bin kein Schalke-Fan. Ich interessiere mich für Filme und für Literatur.

Haben Ihre Figuren der Bücher autobiografische Züge?

Jeder Schriftsteller, unabhängig davon, ob er es zugibt oder nicht, und unabhängig, ob er es weiß oder nicht, erzählt immer von sich selbst. Denn auch unsere Phantasien gehören zu uns, wie unsere Erinnerungen. Im Roman „Ostfriesensturm“ gibt es den Schüler Niklas Wewes. Er ist mein literarisches Alter Ego. Ich war wie er, ich stand in den Konflikten, die er zu bestehen hat. Nur im Gegensatz zu ihm habe ich niemanden getötet.

Mir ist beim Schauen der Krimis etwas aufgefallen. Christiane Paul hat die Erste Kommissarin gespielt. Dann Julia Jentsch. Jetzt Picco von Groote. Wie stehen Sie dazu?

Es handelt sich um Romanverfilmungen. Wie viele Schauspieler haben James Bond gespielt? In einer anderen Reihe, die einfach fürs Fernsehen geschrieben wird, wie zum Beispiel beim Tatort, würde man eine Figur aus dem Rennen nehmen, wenn die Schauspielerin sich anderen Aufgaben widmen möchte. In meinen Romanen geht das nicht. Dann wird halt die Rolle umbesetzt. So facettenreich, wie Ann Kathrin Klaasen beschrieben wurde, musste keine Schauspielerin die andere nachmachen, sondern jede konnte eine ganz eigene Ann Kathrin Klaasen abliefern. Und trotzdem blieb die Kommissarin meine. Welcher lebende Autor hatte denn schon das Privileg, zu sehen, wie eine von ihm geschaffene literarische Figur von drei großen Schauspielerinnen dargestellt wurde? Mir fällt im Moment nur Georges Simenon mit Maigret ein.

Beim Bergdoktor und Bergretter gibt es Fantage bzw. Fantreffen. Gibt es das bei den ostfriesischen Krimis auch? Oder ist das für die Zukunft geplant?

Es gibt große Fangruppen und in Ostfriesland, in der schönen Stadt Norden, sogar ein Krimimuseum. Es hat 900 Quadratmeter.

Wo und wann können Sie loslassen?

Ein großer Teil meiner Festplatte im Gehirn ist immer im Ostfriesenkrimi-Universum. Ich wüsste auch nicht, warum ich es verlassen sollte. Es ist ein Ort, an dem ich mich sehr wohlfühle.

Zieht Sie noch etwas nach Gelsenkirchen?

Ich habe dort noch viele Freunde und jedes Jahr mache ich dort eine Lesung. Entweder im Stadttheater oder in der Heilig-Kreuz-Kirche.

Wo ist für Sie Ihre Heimat?

Da, wo die Menschen sind, die ich liebe.

Was wundert Menschen, wenn sie Sie besser kennenlernen?

Dass ich Züge meiner Figuren in mir trage. Ein bisschen Rupert und ein bisschen Ann Kathrin Klaasen.

Was haben Sie noch Wildes vor in Ihrem Leben?

Ich schreibe gerade an einem neuen Roman. Das ist ein großes Abenteuer. Ich hoffe, es zu bestehen.

„Es ist beim Schreiben nie um Geld gegangen.“

Wissen Sie, wo Ihre Fans leben?

Ich habe Fans auf der ganzen Welt. Es gibt die Bücher in vielen Sprachen, und die Verfilmungen laufen in 32 Ländern. Ein großer Teil meiner Fans kommt aus dem Ruhrgebiet, wohnt in Hessen, Niedersachsen und erstaunlicherweise in der Schweiz, wohin ich zweimal pro Jahr gemeinsam mit Bettina eine große Lesereise starte.

In Ihren Büchern geht es auch um Tod. Welches Verhältnis haben Sie zum Tod?

Ich bin unter anderem Schirmherr für ein Hospiz und arbeite an der Enttabuisierung des Themas.

Warum spielt gerade das „Café ten Cate“ eine Rolle in den Krimis?

In dem Café habe ich gesessen und meinen ersten Roman, „Ostfriesenkiller“ geschrieben. Damals kannten mich die Menschen noch nicht und ich konnte das dort unbehelligt tun. Später hat der Cafébesitzer, Jörg Tapper, den Stuhl und den Tisch, an dem ich den „Ostfriesenkiller“ geschrieben habe, dem Museum gespendet. Heute werden die Möbelstücke dort ausgestellt und ich besuche das Café immer noch ständig vor und nach meinen ausgedehnten Reisen. Auch viele Interviews finden dort statt. Bettina gibt vor dem Café Konzerte, zum Beispiel beim Piratenfest, und wir machen dort Signierstunden. Besseres Marzipan als dort habe ich auf dieser Welt noch nicht entdeckt.

Natürlich habe ich auf die Website des Cafés geschaut. Dort ist mir der Seehund „Ubbo“ und „Ruperts 3 Gänge Menü“ aufgefallen. Und, natürlich die Fanpakete. Wie entstand die Idee?

Während der Pandemie mussten Bettina und ich vierundsechzig ausverkaufte Veranstaltungen absagen. Menschen, die ihren Urlaub in Ostfriesland gebucht hatten, durften nicht kommen, Hotels und Ferienwohnungen waren zu. Auch mein Lieblingscafé musste schließen. Schnell kamen Jörg Tapper und ich auf die Idee, etwas für die Menschen zu tun, ihnen ein Stückchen Seelennahrung zu bieten. Sein Sohn Christian bastelte über Nacht eine Homepage zusammen. Man konnte dort signierte Bücher von mir bekommen und natürlich viele Leckereien, auch den beliebten Marzipan-Seehund. Das Ganze wurde ein durchschlagender Erfolg.

Wie viel Einfluss nimmt Ihre Frau auf Ihre Bücher?

Da wir ständig im Gespräch sind und uns künstlerisch austauschen, ist ihr Einfluss erheblich.

Millionen Bücher verkauft, übersetzt in 26 Sprachen: Sind Sie ein gemachter Mann?

Ich bin durch die Literatur längst das geworden, was man einen wohlhabenden Mann nennt. Ich habe Zeiten hinter mir, da wusste ich nicht, wie ich die Miete bezahlen sollte, und ich habe die Pfändungsbeamten geduzt, weil sie regelmäßig bei mir aufkreuzten. Es ist beim Schreiben nie um Geld gegangen. Als ich arm war, habe ich mit der gleichen Leidenschaft geschrieben wie jetzt.

Was zählt mehr für Sie: Ihr offensichtlicher Erfolg oder Kritik wie die folgende: Immer wieder dieselben Drehorte, kurzweilige Lektüre?

Ich bin ganz andere Kritik gewöhnt. Wenn man Erfolg hat, wird man in Deutschland heftig attackiert. Das Ganze hat jede Form verloren. Unter dem Deckmäntelchen von Kritik werden wüsteste Beschimpfungen ausgestoßen. Heute durfte ich zum Beispiel lesen, die Stadt solle verbieten, dass der Dreck weiter in Ostfriesland gedreht wird. In dem Stil werde ich attackiert. Menschen, die mit sich selbst nicht zurechtkommen, greifen neidgetrieben an. Man braucht ein dickes Fell, aber an manchen Tagen trifft es mich halt auch. Meist lasse ich es abtropfen. Ich mache Millionen Fans glücklich, die sind wichtig für mich.

„Menschen, die mit sich selbst nicht zurechtkommen, greifen neidgetrieben an.“

Alle Kriminalromane sind irgendwie lokal. Beispiel: Wallander in Ystad. Betrachten Sie sich als den Erfinder der deutschen Krimis mit ausgeprägtem Lokal- oder Regionalkolorit?

Es hat Autoren vor mir gegeben, es gibt Autoren neben mir und es wird auch Autoren nach mir geben. Ist das nicht schön?

Haben Sie Einfluss auf die Verfilmung?

Ich habe einen Beratervertrag mit der Filmfirma, und ich berate sie wirklich.

Wie lange arbeiten Sie in der Regel an einem Buch?

Ich schreibe täglich, manchmal zwei Stunden. Wenn man mich lässt, auch zehn. Nach vier, fünf Monaten nähert sich ein Roman meist einem großen Finale.

Welche drei Menschen würden Sie gerne mal zum Essen einladen?

Heinrich Böll, Johannes Mario Simmel und meinen alten Freund Max von der Grün.

One-way-Ticket, wo würde es hingehen?

Natürlich nach Ostfriesland in mein Lieblingscafé.

Herr Wolf, nun ist Vorstellungskraft gefragt. Ich habe eine imaginäre Plakatwand in Wunstorf. Was soll dort für eine Woche draufstehen?

Make love, not war.

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