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„Kabarett und nett geht nicht“

04.09.2023 • Malte Süß • 9 Min.Kommentare: 1

Schon mehrmals trat Matthias Brodowy in Wunstorf auf. Wir trafen ihn vor einem seiner Auftritte zum Gespräch im Rathausinnenhof.

04.09.2023
Malte Süß
9 Min.

Matthias Brodowy ist seit den späten 1990er Jahren einer der erfolgreichsten Vertreter des deutschsprachigen Kabaretts. Zu­gleich ist er Pianist, Sänger, Mode­rator. Seine Programme drehen sich um den Alltag der Menschen. Mit der Auepost spricht der 49­-Jährige über sich und die Welt in Zeiten von Corona, über Kinderträume und warum er mit einem Klappstuhl in der Fußgängerzone sitzt.

Matthias Brodowy in Wunstorf | Foto: Malte Süß

Auepost: Herr Brodowy, Sie sind Literat, Sänger, Musiker, Satiriker … wie sehen Sie sich?

Brodowy: (lacht) Ich habe immer das Gefühl, ich bin zuerst Musiker, weil ich immer Musiker sein wollte. Dann ist der Umweg des Kabaretts erfolgt, und ich hoffe immer noch, ganz bei der Musik landen zu können. Als wirklich eigenem Genre. Ich habe ja auch eine wirklich große Band. Es wäre schön, wenn ich damit noch auf Tour sein könnte. Aber das ist schwer. Wenn man nicht im Radio gespielt wird, unabhängig von Corona, ist es sehr schwer.

Sie sind jetzt innerhalb von 2 bis 4 Monaten das zweite Mal in der Auestadt, wie ist das?

Ja! Na ja, für mich ist es deshalb schön: Zum einen ist es um die Ecke – und ich kenne tatsächlich die Wunstorfer jetzt doch schon ein bisschen länger. Bis jetzt war es immer schön, ich hoffe dass es heute so bleibt! (lacht)

Es war im Zelt ein besonderer Spielort.

Im Zelt war es besonders. So ein Zirkuszelt hat immer ein besonderes Ambiente, und Kabarett passt da wunderbar rein. Und jedes Kind träumt davon, irgendwann einmal im Zirkus zu sein. Das behält man in sich. Jetzt bin ich 50 Jahre alt, und wenn ich in so einem Zirkuszelt bin, kommen tatsächlich Kindheitserinnerungen. Das ist etwas ganz Besonderes!

Haben Sie deshalb mit „Manege frei“ eröffnet – waren Sie da der kleine Junge?

Ja, das musste sein, und zwar, weil ich das erste Erlebnis 1978 in einem Zirkus niemals vergessen werde. Für mich war es dann das Größte, als ich 2005 in Düsseldorf für acht Wochen bei Roncalli als Moderator durch das Programm führen durfte im Varieté.

Was ist Wunstorf für Sie als Hannoveraner? Provinz?

(lacht) Bei dem Verkehr kann es keine Provinz sein.

Ich habe gelesen, dass Sie Corona u. a. positiv gesehen haben … bezüglich der Zeit.

Wenn man im Negativen etwas Positives finden will, dann dass es mich vielleicht sogar gerettet hat nach 23 Tourneejahren, wo ich eigentlich immer nur ein bis zwei Wochen Pause gemacht habe. Das ist anders als am Theater. Ich habe letztendlich 23 Jahre durchgespielt. Das ist ungesund, und das macht krank. Und da hat Corona vielleicht etwas bewirkt. Zum Beispiel habe ich im Lockdown festgestellt, dass ich um 20.30 oder 21.00 Uhr ins Bett gehe. Das scheint mein Rhythmus zu sein, denn ich bin eigentlich Frühaufsteher.

Was sagt man über Sie, was nicht stimmt?

Erst neulich habe ich eine Mail bekommen, in der stand, ich sei ein Maskengegner. Das ist Quatsch, das ist absoluter Quatsch! Dabei ist das Gegenteil der Fall! Ich habe mich immer wohler gefühlt, wenn das Publikum in geschlossenen Räumen Maske trägt. Im Moment bin ich etwas entspannter, da ich selbst infiziert war. Es ist einfach sehr ärgerlich, wenn Menschen etwas behaupten, was nicht stimmt!

Das neue Programm … Haben Sie sich wirklich mit einem Klappstuhl in die Fußgängerzone gesetzt?

Wenn ich jetzt klug wäre, würde ich sagen: selbstverständlich … Es ist ein literarisches Konstrukt. Ich mache Aufzeichnungen, wenn ich zum Beispiel in der Eisdiele sitze, oder in der Bahn schreibe ich tatsächlich Gespräche auf. Wenn jemand so laut am Handy telefoniert, dann ist es offenbar für die Öffentlichkeit bestimmt, und dann kann ich es auch für die Bühne nehmen.

Möchten Sie gemocht werden?

Na ja, ich denke, alle Künstler möchten gemocht werden. Ich bin aber auch froh, wenn ich mal Widerspruch auslöse. Wobei das ja nicht heißt, nicht gemocht zu werden! Vielleicht wird man dann auch mehr gemocht, wenn jemand sagt: „Hm, also dein Programm fand ich nicht so toll, aber du als Typ bist okay!“ Vielleicht ist das auch okay. Ich habe kein Problem damit, wenn manche meiner Texte Widerspruch auslösen. Im Gegenteil, ich habe lange dafür gekämpft, dass mir das mal gelingt. Es gab einmal einen Zeitungsartikel, der betitelt war mit „Der perfekte Schwiegersohn“. Da haben alle gesagt, meine Agentur und auch ich: Das ist nicht gut. Kabarett und nett geht nicht. Aber ich kann mich auch nicht verbiegen. Ich bin kein Ingo Appelt. Ich bin keiner, der ganz stark provoziert. Das liegt mir nicht. Ich mache gesellschaftspolitische Dinge und da fühlen sich einige Leute angesprochen. Da gibt es durchaus auch mal Widerspruch. Und das ist gut!

Dieses Interview stammt aus dem Auepost-Magazin Nr. 24 und wurde dort im Dezember 2022 zuerst veröffentlicht.

Wie informieren Sie sich?

Ich bin radikaler Zeitungsleser. Jetzt auf dem iPad. Die kommt immer schon um 19 Uhr am Abend. Die lese ich dann abends durch. Am nächsten Morgen kommt dann meine Lokalzeitung. Die habe ich auch digital und schaue in den verschiedenen Portalen. Ich bin tatsächlich ein klassischer Zeitungsverlagsleser. Sonst informiere ich mich über NDR Info und bin ein Deutschlandfunkhörer. Ich schaue tatsächlich kein Fernsehen und keine Tagesschau. Aber ich fühle mich nicht schlechter informiert durch Funk und Zeitung. Manchmal lenken Bilder eher nur ab.

Haben Sie eine Bucketlist – was wollten Sie schon immer mal machen?

Zu Fuß nach Rom wandern. Und das werde ich irgendwann machen. Das will ich machen. Außerdem möchte ich einmal von Harrislee bei Flensburg bis runter nach Greinau mit dem Fahrrad fahren. Vielleicht auch mit einem E-Bike.

Haben Sie ein Vorbild?

Hans Dieter Hüsch.

Ihr Ziehvater?

Da würde ich sogar nicht widersprechen. Also Hüsch ist Mentor, Ziehvater und ganz großes Vorbild. Insbesondere was die Weltanschauung angeht. Er war ein großer Humanist. Und würde mich auch als solchen bezeichnen. Vielleicht nicht als großen, aber als Humanist. Und ich finde, das schwebt über meinem Kabarett. Aufklärung und Humanismus sind für mich die beiden Schlagworte, die mir wichtig sind. Er war außerdem ein großer Menschenfreund. Ich hoffe, dass mein Kabarett eines ist, wo man das Gefühl hat, die Menschen gehen lächelnd raus und sagen: Das hat uns gut getan.

Wie meinen Sie wirkt sich die Energiekrise auf ihre Branche aus?

Ich glaube, wir müssten uns in einem Jahr noch drüber unterhalten. Vielleicht liegt dort auch eine Chance drin. Dass wir endlich von unserem Überfluss und Anspruchsdenken wegkommen. Ich habe mich immer gefragt, warum Innenstädte oder Supermärkte nachts so beleuchtet sind, als ob wir jetzt einkaufen gehen. Ganz schlimm denke ich wird es für Menschen mit ganz kleinem Einkommen. Das wird die große Dramatik. Ich hoffe, dass die Politik die nicht alleine lässt! Dies gilt auch für freie Theater, die natürlich auch hohe Energiekosten haben. Es wird im Januar, Februar Theater geben, die sagen: Wir haben 20 Karten im Vorverkauf. Das Hochheizen kostet noch mehr. Wir müssen zumachen. Das wird passieren! Und ich hoffe, dass es genau wie bei Corona nochmal Subventionen gibt. Nicht für uns als Künstler! Die kommen zurück an den Start. Es ist eine Investition. Wir sind alle Steuerzahler. Nur … wenn wir alle arbeitslos sind, fließen auch die Steuern nicht. Und wenn ein Theater zumacht, fließen sie langfristig nicht.

Gibt es Kollegen, mit denen Sie nicht mehr arbeiten möchten?

Ja, aber dessen Namen würde ich hier nicht sagen. Aber es gibt Leute, die sind politisch so abgedeckt, dass sie sich jenseits meines Verständnisses einer liberalen Gesellschaft und einer freundlichen Gesellschaft befinden. Die überall nur noch eine Gegnerschaft sehen. In Opposition zu eigentlich allem stehen. Alle anderen beschimpfen, die nicht ihre Meinung haben. Es ist erstaunlich, dass es die in unserer Szene auch gibt. Ich habe immer gedacht, das kann gar nicht sein. Aber es gibt sie, und mit denen möchte ich nicht zusammenarbeiten! Ich habe zwei Veranstaltern auch die Freundschaft richtig aufgekündigt. Weil dann bei mir auch irgendwann eine rote Linie überschritten ist. Bei Antisemitismus, da bin ich raus, und ich finde, da müssen wir alle ganz konsequent sein.

Was war der schönste Spielort?

Natürlich hier im Rathausinnenhof! (lacht) Hier ist es auch schön … Ich habe mehrere Jahre lang alte Songs vor Kloster Banz moderiert. Das war ein wunderschöner Ort auf einem Hügel mit dem Kloster Banz im Hintergrund und dem Tal. Leider haben sich die Veranstalter untereinander zerstritten. Ich wünschte mir, eines Tages dort wieder aufzutreten.

Und der schlimmste?

Der schlimmste … oh, es gibt viele schlimme. Lassen Sie mich kurz nachdenken. Es gibt schreckliche Spielorte. Ich war einmal in Eberswalde. Da waren 7 Zuschauer. Zwei zahlende, und von den 10, die Freikarten gewonnen hatten, waren 5 da. Ich habe mich nicht wohl gefühlt, und das Publikum auch nicht. Es war sehr schrecklich.

„Jetzt kommt Kabarett, hier ist Matthias Brodowy – und das Buffet ist eröffnet!“

Oder eine geschlossene Veranstaltung: Kurzfristig wurde die geändert. „Nee, du spielst nicht im Theater, du spielst in dem Raum, wo gegessen wird.“ Dort saßen 1.000 Leute, die Bühnenerhöhung hatte 30 Zentimeter, man hat mich nicht gesehen. Die Moderatorin sagte: „Jetzt kommt Kabarett, hier ist Matthias Brodowy – und das Buffet ist eröffnet!“ Also schlimmer geht es nicht. Da haben so 2 bis 3 Leute von 1.000 zugehört.

Haben Sie schon mal einen Auftritt abgebrochen?

Ich habe so etwas schon mal abgebrochen. Da war eine geschlossene Veranstaltung. Ich sollte 20 Minuten machen. Nach 10 Minuten habe ich gemerkt, es hört mir keiner zu. Ich habe zum Veranstalter gesagt: Ich überlasse es Ihnen, ob Sie meine Gage überweisen oder nicht.“ Wenn ich für mich alleine spiele, es ist entwürdigend. Danach schlafe ich drei Nächte nicht.

Sind Sie demütig?

Hoffentlich! Aber wenn ich sage ,ich bin es, dann wäre es wenig demütig.

Sind Sie gläubig?

Ich bin ein gläubiger Mensch. Noch bin ich katholisch. Es ist manchmal schwer, katholisch zu sein. Ich bin noch katholisch, weil ich noch die Hoffnung habe, innerkirchlich was verändern zu können. Aber ich kapiere langsam, dass das eine Illusion ist.

Haben Sie Rituale?

Sie meinen, außer Kaffee und Kuchen zu essen mit Ihnen? (lacht) Bevor ich auf die Bühne gehe, gehe ich einmal 10 Sekunden in mich und sage zu mir selbst: „So, auf geht’s!“ Aber das ist alles. Ich bin zu faul, um mehr zu machen. Ich müsste mich eigentlich einsingen. Solange es noch so geht, mache ich es so.

Sind Sie links?

Ich weiß nicht, ob ich links bin. Glaube ich nicht. Würde ich so gar nicht sagen. Ich bin in vielen Dingen so konservativ. Ich bin vielleicht zu konservativ, um links zu sein. Aber auch zu links, um als Konservativer durchzugehen. Aber habe auch dort dieses Wort Humanismus. Das ist für mich der Richtwert. Konservativ heißt für mich, für Werte einzutreten. Einige Werte sind christlich. Und vieles was christlich ist, ist im Zweifelsfall auch sehr links. Es ist eine Gemengelage. Ich bin nicht mehr parteipolitisch gebunden. Ich bin ein Wechselwähler. Ich gehöre tatsächlich zu denen, die Parteiprogramme lesen.

Sie haben für die SPD Wahlwerbung gemacht.

Ich habe es einmal gemacht, und das bereue ich. Das war 2002 für Gerhard Schröder. Und zwar aus einen einzigen Grund. Weil er gegen den Irakkrieg war. Da habe ich mich dahintergestellt und gesagt, da trete ich für ein. Gegen diesen Krieg. Es war trotzdem ein Fehler, aber nicht wegen der jetzigen Entwicklung. Es ist ein Fehler, wenn Kabarettisten sich für eine Partei engagieren. Weil man damit abgestempelt ist. Und ich möchte, dass mich alle Leute unbefangen sehen.

Sie haben Zivildienst geleistet, wie denken Sie darüber? Soll es so etwas wieder geben?

Ja! Für mich war der Zivildienst die allerbeste Zeit! Ich wollte verlängern. Ich war in der evangelischen Kirchengemeinde. Habe Senioren betreut. Ich habe diesen Job geliebt. Ich habe mit Krankheiten, Alter, Tod, Beschwernissen zu tun gehabt. Ich habe Trauerbegleitung gemacht. Das Ganze als 19- bis 20-Jähriger. Ich habe so viel gelernt, und das kann man nicht theoretisch. Ich gönne es allen. Zwischen Schule und Studium oder Schule und Beruf einmal was machen für die Gesellschaft. Weil man es letztendlich für sich macht. Es ist ein so großer Gewinn. Es wäre gut, wenn es ein freies soziales Jahr gäbe. Egal ob ökologisch, sozial, Bundeswehr. Nicht so wie bei mir damals. Ich musste noch verweigern bei der Bundeswehr. Ich fänd es schön, wenn man es frei wählen könnte. Aber es wäre für alle ein Gewinn. Bin ich mir ganz sicher!

Was wollten Sie als Kind werden?

Wir hatten ein Geschäft für Berufsbekleidung in Wolfsburg auf der Porschestraße. Das wollte ich gern übernehmen. Mein Opa starb 1981, und 1983 mussten wir das Geschäft aufgeben. Da war ich 11 Jahre alt. Da zerbrach tatsächlich eine Welt für mich. Heute ist es gut. Mit Berufsbekleidung könnte man keinen Blumenpott mehr gewinnen. Vielleicht wäre es jetzt ein Handyladen. Ich weiß es nicht.

Was wollen Sie gewesen sein?

Wenn ich mal tot bin? Sagen wir, wenn ich in Rente bin. Hoffentlich nicht nur jemand, der Menschen ein wenig Freude und Abwechslung gebracht hat. Sondern es wäre schon ein Wunsch, der hat uns Spaß gemacht, und der hat uns etwas mitgegeben! Das ist vermessen. Aber wenn ich mit dieser Idee von Humanismus, Aufklärung und Menschlichkeit auch punkten würde, wäre es schön, wenn die Menschen das mit mir verbinden würden.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Aus dem Alltag. Wie bei diesem Programm. Dabei sind viele Dinge, die wirken konstruiert, aber es gibt reelle Begegnungen, die stattgefunden haben. Auch inklusive einiger Szenen, wo man es nicht unbedingt vermutet. Das Irre an Satire ist eigentlich eine Übertreibung. Heute gehe ich mal so weit, dass die Wirklichkeit so bekloppt geworden ist. So dass Satire manchmal untertreiben muss, um noch glaubwürdig zu sein.

Wenn Sie eine Plakatwand in Wunstorf beschriften sollten, was würde darauf stehen?

Ich glaube, ganz einfach „Lächel doch mal!“

(zuerst erschienen in Auepost Nr. 24)

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Kommentare


  • Lydia Bertani sagt:

    „Ich habe mich immer wohler gefühlt, wenn das Publikum in geschlossenen Räumen Maske trägt.“

    „Es ist einfach sehr ärgerlich, wenn Menschen etwas behaupten, was nicht stimmt!“

    Fazit: Sein Gefühl ist stärker als jede Behauptung. Seine Wahrheit hat er selbst nie überprüft, sondern bezieht sie per Glaube von Dritten.

    In diesem Sinne: „Kabarett und nett geht nicht“

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