Wunstorfer Auepost

Vor 100 Jahren: Ausländerhass in Luthe

10.06.2021 • Daniel Schneider • Aufrufe: 332

Vaterlandsverrat, weil man sich das zu häufige Spielen der Nationalhymne verbittet?

10.06.2021
Daniel Schneider
Aufrufe: 332

Wer heutzutage zu offensiv die Deutschlandfahne schwenkt oder die Nationalhymne singt, gerät schnell in den Verdacht, eine nationalistische Gesinnung zu haben. Vor 100 Jahren war es genau umgekehrt: Trotz oder gerade wegen des verlorenen Weltkriegs und angekratztem Nationalstolz war die Annahme, es könnte ein „Zuviel“ an Nationalgefühl geben, der Gesellschaft fremd. Verdächtig war, wer zu wenig Deutschlandbegeisterung zeigte.

Aber schon damals konnte man mit den Nationalsymbolen andere provozieren – und eine Auseinandersetzung auslösen. Das bezeugt ein Leserbrief eines Luther Gastwirts vom 10. Juni 1921 in der Leine-Zeitung, der sich gegen den Vorwurf der mangelnden Deutschlandliebe zur Wehr setzte:

Pressespiegel 100 Jahre

Mit Rücksicht auf die in der Leine-Zeitung vom 30. Mai 1921 wiedergegebene fälschliche Darstellung des Vorfalles, der sich an einem der diesjährigen Pfingsttage in meiner Gastwirtschaft in Luthe abgespielt haben soll, sehe ich mich genötigt, folgende berichtigende Erklärung abzugeben. Eine meiner Nichten ist seit etwa 15 Jahren mit einem Franzosen verheiratet, der seit etwa 20 Jahren seinen Wohnsitz in Deutschland hat. Seine Naturalisierung hat nicht stattgefunden, weil ihm daraus ein finanzieller Schaden entstanden wäre. Bei Beginn des Krieges hat er seinen Aufenthalt nicht gewechselt, er ist vielmehr in Deutschland geblieben und hat sich internieren lassen. Meiner Nichte ihr Mann ist bei dem größten Teil der Bevölkerung in Luthe bekannt, da er häufig bei der Verwandtschaft in Luthe zu Gaste ist; auch während der Pfingsttage war er bei mir. Wir saßen mit anderen Gästen im Klubzimmer und spielten Karten. Er sowohl wie ich kümmerten uns wenig um die Vorgänge in dem Hauptteil des Lokals und um die Klaviervorträge des Landwirtssohns Löbbing. Ohne daß wir im Klubzimmer darauf achteten, hat Löbbing das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ in offenbar herausfordernder Weise mehrfach hintereinander gespielt. Er wußte, daß der Franzose bei mir zu Besuch war. Ohne mein Wissen und Willen ist darauf mein 18-jähriger Sohn Richard, der es wegen Einerlei müde war, an Löbbing herangetreten und hat ihn gebeten, er möge mal etwas anderes spielen. Dieser harmlose Vorfall ist von dritter Seite aufgebauscht. Es ist unrichtig, daß die anwesenden Gäste durch das Dazutreten meines Sohnes sich verletzt gefühlt und das Lokal verlassen haben. Ich habe erst am nächsten Tage von dem Vorfall erfahren.

Die damalige Leine-Zeitung ließ den Leserbrief nicht unkommentiert, sondern gab wenig verklausuliert zu verstehen, was man von den Erklärungen des Gastwirts hielt – nichts:

Wir überlassen es dem Urteile unserer Leser, ob für jeden Deutschen das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ in „herausfordernder Weise“ gespielt werden kann.


Wir schreiben das Jahr 1921. Wunstorf ist eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Ortschaft in der preußischen Provinz Hannover. Das Ende des Ersten Weltkriegs liegt noch nicht lange zurück, die Menschen erleben viele Umbrüche in der ersten deutschen Demokratie. Man ist auf dem Weg in die „Goldenen Zwanziger“. Es ist das Geburtsjahr der späteren Widerstandskämpferin Sophie Scholl - und Adolf Hitler wird Parteivorsitzender der noch jungen NSDAP.
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