Frau Lange geht zur Blutspende

Was passiert eigentlich so alles bei einer Blutspende? Vom Vorzeigen des Ausweises über das Pieksen der Nadel bis zum abschließenden Schlemmerbuffet: Wir haben das Rote Kreuz in Wunstorf einen Tag lang begleitet und einer Blutspenderin über die Schulter geschaut.

Blutspendeaktion in der Stadtschule: Vor dem „Arztzimmer“ staut es sich. Rechts wird zuvor Blutwert und Temperatur gemessen. | Foto: Mirko Baschetti

Blutspenden ist in Deutschland überwiegend Ehrensache. Bis auf einen Snack, oftmals ein kleines Präsent und das gute Gefühl, etwas für die Allgemeinheit getan zu haben, bekommen Blutspender als Gegenleistung normalerweise nichts. Umso erstaunlicher ist, mit welcher Beflissenheit viele Blutspender immer wieder zu den Terminen erscheinen. Wir wollten wissen, warum das so ist, wer die Menschen sind, die regelmäßig zur Blutspende gehen und was dort eigentlich genau passiert. Einen Nachmittag lang durften wir den Helfern vom Wunstorfer Roten Kreuz auf die Finger schauen – und haben eine Blutspenderin bei ihrem Parcours durch die einzelnen Stationen begleitet, die man bei einer Blutspende absolviert.

Ehrenamtliche Helfer und Spender

Lange, bevor die ersten Blutspender vorbeischauen, sind die Mitglieder des Wunstorfer Ortsvereins des Deutschen Roten Kreuzes schon am Werkeln. Große Kisten werden aus den Fahrzeugen geladen und in die Räume der Stadtschule getragen. Rund um das Schulgebäude werden noch weitere Plakate und Aufsteller platziert, die den direkten Weg zur Blutspende weisen. Früher fanden die Blutspendetermine in der IGS statt, seit 3 Jahren erst ist man in der Stadtschule. Der Nachteil, dass es hier verwinkelter ist, wird dadurch ausgeglichen, dass man mit dem Material direkt vor die Tür fahren kann.

In einem Verbindungsflur, an dem sonst die Schüler ihre Jacken an die Garderobe hängen und in dem nun Tische aus den Klassenräumen aufgebaut sind, um eine provisorische Anmeldestelle zu bilden, steht Jörg Rothbart, der Vorsitzende des Wunstorfer DRK-Ortsvereins, und schaut mit ruhigem Blick, ob auch alles passt.

Jörg Rothbart behält die Nerven beim Organisieren der Blutspendeaktion | Foto: Mirko Baschetti

In der Schule sind neben dem verwinkelten Flur noch drei weitere Räume in Beschlag genommen worden. Ein Klassenraum wird gleich als Arztzimmer dienen, in einem weiteren Raum die eigentliche Blutspende stattfinden. Das Erdgeschoss der Stadtschule hat sich in eine improvisiert wirkende, aber funktionale und voll ausgestattete Blutspendestation verwandelt.

Doch die meiste Arbeit beim Aufbau mache der Raum, in dem gerade das Buffet vorbereitet wird, bei dem sich alle Spender nach dem „Aderlass“ einfinden, erzählt Rothbart. Eine große Tafel ist ansprechend dekoriert, auf zusammengeschobenen Tischen steht eine schier unendlich anmutende Zahl von belegten Brötchen bereit. Sieben große Aluminiumkästen mit Geschirr und Besteck wurden entladen, dazu kommen Dekorationen, Küchenmaterial – und natürlich das Essen. Fünf Helfer kümmern sich allein um den Aufbau des Buffets. Könnte man für den Blutspendebereich nicht die vorhandenen Schulmöbel nutzen, wäre es noch deutlich mehr Arbeit.

Viele Beteiligte

Die Blutespendeaktion wird arbeitsteilig erledigt, erklärt uns Jörg Rothbart: Die ehrenamtlichen Mitglieder der Wunstorfer Sektion des Roten Kreuzes kümmern sich um die Logistik drumherum, um Aufbau und Herrichtung der Räumlichkeiten, um die Formalitäten und Betreuung und Bewirtung der Blutspender. Die eigentliche Blutspende und die medizinischen Aspekte übernehmen hauptamtliche Kräfte – medizinisches Fachpersonal des Roten Kreuzes, denn nur dieses darf Blut abnehmen – das zu diesem Zweck aus Springe anreist. In Springe befindet sich ein Standort und zugleich der Hauptsitz des „DRK-Blutspendedienstes NSTOB“, einer ausgegründeten gemeinnützigen GmbH des Roten Kreuzes. Das Kürzel NSTOB steht dabei für die beteiligten DRK-Landesverbände: Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Oldenburg und Bremen. Die ehrenamtlichen Helfer aus Wunstorf tragen rote Kleidung, die Hauptamtlichen aus Springe sind in dunkelblauen Garnituren zugange. Auf dem Rücken der Oberteile der Slogan: „Schenke Leben, spende Blut.“ Ebenso ist ein Arzt in zivil anwesend, der den Gesamtablauf medizinisch verantwortet und überwacht.

Zwischendurch muss der Vorsitzende die bereits zahlreich erschienenen Blutspender vertrösten, denn die Blutspende startet an diesem Tag nicht vor 17 Uhr. Doch wer heute hier Blut spenden will, muss sowieso Zeit mitbringen: Der Andrang ist groß, und bereits um 16.30 Uhr wartet ein knappes Dutzend Spender darauf, dass es endlich losgeht.

Familiäre Atmosphäre

Die Wartenden vermitteln den Eindruck einer kleinen großen Familie, die sich wie selbstverständlich zum Blutspenden trifft. Man kennt sich, man kommt zum Spenden zusammen und trifft Freunde und Bekannte. Es wird gescherzt und gelacht. Manche der Spender kommen so oft, dass sie vom Arzt „zurückgestellt“ werden, wie es im Blutspender-Jargon heißt: Denn wer die gesetzlichen Fristen nicht einhält, also die vorgeschriebenen Abstände zwischen den Blutspenden nicht einhält, darf nicht Blut spenden.

Ohne Ausweis geht nichts | Foto: Mirko Baschetti
Frau Lange besitzt noch den alten Blutspendeausweis. Die neuen enthalten ein Foto zur besseren Identifizierung. | Foto: Mirko Baschetti
Herr Wissmann prüft die Datenbestände und gibt die personalisierten Fragebögen aus | Foto: Mirko Baschetti

Länger muss nun auch endlich niemand mehr warten – Punkt 17 Uhr startet die Blutspendeaktion, als die Blutspendedienst-Mitarbeiter in Blau ihre Positionen eingenommen haben. Jörg Rothbart tritt mit einem betont norddeutsch ausgesprochenen „So, jetzt geht das hier los“ zur Seite und macht Platz am „Anmeldetresen“. Dort sitzt schon Herr Wissmann am Computer und schmettert dem Ersten in der Schlange ein aufforderndes „Schönen guten Tag!“ entgegen, als Signal an alle, dass der Startschuss gefallen ist.

Der Fragebogen

Auch Frau Lange gehört zu dieser eingeschworenen Gemeinschaft. Sie steht heute ganz vorn in der Reihe der Wartenden und gibt nun ihren Blutspendeausweis ab. Dieser wird gescannt – und Frau Lange bekommt kurz darauf einen um ihre Daten ergänzten Fragebogen ausgehändigt.

Frau Lange aus Steinhude kommt seit 40 Jahren zur Blutspende | Foto: Mirko Baschetti

Insgesamt 29 Punkte enthält der zweieinhalbseitige Fragebogen – und fragt akribisch genau alles ab, was irgendwie für die Blutspende relevant sein könnte. Wohlbefinden, Krankheiten, Operationen, Impfungen, Alkoholgenuss, Medikamenteneinnahme, Tätowierungen, Auslandsaufenthalte, Sexualverhalten … all das muss der willige Blutspender wahrheitsgemäß beantworten, um überhaupt auch nur in die Nähe einer Blutspendeliege zu gelangen. Wer in Indien oder Vietnam war, muss z. B. ein halbes Jahr warten, bevor er als Spender wieder infrage kommt.

Der Fragebogen erhebt alles, was für die Blutspende relevant sein könnte | Foto: Mirko Baschetti
Das Ausfüllen der Fragebögen dauert fast genauso lange wie die eigentliche Blutspende | Foto: Mirko Baschetti

Zum Ausfüllen sind im Raum die Schultische zusammengeschoben worden, für den Datenschutz ergänzt mit Trennwänden. Ein bisschen sieht es aus wie bei einer Urnenwahl. Routinierte Spender schaffen das Ausfüllen des Fragebogens innerhalb weniger Minuten – doch wer zu geübt einfach nur Haken für Haken setzt, sollte sich besser nicht vom Arzt dabei beobachten lassen, der das gar nicht gerne sieht.

Info: Wer kein Blut spenden darf
Prinzipiell Blut spenden kann, wer 18 Jahre alt ist und kein Untergewicht hat. Doch es gibt einen ganzen Katalog an Ausnahmen, die ein Ansteckungsrisiko für den Empfänger der späteren Blutkonserve verhindern sollen. Wer z. B. Fernreisen in exotische Länder unternommen hat, in denen seltene Krankheitserreger eingesammelt worden sein könnten, muss ein halbes Jahr pausieren. Auch wer sich ab den 80ern bis in die späten 90er Jahre in England aufgehalten hat, ist für die Blutspende disqualifiziert. So will man Creutzfeld-Jakob-Übertragungen ausschließen. Auch männliche Homosexuelle werden in Deutschland weiterhin faktisch diskriminiert – eine Blutspende aus dieser Gruppe der Bevölkerung wird nicht verwendet.

Frau Lange kommt seit 40 Jahren

Frau Lange geht seit Jahrzehnten regelmäßig zum Blutspenden. Wann sie damit angefangen hat, kann sie gar nicht mehr genau sagen – nur, dass es ungefähr vierzig Jahre zurückliegt. Auch ihre Beweggründe, einst das erste Mal Blut gespendet zu haben, bleiben vage – irgendwann habe man es eben einmal gemacht. Vergleichbares hört man von vielen Blutspendern, die oft keine konkreten Gründe nennen können, weshalb sie zum Blutspenden gehen. Man sei eben irgendwann einfach mal so hineingerutscht – durch Freunde, Familie – und wäre seitdem dabei geblieben. Einige haben einst angefangen, weil sie einmal ihre Blutgruppe wissen wollten – und sind nun schon fast zum 100. Mal dabei. Ein anderer ist schon als Kind immer bei seinem Großvater mitgelaufen – weil er dadurch nachmittags mal in die Schule konnte – und wurde so an das Blutspenden herangeführt. Von ähnlichen Erfahrungen können fast alle berichten. Gesellschaftliches Engagement als Blutspender scheint zu einem gewissen Grad erblich zu sein.

„Ich nehm’ die nicht mehr mit – den Schmuck brauch ich nicht.“Frau Lange über die Ehrennadeln, die regelmäßige Spender in Bronze, Silber und Gold bekommen

Anderen Menschen helfen zu wollen wird interessanterweise nicht als Grund genannt – obwohl Blutspenden genau das ist: Selbstloser Dienst am Nächsten. Aber auch eine Spende ans Rote Kreuz. Denn der Handel mit Blutkonserven ist ein Millionengeschäft in Deutschland. Etwas über 100 Euro Umsatz macht das DRK mit einer Blutspende, die genutzt werden kann. Neben der Verwendung als Blutkonserven, die vor allem von den Krankenhäusern gekauft werden, werden die Bestandteile einer Blutspende z. B. auch von der Pharmaindustrie geordert.

Höchstalter: 72

Die „Nachwuchsgewinnung“ ist generell ein Problem bei den Blutspendediensten. Auch aus diesem Grund wurde das Höchstalter für Blutspender in den letzten Jahren immer weiter angehoben, es liegt inzwischen bei 72 Jahren. Regulär kann man noch bis zum 69. Geburtstag zur Blutspende, wer älter ist, braucht das ausdrückliche Okay eines Arztes. Wenn man erstmals spendet, darf man jedoch nicht älter als 64 sein.

Ermahnung, seinem Körper Zeit zum Regenerieren zu lassen | Foto: Mirko Baschetti

Doch in Wunstorf bekommt man an diesem Tag nicht den Eindruck, als gäbe es Engpässe – der Andrang ist heute groß – und die Blutspender stauen sich regelrecht auf ihrem Weg von der Anmeldung bis zum eigentlichen Spendenplatz. Das liegt jedoch auch an der Jahreszeit: in den Wintermonaten ist die Bereitschaft zum Blutspenden prinzipiell höher. An die 70 Blutspender werden es an diesem Tag noch werden. Als Präsent für ihr Erscheinen gibt es an diesem Tag nicht nur Ehrennadeln und Urkunden, sondern neben einer Kleinigkeit vom Wunstorfer Ortsverein auch noch eine Aufmerksamkeit vom Team aus Springe.

Die Voruntersuchung

Frau Lange hat den Bogen inzwischen ausgefüllt und geht zur nächsten Station – der Rotkreuz-Schwester, die den Hämoglobinwert wie bei einem Zuckertest bestimmt und außerdem noch die Temperatur misst, nachdem sie zur Kontrolle noch einmal Name, Vorname und Geburtsdatum erfragt hat. Wer hier auffällige Werte zeigt, für den ist die Blutspende an dieser Stelle praktisch schon vorbei. Stimmen die Blutwerte nicht, dann wäre es nicht nur für den Spender risikoreicher, sondern auch für den möglichen Empfänger des Blutes, denn „die Qualität muss stimmen“. Beeinflussen lässt sich der Hämoglobinwert mit der richtigen Ernährung: Traubensaft und ein saftiges Steak können helfen. Von hundert Spendern haben etwa zwei einen nicht ausreichenden Wert, verrät die Schwester. Die endgültige Entscheidung darüber trifft jedoch der anwesende Arzt. Zu diesem geht Frau Lange jetzt auch gleich im Anschluss.

Die Temperatur wird gemessen | Foto: Mirko Baschetti
… und der Hämoglobinwert bestimmt | Foto: Mirko Baschetti

Die Ärzte, die beim Roten Kreuz die Blutspende begleiten, machen dies in der Regel nebenberuflich. Oft sind es Mediziner im Ruhestand, die sich noch etwas dazuverdienen wollen, oder die auch nach Aufgabe ihrer Praxis noch von Zeit zu Zeit ärztlich tätig sein möchten. Auch der Mediziner, der an diesem Tag bei den Wunstorfern im Einsatz ist, gehört schon zu den älteren Semestern. Er gibt sich reserviert und möchte sich nicht fotografieren lassen. Dass ihn zwei Reporter beim gewohnten Ablauf stören, bringt ihn aber nicht aus der Ruhe. Routiniert, aber hochkonzentriert beginnt er das Gespräch mit Frau Lange, die bei ihm am Lehrertisch Platz genommen hat. Hinter Frau Lange stehen die ungenutzten Schülertische mit hochgestellten Stühlen ordentlich in Reihe.

Arztgespräch

Der Arzt überprüft die Angaben im Fragebogen, prüft den Blutdruck und bringt die zuvor von der Schwester gemessenen Werte mit dem Fragebogen in Einklang – und lässt den Blutspendewilligen dann entweder zur Spende zu oder nicht. Frau Lange bekommt heute das Okay – anders als beim letzten Mal, als sie den vorgeschriebenen Zwischenraum von mindestens 8 Wochen zwischen zwei Blutspenden nicht eingehalten hatte. Der Arzt hatte sie „zurückgestellt“. Eine Blutspende war dann nicht möglich. Die Bestimmungen werden strikt eingehalten, die Fristen streng beachtet, die Blutspender im Zweifel auch vor sich selbst geschützt. Auch wenn das bedeutet, dass sie sich umsonst auf den Weg gemacht haben. Insgesamt dürfen Frauen nur 4-mal, Männer 6-mal im Jahr Blut spenden.

„Ich geh’ immer.“Frau Lange

Frau Lange geht wie viele andere auch grundsätzlich zur Blutspende, auch wenn sie keine Erinnerungskarte vom DRK zugeschickt bekommt – dabei kann es dann schon einmal zu Überschneidungen kommen, wenn man z. B. bei einem anderen Ort gespendet hat. Dreizehn Blutspendetermine bietet das Wunstorfer DRK an, in der Kernstadt außer in der Stadtschule auch in der Fröbelschule. Dazu kommen Termine in den Ortsteilen oder das Blutspendemobil, das dann bei McDonalds oder Alten’s Ruh parkt. Trotzdem kommen auch an diesem Tag viele Blutspender nicht aus der unmittelbaren Nachbarschaft. So auch Frau Lange, die in Steinhude lebt.

Die Blutspende

Mit dem Okay des Arztes in der Tasche geht unsere exemplarische Blutspenderin in den eigentlichen Blutspenderaum. Hier warten bereits vier weitere Damen auf die Blutspender. Hier sind Profis am Werk, das spürt man sofort. Das Team ist eingespielt und routiniert. Die anwesenden Schwestern aus Springe gehen hier ihrem Hauptjob nach. Nur ausgebildete Krankenschwestern oder Arzthelferinnen dürfen Blut abnehmen.

Die Kanüle wird in die Armbeuge gelegt, die Staubinde wirkt wie ein zu enger Gürtel und vereinfacht die Blutabnahme | Foto: Mirko Baschetti

Von den Wunstorfer Helfern ist nur Frau Wolter auch im Blutspenderaum zugange und hilft beim Kontrollieren der Geräte. Sie ist mit 35 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit zugleich die Dienstälteste im Wunstorfer DRK-Ortsverein und trägt als Einzige ihre traditionelle Schwesternkleidung: Weiße Schürze, hellblauer Kittel, ein dunkelblaues Jäckchen – und eine Rotkreuz-Brosche am Kragen. im Kontrast zu den übrigen Mitarbeitern zieht sie damit die Blicke auf sich.

„Ich hab sie einfach da, warum soll ich sie nicht anziehen?“Rotkreuz-Schwester Wolter vom OV Wunstorf

Ringsum verteilt im Raum stehen mobile Liegen, sodass ein halbes Dutzend Blutspender gleichzeitig betreut werden können. Etwas surreal wirkt das schon in einem Klassenzimmer: zwischen Rechenschiebern, Bastelmaterialien und Fingerfarben fließt gleich Blut durch die Schläuche der Beutelsysteme. Die Atmosphäre ist trotz der stillliegenden Blutspender etwas wuselig, denn die DRK-Mitarbeiter flitzen reihum. Dazu kommt das Stimmengewirr und das Gepiepe der Blutspendegeräte. Im Hintergrund dudelt Shakira aus einem Radio.

Frau Lange während der Blutspende | Foto: Mirko Baschetti

Frau Lange nimmt auf einer Liege Platz, muss nur kurz warten, und schon kommt eine junge Schwester und beginnt mit dem Vorbereiten des Blutspendebestecks. Auf den bereitliegenden Plasmabeutel und die Unterlagen kommen Aufkleber, die über eine Kontrollnummer die Blutspende eindeutig Frau Lange zuordnen, falls sich später im Labor herausstellen sollte, dass etwas nicht stimmt. Zudem werden Kontrollröhrchen gefüllt, die später im Labor separat untersucht werden. Die ganze Logistik erfolgt halbelektronisch mit Scannern und Computern.

„Keiner kommt zum Stechen?“Frau Lange, kokett Richtung DRK-Mitarbeiter gewandt, die sich noch in der Ecke unterhalten

Auch hier fragt die Schwester noch einmal nach Name und Geburtsdatum. Außerdem will sie wissen, ob die Entnahmen bisher gut vertragen wurden. Frau Lange bekommt eine Staubinde um den Oberarm gelegt und soll eine Faust machen, und dann wird wunschgemäß gepiekst, die Kanüle in die Armbeuge gelegt. Dann fließt schon das Blut über den Schlauch in das System. Ob alles okay sei, wird Frau Lange noch einmal gefragt – und aufgefordert, mit der Hand Pumpbewegungen zu machen, damit das Blut besser fließt. Ansonsten muss sie einfach nur daliegen. Die Blutentnahme verläuft sozusagen automatisch.

Der Blutplasmabeutel wird personalisiert, sodass sich die Quelle zum Spender später zurückverfolgen lässt, sollte sich bei der routinemäßigen Untersuchung ergeben, dass etwas nicht stimmt. Auch die Blutgruppe ist schon deutlich vermerkt. | Foto: Mirko Baschetti

Frau Lange hat die „begehrte“ Blutgruppe 0, Rhesusfaktor positiv. Das ist die weltweit am häufigsten vorkommende Blutgruppe, und ihr Blut könnte bei der Hälfte der Blutgruppen auf Empfängerseite verwendet werden. Noch häufiger – nämlich universell – einsetzbar wäre nur noch die Blutgruppe 0 negativ. Frau Lange selbst könnte Blut allerdings nur von Spendern empfangen, die ebenfalls 0 positiv oder 0 negativ sind.

Info: Ist Blutspenden gesund?
Viele sehen in der Blutspende auch eine Art persönliches Doping, eine Frischzellenkur, da der Körper fehlendes Blutplasma neubildet und der Kreislauf quasi trainiert würde. Viele Blutspender fühlen sich nach einer Spende daher fitter als zuvor. Medizinisch ist das jedoch nicht nachgewiesen, sollte ein solcher Effekt tatsächlich existieren, hätte er allenfalls kurzfristig Wirkung. Blutspenden ist vor allem gesund für denjenigen, der eine Blutspende empfängt, weil er sonst nicht überleben würde. Für den Spender ist eine Blutspende allerdings mittelbar gesund: denn wenn etwas mit dem Blut nicht stimmt, im Labor Auffälligkeiten bemerkt werden, wird der Spender darüber benachrichtigt. Die Blutspende funktioniert damit auch als eine Art Früherkennung von Krankheiten.

Während Frau Lange Blut spendet, erzählt Frau Wolter, wie es dazu kam, dass sie Rotkreuz-Schwester wurde. Sie kam als Heimatvertriebene einst nach Wunstorf und wollte etwas zurückgeben. Auf der Flucht als 10-jähriges Mädchen mit ihrer Familie aus Ostpreußen waren es die Schwestern vom Roten Kreuz in Berlin, die sie als prägend erlebte, als diese den Flüchtlingen bei der Familienzusammenführung halfen. Auf diese Weise helfen wollte sie später auch – und wurde so tatsächlich eine von ihnen.

Die Blutmischwaage kontrolliert die abgegebene Menge und schaukelt das gespendete Blut | Foto: Mirko Baschetti

Der Blutbeutel, in den die Blutspende fließt, liegt auf einer Spezialwippe und ist ständig in Bewegung: das verhindert, dass das Blut gerinnt. Diese sogenannte Blutmischwaage kontrolliert auch die Blutmenge: Sind die 500 ml gespendet, piepst das Gerät, die Blutabnahme wird gestoppt. Die junge Schwester eilt wieder herbei, befreit Frau Lange von der Kanüle und bietet noch ein Pflaster an. Knapp 10 Minuten hat die Blutspende an sich gedauert.

Keine Komplikationen

Dass Frau Lange gerade einen halben Liter Blut gespendet hat, sieht man ihr nicht an. Sie lächelt zufrieden. Alles andere wäre auch verwunderlich. Kreislaufprobleme beim Blutspenden kommen bisweilen vor, sind dann aber nicht weiter dramatisch. Diese treten übrigens nicht primär wegen der verlorengegangenen Blutzellen, sondern wegen des Flüssigkeitsverlustes auf, der durch die Blutspende zwangsläufig entsteht. Denn für den Körper ist die gespendete Menge Blut durchaus beachtlich – die ein gesunder Mensch jedoch problemlos ausgleichen kann. Weniger als ein Zehntel seines Blutes spendet man während einer Blutspende. Theoretisch könnte man das 5-fache dessen spenden, was bei einer Blutspende verloren geht, und würde noch immer nicht in ernste Schwierigkeiten kommen.

Viel trinken ist wichtig – am besten auch beim Ausfüllen der Fragebögen | Foto: Mirko Baschetti

Stimmt die Blutzusammensetzung oder der Flüssigkeitshaushalt jedoch nicht, kann es zu Komplikationen kommen. Die anfängliche Bestimmung des Hämoglobinwertes trägt seinen Teil dazu bei, dass so etwas nicht passiert. Doch es kommt dennoch immer mal wieder vor, dass sich jemand überschätzt. Zu diesem Zweck steht sogar später beim Buffet eine Liege bereit, für den Fall, dass jemandem noch im Nachhinein unerwartet schwummerig werden sollte.

„Wichtig ist trinken. Ganz wichtig. Auch im Vorfeld.“Jörg Rothbart

Die DRK-Mitarbeiter und -Helfer haben aber einen Blick für solche Fälle, kennen die Symptome gut und können dann sofort eingreifen. Wenn jemand blass im Gesicht wird, einen kalten Schweißausbruch bekommt, dann wird sofort der Arzt hinzugeholt, der Blutdruck gemessen und ggf. interveniert, um den Kreislauf wieder auf normal zu bringen. Die Betroffenen werden mit Flüssigkeit versorgt, stabil gelagert und überwacht, bis sie sich wieder erholt haben. Schon nach ein paar Minuten kann man wieder aufrecht sitzen, und auch die Gesichtsfarbe ist wieder normal. An diesem Blutspendetag passiert derlei nicht, alles verläuft so, wie es sein soll.

Info: Risiken beim Blutspenden
Auch beim Blutspenden verläuft nicht immer alles glatt, manchmal kommt es zu Komplikationen: meist, wenn Spender zuvor nicht ausreichend getrunken haben. Dann kann sich der Blutverlust in Kreislaufproblemen niederschlagen. Bei etwa einem Fünftel der Spender kommt es nach der Blutspende zu einem kleinen blauen Fleck an der Einstichstelle. Theoretisch auftreten können auch eine Wundinfektion und Nervenverletzung durch das Legen der Injektionsnadel. In der Praxis entspricht das jedoch eher der Wahrscheinlichkeit der seltensten Nebenwirkungen ganz hinten in einem Beipackzettel. Der Flüssigkeitsverlust ist in 1–2 Stunden ausgeglichen, die Bildung neuer Blutzellen dauert einige Tage. Daher sollte man sich einige Tage nach der Blutspende noch etwas schonen, damit der Körper Gelegenheit hat, sich zu regenerieren.

Nur ein einziges Mal wurde es in der Vergangenheit bei den Wunstorfer Rotkreuzlern hektischer, und das aus einem nachvollziehbaren Grund: Es war ein schwüler Sommertag, die Luft in der Remise zum Schneiden – und der Blutspender hatte vorher nicht ausreichend getrunken. Bereits nach 200 Millilitern Blutspende kam es dann zu Kreislaufproblemen. Ein Rettungswagen wurde hinzugerufen und eine Infusion gelegt, um den Flüssigkeitsmangel schnell auszugleichen. Bei ungünstigen Startbedingungen kann daher auch ein geringer Blutverlust problematisch sein, in der Regel verkraftet der Körper jedoch selbst viel größere Mengen.

Ab zum Buffet, Energie tanken

Knapp 10 Minuten lag Frau Lange auf der Liege, nun darf sie schon ans Buffet. Ihr wird angeboten, sich noch kurz auszuruhen, als langjährige Spenderin kann sie ihren Kreislauf jedoch gut einschätzen, verzichtet auf zusätzliche Ruhezeit und geht direkt hinüber zum Essen. Eine gute halbe Stunde ist vergangen von der Anmeldung bis zur Verabschiedung beim Schwesternteam. Sicheren Schrittes steuert Frau Lange das Buffet an und setzt sich zu den anderen – und lässt den Abend gemütlich ausklingen.

Frau Wolter löst die Staubinde | Foto: Mirko Baschetti

Das Buffet hätte in puncto Reichhaltigkeit eine Kreuzfahrtschiff-Küche kaum besser hinbekommen, und auch die lange Tafel ist festlich dekoriert. Reich belegte Brötchen, Schinkenröllchen, Obst und viele andere Leckereien türmen sich auf den Tellern und Platten. Die Rotkreuz-Jugend ist auch da und backt frische Waffeln für die Blutspender. Man setzt sich zusammen, unterhält sich und lässt es sich schmecken. Drumherum spielen einige Kinder, die ihre Eltern begleitet haben.

Das Buffet erstreckt sich über die gesamte Raumlänge | Foto: Mirko Baschetti
Die Weihnachtszeit ist erkennbar: Die gedeckte Tafel für das Essen danach | Foto: Mirko Baschetti

Nach drei Stunden Blutspende ist Schluss. Für die ehrenamtlichen Helfer vom Roten Kreuz geht ein langer Tag zu Ende. Manche waren direkt nach ihrem eigentlichen Job zum Termin gekommen und haben ihre Freizeit in den Dienst des Roten Kreuzes gestellt. Nun muss auch noch abgebaut werden, denn am nächsten Tag geht es schon an einer andere Stelle weiter.

Rückgabebox für Staubinden in Buffetnähe | Foto: Mirko Baschetti

Was wir erlebt haben an diesem Tag, das ist eine engagierte Schar von Mitgliedern, Mitarbeitern und Helfern des DRK, viele gut aufgelegte Blutspender und ein schwer zu beschreibendes Gemeinschaftsgefühl. Ein Gefühl, das sich auch speist aus dem Wissen, etwas Gutes getan zu haben, etwas, was einem anderen Menschen irgendwo anders vielleicht in nächster Zeit das Leben retten wird.

Wenn man Blut sehen kann und keine Angst vor Injektionsnadeln hat, dann braucht man kein Held zu sein, um zum Blutspenden zu gehen – obwohl jeder einzelne Spender und jede einzelne Spenderin in Wirklichkeit einer ist.

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