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Niedersachsen durchs Nachtsichtgerät: Taktischer Nachtflug mit dem A400M

16.12.2025 • Deppe/Dombrowski • 6 Min.Kommentare: 2

Wie sich ein taktischer Nachtflug anfühlt, wie der Blick durch ein Nachtsichtgerät wirklich ist und wie Wunstorf bei Nacht von oben aussieht, das erfahren normalerweise nur die Crews in den Militärflugzeugen, die über der Stadt kreisen. Dieses Mal war die Auepost mit an Bord.

16.12.2025
Deppe/Dombrowski
6 Min.
Braucht Nerven: Auepost-Fotograf Dirk Dombrowski steht während des Fluges auf der geöffneten A400M-Laderampe | Fotos: Deppe/Dombrowski

Regelmäßige Trainingseinheiten gehören nicht nur im Sport mit dazu, um konstante Leistungen zu erbringen und Routinen zu entwickeln. Auch die Besatzungen der A400M-Maschinen des Lufttransportgeschwaders (LTG) 62 der deutschen Luftwaffe trainieren regelmäßig über Wunstorf und der Region, um auf den Einsatzfall vorbereitet zu sein – sowohl bei Tag als auch bei Nacht mit Fluggeschwindigkeiten von bis zu 750 km/h.

Für den nächtlichen Bundeswehr-Trainingsflug, an dem auch wir und einige andere Pressevertreter teilnehmen dürfen, steht die Be- und Entladung eines Geländewagens vom Typ Wolf auf dem Plan, von denen der A400M insgesamt drei Fahrzeuge transportieren kann. Auch das simulierte Absetzen von Fallschirmspringern und das Abwerfen von Lasten ist vorgesehen.

Video: Taktischer Nachtflug mit dem A400M

Start und Landung werden ebenfalls geübt: In den insgesamt knapp drei Stunden, die wir an Bord des Transportflugzeuges verbringen werden, sind fünf Starts und fünf Landungen vorgesehen.

Wolf an Bord und Drohnenalarm

Als wir das Flugzeug betreten, steht ein Mercedes Wolf bereits festgezurrt im Inneren des A400M. Für uns ist im vorderen Teil des Frachtraumes Platz. Gesessen wird, anders als auf dem Weg in den Urlaub, seitlich. Fensterplätze sucht man im A400M – aufgrund der multiplen militärischen Verwendung – vergeblich.

Auch die Crew im Laderaum arbeitet mit Nachtsichtbrillen
Ladungssicherung: Der „Wolf“

Der geplante Start verzögert sich etwas: Eine Drohne befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Fliegerhorst Wunstorf in der Luft – in einer Drohnenverbotszone. Die Maschine kann nicht abheben. Doch die Störung, die den Start verhindert, kann schnell identifiziert werden: Es ist eine Drohne von Rettungskräften, die sie aufgrund einer Personensuche nutzen. Nach einigen Minuten kommt die Startbahnfreigabe.

Gut, dass sie da sind: Tüten gegen taktische „Reiseübelkeit“

Der erste Start von VANTA4 (so lautet das Rufzeichen für unseren Flug) ist wegen des fehlenden Ausblicks zunächst ein ganz anderes Gefühl als das bekannte typische Fluggefühl, und schnell wird uns bewusst, wie hoch die körperliche Belastung für die Besatzung sein muss. Der Vorab-Hinweis vom LTG 62, dass taktische Flugmanöver auf den Magen schlagen können, ergeben jetzt, in der ersten scharfen Kurve, plötzlich Sinn.

Nur wenige hundert Meter über Boden

Die Nachtflüge über Wunstorf finden meist in einer Höhe zwischen 700 und 1200 Fuß statt. Bei Unterschreitung einer Flughöhe von 500 Fuß (ca. 150 Meter), die die Mindesthöhe für diese Art von taktischen Flügen ist, würde das Tactical Terrain System eine Warnung an die Piloten geben, erzählt Hauptmann Felix.

Anflug bei Nacht
Die Piloten
Im tiefen Flug

Dieses System sorgt unter anderem auch dafür, dass Pilotinnen und Piloten mit notwendigen Geländedaten versorgt sind und so beispielsweise in unbekannten Gebieten Hindernisse kennen und umfliegen können. Auf unserem Flug wird klar: Der Kaliberg, der am Tag gut sichtbar jedem bekannt ist, wird in der Nacht zu einem wahren Hindernis.

In Deutschland beträgt die Mindesthöhe für taktische Nachtflüge 500 Fuß. In den Nachbarländern und darüber hinaus sind Tiefflüge in noch geringerer Höhe (300 Fuß) möglich, weshalb das LTG 62 auch an Übungen in Frankreich, Norwegen und wie zuletzt sogar in Neuseeland bei dem Manöver Tūhono Rangi 2025 teilnimmt.

Beim Briefing vorab sind wichtige Details über das Verhalten an Bord besprochen worden. Hauptmann Felix, selbst nicht nur Pilot, sondern auch Fluglehrer auf dem A400M, bespricht die Flugroute und weist auf die nachtflugspezifischen Herausforderungen hin.

Von 3D auf 2D umschalten

Bei Dunkelheit ist es vor allem das Fliegen mit Nachtsichtbrillen („NVG“ = Night Vision Goggles) selbst, das sowohl den Piloten als auch den Ladungsmeistern im Frachtraum Übung und absolute Konzentration abverlangt. Denn das 3D-Sehen vermindert sich beim Blick durch das Nachtsichtgerät, das optisch einem Fernglas ähnelt, auf 2D.

Mit aufgesetzten Nachtsichtgeräten im Cockpit
Das Restlicht wird verstärkt, aber das räumliche Sehen nimmt ab

Entfernungen, Geschwindigkeiten und Hindernisse wie Windräder oder Hochspannungsleitungen werden ganz anders dargestellt, als man es gewohnt ist, und auch bei der Arbeit im Cockpit selbst ist viel Übung gefragt. Denn während die Piloten beim Blick durch die Cockpitfenster die Helligkeitsverstärkung nutzen, werden die selbstleuchtenden Fluginstrumente mit bloßem Auge abgelesen. Deshalb sitzen die Brillen auch nicht direkt vor den Augen der Piloten, sondern sind etwas entfernt vom Gesicht, sodass beide Blickwinkel genutzt werden können.

Auch die Landebahn ist dunkel

„Ein solches Nachtsichtgerät ist keine Magie“, sagt Ladungsmeister Thomas, „es verstärkt lediglich das vorhandene Restlicht.“ Extremer Wolkenbehang und damit fehlendes Licht erschweren den Einsatz des NVG, bei Vollmond hingegen ist infolge der Helligkeit ein Nachtsichtgerät gar nicht notwendig. „Aufgrund der Wetterbedingungen sind deshalb besonders die Herbstmonate für die Nachtflüge über Wunstorf und Umgebung wichtig“, so der Ladungsmeister.

Das grüne Leuchten im Cockpit verrät: Nachtflug in Vorbereitung
Für den Instrumentenflug schauen die Piloten an den Nachtsichtbrillen vorbei

Anders als an gut beleuchteten Verkehrsflughäfen oder im Idealfall auch bei Militärflughäfen üblich, wird auch das Anfliegen auf dunklen Pisten trainiert. Denn die Besatzungen des A400M können nicht immer mit Idealbedingungen rechnen.

Deshalb stehen auch Starts und Landungen mit einer für das bloße Auge unsichtbaren Infrarotbeleuchtung auf dem Übungsplan. Die Wirkungsweise dieser Infrarotbeleuchtung demonstriert der Lademeister eindrucksvoll an einem IR-Knicklicht. Es erscheint beim ersten Betrachten als dunkler Stab, der sich beim Blick durch das Nachtsichtgerät in ein gleißend helles Licht verwandelt.

Anschnallen mal anders

Beim Ausrüsten vor dem Flug bekommt jeder Teilnehmer einen entsprechenden Helm mit Funkgerät, mit dem man während des Fluges mit allen anderen verbunden ist. In der sogenannten „Hoffman-Box“, einer Art Dunkelkammer mit Lichtpunkten, werden die Nachtsichtgeräte für jede Person ganz individuell eingestellt und abschließend an den Helmen montiert.

Helmpflicht: An ihnen werden die NVGs befestigt
Die Hauptsicherung der Gurte – bloß nicht drankommen

Bereits hier wird klar: Das ist gar nicht so leicht. Auch ein sogenannter Stehhaltegurt gehört zur Ausrüstung dazu. Dieser sichert Soldatinnen und Soldaten – und mitfliegende Journalisten – während des Fluges und wird am Bodensystem des Flugzeuges befestigt.

Seitentür auf

Das Fluggebiet befindet sich an diesem Tag über Wunstorf, Nienburg und Celle. Nach kurzer Zeit werden wir ins Hintere des Flugzeugs gebeten, wo der Absprung der Fallschirmspringer simuliert werden soll. Dieser kann simultan aus beiden Seitentüren erfolgen. Dafür wird per Lichtsignal der Absprungmoment genau getimt, im Einsatz müsste es nun ganz schnell gehen. Während wir mit den Stehhaltegurten den ersten Blick aus dem Flugzeug heraus werfen, sind die routinierten Abläufe von Ladungsmeistern und Piloten im Bordfunk hörbar.

Geöffnete Seitentür im Flug

Als Nächstes wird der Wolf abgesetzt. Während einer Zwischenlandung am Heimatstandort Wunstorf wird die Laderampe des Transportflugzeugs bereits kurz nach der Landung noch im Rollen aufgeklappt und das Fahrzeug entsichert und herausgefahren. Direkt danach folgt schon der nächste Start.

Der A400M ist als Transportflugzeug der Bundeswehr vor allem dort eingesetzt, wo Personen, Materialien und Hilfsgüter transportiert oder abgesetzt werden sollen. In den vergangenen Jahren war dies in ganz verschiedenen Teilen der Welt der Fall: Zum Beispiel im Erdbebengebiet in der Türkei, während der UN-Friedensmission in Mali und nicht zuletzt aktuell für die humanitären Hilfen in Gaza.

Immer wieder wird in Wunstorf gestartet und gelandet während eines Übungsfluges

Auch diese Flüge finden nicht immer bei Sonnenschein und unter besten Flugbedingungen statt. Aber auch bei Dunkelheit stellt die Zeit einen wichtigen Faktor dar und wird im Ernstfall so knapp wie möglich gehalten, erzählt die heutige Crew. Denn ein A400M ist aufgrund seiner Größe auch ein markantes Ziel in zum Teil umkämpften Gebieten.

Licht einschalten verboten

Genau bei solchen nächtlichen Einsätzen sind die Besatzungen zusätzlich mit einem NVG ausgestattet. Abwechselnd dürfen alle Teams einmal im Cockpit einen Start und eine Landung mitverfolgen und die Flugmanöver mit Blick aus dem Cockpit heraus begutachten. Die Herausforderung beim Wechsel zwischen Nachtsichtgerät und „normalem“ Ausblick wird dabei erfahrbar.

Wer erkennt die Stadt?

Als wir an der Heckrampe knien und diese sich zum simulierten Lastenabwurf komplett öffnet, blicken wir unmittelbar über die beleuchteten Dächer der Städte und Dörfer unter uns. Verbunden sind wir nur mit dem Spezialgurt, mit dem man sich auch stehend im Flugzeug bewegen kann. Die Anweisungen und Absprachen der Crew klingen in den Helmen über Funk – es sind die Funksprüche, die auch während einer regulären Mission nun folgen würden.

Natürlich wird das Fahrzeug, das in der Runde zuvor in Wunstorf abgeladen wurde, zur Übung der Beladung auch wieder aufgenommen, bevor wir am Abend bei völliger Dunkelheit nach knapp drei Stunden zur letzten Landung des Tages ansetzen.

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Kommentare


  • Sylvia L. sagt:

    Der Artikel beschreibt die technischen Abläufe und die Anforderungen eines
    taktischen Nachtfluges sehr anschaulich. Das ist informativ und handwerklich
    sauber gemacht.

    Auffällig ist allerdings, wie stark dabei die Faszination für Technik,
    Routine und Professionalität im Vordergrund steht. Moderne Militärtechnik,
    Nachtsichtgeräte, Tiefflug, präzise Abläufe – all das wirkt beeindruckend
    und beinahe selbstverständlich.

    Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass diese Fähigkeiten keinen Selbstzweck
    haben. Taktische Nachtflüge, das Absetzen von Material und Personal und
    multinationale Einsatzkonzepte existieren nicht, weil sie faszinierend sind,
    sondern weil sie im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden.

    Gerade vor dem Hintergrund aktueller internationaler Spannungen und der
    offenen Diskussion über eine stärkere militärische Integration Europas
    wirkt eine allzu selbstbewusste Inszenierung von militärischer Stärke
    mindestens unvollständig. Geschichte lehrt, dass technologische
    Überlegenheit und komplexe Bündnisse keine Garantie für Kontrolle,
    Vorhersehbarkeit oder schnelle Entscheidungen sind.

    Vielleicht ist genau hier Zurückhaltung angebracht. Militärische
    Leistungsfähigkeit verdient Respekt – aber Überheblichkeit war noch nie ein
    verlässlicher Ratgeber. Was im Training beherrschbar erscheint, kann im
    Ernstfall kippen, und dann verlieren Begriffe wie „beeindruckend“ oder
    „faszinierend“ sehr schnell ihre Bedeutung.

    Eine solche Einordnung richtet sich weder gegen die Soldatinnen und
    Soldaten noch gegen die Berichterstattung. Sie ergänzt sie um den Blick auf
    die Verantwortung und die Risiken, die hinter jeder militärischen Übung
    stehen.

  • Jerry M. sagt:

    Könnte mir vorstellen, dass solche Ausflüge zu den Highlights des Berufs gehören. Als Zivilist an solchen Übungen teilzunehmen, ist sicher was besonderes.
    Danke für die Ein- und Ausblicke.

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