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Turnschuh gegen Tarnfleck – bei den Bundeswehr Discovery Days auf dem Fliegerhorst Wunstorf

18.09.2025 • Deppe/Dombrowski • 6 Min.Kommentare: 4

Berufsorientierung mal anders: In Wunstorf sind in dieser Woche Jugendliche und junge Erwachsene aus halb Deutschland auf Entdeckertour zu Gast beim LTG 62. Das ist kein Spaziergang: Übernachtet wird im Zweimannzelt im Wald, mit Frühsport nach 5.30 Uhr. Aber wirklich alle sind engagiert dabei – und haben meist schon ganz konkrete Berufsziele bei der Bundeswehr.

18.09.2025
Deppe/Dombrowski
6 Min.
Die Teilnehmer beim Discovery Day in Wunstorf | Fotos: Deppe/Dombrowski

Bereits zum dritten Mal finden die Bundeswehr Discovery Days am Wunstorfer Fliegerhorst statt. An vier Tagen erhalten insgesamt 20 junge Menschen einen Einblick in den Beruf als Soldat sowie verschiedene Karrieremöglichkeiten und erleben, was es heißt, in einem Biwak zu schlafen.

Im Rahmen der Personalgewinnung hat das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr vor einigen Jahren die sogenannten Discovery Days ins Leben gerufen. An verschiedenen Standorten werden pro Jahr im Schnitt zwanzig standortspezifische Discovery Days durchgeführt, bei denen junge Menschen aus ganz Deutschland eingeladen werden, hautnah mitzuerleben, wie ein Berufsalltag als Soldat aussehen kann.

Auch an diesem Tag in dieser Woche sind deshalb 4 weibliche und 16 männliche Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 19 Jahren aus dem gesamten Bundesgebiet in Wunstorf, um mehr über die Arbeit beim LTG 62 und im Lufttransport, aber auch über die Karrieremöglichkeiten in Marine, Heer und der gesamten Bundeswehr zu erfahren – um konkrete berufliche Perspektiven zu entwickeln.

„Die Discovery Days zielen darauf ab, Interesse zu erzeugen und bereits vorhandenes Interesse zu bestärken und zu bestätigen“, erzählt Oberleutnant Sven, der für das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr vor Ort ist. Zudem wirke man durch Veranstaltungen wie dieser der relativ hohen Abbruchquote in der Basisausbildung entgegen. Der Begriff Basisausbildung ist neu, früher war diese Phase als Grundausbildung bekannt.

Überraschend authentisch

Dass der Ansatz richtig sein könnte, zeigt sich direkt auch beim Reinschnuppern in Wunstorf: „Wir wussten gar nicht, dass wir in einem Biwak schlafen“, berichten gleich mehrere Teilnehmende. Anders als bei anderen Gleichaltrigen werden das Übernachten im Bundeswehrzelt, im Soldatensprech die sogenannte „Dackelgarage“, eine Zwischenmahlzeit aus einer Einpersonenpackung – der „EPa“ – und auch das frühe Aufstehen aber nicht als negativ empfunden.

Die ABC-Schutzausrüstung an der Wäscheleine wartet
In Uniform: Die Teilnehmer tragen normale Feldanzüge der Bundeswehr mit dem Abzeichen des LTG 62
Schutz und Tarnung gehören zum Programm
Beispieltarnung: Auf diesem Bild verstecken sich gleich mehrere Gegenstände
Erklärungen zum ABC-Schutz
ABC-Schutzausrüstungsstation

Im Gegenteil, bereits am ersten Tag kamen bei einigen Teilnehmenden Fragen nach einem militärischen Tonfall auf, wann der denn endlich zu hören sei. Doch da mussten die Soldaten enttäuschen: „Wir möchten den Teilnehmenden hier einen ehrlichen Einblick in das Leben als Soldat oder Soldatin geben“, erklärt Oberleutnant Sven, der mitverantwortlich für die Discovery Days ist. Dabei wird klar, dass die bekannten Klischees nicht der Realität entsprechen. Niemand wird grundlos angeschrien, vielmehr geht es um die Vermittlung von Kameradschaftsgefühl, Verhaltensregeln innerhalb der Truppe und gegenseitige Unterstützung.

„Wir wussten gar nicht, dass wir hier draußen schlafen müssen … aber voll geil.“

Ein Teilnehmer

Bereits bei der Ankunft der Teilnehmenden wurden die Kommunikationsfähigkeit sowie der Teamgeist auf die Probe gestellt. Bei der Einkleidung stellten viele fest, dass Hosen zu groß oder zu klein ausfielen, sodass getauscht wurde, bis jede und jeder eine passende Ausrüstung hatte. Bis zum Abend musste dann auch untereinander geklärt werden, wie die Zelte in Zweiergruppen belegt werden sollten – denn Einzelzelte gibt es nicht.

A400M-Mitflug inklusive

Der Tag startet realitätsgetreu um 5.30 Uhr mit dem Wecken. Nach einer Laufrunde sowie einem Workout stehen dann an den vier Tagen verschiedene Programmpunkte auf dem Plan, von der Karte-Kompass-Orientierung über das Erlangen von Infos zu Atemschutz, Feuerarten und Tarnmöglichkeiten hinweg bis hin zum Kennenlernen der Berufsgruppen auf dem Fliegerhorst – und nicht zuletzt auch der Möglichkeit eines Mitflugs im am Standort beheimateten A400M.

Was kommt jetzt?
Persönliche Tarnung. Die Soldaten machen es einmal vor.
Es gibt nur zwei Farbtöne im Angebot: Erdbraun und Moosgrün
Und dann dürfen die Teilnehmer selbst ran
Gesichtstarnung wird immer gegenseitig aufgetragen, nicht etwa selbst vorm Spiegel
Lovis (li.) wird von Anthony getarnt
Tipp vom Ausbilder: Nicht zu dick auftragen, sonst glänzt die Farbe später
Im Besprechungszelt. Klar zu erkennen, wer die Tarnstation schon absolviert hat.

Am Lagerfeuer abends kommt man dann ganz von selbst ins Gespräch über die Pläne und Ziele der Jugendlichen, die teilweise bereits sehr konkret sind und alle Truppengattungen umfassen. Der 16-jährige Lovis aus Bremen berichtet über seine Pläne, Fluglotse zu werden, während er sich vom 19-jährigen Anthony aus Hamburg mit Tarnschminke tarnen lässt.

Plan B nie verkehrt

Anthony selbst hat schon konkretere Pläne und eine Zusage für eine Laufbahn als Fallschirmjägeroffizier, berichtet er. Dennoch suche er einen Plan B. Genau das empfehlen auch die Karriereberater vor Ort den Jugendlichen: „Man weiß nie, ob eine augenärztliche Untersuchung euren Traum von der Karriere als Pilot zum Platzen bring“, heißt es bei einer Besprechung im Zelt.

Man spürt die hohe Motivation bei den jungen Leuten, der auch ein Wolkenbruch überm Zeltlager nichts anhaben kann. Wer hier dabei ist, der hat sich schon länger mit dem Gedanken beschäftigt, was es heißen könnte, Soldat zu werden. Gespannt lauschen die Jugendlichen den persönlichen Erfahrungsberichten und hören mehr über ihre Chancen bei der Bundeswehr, jedoch auch über persönliche Rückschläge und reelle Einschätzungen. Hier werden keine Traumwelten erschaffen. Denn mit den aktuellen Weltgeschehnissen wird auch der Krieg thematisiert.

Die betreuenden Soldatinnen und Soldaten gehen dabei direkt mit den Teilnehmenden in Kleinstgruppengespräche. Auch hier ist das entgegengebrachte Interesse an den Themen Krieg und Verwundung genau so groß wie das Bewusstsein darüber, im Ernstfall eine Waffe nutzen zu müssen, im Einsatz zu töten, aber auch getötet werden zu können.

Nächste Station: Feuer entzünden
Verschiedene Methoden werden nacheinander probiert
Mit technischen Hilfsmitteln oder auch ganz einfachen Werkzeugen
Funktioniert.

Oberleutnant Sven betont hierbei ausdrücklich, dass bei den Discovery Days ein Waffengebrauch ausgeschlossen ist, eine Sensibilisierung der Jugendlichen und die Thematisierung aufgrund der aktuellen Bedeutsamkeit für die Sicherheitslage jedoch essenziell sei. Deshalb kann das Einsatzgerät von den Jugendlichen zwar in Augenschein genommen, aber nicht selbstständig geführt werden.

Berater und LTG-62-Soldaten dabei

Begleitet werden die Jugendlichen hierbei direkt vor Ort von Soldatinnen und Soldaten des LTG 62 sowie von Karriereberatern, die für Rückfragen zur Verfügung stehen und bei Bedarf konkrete Beratungstermine wohnortnah für die Jugendlichen vereinbaren.

Von den Teilnehmern wird aber durchaus Selbständigkeit verlangt – und die bringen auch alle mit: Von den Eltern vorbeigebracht wurde niemand, angereist zu den Wunstorfer Discovery Days wurde allein mit der Bahn, teils von weither. Auch aus Bayern sind Teilnehmer in Wunstorf. Nicht Wenige haben ihren Schulabschluss noch vor sich und wollen Abitur oder Fachabitur machen.

Oberleutnant Sven, selbst nur vorübergehend in Wunstorf, lobt besonders die Durchführung am Standort: Hier sei neben dem personellen Einsatz in der Woche selbst vor allem auch die Vor- und Nachbereitung hervorzuheben. Denn ein Biwak zu organisieren bedeute nicht nur die Organisation von Zelten, Tarnnetzen und EPa-Paketen, sondern beispielsweise auch, für die nötige Sicherheit der Teilnehmenden zu sorgen: Sei es bei der Nachtwache, die sowohl für männliche als auch weibliche Teilnehmer vorgesehen ist, oder dem Förster, der einen geeigneten Ort für das Camp heraussuchen und gegebenenfalls die Gefahr herabfallender Äste einschätzen muss.

Gastgeber erfahren nicht, wie es weitergeht

Die Erfolgs- und Vermittlungsquote der Discovery Days selbst ist indes schwer messbar, berichtet der verantwortliche Oberleutnant. Aufgrund der Zeiten bis zum Schulabschluss und weiteren Praktika sei die direkte Vermittlungsquote nicht auszumachen. Derzeit liege aber die Anbindung der Teilnehmenden der Discovery Days an eine Karriereberatung der Bundeswehr bei 70 bis 80 Prozent. Das Jugendmarketing der Bundeswehr, zu denen die Discovery Days gehören, erfreuen sich jedoch stetig wachsender Begeisterung, sodass die Bewerberanzahl die verfügbaren Plätze an einigen Standorten inzwischen übersteigt.

Major Manfred zeigt der Auepost eines der Zelte
Die stehen zusammen unter Tarnnetzen
Begehbarer Kleiderschrank im Bundeswehr-Style: Die Habseligkeiten der Teilnehmer sind gemeinsam im improvisierten Zeltlager-Lager verstaut

Die Bewerbung ist für junge Erwachsene mit deutscher Staatsangehörigkeit zwischen 16 und 20 Jahren online möglich, eine Freistellung vom Schulbesuch inkludiert.

Hashtag-Erlaubnis

Wer genauer sehen möchte, was die Teilnehmenden in Wunstorf und den anderen Standorten während ihrer Entdeckertage erlebt haben, kann dies über ihre eigenen Social-Media-Profile tun: In dem geschützten Bereich des Discovery Days ist es allen Teilnehmenden ausdrücklich erlaubt, mit dem Hashtag #bundeswehrdiscoverydays Erinnerungen zu teilen und für die Außenwelt zugänglich zu machen.

Wie hat’s bis jetzt gefallen in Wunstorf?

Nicht nur für die jungen Frauen und Männer, die sich für die Bundeswehr interessieren, auch für die gestandenen Soldatinnen und Soldaten beim LTG 62 in Wunstorf sind die Discovery Days etwas Besonderes. Man freut sich über die Gäste, die den gleichen Berufsweg einschlagen wollen.

Der Betrieb auf dem Fliegerhorst wurde jedoch selbstverständlich regulär aufrechterhalten, trotz des Aufwandes, der die Ausrichtung eines Discovery Days mit sich bringt. Die Einsatzfähigkeit müsse jederzeit weiterhin gegeben sein, sagt Major Manfred vom LTG 62.

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Kommentare


  • N. sagt:

    Werbung?
    Die Realität sieht sicherlich anders aus.
    Aber gesucht wird ja immer.

    • anonym sagt:

      Die Realität sieht nicht anders aus, ich war eine der Personen die dabei waren. Ich bin normalerweise eher faul, aber dort wurde mir Kameradschaft und Einblick in den Alltag und Karriere möglichkeiten gewährt. Es war eine tolle Erfahrung. So ist es in der realität gewesen. Uns wurde ausserdem gesagt, falls es irgendetwas gab, ob beim Morgensport oder überall, falls es Probleme gab, sollten wir uns melden. Uns wurden all diese links gegeben für den Zugang für Fotos, Videos, etc. Natürlich kann der Ton streng werden, aber sonstreng wie in der Grundausbildung war er nicht. Alle waren Nett zu uns. Wir haben ausserdem viel geschenkt bekommen. Dass einzige was die Zeitung ein bisschen falsch gemacht hat, sie hat dass sie das Zitat ein bisschen abgeändert haben, aber nichts was zu schlimm ist da der Sinn gleich geblieben ist.
      Mit freundlichen Grüßen
      ein Teilnehmer

  • Nachname sagt:

    #datenschutz Kfz-Kennzeichen werden verpixelt, Namensschilder nicht ?

  • Andrea sagt:

    „Überraschend authentisch“ klingt gut – Biwak, EPa, A400M und Kameradschaft gehören zur Realität. Zur gleichen Realität zählen aber auch Verwundung, PTBS, Gefallene und der Umgang damit. Wurde in Wunstorf ebenso offen erklärt, wie Verwundetentransporte, psychologische Nachsorge und – ja – der Ernstfall mit Leichensäcken geregelt sind? Echte Authentizität ist: informieren, ohne zu beschönigen. Danke für die Einblicke – bitte auch diese Seite transparent machen.

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