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Horst grantelt: Gendern für Fortgeschrittene

21.12.2023 • Horst Koschinsky • Aufrufe: 1561

Gendern funktioniert nicht, meint Horst Koschinsky. Und gendert mal eben seine komplette Kolumne durch.

21.12.2023
Horst Koschinsky
Aufrufe: 1561

Dass Gleichberechtigung auch in die Sprache gehört, ist überfällig. Doof nur, dass bislang noch niemand eine Lösung dafür gefunden hat. Seit etwa 50 Jahren gehen alle Versuche immer wieder grandios in die Hose/den Rock. Die Leute sprechen einfach so weiter, wie sie schon immer gesprochen haben. Und alle Maßnahmen, dem etwas korrigierend überzustülpen, wirken wie übergestülpte Korrekturen. Auch in Wunstorf wird jetzt mal wieder an den Ausdrucksweisen geschraubt, seit die Gleichstellungsbeauftragten ordentlich Dampf gemacht haben, doch bitte kein Geschlecht unerwähnt zu lassen.

Auch in der Medienlandschaft wird experimentiert: Die HAZ versucht es im Lokalteil neuerdings mit dem Ausschreiben beider Geschlechter, die Auepost versucht’s mit hippen Doppelpunkten. Überzeugt mich alles nicht. Bei „Besucherinnen und Besuchern“ denk ich jedes Mal: Hält mich der:die Redakteur:in für so dämlich, dass er:sie mir andauernd den Umstand verdeutlichen muss, dass es auf diesem Planeten Männlein und Weiblein gleichermaßen gibt?

Als wäre der:die Redakteur:in auf die Tischkante geknallt

„Besucher:innen“ oder „Besucher*innen“ ist noch schlimmer. Das sieht aus, als wäre der:die Schreiberling:in mit dem Kopf auf die Tischkante geknallt und hätte beim Abrollen noch die Tastatur mitgerissen. Satzzeichen gehören in einen Satz, aber nicht mitten ins Wort. Sonst würden sie ja Wortzeichen heißen. Die Spezialist:innen unter den Schreiber:innen schaffen es sogar, von Mitgliederinnen und Regenr*innen zu fabulieren.

Überhaupt bezweifle ich die Sinnhaftigkeit: Wenn ich „Bäcker“ lese, dann hab ich die Damen hinterm Tresen bei Pesalla und Hanisch vor Augen. Okay, bei Hanisch steht auch manchmal ein Mann dazwischen. Sein Pech. Aber nur weil ich jetzt Bäcker:innen lese, habe ich nicht automatisch noch mehr Frauen im Kopf. Schon jetzt lässt sich das alles vielleicht gerade noch so entziffern, aber mit der Aussprache ist es sofort Essig.

„Der/die Freund:in des/der Gastgebers:in begrüßte die/den zuletzt Gekommene:n auf deren/dessen Party, über die sich ein:e Anwohner:in bei dem/der Polizisten:in beschwerte.“

Versuchen Sie, das mal laut zu lesen. Aber stellen Sie vorher sicher, dass ihr Umfeld nicht zuhört, um nicht versehentlich mit Verdachtsdiagnose auf Schlaganfall im Krankenhaus zu landen.

Und wenn sich jemand die Mühe macht, tatsächlich von „Anwohnerinnen und Anwohnern“ zu sprechen, dann tut er:sie das meist so schnell und genuschelt, dass es nur noch wie „Anwohnnnnnnn“ klingt. Und schon wieder ruft jemand den Rettungswagen.

Jetzt sollen aber in den Amtsstuben nicht nur Herr und Frau Müller, sondern idealerweise auch alle anderen Geschlechter angesprochen werden. Irgendwo hab ich neulich mal eine lange Liste gesehen. Da wäre auf dem Brief für etwas anderes als die Anrede gar kein Platz mehr. Daher der geniale Einfall von den Expert:innen: Einfach gar keine Anrede benutzen, sondern den Vornamen einbauen. Wenn mich aber jemand mit „Guten Tag Horst Koschinsky“ anschreibt, dann halte ich ihn:sie instinktiv für eine:n schmierige:n Verkäufer:in, die:der mir eine Heizdecke andrehen möchte. Wo die ganze Behördenpost doch nun schon verschwurbelt genug formuliert ist.

Mit geschlechtslosen Grüßen an die geschätzten Lesernnnnnn,
Horst Koschinsky

Diese Kolumne stammt aus Auepost-Heft Nr. 17 (März 2021). Die gesamte damalige Ausgabe war in gegenderter Fassung erschienen, um die praktische Anwendung geschlechtsneutraler Sprache im redaktionellen Alltag zu erproben.

Auepost #17 (März 2021)
 
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Kommentare


  • Heinz-Dieter Badke sagt:

    Ganz kurz zur Kolumne von Herrn Koschinsky vom 21.12.2023:
    „Dass Gleichberechtigung auch in die Sprache gehört, ist überfällig“.
    Sinnhaftig und logisch erschließt sich das Genannte mir nicht. Schon allein phonetisch ergeben sich doch reichlich Probleme.
    Die weitere Kommentierung in der Kolumne zeigt die Problematik auch umfänglich und pointiert auf.
    Eine gelungene Darstellung.
    Letztlich: Gendern ist meiner Meinung nach Ausdruck einer übersatten Zivilisation, die keine wertschöpfenden
    Ambitionen mehr hat, ein Dekadenzphänomen.

  • Wunstorfer sagt:

    Mein persönliches Highlight in der HAZ war Hersteller:innen in einem Artikel über die Uhrenmarke Swatch

  • Andreas R. Niepel sagt:

    Ein Gender-Sternchen ist ein Punkt mit lauter Deppenapostrophen drumherum.

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