Erinnerungen an den „deutschen Eiffelturm“

Der Gigant am Steinhuder Meer – Überseesender Eilvese

Zu Kaisers Zeiten war es kein Kaliberg, der weithin sichtbar die Gegend um Wunstorf dominierte – es war die riesige Antennenanlage nordöstlich des Steinhuder Meeres, mit der in die USA gefunkt wurde. Es war das höchste deutsche Bauwerk seiner Zeit und schrieb Technikgeschichte.

Der Sender Eilvese, aus der Entfernung betrachtet. Die Häuser in der Mitte um den Hauptmast geben einen Hinweis auf die Größenverhältnisse | Bild: Artur Fürst

Wunstorf (ds). Heute kommen Nachrichten über Internet und Satellit – vor über 100 Jahren war das noch etwas anders. Pressemitteilungen etwa wurden da noch telegraphiert – und ab 1913 auch „kabellos“ über Radiowellen verschickt. Von Deutschland in die USA nahmen sie dabei ihren Weg auch vom Steinhuder Meer aus, gefunkt wurde aus dem Moor bei Eilvese. Hier gelang der erste gegenseitige Funktelegrammkontakt vom Deutschen Reich in die USA.

Erinnerung an die Großfunkstelle Eilvese

Fritz Bredthauer vom DARC-Amateurfunk-Ortsverband Steinhuder Meer nahm eine staunende Zuhörerschaft am vergangenen Donnerstag im Wunstorfer Heimatverein mit auf die Spuren des einst höchsten Bauwerks Deutschlands – des Überseesenders Eilvese, der ab 1913 achtzehn Jahre lang östlich des Steinhuder Meeres stand, die Landschaft dominierte und weithin sichtbar war.

Die Resonanz auf den Vortrag „Deutschlands höchstes Bauwerk in der Nähe von Wunstorf im Toten Moor, ein Meilenstein der Kommunikation“ im Rahmen der Winterhalbjahrs-Vortragsreihe im Heimatverein war groß – viele (Technik-)Geschichtsinteressierte, aber auch Amateurfunkbegeisterte saßen im Publikum. Es wurde eine Rückschau, die sich einreihte in die Erinnerungsveranstaltungen an das einstige Technikmonument, das damals nicht weit entfernt von Wunstorf gestanden hatte.

Das Bauwerk

Für damalige Verhältnisse war die Anlage gewaltig, aber auch nach heutigen Maßstäben riesig. Den Sender kann man sich nicht wie eine heutige Antenne oder einen Funkturm vorstellen. Da eine ganz spezielle Funktechnik genutzt wurde, benötigte man nicht einfach nur einen Mast, sondern stellte gleich 7 Masten auf: Einen großen (zuletzt 258 Meter Höhe) und zunächst 6 kleinere, die geradezu ein Geflecht von Antennen – eine Schirmantenne samt Ringantenne – trugen. Allein der Hauptmast wurde von 8 Spannseilen gesichert, die wiederum von weiteren Seilen gehalten wurden.

Es wirkte wie ein Gebilde aus einer anderen Welt, wie ein riesiger durchsichtiger Falter aus Eisen und Stahl. Die damaligen Zeitungen sprachen von der Konstruktion als dem „deutschen Eiffelturm“. Die „Funkenstation Eilvese“ oder der „(Tele-)Funkenturm“, wie der Überseesender damals genannt wurde, war in seiner ersten Zeit damit das höchste Bauwerk in Deutschland, bis 1914 der Hauptmast der vergleichbaren Großfunkstelle in Nauen 265 Meter erreichte.

So sah die Antennenanlage von Weitem aus. In der Mitte der Hauptmast, am Boden links davon kaum erkennbar die riesige Maschinenhalle mit Entlüftungsschornstein | Bild: Artur Fürst, in: Im Bannkreis von Nauen. Die Eroberung der Erde durch drahtlose Telegraphie

In einer großen Maschinenhalle standen mehrere von Rudolf Goldschmidt erfundene Hochfrequenzmaschinen, die aus Wechselstrom konstant abgestrahlte Wellen (sogenannte ungedämpfte Wellen) erzeugten – die für den reichweitenstarken Funk benötigt wurden. Der Strom für die Maschinen kam von Dieselmotoren. Dementsprechend nannte man diese Art von Sendeanlage auch „Maschinensender“.

Die Funkwellen

Eilvese im Landkreis Neustadt, zu dem damals auch Wunstorf gehörte, wurde als Standort gewählt, weil das sumpfige Gebiet eine gute Abstrahlung der sogenannten Bodenwellen ermöglichte. Der heutige Funkverkehr nutzt die Effekte der Stratosphäre zur Verbreitung von Funksignalen – damals nutzte man für große Distanzen jedoch noch Bodenwellen, die sich vor allem im Wasser gut ausbreiten.

Eine Sandinsel bot außerdem ideale Möglichkeiten für einen festen Stand der Antennenmasten und Gebäude im Moor. Die Alternative wäre ein küstennaher Standort gewesen, doch dort gab es damals bereits andere Sender, man hätte sich gegenseitig gestört, es wurden große Abstände zwischen einzelnen Sendeanlagen benötigt. Daher wurde am Steinhuder Meer gebaut.

Es war der erste Sendemast, von dem aus dem Deutschen Reich in die USA gefunkt wurde. Zuvor war nur mit Unterseekabeln telegraphiert worden. Nun wurden Telegramme auch durch die Luft verschickt. Am 13. Oktober 1913 ging das erste Telegramm (in gegenseitiger Übermittlung) von Deutschland in die Staaten.

Fritz Bredthauer vor der heutigen Ansicht des einstigen Verwaltungsgebäudes des Überseesenders | Foto: Daniel Schneider

Nach der Übertragungsqualität gefragt, sagt Bredthauer, man müsse sich den Klang der mit Maschinensendern ausgestrahlten Bodenwellen wie eher dumpfe Zischlaute vorstellen, mit denen man die Morsezeichen, die später auch automatisiert mit Lochstreifen übermittelt wurden, gut habe empfangen können. Durch Modulation konnte man sogar Sprachnachrichten oder Musik übertragen.

Die Pläne der Obrigkeit seien ambitioniert gewesen, erzählt Bredthauer, man war zunächst begeistert von der neuen Technik – Kaiser Wilhelm persönlich kam zur symbolischen Einweihung nach Eilvese. Nicht nur in die Neue Welt wollte man funken, sondern auch eine unabhängige Verbindung zu den deutschen Kolonien in Afrika etablieren. Der Sender Eilvese wurde jedoch im Wesentlichen für die Kommunikation über den Atlantik genutzt.

Das US-Gegenstück

Das Gegenstück des Senders Eilvese stand – praktisch baugleich – in Tuckerton in New Jersey in den Vereinigten Staaten. Auch hier wurde in einen Sumpf gebaut. Eilveses Schwestersender in Tuckerton war doppelt so lange in Betrieb, bis 1948. Erst 1955 wurden der 250-Meter-Mast und die Antennen demontiert. Die Gebäude stehen noch heute.

Nur knapp zwei Jahrzehnte

Der rasante technische Fortschritt holte den Sender Eilvese bald ein: Kurzwellenfunk über die aufkommenden Röhrenverstärker machten Längstwellensender unrentabel, Maschinensender waren auf einmal zu riesig und aufwändig. Am 15. April 1929 wurde der letzte Funkspruch von Eilvese abgegeben, 1931 wurde die Anlage abgerissen.

Vom Funkturm ist nicht mehr viel übrig. Ein Nebengebäude der damaligen Anlage ist erhalten geblieben und wird heute als Wohnhaus genutzt. Auch die Reste der massiven Betoneinfassungen für die Hauptspannseile sind noch vorhanden. Sie konnten nicht beseitigt werden, der spätere Torfabbau erfolgte um sie herum. Auf Luftaufnahmen sind sie daher gut als grün bewachsene Punkte erkennbar, die ein Dreieck um den ehemaligen Standort des Hauptmastes bilden.


In der Satellitenansicht gut erkennbar: Hier stand bis 1931 der Überseesender. Die Sandinsel mitten im Torf zeichnet sich grün bewachsen ab, auch die ehemaligen Spannseilverankerungen, die aufwändig ins Moor betoniert wurden, lassen sich als kleine grüne Inseln drumherum erkennen.

Der große Antennenmast selbst wurde einfach ins Moor gekippt, große Teile davon drangen tief ein in den Boden – theoretisch könnten Reste dort noch immer liegen. Anbauteile kamen beim Torfabbau immer wieder zum Vorschein. Der Großteil des hochwertigen Stahls dürfte jedoch bereits damals weitergenutzt und wieder eingeschmolzen worden sein.

Vergessene Geschichte

Für Eilvese und Neustadt bewirkte vor allem der Bau der Anlage einen wirtschaftlichen Boom – später kamen dann auch die Touristen zum Überseesender. Nicht zuletzt der Besuch des Kaisers zur verspäteten Einweihung 1914 war ein Ereignis, das die Gegend in dieser Form nicht wieder erlebte. Der Bau und Betrieb des Senders Eilvese brachte dem ganzen Landkreis Neustadt Ansehen und Bekanntheit – im gesamten Deutschen Reich und auch weltweit.

Die treibende Kraft hinter dem Sender, Rudolf Goldschmidt, zuvor hoch angesehen und geschätzt, sah sich als Jude 1933 gezwungen, Deutschland zu verlassen. 1934 schließlich ging er mit seiner Familie ins Exil nach England, arbeitete dort weiter als Forscher und Erfinder. Fünf Jahre darauf wurde er britischer Staatsbürger. Im Zweiten Weltkrieg trafen deutsche Bomben sein Wohnhaus. Goldschmidt starb 1950 mit 74 Jahren.

Heute ist die einstige teschnische Großleistung, die quasi in der Nachbarschaft stattfand, fast in Vergessenheit geraten. Die Stelle, auf der der Sender stand, ist Privatbesitz und nicht zugänglich. Am Wegesrand erinnern zwei Gedenksteine an die Existenz des einstigen Senders.

Vereinzelte Veranstaltungen wie nun auch die jetzige im Heimatverein sind es, die die Erinnerung lebendig halten und dafür sorgen, dass ein faszinierendes Kapitel aus den Pioniertagen der Technik nicht zugeschlagen wird.

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4 Kommentare
  1. Olaf Plümer meint

    Sehr interessante und lehrreiche Technikgeschichte. Da lacht das Ingenieursherz.

  2. Grit Decker meint

    Zugegebenermaßen haben (digitale) Technik und ich kenne Duz-Freundschaft, dennoch war auch für mich die Lektüre dieser Historie eine ausgesprochen spannende, lehrreiche und interessante Angelegenheit.
    Ich hoffe auf weitere Zeitreisen in die/unsere Vergangenheit.

    Gerade unsere Jugend bekommt durch diese Art der Berichterstattung vielleicht doch noch den Zugang zu unserer Geschichte.
    Und das ist dringend notwendiger denn je.

    1. Mirko Baschetti meint

      Ja, weil auch wir sehr heimatverbunden sind, werden wir auch immer wieder etwas zur Stadtgeschichte schreiben. Die Recherche ist jedoch etwas zeitaufwendiger. 😉

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