Wunstorf-Direkt.de soll abge­schafft wer­den

Der Ver­such, zumin­dest ansatz­wei­se direk­te Demo­kra­tie in der Wunstor­fer Kom­mu­nal­po­li­tik zu eta­blie­ren, darf als geschei­tert gel­ten. Die CDU- und Ampel­frak­ti­on im Stadt­rat haben nun im Ver­wal­tungs­rat bean­tragt, die Platt­form auf­zu­ge­ben.

Das Abstim­mungs­sys­tem auf wunstorf-direkt.de | Screen­shot: Auepost

Vie­le dürf­ten es nicht ein­mal wis­sen: Wunstorf leis­tet sich seit knapp 2 Jah­ren ein Bür­ger­be­tei­li­gungs­por­tal im Inter­net, bei dem jeder Wunstor­fer Vor­schlä­ge ein­brin­gen und über bestehen­de Vor­schlä­ge abstim­men kann. Unter http://wunstorf-direkt.de ist es abruf­bar. Das Betrei­ben des Por­tals kos­tet 7.000 Euro im Jahr. Im Ide­al­fall soll sich so zu lokal­po­li­ti­schen Fra­gen ein ver­wert­ba­res Mei­nungs­bild erge­ben, das der Kom­mu­nal­po­li­tik hilft, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen im Sin­ne der Bür­ger zu tref­fen.

Doch der Kon­junk­tiv ist in die­sem Fall ange­bracht, denn das Por­tal wur­de von den Wunstor­fern nicht ange­nom­men. Nur gan­ze 7 (in Wor­ten: sie­ben) Fra­ge­stel­lun­gen gab es seit Bestehen der Platt­form, immer­hin 250 der knapp 41.000 Ein­woh­ner Wunstorfs haben sich auf der Platt­form ange­mel­det. Das letz­te Ver­fah­ren liegt über ein Jahr zurück – es wur­de im Sep­tem­ber 2015 gestar­tet.

Wor­an lag’s?

Das man­geln­de Inter­es­se an der Platt­form dürf­te aber kaum auf man­geln­des Inter­es­se an Lokal­po­li­tik zurück­zu­füh­ren sein, wie zahl­rei­che gera­de im Inter­net aus­ufern­de Dis­kus­sio­nen zum Lokal­ge­sche­hen immer wie­der bewei­sen. Zum Miss­er­folg des Por­tals dürf­te viel­mehr bei­ge­tra­gen haben, dass es eben kaum bekannt war. Die Mög­lich­keit die­ser Form der poli­ti­schen Betei­li­gung wur­de nicht offen­siv bewor­ben, wer sich über Wunstorf im Netz infor­mier­te, wur­de nicht auf die Exis­tenz des Por­tals auf­merk­sam.

Dazu kommt die Unüber­sicht­lich­keit der zugrun­de­lie­gen­den Tech­nik „Liquid Feed­back“ – bei der man sich zur kor­rek­ten Bedie­nung mit Anlei­tun­gen aus­ein­an­der­set­zen muss, die z. B. fol­gen­de Sät­ze ent­hält:

Das fol­gen­de Bei­spiel erläu­tert die Funk­ti­ons­wei­se des quan­ti­fi­zier­ten Anre­gungs­sys­tems und erklärt was „MUSS“, „SOLL“, „SOLL NICHT“, „DARF NICHT“, „(NICHT) UMGE­SETZT“ bedeu­ten.Aus den Tipps & Tricks zur Por­tal­soft­ware

Nicht selbst­er­klä­ren­de Funk­tio­nen und ein hoher Ein­ar­bei­tungs­auf­wand wir­ken abschre­ckend und dürf­ten die Eta­blie­rung wei­ter behin­dert haben. Nicht zuletzt war eine per­sön­li­che Regis­trie­rung not­wen­dig, die nicht rein online erle­digt wer­den konn­te: Die Zugangs­da­ten kamen per Schne­cken­post.

Chan­ce ver­tan

Jetzt, bei Pla­nun­gen wie zur Zukunft des Bar­n­e­plat­zes, oder bei dem Für und Wider für Gra­tis-WLAN in der Innen­stadt, wo das Por­tal sei­ne Stär­ken hät­te aus­spie­len kön­nen, wur­de es über­haupt nicht genutzt, statt­des­sen klas­sisch auf Info­ver­an­stal­tun­gen mit Dis­kus­si­ons­grup­pen­bil­dung gesetzt.

Die Poli­tik will nun die Reiß­lei­ne zie­hen. Die Wunstor­fer CDU-Rats­frak­ti­on sowie die SPD/Grü­ne/F­DP-Mehr­heits­grup­pe haben einen Antrag auf Been­di­gung des ent­spre­chen­den Inter­net­an­ge­bo­tes gestellt, nach­dem die Fre­quen­tie­rung auf Anre­gung der CDU eva­lu­iert wor­den war. Die frei wer­den­den Mit­tel könn­ten für ande­re Ver­fah­ren der Bür­ger­be­tei­li­gung, wie eben sol­che Info­ver­an­stal­tun­gen, wie sie nun zum Bar­n­e­platz­um­bau statt­fin­den, ver­wen­det wer­den.

Die Wunstor­fer Bür­ger­be­tei­li­gungs­platt­form dürf­te damit als­bald der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren, wenn die Ver­wal­tung die Anträ­ge der Par­tei­en­mehr­heit umsetzt.

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Andreas Balleier Fotografie
5 Kommentare
  1. M. Nowak meint

    Ist es über­haupt gewünscht gewe­sen, dass die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sich ein­brin­gen? Dann hät­ten die Hür­den nicht so hoch gestellt weren dür­fen.

    1. Wunstorfer meint

      So ver­steckt, wie das ist, muss man wohl davon aus­ge­hen, dass die Betei­li­gung wirk­lich nicht gewollt ist.

    2. Mirko Baschetti
      Mirko Baschetti meint

      Betei­li­gung war bestimmt erwünscht, aber die Anmel­de­pro­ze­dur war abso­lut benut­zer­un­freund­lich, das Design schreck­lich, die Pro­mo­ti­on und lau­fen­de Bewer­bung qua­si nicht exis­tent. Tol­le Idee – schlecht umge­setzt

  2. Daniel Digital meint

    Es ver­hält sich mit wunstorf-direkt.de genau­so wie mit den ande­ren Web­sei­ten mit der Pira­ten­soft­ware Liquid­Feed­back. Die hat noch nir­gend­wo rich­tig funk­tio­niert. Die Soft­ware ist ein­fach schlecht und für den Bür­ger­dia­log völ­lig unge­eig­net und benut­zer­un­freund­lich. War­um man die über­haupt zum Ein­satz gebracht hat, ist für mich nicht nach­voll­zieh­bar. Da gibt es wahr­lich bes­se­re Sys­te­me. Vor allem Sys­te­me, die auf Com­mu­ni­ty-Buil­ding und die Ver­net­zung der Bewoh­ner set­zen, schei­nen mir da ziel­füh­ren­der als Par­ti­zi­pa­ti­ons­platt­form zu sein. Für Wunstorf käme auch das pao­wao-Sys­tem in Fra­ge: http://www.paowao.de – oder aber man ent­wi­ckelt eine eige­ne Lösung für ein loka­les Sozia­les Netz­werk für Bür­ger, Poli­tik und Ver­wal­tung, auf der man sich prä­sen­tie­ren, mit­tei­len, dis­ku­tie­ren, tei­len und bewer­ten kann.
    Auf alle Fäl­le tau­gen die­se Liqui­de-Sys­te­me nichts.

  3. Georg Braunroth meint

    Es ist traurig,dass so eine gute Idee so ohne wei­te­re Ver­su­che abge­setzt wird.Als ich mich ange­mel­det habe ‚bekam ich sofort die Nachricht,dass das Por­tal ein­ge­stellt ist.so etwas muss über eine all­ge­mei­ne Bekannt­ma­chung an Ver­ei­ne , Ver­ei­ni­gun­gen , Inter­es­sen­grup­pen usw. usw, bekannt­ge­macht wer­den. Dann wären auch genü­gend Anfra­gen und Anre­gun­gen eingetroffen.Aber viel­leicht war das auch nicht erwünscht???
    Dar­auf hät­te ich ger­ne eine Ant­wort

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